Klima & Erde

Anthropozän

Anthropozän einfach erklärt: Woher der Begriff stammt, warum die Geologie ihn 2024 nicht als Epoche anerkannte und warum er trotzdem wichtig bleibt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Vorgeschlagenes Erdzeitalter, das vom Einfluss des Menschen auf das Erdsystem geprägt ist
Geprägt von
Paul Crutzen und Eugene Stoermer, Mai 2000
Formaler Status
2024 als Epoche abgelehnt, als Begriff weiter üblich
Vorgeschlagener Beginn
Ende des 18. Jahrhunderts (2000), um 1950 (Arbeitsgruppe, 2023)
Streitpunkt
Wer mit „Mensch“ gemeint ist

Einfach erklärt

Das Anthropozän ist ein Vorschlag für ein neues Erdzeitalter: die Zeit, in der menschliche Aktivitäten das Erdsystem so stark verändern, dass sich diese Spuren weltweit in Ablagerungen, in der Luft und im Meer nachweisen lassen. Der Name setzt sich aus dem griechischen „anthropos“ (Mensch) und der Endung „-zän“ zusammen, die auch in Holozän und Pleistozän steckt.

Zwei Bedeutungen sind zu unterscheiden. Als Fachbegriff der Geologie wurde das Anthropozän 2024 nicht als offizielle Epoche in die Zeitskala aufgenommen. Als Begriff der Umweltwissenschaften, der Sozial- und Geisteswissenschaften und der Öffentlichkeit ist es dagegen weiter in Gebrauch. Er beschreibt eine Menschheit, die Klima, Stoffkreisläufe und Artenvielfalt verändert.

Merke

Das Anthropozän ist heute vor allem ein Deutungsbegriff, keine amtlich anerkannte Epoche. Die Frage, wer die Veränderungen verursacht hat und wer sie tragen muss, stellt sich trotzdem.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Im Mai 2000 erschien im Newsletter des Internationalen Geosphäre-Biosphäre-Programms (IGBP) ein zweiseitiger Text des Atmosphärenchemikers Paul Crutzen und des Seen- und Gewässerforschers Eugene Stoermer. Crutzen hatte 1995 den Nobelpreis für Chemie erhalten. Die beiden schlugen vor, für die Gegenwart den Namen „Anthropocene“ zu verwenden, weil der Mensch zu einer zentralen Kraft in Geologie und Ökologie geworden sei.

Ihre Begründung nannte Zahlen aus dem Jahr 2000: Die Weltbevölkerung sei in drei Jahrhunderten auf das Zehnfache gewachsen, 30 bis 50 Prozent der Landoberfläche seien verändert und das CO₂ in der Atmosphäre um mehr als 30 Prozent gestiegen. Als möglichen Beginn nannten sie das späte 18. Jahrhundert, als Eisbohrkerne den Anstieg von CO₂ und Methan zeigen und James Watt 1784 seine Dampfmaschine erfand. Sie schrieben aber selbst, ein genaues Datum sei etwas willkürlich und andere Vorschläge seien möglich.

Die Idee war nicht völlig neu. Schon 1864 beschrieb George Perkins Marsh den Menschen als Gestalter der Erde, und der italienische Geologe Antonio Stoppani sprach in den 1860er und 1870er Jahren vom „Anthropozoikum“, einer Ära des Menschen.

Was die Geologie prüfte

Eine eigene Fachgruppe, die Anthropocene Working Group (AWG), wurde 2009 eingesetzt. Sie sollte klären, ob die Spuren des Menschen im geologischen Befund ausreichen, um eine neue Einheit der Zeitskala zu begründen. Ein Überblick von 2016 in „Science“ kam zu dem Ergebnis, dass sich das Anthropozän stratigrafisch vom Holozän unterscheide. Genannt werden unter anderem Aluminium, Kunststoffe und Beton in Ablagerungen, radioaktiver Niederschlag aus Atomwaffentests, veränderte Kohlenstoff-, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe sowie gebietsfremde Arten weltweit.

Beim Beginn gingen die Meinungen auseinander. Simon Lewis und Mark Maslin hielten 2015 zwei Jahre für plausibel: 1610 und 1964. Will Steffen und sein Team sahen den Beginn der „Großen Beschleunigung“ nach 1950 als überzeugendsten Kandidaten, weil erst danach Veränderungen des Erdsystems sichtbar werden, die die Schwankungsbreite des Holozäns verlassen. Die AWG legte im Oktober 2023 ihren Antrag vor: Das Anthropozän solle als Epoche gelten und um 1950 beginnen. Als Referenzort, im Fachjargon GSSP, schlug sie die Ablagerungen des Crawford Lake in Ontario vor. In diesem See bilden sich Jahr für Jahr dünne Schichten, die sich einzeln zählen lassen. Dort zeigen sich in den frühen 1950er Jahren Plutonium und Radiokohlenstoff aus Atomwaffentests, kugelförmige Kohlenstoffpartikel aus der Verbrennung fossiler Energieträger und der Rückgang von Ulmenpollen durch die Ulmenkrankheit.

2000Crutzen und Stoermer schlagen den Namen vor
1950vorgeschlagener Beginn der Anthropozän-Epoche durch die Arbeitsgruppe
12 zu 4Ergebnis der Abstimmung der zuständigen Unterkommission 2024

Die Entscheidung 2024

Über den Antrag stimmte die Subcommission on Quaternary Stratigraphy (SQS) ab, die für die jüngste Erdgeschichte zuständig ist. Die Abstimmung endete am 4. März 2024 mit 12 zu 4 Stimmen bei 3 Enthaltungen gegen den Antrag. Die Internationale Kommission für Stratigrafie (ICS) bestätigte das Votum: 15 der 17 Vorsitzenden der ICS-Unterkommissionen stimmten zu, eine Person enthielt sich, eine meldete einen Interessenkonflikt. Am 20. März 2024 erklärte die Internationale Union der Geologischen Wissenschaften (IUGS), das Anthropozän werde damit nicht Teil der offiziellen Zeitskala. Die Gegenwart bleibt damit im Holozän, in dessen jüngster Stufe, dem Meghalayan.

Die Erklärung nennt mehrere Einwände. Menschliche Eingriffe in die Umwelt reichen weit vor 1950 zurück, etwa mit früher Landwirtschaft, der Industrialisierung und der Kolonisierung Amerikas und des Pazifiks (siehe Kolonialismus). Eine Epoche von weniger als einem Menschenleben passt schlecht zu einer Zeitskala, deren Einheiten sonst Jahrtausende oder Jahrmillionen umfassen. Außerdem verlaufen menschliche Einflüsse an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten, sodass sich ein Beginn schwer an einer einzigen Linie festmachen lässt. Eine Gruppe um Philip Gibbard schlug deshalb schon 2022 vor, das Anthropozän als geologisches Ereignis zu verstehen, vergleichbar mit der Großen Oxygenierung vor 2,4 bis 2,1 Milliarden Jahren, und nicht als Epoche.

Zugleich betont die IUGS, der Begriff werde weiter von Geo-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, in der Politik und von der Öffentlichkeit genutzt und bleibe ein sehr wertvoller Begriff für den menschlichen Einfluss auf das Erdsystem.

Wer ist mit „dem Menschen“ gemeint?

Die schärfste Kritik am Begriff kommt aus den Sozial- und Kulturwissenschaften. Andreas Malm und Alf Hornborg argumentierten 2014, die Erzählung vom Anthropozän behandle die Menschheit als einheitlichen Akteur. Die Nutzung fossiler Energie sei aber nicht von der Menschheit im Ganzen geschaffen worden, sondern von bestimmten Gesellschaften und Wirtschaftsformen. Ungleichheiten zwischen Menschen gehörten zur Ursache der ökologischen Krise und dürften nicht ausgeblendet werden.

Auch die Daten stützen diese Sicht. Steffen und sein Team zeigten 2015, dass Wirtschaft und Konsum weiter stark von den wohlhabenden OECD-Ländern bestimmt werden, während das Bevölkerungswachstum seit 1950 überwiegend außerhalb dieser Länder stattfand. Globale Durchschnitte verdecken demnach Gerechtigkeitsfragen.

Aus dieser Kritik sind Alternativnamen entstanden. Donna Haraway fragte 2015 mit Blick auf Begriffe wie „Plantationocene“ und „Capitalocene“, welche Prozesse und Beziehungen den Wandel tatsächlich tragen, und sprach ausdrücklich von Menschen in ihren Geschichten, nicht von „dem Menschen“. Die Begriffe lenken den Blick auf Plantagenwirtschaft und Kapitalismus als Treiber. Damit berührt das Anthropozän die Themen Klimagerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit: Wer die Umwelt am stärksten verändert, ist selten dieselbe Gruppe wie die, die die Folgen am härtesten trifft.

Das Anthropozän benennt, dass der Mensch das Erdsystem verändert, und die Kritik daran fragt, welche Menschen es sind.

Kerngedanke

Verbindung zu anderen Konzepten

Die Planetaren Grenzen beschreiben, wie weit Eingriffe gehen können, ohne das Erdsystem zu destabilisieren. Verlust von Biodiversität, Artensterben, Klimawandel und Treibhauseffekt sind die bekanntesten Beispiele. Dass internationale Regeln wirken können, zeigt die Ozonschicht: Crutzen und Stoermer wiesen schon 2000 darauf hin, dass die Regulierung der FCKW ihre weitgehende Zerstörung verhindert hat.

Was der Begriff nicht sagt

Das Anthropozän ist keine Aussage darüber, dass alle Menschen gleich viel Verantwortung tragen. Crutzen und Stoermer beschrieben den Menschen als geologische Kraft, die über Jahrtausende wirkt, und verbanden das mit der Aufgabe, nachhaltiges Umweltmanagement zu entwickeln. Die Ablehnung 2024 macht die gemessenen Veränderungen nicht weniger real: Sie betrifft allein die Frage, ob die offizielle Zeitskala eine neue Einheit erhält.

Quellen: Crutzen, P. J. und Stoermer, E. F. (2000): The „Anthropocene“. IGBP Global Change Newsletter 41, S. 17 und 18 (Archivkopie) / IUGS und ICS (20.03.2024): The Anthropocene: IUGS-ICS Statement / Waters, C. N. et al. (2016): The Anthropocene is functionally and stratigraphically distinct from the Holocene. Science 351 (6269), aad2622 / McCarthy, F. M. G. et al. (2023): The varved succession of Crawford Lake, Milton, Ontario, Canada as a candidate GSSP for the Anthropocene series. The Anthropocene Review 10 (1), S. 146 bis 176 / Lewis, S. L. und Maslin, M. A. (2015): Defining the Anthropocene. Nature 519, S. 171 bis 180 / Steffen, W. et al. (2015): The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review 2 (1), S. 81 bis 98 / Gibbard, P. L. et al. (2022): A practical solution: the Anthropocene is a geological event, not a formal epoch. Episodes 45 (4), S. 349 bis 357 / Malm, A. und Hornborg, A. (2014): The geology of mankind? A critique of the Anthropocene narrative. The Anthropocene Review 1 (1), S. 62 bis 69 / Haraway, D. (2015): Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin. Environmental Humanities 6 (1), S. 159 bis 165 / Luciano, E. und Zanoni, E. (2023): Antonio Stoppani’s Anthropozoic. The British Journal for the History of Science 56 (1), S. 103 bis 114 / Nobelpreis für Chemie 1995 / International Commission on Stratigraphy (Dezember 2024): International Chronostratigraphic Chart

Positives Beispiel: Das Ozonloch schließt sich früher als erwartet, und das ist kein Zufall.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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