- Gemeint
- Absichtliche großräumige Eingriffe in das Klimasystem
- Zwei Gruppen
- CDR (CO₂ entnehmen) und SRM (Sonnenlicht reflektieren)
- Einschätzung IPCC
- CDR unvermeidbar für Netto-Null, SRM höchstens Ergänzung
- Regeln
- Kein verbindliches internationales Abkommen speziell für SRM
- Stand
- 20. Oktober 2026
Einfach erklärt
Geoengineering, auch Climate Engineering genannt, bezeichnet absichtliche, großräumige Eingriffe in das Klimasystem, die der Erderhitzung entgegenwirken sollen. Dahinter stehen zwei sehr verschiedene Gruppen. Beim Carbon Dioxide Removal (CDR, CO₂-Entnahme) wird CO₂ aus der Atmosphäre geholt und dauerhaft gespeichert. Das Solar Radiation Modification (SRM, Beeinflussung der Sonneneinstrahlung) soll einen Teil des Sonnenlichts ins All zurückwerfen, etwa durch Schwefelverbindungen in der Stratosphäre, der Luftschicht oberhalb von etwa 10 Kilometern.
Der Weltklimarat IPCC hält CDR für unvermeidbar, wenn Netto-Null erreicht werden soll, aber nur zusätzlich zu schnellen Emissionssenkungen. SRM sei höchstens eine Ergänzung. Großräumig eingesetzt wurde SRM bisher nicht, die Aussagen zu seiner Wirkung stammen vor allem aus Klimamodellen und Vulkanvergleichen. Wer entscheidet und wer die Folgen trägt, ist der politische Kern der Debatte.
Merke
Beide Gruppen heißen Geoengineering, wirken aber grundverschieden: CDR verringert das CO₂ in der Atmosphäre, SRM verdeckt nur einen Teil der Erwärmung.
Ausführlich erklärt
Begriff und Abgrenzung
Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Die Biodiversitätskonvention (CBD) zählte 2010 alle Technologien dazu, die großräumig die Sonneneinstrahlung gezielt verringern oder mehr Kohlenstoff binden und dabei die Artenvielfalt beeinflussen können. Der IPCC-Synthesebericht von 2023 verwendet das Wort nicht, sondern spricht von CDR und SRM.
CDR: im Großen altbekannt, im Neuen winzig
Der IPCC hält im Bericht seiner Arbeitsgruppe III von 2022 fest, dass CDR unvermeidbar ist, um schwer vermeidbare Restemissionen etwa aus Landwirtschaft, Luftfahrt, Schifffahrt und Industrie auszugleichen, wenn Netto-Null bei CO₂ oder allen Treibhausgasen erreicht werden soll. Aufforstung, Wiederaufforstung, bessere Waldbewirtschaftung, Agroforstsysteme und Bodenkohlenstoff sind laut IPCC bisher die einzigen weit verbreiteten CDR-Verfahren. Sie nutzen natürliche Kohlenstoffsenken, deren Speicherung durch Störungen wieder umgekehrt werden kann.
Wie klein das Neue noch ist, zeigt der Bericht State of Carbon Dioxide Removal (2026). Aufforstung und Wiederaufforstung entzogen der Atmosphäre im Mittel von 2014 bis 2023 rund 2.200 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr. Neue Verfahren wie Pflanzenkohle, Bioenergie mit CO₂-Abscheidung (BECCS) und die direkte Abscheidung aus der Luft (DACCS) kamen 2025 auf 2,0 Millionen Tonnen, etwa tausendmal weniger. Sie wachsen um rund 36 Prozent pro Jahr, verfehlten aber frühere Erwartungen von über 11 Millionen Tonnen für 2025.
Die Kosten für DACCS liegen laut IPCC bei 100 bis 300 US-Dollar pro Tonne CO₂ (mittlere Sicherheit). Die Risiken hängen vom Verfahren ab: Schlecht umgesetzte Aufforstung oder Energiepflanzen im großen Maßstab können Artenvielfalt, Ernährung, Wasser und die Rechte Indigener Völker beeinträchtigen. Die Wiederherstellung von Mooren und anderen Ökosystemen kann dagegen je nach Zusammenhang Artenvielfalt und Lebensgrundlagen stärken (Renaturierung).
SRM: wie Aerosole kühlen sollen
Beim bekanntesten SRM-Verfahren, der stratosphärischen Aerosolinjektion (SAI), würden Partikel oder ihre gasförmigen Vorstufen in die Stratosphäre gebracht, in den Tropen oberhalb von etwa 20 Kilometern. Das Vorbild ist der Ausbruch des Pinatubo im Juni 1991. Nach NASA gelangten rund 15 Millionen Tonnen Schwefeldioxid in die Stratosphäre. In den folgenden 15 Monaten sank die mittlere globale Temperatur um etwa 0,6 Grad.
Die Aerosole bleiben nur kurz in der Luft, anders als CO₂, und müssten regelmäßig nachgelegt werden, etwa mit Flugzeugflotten. Die Royal Society nennt typische Kosten von einigen zehn Milliarden US-Dollar pro Jahr und Grad Kühlung, grobe Werte.
Was SRM nicht leistet
Der IPCC-Synthesebericht hält mit hoher Sicherheit fest: SRM könnte die Erwärmung innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten ausgleichen und einige Klimagefahren abmildern, würde das Klima aber nicht in einen früheren Zustand zurückversetzen. Es bliebe eine Restveränderung oder Überkompensation auf regionaler und saisonaler Ebene. SRM senkt weder die CO₂-Konzentration noch die Versauerung der Ozeane.
Die Royal Society ergänzt: Der globale Niederschlag wäre mit SRM geringer als ohne, und stärker verringert als bei gleicher Abkühlung durch Klimaschutz. Für die Monsunregionen erwarten Modelle bei SAI meist weniger Regen, doch das hängt von Einsatzort und Modell ab, über Indien fällt die Reaktion bei abgestimmtem Einsatz teils unbedeutend aus. Modelle deuten außerdem darauf hin, dass SAI die Erholung der Antarktis-Ozonschicht verzögern könnte.
Sonnenlicht zurückzuwerfen verdeckt einen Teil der Erwärmung, das CO₂ und die Versauerung der Meere bleiben.
Kerngedanke
Der Terminierungseffekt
Weil die Kühlung nur anhält, solange nachgelegt wird, ist ein Abbruch riskant. Nach der Royal Society kehrt das Klima bei einem Ende oder deutlichen Rückgang des Einsatzes binnen ein bis zwei Jahrzehnten nahe an den Zustand ohne SRM zurück. Mindestens die Hälfte der überdeckten Erwärmung käme schon im ersten Jahrzehnt zurück. Bei 0,4 Grad oder mehr wären die Erwärmungsraten höher als in den vergangenen Jahrzehnten und könnten Natur und Gesellschaft über ihre Anpassungsgrenzen treiben. Der IPCC warnt entsprechend vor rascher Klimaänderung bei plötzlichem Ende von SRM in einem Szenario mit hohen Emissionen.
Forschung und Regeln
Die US National Academies empfahlen 2021 ein Forschungsprogramm von 100 bis 200 Millionen US-Dollar über fünf Jahre und betonten, Solar Geoengineering sei kein Ersatz für weniger Treibhausgase. Das Experiment SCoPEx, bei dem ein Ballon wenige Kilogramm Aerosole in der Stratosphäre freisetzen sollte, wurde im März 2024 abgesagt, nachdem Indigene Gemeinschaften in Schweden einen Teststart verhindert hatten.
Verbindliche internationale Regeln speziell für SRM fehlen laut Royal Society. Der Beschluss X/33 der CBD von 2010 enthält als Orientierung für die Vertragsparteien, klimabezogenes Geoengineering mit möglichen Folgen für die Artenvielfalt nicht durchzuführen, bis es eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage und wirksame Kontrollmechanismen gibt. Ausgenommen sind kleine wissenschaftliche Studien unter kontrollierten Bedingungen. Das ist eine Empfehlung und kein Verbot: Die Royal Society nennt den Beschluss nicht bindend. Für Eingriffe ins Meer beschloss das London-Protokoll am 18. Oktober 2013 eine Änderung (LP.4(8)). Sie verbietet das Einbringen von Stoffen für gelistete Meeres-Geoengineering-Aktivitäten, sofern die Liste keine Genehmigung vorsieht, und tritt erst in Kraft, wenn zwei Drittel der Vertragsparteien zugestimmt haben. Ein Entwurf vom 9. August 2024 forderte die Staaten noch auf, sie anzunehmen. Bis dahin gelten für Meeresdüngung Beschlüsse von 2008 und 2010.
Die UN-Umweltversammlung hat zweimal erfolglos versucht, eine wissenschaftliche Bewertung von SRM auf den Weg zu bringen: 2019 und im Februar 2024 gab es keinen Konsens. Die Climate Overshoot Commission aus ehemaligen Regierungsmitgliedern empfahl im September 2023 ein Moratorium für den Einsatz und für Großexperimente mit Risiko grenzüberschreitender Schäden. Die wissenschaftlichen Chefberatenden der EU-Kommission forderten im Dezember 2024 ein EU-weites und ein internationales Moratorium. Beide wollten kleine Feldversuche erlauben. Nach dem Stand der Royal Society von Oktober 2025 haben vier US-Bundesstaaten Verbote beschlossen, in 30 weiteren liegen Entwürfe vor.
Wer entscheidet und wer trägt die Folgen
Der IPCC warnt, dass der Einsatz durch wenige Staaten ohne belastbare Regeln internationale Spannungen erzeugen könnte. Nach der Royal Society könnte ein Einsatz nur in einer Hemisphäre oder nahe dem Äquator tropische Niederschläge stark verändern, ohne dass Betroffene mitentschieden hätten. UNEP bemerkte 2023, dass besonders Länder des Globalen Südens (Sammelbezeichnung für oft kolonial geprägte, wirtschaftlich benachteiligte Länder) in der Debatte bisher kaum eingebunden seien. Das ist eine Frage der Klimagerechtigkeit.
Als weitere Gefahr gilt Mitigation Deterrence (auch Moral Hazard): Die Aussicht auf eine technische Lösung könnte Anstrengungen zur Emissionssenkung bremsen. Wie groß dieses Risiko ist, muss laut Royal Society noch genauer untersucht werden. UNEP stellte klar, SRM löse die Klimakrise nicht, weil es weder Emissionen senke noch deren Folgen umkehre. Unklar ist auch, wie das Vorsorgeprinzip hier gilt, denn SRM soll selbst Klimarisiken verringern.
Einordnung
Fast alles, was über SRM bekannt ist, stammt aus Klimamodellen und Vulkanvergleichen. Die Royal Society nennt Lücken bei Aerosolmenge, regionalen Folgen und Auswirkungen auf Ozon, Ozeanströmungen und Ökosysteme. IPCC, UNEP, US National Academies und Royal Society betonen übereinstimmend, dass Geoengineering kein Ersatz für das Senken der Emissionen ist.
Quellen: IPCC AR6 WGIII (2022): SPM, C.11 / IPCC AR6 WGIII (2022): Kapitel 12 / IPCC (2023): Synthesebericht, 3.1.2 / State of CDR, 3. Ausgabe (2026), Kapitel 7 / Royal Society (Oktober 2025): SRM, Policy briefing / UNEP (28.02.2023): Meldung zu One Atmosphere / US National Academies (2021): Reflecting Sunlight / NASA: Mount Pinatubo / CBD (2010): Beschluss X/33 / IMO (2013): Resolution LP.4(8) / IMO (2024): Dokument LC 46/5/1
Hinweis zur Quellenlage: Stand 20. Oktober 2026. Der UNEP-Bericht von 2023 war als PDF nicht abrufbar, die UNEP-Aussagen stützen sich auf die Meldung vom 28. Februar 2023. Für UN-Umweltversammlung, Moratoriumsforderungen und Staatengesetze dient das Briefing der Royal Society als Sammelquelle. Ob die London-Protokoll-Änderung von 2013 inzwischen gilt, ließ sich nicht prüfen: Jüngster Stand ist ein Entwurf vom 9. August 2024. Die Quellen stammen überwiegend von internationalen Gremien und aus Europa und Nordamerika.
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