Nachhaltigkeit

Adaptive Mode / Sensorik-freundliche Kleidung

Adaptive Mode ist Kleidung, die Körper und Sinne mitdenkt. Was der Begriff meint, wer sie braucht und was Studien zu sensorischen Bedürfnissen zeigen.

6 Min. LesezeitAktualisiert am 16.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Kleidung, Schuhe und Accessoires, die Menschen mit dauerhaften oder vorübergehenden Beeinträchtigungen einfacher nutzen können
Bedürfnisse
eingeschränkte Mobilität, eingeschränkte Fingerfertigkeit, sensorische Sensibilität
Beispiele
Schnitte zum Sitzen im Rollstuhl, einfache Verschlüsse, Kleidung für Prothesen oder Bandagen
Wegbereiter
Runway of Dreams (gegründet 2014), erste Kinderlinie mit Tommy Hilfiger (2016)

Einfach erklärt

Adaptive Mode bezeichnet Kleidung, Schuhe und Accessoires, die so entworfen sind, dass Menschen mit dauerhaften oder vorübergehenden Beeinträchtigungen sie einfacher nutzen können. So beschreibt es der Versandhändler Zalando in seiner Ankündigung vom Oktober 2022, die das Fachportal Der-Querschnitt.de wiedergibt. Gemeint sind zum Beispiel Schnitte zum Sitzen im Rollstuhl, einfache Verschlüsse bei eingeschränkter Fingerfertigkeit und Kleidung, die sich über Prothesen oder Bandagen tragen lässt.

Verwandt, aber mit anderem Schwerpunkt ist sensorikfreundliche Kleidung. Viele autistische Menschen reagieren stark auf Berührung. Etiketten oder Nähte, die auf der Haut zu spüren sind, können dann zur Dauerbelastung werden. Hier geht es weniger ums An- und Ausziehen als darum, die Kleidung überhaupt aushalten zu können. Beide Richtungen fallen im Alltag unter den Wunsch nach Kleidung, die zum eigenen Körper und Nervensystem passt, statt es umgekehrt zu verlangen.

Merke

Adaptive Mode erleichtert Nutzung und Anziehen, sensorikfreundliche Kleidung das Tragen auf der Haut. Beides kann bei derselben Person zusammenkommen, muss es aber nicht.


Ausführlich erklärt

Wie adaptive Mode in den Handel kam

Die Bewegung hat einen konkreten Anstoß. Die Organisation Runway of Dreams wurde nach eigenen Angaben 2014 von der Designerin Mindy Scheier gegründet, nachdem ihr Sohn, der eine seltene Form von Muskeldystrophie hat, wie seine Mitschüler Jeans tragen wollte. 2016 arbeitete die Organisation laut ihrer Selbstdarstellung mit Tommy Hilfiger an der ersten Adaptive-Linie für Kinder im Massenhandel zusammen, später kamen weitere Handelsketten dazu.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Thema im Oktober 2022 sichtbar, als Zalando eine erste adaptive Kollektion seiner Eigenmarken Zign, Pier One, Anna Field, Yourturn und Even&Odd startete. Sie umfasste mehr als 140 Styles aus Damen- und Herrenbekleidung sowie Schuhen und war in allen 25 Märkten des Unternehmens erhältlich. Hinzu kam eine Kollektion von Tommy Hilfiger Adaptive in neun Märkten, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz, mit mehr als 130 weiteren Styles für Damen, Herren und Kinder. Zalando führte außerdem eine eigene Landingpage und eine Markierung „Adaptive“ ein. Als Ziel nannte das Unternehmen, bis 2025 ein inklusives Sortiment und Einkaufserlebnis für unterrepräsentierte Gruppen anzubieten.

140Styles in der ersten adaptiven Eigenmarken-Kollektion von Zalando (Oktober 2022)
16 %der Weltbevölkerung leben laut WHO mit einer erheblichen Behinderung
6 bis 10 von 100Menschen in der WHO-Region Europa leben mit einer Behinderung

Wie groß ist die Zielgruppe?

Die WHO schätzt, dass weltweit mehr als 1,3 Milliarden Menschen und damit etwa 16 % der Weltbevölkerung mit einer erheblichen Behinderung leben, also etwa jeder sechste Mensch. Für die europäische WHO-Region nennt die Regionalstelle 6 bis 10 von 100 Menschen, mindestens 135 Millionen. In der Zalando-Ankündigung heißt es dagegen, nach WHO-Angaben lebe in Europa etwa jede fünfte Person mit einer Behinderung, die das Tragen adaptiver Mode erfordere. Diese Angabe lässt sich in den aktuellen WHO-Fact-Sheets nicht wiederfinden und wird hier deshalb nicht übernommen.

Wichtig ist auch, was die WHO-Zahlen nicht sagen: Sie zählen Behinderung insgesamt. Wie viele Menschen davon tatsächlich adaptive Kleidung brauchen oder wünschen, geht daraus nicht hervor. Behinderung entsteht laut WHO im Zusammenspiel von Gesundheitszustand und Umweltfaktoren wie Einstellungen und Barrieren. Dazu passt das Konzept der unsichtbaren Behinderung: Wer Kleidung nur im Hinblick auf Rollstuhl oder Prothese denkt, übersieht Bedürfnisse, die von außen nicht erkennbar sind.

Sensorische Bedürfnisse: Was Studien zeigen

Mit Kleidung und Berührungsempfindlichkeit bei Autismus befasst sich eine Umfrage von Ferrer Knight und Birtles aus dem Jahr 2025. 86 autistische Erwachsene aus Großbritannien füllten sie online aus. Je stärker die Berührungsüberempfindlichkeit war, desto unzufriedener waren die Befragten mit ihrem Aussehen. Bei Unzufriedenheit mit dem Aussehen ging eine stärkere Empfindlichkeit außerdem mit geringerem Selbstwertgefühl einher. In den offenen Antworten nannten die Teilnehmenden negative Folgen, Strategien zum Umgang und den emotionalen Wert von Kleidung. Genannte Strategien waren, mehrere Exemplare desselben bequemen Kleidungsstücks zu kaufen, Kleidung vor dem Kauf im Laden zu prüfen und nur noch Gewohntes zu tragen. Der Titel der Studie bringt das Gefühl auf den Punkt: „I feel trapped in my safe clothes“. Die Forschenden schließen daraus, dass ein breiteres Angebot sensorikfreundlicher Kleidung nötig ist.

Die Studie hat Grenzen. Sie beruht auf Selbstauskünften einer kleinen, britischen Stichprobe, und ein Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen zeigt noch keine Ursache.

Wie verbreitet erhöhte Sinnesempfindlichkeit bei autistischen Erwachsenen ist, zeigt die Validierung des deutschen Glasgow Sensory Questionnaire durch Jakob, Roessner und Ring (2025). Je 86 autistische und nicht autistische Erwachsene füllten ihn aus. Autistische Teilnehmende erzielten höhere Werte, und ein Drittel von ihnen lag über einem Grenzwert, der am 95. Perzentil der nicht autistischen Gruppe angesetzt wurde. Der Fragebogen erfasst sieben Sinnesbereiche, nicht nur Berührung. Sensorische Empfindlichkeit ist damit verbreitet, aber nicht bei allen gleich ausgeprägt.

Wenn Bedürfnisse zusammenkommen

In der Praxis lassen sich körperliche und sensorische Bedürfnisse nicht immer trennen. Eine Studie von Quadt und weiteren Forschenden (2026) untersuchte 99 Erwachsene mit Gelenküberbeweglichkeit, die zugleich unter Ängsten litten. 57 % erfüllten die Kriterien für das hypermobile Ehlers-Danlos-Syndrom. In Fragebögen zur Früherkennung lagen 47 % über der Schwelle für Autismus und 20 % über der für ADHS. Das sind Screening-Ergebnisse und keine Diagnosen, und die Teilnehmenden waren wegen ihrer Ängste ausgewählt, sodass die Zahlen nicht auf alle Menschen mit Ehlers-Danlos-Syndrom übertragbar sind.

Zu den Kleidungsbedürfnissen bei Ehlers-Danlos-Syndrom wurde keine eigene Studie gefunden. Dass diese Gruppe sowohl Verschlüsse braucht, die Gelenke schonen, als auch reizarme Stoffe, ist deshalb plausibel, aber hier nicht belegt.

Einordnung

Die Angaben zu Zalando und Tommy Hilfiger stammen aus Unternehmensmitteilungen und Selbstdarstellungen mit Stand Oktober 2022. Wie das Angebot heute aussieht, welche Größen und Preise es gibt und wie gut die Kleidung im Alltag funktioniert, wurde hier nicht geprüft. Die Studien zu sensorischen Bedürfnissen betreffen autistische Erwachsene und beruhen auf kleinen Stichproben.

Eine Frage von Teilhabe

Wer sich nicht selbstständig anziehen oder in der eigenen Kleidung nicht wohlfühlen kann, steht vor einer Zugangshürde. Diese Perspektive verbindet das Thema mit Ableismus, also der Abwertung und Benachteiligung von Menschen mit Behinderung. Auch die Disability Justice-Bewegung versteht Zugänglichkeit als Teil von Gerechtigkeit. Dass Kleidung für Menschen mit Behinderung lange kaum im Massenhandel zu finden war, lässt sich mit den hier genutzten Quellen nicht abschließend erklären. Die Gründungsgeschichte von Runway of Dreams legt aber nahe, dass auch alltägliche Kleidung wie eine Jeans für manche Menschen nicht selbstverständlich zugänglich war.

Quellen: Konrad (2022, aktualisiert 2025): Zalando erweitert Sortiment um adaptive Mode, Der-Querschnitt.de / Runway of Dreams: About / WHO: Disability (Fact Sheet) / WHO/Europe: Disability (Fact Sheet, 10. August 2026) / Ferrer Knight und Birtles (2025): The impact of tactile hyper-sensitivity on autistic adults, Autism / Jakob, Roessner und Ring (2025): Validation of the German Glasgow Sensory Questionnaire in autistic adults, BMC Psychiatry / Quadt et al. (2026): Beyond bendy joints, npj Mental Health Research

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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