- Gemeint
- Bild, in dem Links- und Rechtsextremismus als zwei einander nahe Enden eines Hufeisens erscheinen
- Fachlich
- Diagramm der Extremismusliteratur, nach Pfahl-Traughber ohne eigene „Hufeisentheoretiker“
- Hauptkritik
- Gleiche Distanz zur Mitte sagt nichts über Ziele, Ideologie und Gefährlichkeit
- Amtlicher Maßstab
- Freiheitliche demokratische Grundordnung, nicht die politische Mitte
Einfach erklärt
Die Hufeisentheorie ist ein Denkbild für das politische Spektrum. Links, Mitte und Rechts liegen nicht auf einer Geraden, sondern auf einem Hufeisen: Die demokratische Mitte ist oben, die äußeren Enden biegen sich nach unten und kommen einander nahe. Gemeint ist, dass sich Linksextremismus und Rechtsextremismus ähnlicher seien als jeder von beiden der demokratischen Mitte.
Das Bild ist umstritten. Der emeritierte Professor Eckhard Jesse nennt es eine Veranschaulichung struktureller Gemeinsamkeiten wie Freund-Feind-Denken und Dogmatismus. Richard Stöss und Christoph Butterwegge kritisieren das Extremismuskonzept dahinter: Es blende Ziele und Inhalte aus. Selbst Armin Pfahl-Traughber, der die Extremismustheorie verteidigt, hält das Hufeisen für eine schiefe Perspektive.
Für Verfassungsschutz und Polizei zählt nicht das Hufeisen, sondern ein rechtlicher Maßstab: die freiheitliche demokratische Grundordnung. Wer sie bekämpft, gilt als extremistisch, von rechts wie von links. Die Zahlen für 2025 zeigen beides: Rechtsextremistische Gewalttaten sind weiterhin häufiger, linksextremistische nehmen aber stark zu.
Merke
Das Hufeisen zeigt nur, wie nah zwei Positionen im Schema beieinander liegen. Ob Ziele, Mittel und Gefährlichkeit gleich sind, muss jeweils einzeln belegt werden.
Ausführlich erklärt
Was das Bild zeigt und was nicht
Pfahl-Traughber beschreibt das Hufeisen im SIAK-Journal (2024) als Diagramm mit zwei Achsen: eine zwischen demokratisch und extremistisch, eine zwischen links und rechts. Eingezeichnet ist ein Hufeisen, dessen Enden sich im extremistischen Bereich annähern. Das Bild soll Gemeinsamkeiten von Links- und Rechtsextremismus veranschaulichen. In der Extremismusforschung gebe es aber keine „Hufeisentheoretiker“. Das Diagramm erscheine dort als Beschreibung, nicht als Bekenntnis, und die Extremismustheorie brauche das Hufeisenmodell nicht. „Hufeisentheorie“ ist also eine umgangssprachliche Verkürzung.
Nach Pfahl-Traughber sprechen vier Punkte gegen die Botschaft des Modells. Es kenne nur Links- und Rechtsextremismus und übersehe religiösen Extremismus. Es lege eine identische Gefährlichkeit nahe, obwohl die Handlungsebenen gar nicht dargestellt seien. Es erwecke den Eindruck, die politische Mitte sei der Bezugspunkt, dabei beziehe sich die gemeinte Distanz auf die Minimalbedingungen des demokratischen Verfassungsstaates. Und es suggeriere, demokratische linke und rechte Akteure stünden dem Extremismus näher als die Mitte.
Hintergrund: Extremismus und streitbare Demokratie
Der amtliche Extremismusbegriff beruht nach Stöss auf dem Konzept der wehrhaften oder streitbaren Demokratie. Es sei nach dem Zusammenbruch der Weimarer Republik und unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Terrorregimes und des Sowjetkommunismus entstanden. Den Gegnern der Demokratie von rechts und links solle frühzeitig die Möglichkeit genommen werden, die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz unterscheidet Extremismus von Radikalismus. Extremistisch seien Aktivitäten, die darauf abzielen, die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie zu beseitigen. Wer die Wirtschaftsordnung grundsätzlich kritisiert und von Grund auf verändern will, sei noch nicht extremistisch. Das Bundesverfassungsgericht beschrieb die freiheitliche demokratische Grundordnung im NPD-Urteil vom 17. Januar 2017: Ausgangspunkt ist die Würde des Menschen, dazu kommen das Demokratieprinzip und das Rechtsstaatsprinzip. Auf rassistische Diskriminierung zielende Konzepte seien damit nicht vereinbar. Die NPD verfolge Ziele gegen diese Ordnung, ein Verbot scheiterte aber daran, dass konkrete Anhaltspunkte von Gewicht für eine Durchsetzung fehlten.
Argumente für den Vergleich
Jesse hält den Gegensatz zwischen extremistisch und demokratisch für entscheidend, nicht den zwischen rechts und links. Gemeinsame Merkmale seien unter anderem Freund-Feind-Denken, ideologischer Dogmatismus, Homogenitätsvorstellungen, Verschwörungstheorien und der Glaube an geschichtliche Gesetze. Zugleich betont er massive Unterschiede, weist den Vorwurf pauschaler Gleichsetzung zurück und hält als Ergebnis eines Vergleichs auch fehlende Schnittmengen für möglich. Eine Zusammenarbeit beider Seiten sei die Ausnahme, beide Lager seien einander in der Regel feind. Mit diesem Thema befasst sich der Eintrag zur Querfront.
Jesse benennt auch selbst den Kern des Streits: Ein antiextremistischer Ansatz, der gleichen Abstand zu jeder Form des Extremismus hält, stehe einem antifaschistischen gegenüber. Den Begriff „Extremismus der Mitte“ hält er für problematisch, weil er den Extremismusbegriff entgrenze.
Aus der Psychologie kommt ein weiteres Argument. Jan-Willem van Prooijen und André Krouwel schlagen 2019 vier Zusammenhänge vor: Psychische Belastung begünstige extreme Ideologien, diese sähen die soziale Welt schwarz-weiß, ihre Anhängerschaft sei überzeugt von den eigenen Urteilen und weniger tolerant gegenüber anderen Gruppen und Meinungen als Moderate. Das betrifft Denkstile bei linken wie rechten Extremen, nicht die Ziele einer Ideologie.
Argumente der Kritik
Stöss hält das Extremismuskonzept für die Sozialwissenschaften für unbrauchbar. Der Sammelbegriff umfasse Objekte, die mehr voneinander trenne, als sie verbinde. Das Konzept unterstelle ein Entweder-oder von Demokratie und Antidemokratie und sei eindimensional: Es erlaube keine Aussage darüber, wie demokratische und antidemokratische Potenziale in einer Gesellschaft verteilt sind. Er verweist auf den Soziologen Seymour Martin Lipset, der den Faschismus als „Extremismus der Mitte“ bezeichnet habe. Völkischer Nationalismus sei per se antidemokratisch. Die extreme Linke dürfe dagegen nicht pauschal antidemokratisch genannt werden, denn Sozialismus könne demokratisch oder autoritär sein. Für die Praxis der Verfassungsschutzbehörden hält Stöss das Konzept dagegen für hinreichend präzise.
Butterwegge nennt „Extremismus“ einen inhaltsleeren Kampfbegriff, der als Diffamierungsinstrument gegen die politische Linke diene. Vertreter der Extremismustheorie böten statt einer Definition nur eine Addition von Merkmalen und blendeten die zentrale Differenz aus: Der Rechtsextremismus strebe die Beseitigung der Demokratie an, der Sozialismus die Überwindung des Kapitalismus. Zugleich hält er linke Gewalt in einer Demokratie für nie progressiv.
Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024 von Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller und Elmar Brähler gehört zur Mitte-Debatte, erwähnt das Hufeisen aber nicht. Die Reihe, früher Leipziger Mitte-Studien, will zeigen, dass die Demokratie nicht nur von „extremistischen Rändern“ bedroht wird. Ressentiments und autoritäre Dispositionen fänden sich in der ganzen Breite der Gesellschaft. Befragt wurden 2.504 Personen. Rechtsextremismus definiert die Studie über Vorstellungen von Ungleichwertigkeit.
Was Verfassungsschutz und Polizei 2025 zählen
Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt im Bericht für 2025 ein rechtsextremistisches Personenpotenzial von 58.700 Personen (2024: 50.250), davon 15.600 gewaltorientiert. Rechtsextremistische Gewalttaten stiegen um 8,9 Prozent auf 1.395. Beim Linksextremismus sind es 42.200 Personen (2024: 38.000), davon 11.600 gewaltorientiert. Die Gewalttaten stiegen um 60,9 Prozent auf 856, die linksextremistisch motivierten Straftaten um 38,9 Prozent auf 8.133. Hinzu kommt ein Anschlag auf zwei Hochspannungsmasten in Berlin am 9. September 2025, den das Bundesamt dem Linksextremismus zuordnet und der zehntausende Haushalte und Gewerbebetriebe vom Strom abschnitt.
Die Polizeistatistik zur Politisch motivierten Kriminalität kommt zu einem ähnlichen Bild. Laut Bundesinnenministerium wurden 2025 mit 85.837 Delikten so viele politisch motivierte Straftaten registriert wie nie seit 2001. Die linke Szene verzeichnete 13.490 Delikte (plus 35 Prozent) und 1.087 Gewaltdelikte (2024: 762). Der rechte Bereich blieb mit 42.544 Delikten der mit Abstand größte. Der Bundesinnenminister folgerte, die größte Gefahr gehe aktuell vom Rechtsextremismus aus, und kündigte zugleich an, die Instrumente gegen Extremismus auszubauen. Dazu kommen laut Ministerium 22.159 Fälle von Hasskriminalität, also Taten aus gruppenbezogenen Vorurteilen. Das Bundeskriminalamt nennt 2.377 queerfeindliche Straftaten und ordnet die meisten davon den Bereichen „sonstige Zuordnung“ und rechts zu.
Die Zahlen haben Grenzen. Laut Staud (bpb) ist die Polizeistatistik eine Eingangsstatistik, die Einstufung erfolgt früh, und das Anzeigeverhalten beeinflusst die Zahlen. Polizei und Verfassungsschutz zählen unterschiedlich: Die Polizei erfasst seit 2001 nach politischer Motivation und nicht nur nach dem Ziel der Systemüberwindung. Eine Recherche von Tagesspiegel und ZEIT kam 2018 auf 169 Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung, knapp die Hälfte war amtlich als solche erfasst.
Vergleichen ist üblich und legitim, gleichsetzen setzt voraus, dass Ziele, Mittel und Folgen belegt gleich sind.
Kerngedanke
Einordnung
Dieser Eintrag stützt sich auf zwei Texte der bpb-Debatte von 2015, einen bpb-Beitrag von 2018, einen Fachaufsatz von 2024, eine Studie von 2024 sowie Berichte der Behörden für 2025. Die Werke von Lipset wurden nicht selbst gelesen, die Studie von van Prooijen und Krouwel nur über ihre Zusammenfassung. Zur Herkunft des Hufeisenbildes wird deshalb nichts behauptet. Behördenzahlen sind Eingangsstatistiken und von Anzeigeverhalten und Zählweise abhängig. Die Löwenwurzel arbeitet antifaschistisch. Das hindert nicht daran, belegte Zahlen zu linksextremistischer Gewalt zu nennen.
Quellen: Jesse (2015): Der Begriff Extremismus, bpb / Stöss (2015): Kritische Anmerkungen zum Extremismuskonzept, bpb / Butterwegge (2018): Contra Extremismusmodell, bpb / Pfahl-Traughber (2024): Die Extremismustheorie und deren Kritik, SIAK-Journal 3/2024 / van Prooijen und Krouwel (2019): Psychological Features of Extreme Political Ideologies, Current Directions in Psychological Science / Bundesamt für Verfassungsschutz: Glossar Extremismus / Bundesverfassungsgericht (2017): Pressemitteilung zum NPD-Urteil, 2 BvB 1/13 / Decker, Kiess, Heller und Brähler (2024): Leipziger Autoritarismus Studie 2024 / Bundesamt für Verfassungsschutz (2026): Verfassungsschutzbericht 2025, Rechtsextremismus / Bundesamt für Verfassungsschutz (2026): Verfassungsschutzbericht 2025, Linksextremismus / Bundesinnenministerium (2026): Pressemitteilung zur Politisch motivierten Kriminalität 2025 / Bundeskriminalamt: Fallzahlen Politisch motivierte Kriminalität 2025 / Staud (2018): Straf- und Gewalttaten von rechts, bpb