- Bedeutung
- Eine Funktionsweise des Gehirns, die deutlich von den gesellschaftlichen Normen des „Normalen“ abweicht
- Gegenbegriff
- neurotypisch (nicht: nicht autistisch)
- Beispiele
- Autismus, Legasthenie, ADHS, Tourette-Syndrom, Dyskalkulie
- Herkunft
- Wird nach Walker Kassiane Asasumasu zugeschrieben (2000)
Einfach erklärt
Neurodivergent heißt: Ein Gehirn arbeitet auf eine Weise, die deutlich von den gesellschaftlichen Normen des „Normalen“ abweicht. So definiert es Walker. Das Gegenstück ist neurotypisch, also eine Funktionsweise innerhalb dieser Normen. Als Beispiele werden häufig Autismus, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), Legasthenie, Dyskalkulie und das Tourette-Syndrom genannt. Der Begriff legt keine feste Liste fest.
Der Begriff beschreibt eine Abweichung von einer Norm und bewertet sie nicht. Nach Walker ist Neurodivergenz weder grundsätzlich positiv noch grundsätzlich negativ. Barrieren entstehen oft dort, wo Schule, Arbeit, Kommunikation und Räume auf nur eine Funktionsweise zugeschnitten sind. Der Eintrag zu Ableismus beschreibt, wie sich das als Diskriminierung äußert.
Merke
Neurodivergent ist kein Synonym für autistisch. Autismus ist nur eine von vielen Formen. Wer autistisch meint, sagt besser autistisch.
Ausführlich erklärt
Herkunft und Abgrenzung zu Neurodiversität
Nach Walker wurden die Begriffe neurodivergent und Neurodivergenz im Jahr 2000 von Kassiane Asasumasu geprägt, einer mehrfach neurodivergenten Aktivistin der Neurodiversitätsbewegung. Häufig wird dagegen Judy Singer als Urheberin genannt. Sie legte 1998 an der University of Technology Sydney eine soziologische Abschlussarbeit vor, die laut Singer den Begriff Neurodiversität erstmals theoretisch behandelt. Die Urheberschaft von Neurodiversität ist umstritten: Botha et al. (2024) kommen zu dem Schluss, dass das Konzept mehrere Ursprünge hat und kollektiv entwickelt wurde. Die Details stehen im Eintrag zu Neurodiversität. Hier genügt die Unterscheidung der Ebenen.
Neurodiversität bezeichnet die Vielfalt menschlicher Gehirne insgesamt. Nach Walker ist sie eine biologische Tatsache und keine Eigenschaft, die eine einzelne Person besitzen kann. Einzelne Personen sind neurodivergent oder neurotypisch, Gruppen sind neurodivers. Auch Singer rät, „neurodivers“ nicht als Beschreibung einer Person zu verwenden, weil es einen Raum meine, und nennt stattdessen unter anderem neurodivergent.
Wie weit der Begriff reicht
Nach Walker kann Neurodivergenz weitgehend oder ganz angeboren sein, etwa bei Autismus oder Dyslexie. Sie kann aber auch durch Erfahrungen entstehen, die das Gehirn verändern, etwa durch Trauma, langjährige Meditationspraxis oder intensiven Konsum von Psychedelika. Wer in mehreren Hinsichten von der Norm abweicht, kann mehrfach neurodivergent sein, zum Beispiel autistisch, dyslexisch und epileptisch.
Daraus folgt eine unterschiedliche Haltung zu einzelnen Formen. Bei tief in der Persönlichkeit verankerten Formen wie Autismus lehnt das Neurodiversitäts-Paradigma laut Walker die Pathologisierung ab. Bei Formen wie Epilepsie oder den Folgen von Hirnverletzungen widerspricht die Bewegung einvernehmlichen Heilungsversuchen nicht, wendet sich aber gegen Diskriminierung der Betroffenen. Der Begriff ist also kein Gegenentwurf zu Medizin, sondern ein Rahmen, der Unterschiede und Barrieren benennt.
Wie häufig sind die genannten Formen?
Die Zahlen hängen stark von Definition, Erhebungsweg und Land ab. Sie beschreiben Gruppen und sagen nichts über einzelne Personen.
ADHS. Im Rahmen der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts berichteten Eltern für 4,4 % der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren eine ärztlich oder psychologisch gestellte ADHS-Diagnose (Göbel et al. (2018)). International fassten Polanczyk et al. (2007) 102 Studien mit 171.756 Kindern und Jugendlichen zusammen und kamen auf 5,29 %, mit großer Streuung je nach Diagnosekriterien und Datenquelle. Bei Erwachsenen berechneten Song et al. (2021) 2,58 % für anhaltende ADHS mit Beginn in der Kindheit und 6,76 % für symptomatische ADHS unabhängig vom Beginn.
Autismus. Der Review von Zeidan et al. (2022) ergab einen Median von 100 je 10.000 Personen, also etwa 1 %, bei einer Spanne von 1,09 bis 436 je 10.000. Die Forschenden sehen im Anstieg gemessener Häufigkeiten ein Zusammenspiel aus mehr Bewusstsein, besserer Fallerkennung und mehr Versorgungskapazität.
Legasthenie und Dyskalkulie. In der Einleitung von Moll et al. (2014) werden für Lesestörungen 4 bis 9 % und für Rechenstörungen 3 bis 7 % genannt (Bezug: DSM-5). Die Studie selbst untersuchte 1.633 deutschsprachige Kinder der dritten und vierten Klasse und fand, dass kombinierte Lernstörungen ebenso häufig auftraten wie einzelne.
Tourette-Syndrom. Scharf et al. (2015) werteten 21 bevölkerungsbasierte Studien aus und kamen bei Kindern auf 0,52 %, mit einer Spanne von 0,3 bis 0,9 %.
Die Anteile lassen sich nicht einfach addieren, denn Mehrfachzugehörigkeit ist möglich. Ob eine bestimmte Person neurodivergent ist oder eine dieser Diagnosen erfüllt, klären Fachpersonen in einer Diagnostik. Ein Artikel oder ein Selbsttest ersetzt das nicht.
Neurodivergenz benennt, wie weit eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern verlangt, sich einer einzigen Funktionsweise anzupassen.
Kerngedanke
Geschlecht und Neurodivergenz
Beim Thema Geschlecht lohnt ein genauer Blick. Young et al. (2020) halten es für möglich, dass der große Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bei gestellten ADHS-Diagnosen zumindest teilweise auf mangelndes Erkennen und Überweisungsverzerrungen zurückgeht. Das ist ein Expertenkonsens und keine Messung, und er bezieht sich auf Mädchen und Frauen. Für Autismus zeigt Hull et al. (2020), dass autistische Frauen mehr Camouflaging (Verbergen und Ausgleichen autistischer Merkmale) berichteten als autistische Männer. Mehr dazu steht im Eintrag zu Masking.
Für trans, nichtbinäre und andere geschlechtlich vielfältige Personen gibt es Hinweise auf eine Überschneidung. Warrier et al. (2020) werteten fünf Datensätze mit 641.860 Personen aus. Trans und geschlechtlich vielfältige Personen hatten im Schnitt höhere Raten von Autismus-Diagnosen und mehr autistische Merkmale als cisgeschlechtliche Personen. Die Datensätze waren überwiegend internetbasierte Gelegenheitsstichproben. Kallitsounaki und Williams (2023) fanden in einer Meta-Analyse, dass 11 % der Personen mit Geschlechtsdysphorie oder Geschlechtsinkongruenz eine Autismus-Diagnose hatten, bei hoher Heterogenität der Studien.
Diese Studien trennen nicht zwischen trans Männern, trans Frauen und nichtbinären Personen, deshalb sind Aussagen für einzelne dieser Gruppen nicht möglich. Sie sagen auch nichts über Ursachen aus und stellen keine Geschlechtsidentität infrage. Hintergründe stehen in den Einträgen zu Transidentität und nichtbinär. Wie sich mehrere Diskriminierungsachsen verbinden, erklärt der Eintrag zu Intersektionalität.
Was der Begriff nicht sagt
Neurodivergent ist keine Diagnose und kein Krankheitsbild. Der Begriff sagt nichts über Fähigkeiten, Unterstützungsbedarf oder Leidensdruck einer Person. Ob jemand rechtlich als behindert gilt, richtet sich nach dem Sozialrecht und nicht nach dem Begriff selbst.
Diagnostik und Beratung
Eine Diagnose stellen qualifizierte Fachpersonen, nicht Artikel, Videos oder Fragebögen im Netz. Wer sich in der Beschreibung wiedererkennt, kann dies in einer fachärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis ansprechen. Für Fragen zu Teilhabeleistungen gibt es nach § 32 SGB IX die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. Sie ist ein niedrigschwelliges Angebot, das schon vor der Beantragung konkreter Leistungen zur Verfügung steht. Neurodivergenz bleibt oft unsichtbar, mehr dazu im Eintrag zu unsichtbarer Behinderung.
Quellen: Walker: Neurodiversity, Some Basic Terms and Definitions / Singer: Neurodiversity, Definition and Discussion / Botha et al. (2024), Autism / Göbel et al. (2018), Journal of Health Monitoring / Polanczyk et al. (2007), American Journal of Psychiatry 164 / Song et al. (2021), Journal of Global Health 11 / Zeidan et al. (2022), Autism Research 15 / Moll et al. (2014), PLoS ONE 9 / Scharf et al. (2015), Movement Disorders 30 / Young et al. (2020), BMC Psychiatry 20 / Warrier et al. (2020), Nature Communications 11 / Kallitsounaki und Williams (2023), Journal of Autism and Developmental Disorders 53 / Hull et al. (2020), Autism 24 / § 32 SGB IX
Was es kostet, das eigene Anderssein im Alltag zu verbergen: Was Masking wirklich kostet.
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