- Gemeint
- Abwertende Kommentare oder Verhaltensweisen gegenüber dem Körper einer Person, weil er von einer Norm abweicht
- Wortherkunft
- Englisch body (Körper) und shaming (beschämen)
- Am besten untersucht
- Spott über Gewicht und Aussehen
- Wirkung
- Studien finden Zusammenhänge mit Körperunzufriedenheit, gestörtem Essverhalten und schlechterer psychischer Gesundheit
- Recht
- Gewicht und Aussehen stehen nicht im Merkmalskatalog des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)
Einfach erklärt
Bodyshaming (zusammengesetzt aus englisch body, Körper, und shaming, beschämen) bezeichnet abwertende Kommentare oder Verhaltensweisen gegenüber dem Körper einer Person. Es geht um Gewicht und Größe, aber auch um Haut, Haare, Narben, Körperbehaarung, sichtbare Behinderungen oder jedes andere Merkmal, das von einer gesellschaftlichen Norm abweicht. Der Maßstab ist dabei nicht der Körper, sondern die Norm: Was als „zu dick“, „zu dünn“, „zu klein“ oder „unnormal“ gilt, legt die Gesellschaft fest.
Bodyshaming zeigt sich als Witz, als abwertender Blick, als Kommentar unter einem Foto oder als „gut gemeinter“ Rat. Auch Lob kann dazugehören. Ein Glückwunsch zum Abnehmen setzt voraus, dass die Person das wollte und dass es ihr gut geht. Von außen lässt sich beides nicht erkennen. Das ist eine Überlegung zur Veranschaulichung, keine Aussage einer Studie.
Eng verwandt sind Fatfeindlichkeit, die Abwertung und Benachteiligung von Menschen wegen ihres Körpergewichts, und Lookismus, die Benachteiligung wegen des Aussehens insgesamt.
Merke
Bodyshaming bewertet Körper, die niemand zur Bewertung freigegeben hat. Das gilt für Spott genauso wie für gut gemeinte Ratschläge.
Ausführlich erklärt
Woher die Normen kommen
Die Philosophin Susan Bordo untersucht in „Unbearable Weight“ (1993) aus feministischer Sicht, wie Körpernormen entstehen und wirken. Laut der Verlagsseite der Neuauflage von 2004 geht es um Gewicht, Sport, Medienbilder, Werbung und Essstörungen.
Für soziale Netzwerke gibt es inzwischen Übersichtsarbeiten. Holland und Tiggemann (2016) werteten 20 Studien aus und fanden einen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Netzwerke und dem Körperbild sowie gestörtem Essverhalten. Als besonders problematisch gelten dabei das Ansehen und Hochladen von Fotos. Das Autorenteam betont, dass es überwiegend Korrelationsstudien sind. Mingoia und Team (2017) fanden in einer Metaanalyse aus sechs Studien mit 1.829 weiblichen Teilnehmenden einen kleinen bis mittleren Zusammenhang (r = 0,18) zwischen der Nutzung sozialer Netzwerke und der Verinnerlichung eines Schlankheitsideals. Fardouly und Vartanian (2015) befragten 227 Studentinnen: Wer mehr Zeit auf Facebook verbrachte, hatte mehr Sorgen um den eigenen Körper, vermittelt über Vergleiche mit dem Aussehen anderer. Ob Algorithmen bestimmte Körper bevorzugen, klären diese Studien nicht. Zwei der genannten Studien untersuchten ausschließlich Frauen.
Was Studien zu den Folgen zeigen
Menzel und Team (2010) fassten in einer Metaanalyse Studien zu Spott über das Aussehen zusammen. Spott über das Gewicht hing mit Körperunzufriedenheit zusammen (Zusammenhang von 0,39, berechnet aus 50 Effektstärken mit zusammen 10.618 Personen), mit Diätverhalten (0,35) und mit bulimischem Verhalten (0,36). Spott über das Aussehen allgemein hing ebenfalls mit Körperunzufriedenheit zusammen (0,32).
Emmer, Bosnjak und Mata (2020) werteten 105 Studien mit 59.172 Teilnehmenden aus. Sie fanden einen mittleren bis großen negativen Zusammenhang zwischen Gewichtsstigma und psychischer Gesundheit (r = -0,35). Der Zusammenhang war bei höherem Körpergewicht stärker. Ursache und Wirkung konnte die Analyse nicht klären, das Autorenteam empfiehlt weitere Studien dazu.
Sutin, Stephan und Terracciano (2015) werteten zwei große US-Befragungen mit 13.692 und 5.079 Personen aus. Wer Gewichtsdiskriminierung berichtete, hatte ein um fast 60 Prozent erhöhtes Sterberisiko (Hazard Ratio 1,57 und 1,59), das sich nicht durch gängige körperliche und psychische Risikofaktoren erklären ließ. Auch das ist ein Zusammenhang, kein Nachweis einer Ursache.
Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Bodyshaming tritt oft als Fürsorge auf: „Das ist doch nur gut gemeint.“ Puhl und Heuer (2010) werteten die Belege dafür aus und kamen zu dem Schluss, dass Gewichtsstigma kein brauchbares Mittel der öffentlichen Gesundheitspflege ist. Stigmatisierung gefährde die Gesundheit, schaffe Ungleichheit und behindere wirksame Hilfen. Das Konsenspapier von Rubino und Team (2020, Nature Medicine) stützt sich auf ein internationales Expertengremium. Es hält fest, dass Beobachtungs- und randomisierte Studien bei Strategien, die auf Scham setzen, das Gegenteil des Erhofften zeigen können, etwa mehr Vermeidung von Bewegung. Laut demselben Papier hegen auch Fachkräfte im Gesundheitswesen teils Vorurteile, und die Qualität der Versorgung leidet darunter.
Beschämung wird auch nach innen genommen. Pearl und Puhl (2018) fanden in 74 Studien starke negative Zusammenhänge zwischen verinnerlichten Gewichtsvorurteilen und psychischer Gesundheit. Für die körperliche Gesundheit war die Befundlage dünner und weniger einheitlich.
Einordnung
Dieser Eintrag sagt nichts darüber, welches Gewicht gesund ist, und gibt keine Gewichts- oder Ernährungsratschläge. Er beschreibt, was die Forschung über Beschämung und ihre Folgen findet.
Wen es besonders trifft
Kinder und Jugendliche: Laut Rubino und Team erleben Heranwachsende mit höherem Körpergewicht mehr Mobbing, auch Gewalt im Netz.
Trans Personen: Diemer und Team (2015) befragten 289.024 Studierende an 223 US-Hochschulen. Transgender Studierende (479 Personen) gaben die höchsten Raten einer Essstörungsdiagnose im vergangenen Jahr an. Gegenüber heterosexuellen cis Frauen lag das Chancenverhältnis (Odds Ratio) bei 4,62. Das sind Selbstauskünfte einer Befragung. Die Studie weist die Gruppe gemeinsam aus und erklärt keine Ursachen. Mehr zum Hintergrund: Trans.
Behinderte, chronisch kranke und intergeschlechtliche Personen: Zu sichtbaren Behinderungen, zu intergeschlechtlichen Körpern oder zu Hautunterschieden liegen in den hier zitierten Quellen keine eigenen Zahlen vor. Das heißt nicht, dass das Problem dort fehlt. Wie Körpernormen mit Behinderung zusammenhängen: Ableismus.
Wie sich mehrere Merkmale überlagern, beschreibt die Intersektionalität. Die geschlechtsbezogene Seite behandelt Sexismus.
Ein Körper ist kein Anlass für Kommentare, auch nicht für freundliche.
Kerngedanke
Was rechtlich gilt
Das AGG will Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern (§ 1; im Gesetzestext steht noch das Wort „Rasse“). Gewicht und Aussehen stehen nicht in dieser Liste. Der Europäische Gerichtshof entschied am 18. Dezember 2014 (Rs. C-354/13), dass das Unionsrecht kein allgemeines Verbot der Diskriminierung wegen Adipositas in Beschäftigung und Beruf enthält. Adipositas kann aber eine Behinderung im Sinne der Richtlinie 2000/78/EG sein, wenn sie eine dauerhafte Einschränkung mit sich bringt, die in Wechselwirkung mit Barrieren die volle und wirksame Teilhabe am Berufsleben hindern kann. Das prüft das nationale Gericht im Einzelfall. Unabhängig davon stellt § 185 StGB die Beleidigung unter Strafe. Ob ein bestimmter Kommentar darunter fällt, hängt vom Einzelfall ab. Das ist keine Rechtsberatung.
Was du tun kannst
- Auf Kommentare zum Körper anderer verzichten, auch auf freundlich gemeinte zu Gewicht, Haut oder Aussehen.
- Betroffenen in der Situation den Rücken stärken, statt die Bemerkung zu erklären oder zu entschuldigen.
- Den eigenen Feed prüfen: Accounts, die Körper abwerten, lassen sich stummschalten. Das ist eine Anregung, kein in diesen Quellen belegter Effekt.
- Bei Diskriminierung im Beruf oder bei Ämtern Beratung suchen, etwa bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes oder bei örtlichen Beratungsstellen, und Vorfälle mit Datum notieren.
- Bei Sorgen um das eigene Essverhalten oder das anderer eine Hausärztin, einen Hausarzt oder eine Beratungsstelle für Essstörungen ansprechen.
Quellen: Bordo, S. (1993/2004): Unbearable Weight, University of California Press (Verlagsseite der Neuauflage) / Menzel et al. (2010): Appearance-related teasing, body dissatisfaction, and disordered eating: a meta-analysis, Body Image 7(4), 261-270 / Emmer, Bosnjak & Mata (2020): The association between weight stigma and mental health: a meta-analysis, Obesity Reviews 21(1), e12935 / Rubino et al. (2020): Joint international consensus statement for ending stigma of obesity, Nature Medicine 26, 485-497 / Puhl & Heuer (2010): Obesity stigma: important considerations for public health, American Journal of Public Health 100(6), 1019-1028 / Pearl & Puhl (2018): Weight bias internalization and health: a systematic review, Obesity Reviews 19(8), 1141-1163 / Sutin, Stephan & Terracciano (2015): Weight discrimination and risk of mortality, Psychological Science 26(11), 1803-1811 / Holland & Tiggemann (2016): A systematic review of the impact of the use of social networking sites on body image and disordered eating outcomes, Body Image 17, 100-110 / Mingoia et al. (2017): The relationship between social networking site use and the internalization of a thin ideal in females, Frontiers in Psychology 8, 1351 / Fardouly & Vartanian (2015): Negative comparisons about one’s appearance mediate the relationship between Facebook usage and body image concerns, Body Image 12, 82-88 / Diemer et al. (2015): Gender identity, sexual orientation, and eating-related pathology in a national sample of college students, Journal of Adolescent Health 57(2), 144-149 / EuGH, Urteil vom 18.12.2014, Rs. C-354/13 (Fag og Arbejde, für Karsten Kaltoft) / § 1 AGG / § 185 StGB
Was es kostet, das eigene Anderssein im Alltag zu verbergen: Was Masking wirklich kostet.
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