Antifaschismus & Demokratie

Querfront

Querfront: Woher der Begriff kommt, was Schleicher und Strasser 1932 versuchten und wie Mahnwachen, Compact und BSW-Debatte belegt einzuordnen sind.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 25.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Beabsichtigte oder praktizierte Bündnisse zwischen gegensätzlichen politischen Lagern, meist zwischen rechts- und linksextremen Akteuren
Herkunft
Schlussphase der Weimarer Republik, 1932, Plan von Kurt von Schleicher
Befund
Dauerhafte Bündnisse sind für Deutschland nicht belegt, Angebote kamen meist von rechts
Heute
Bündnisangebote, Übernahme von Themen und Codes, diffuse Protestmilieus

Einfach erklärt

Querfront bezeichnet beabsichtigte oder praktizierte Bündnisse zwischen Akteuren aus gegensätzlichen oder zumindest unterschiedlichen politischen Lagern, in der Regel zwischen rechts- und linksextremen Gruppen. „Quer“ spielt auf dieses Spannungsverhältnis an, „Front“ auf die Gemeinsamkeit in einem Konflikt. Nach dem Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber bildet oft ein identisches Feindbild die Grundlage, meist das bestehende wirtschaftliche und politische System.

Der Begriff stammt aus der Endphase der Weimarer Republik. 1932 suchte Kurt von Schleicher, kurz darauf Reichskanzler, breite Unterstützung für eine autoritäre Regierung ohne Hitler, unter anderem bei Gewerkschaften und dem linken Flügel der NSDAP. Der Plan scheiterte. Für die Bundesrepublik nennt die Forschung keine dauerhafte Zusammenarbeit von Links- und Rechtsextremen. Angebote von rechts blieben meist unbeantwortet, weil Antifaschismus für linksextreme Gruppen ein Kern des Selbstverständnisses ist (siehe Antifaschismus).

Zugleich ist „Querfront“ ein Schlagwort. In Medien und Politik ist schnell von einer Querfront die Rede, wenn bei Demonstrationen Menschen aus verschiedenen Lagern zusammenkommen.

Merke

Querfront meint ein Bündnis, nicht jede Überschneidung. Wo Themen, Codes oder Teilnehmende zusammentreffen, ist erst zu prüfen, ob Absprachen, Angebote oder bloße Übernahmen vorliegen.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt: Schleicher und Strasser 1932

Nach Pfahl-Traughber versuchte Kurt von Schleicher ab dem Sommer 1932, für seine mögliche Regierung eine breitere politische Unterstützung zu mobilisieren. Damit sollte nicht die Demokratie vor den Nationalsozialisten gerettet, sondern ohne sie eine autoritäre Staatsordnung errichtet werden. Weil für dieses Modell eine Mehrheit fehlte, kam die Option einer „Querfront“ auf. Beteiligen sollten sich der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der linke Flügel der NSDAP und Randbereiche der Sozialdemokratie. Laut Pfahl-Traughber gab es nur Ansätze der Bereitschaft, die Querfront scheiterte schon vor Schleichers Kanzlerschaft.

Das Lebendige Museum Online ordnet die Daten ein: Am 3. Dezember 1932 berief Hindenburg Schleicher zum Reichskanzler, nachdem Verhandlungen mit Hitler über eine Regierungsbeteiligung der NSDAP ergebnislos geblieben waren. Schleichers Versuch, über ein Bündnis von Gewerkschaftern und Nationalsozialisten wie Gregor Strasser eine Massenbasis zu schaffen, scheiterte am Widerstand der Führungen von SPD und NSDAP. Am 28. Januar 1933 erklärte er den Rücktritt seiner Regierung. Der Nationalsozialist Gregor Strasser drängte auf einen sozialrevolutionären Kurs, sein antikapitalistisches und russlandfreundliches Programm stieß auf Hitlers Widerstand. Im Herbst 1932 war er bereit, als Vizekanzler in eine „soziale“ Regierung unter Beteiligung der Gewerkschaften einzutreten. Der Versuch, die NSDAP so zu spalten, scheiterte an Hitlers innerparteilicher Macht. Schleicher und Strasser wurden am 30. Juni 1934 im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches erschossen.

3. Dezember 1932Schleicher wird Reichskanzler, am 28. Januar 1933 erklärt er den Rücktritt seiner Regierung
2014Beginn der Mahnwachen für den Frieden, nach Pfahl-Traughber erster bedeutender Fall realer Kooperation
24. Juni 2025Bundesverwaltungsgericht hebt das Verbot des COMPACT-Magazins auf

Nationalbolschewismus und umgedeuteter Sozialismus

Eine Art geistige Querfront sieht Pfahl-Traughber in der Weimarer Republik bei Denkern der Konservativen Revolution, die sich positiv auf „Sozialismus“ bezogen, etwa Oswald Spengler mit dem Buch „Preußentum und Sozialismus“. Auch die NSDAP nutzte den Begriff, definierte ihn aber anders als die politische Linke: Es ging um ein Gemeinschaftsgefühl, nicht um soziale Umverteilung. Pfahl-Traughber nennt das Kopieren und Umdeuten, es solle vor allem Menschen gewinnen, die vom Kapitalismus negativ betroffen sind. Der Klassenkampf-Gedanke zielt dagegen auf Interessengegensätze in der Gesellschaft.

Ein Beispiel für die Mischung ist Ernst Niekisch. Als Herausgeber der Zeitschrift „Der Widerstand“ trat er von 1926 bis 1934 für eine nationalbolschewistische und antiwestliche Politik ein. Diese Synthese aus extremem Nationalismus und revolutionär-sozialistischen Elementen blieb nach dem Deutschen Historischen Museum nicht ohne Wirkung auf den linken Flügel der NSDAP um Strasser und Ernst Röhm. Niekisch warnte 1932 dennoch vor Hitler und wurde 1939 zu lebenslanger Zuchthaushaft verurteilt. Nationalbolschewismus und Nationalsozialismus waren also nicht dasselbe.

Auch von links gab es Annäherungsversuche. Die KPD bemühte sich laut Pfahl-Traughber 1923 kurzzeitig um Zusammenarbeit mit völkischen Kreisen und instrumentalisierte dafür antisemitische Feindbilder wie das „jüdische Finanzkapital“. Die Rechtsextremen ergriffen die ausgestreckte Hand nicht.

Drei Formen: Bündnis, Angebot, Kopie

Pfahl-Traughber unterscheidet drei Idealtypen. Erstens die reale, längerfristige Kooperation. Zweitens das Bündnisangebot: Eine Seite streckt die Hand aus, die andere ergreift sie nicht. Drittens das Kopieren, bei dem Argumentationsmuster oder Organisationsformen der anderen Seite ohne praktische Zusammenarbeit übernommen werden. Ein Beispiel sind die neonazistischen „Autonomen Nationalisten“, die in den 1990er und 2000er Jahren Kleidung und Praxis ihrer linksextremen Vorbilder kopierten. Das war keine Annäherung in den Zielen, sondern diente dem eigenen Interesse.

Angebote von rechts nach 1945

Laut Pfahl-Traughber bot die rechtsterroristische Hepp-Kexel-Gruppe, die 1982 Anschläge auf Fahrzeuge von US-Militärangehörigen verübte, der Roten Armee Fraktion und den Revolutionären Zellen eine Zusammenarbeit an. Die RAF ignorierte das Angebot, die Revolutionären Zellen lehnten es in einer eigenen Erklärung ab. Als Grund nennt Pfahl-Traughber den Antifaschismus als konstitutives Selbstverständnis linksextremer Gruppen.

Mahnwachen, Compact und Ukraine-Proteste

Als ersten bedeutenden Fall realer Kooperation sieht Pfahl-Traughber die „Mahnwachen für den Frieden“ ab 2014. Anlass war die Ukraine-Krise, für die die Teilnehmenden hauptsächlich den Westen verantwortlich machten. Es kursierten antiamerikanische und prorussische Positionen, teils mit verschwörungsideologischen Vorstellungen (mehr unter Desinformation). Die Linke distanzierte sich früh. Zusammen kamen laut Pfahl-Traughber nicht die typischen Links- und Rechtsextremen, sondern ein Konglomerat diffuser, oft esoterischer Vorstellungen. Spätere Akteure der „Querdenker“-Szene waren dort bereits aktiv.

Das seit 2010 erscheinende Magazin „Compact“ wirkt nach Pfahl-Traughber seit der Gründung für eine Querfront. Der Herausgeber Jürgen Elsässer habe sich von einem Links- zu einem Rechtsextremen entwickelt. Es schrieben aber kaum Linke in dem Heft, weshalb es keine Querfront-Zeitschrift sei. Elsässer selbst räumte ein, die Linke sei dazu nicht bereit. Das Bundesverwaltungsgericht zitiert in seinem Urteil vom 24. Juni 2025 einen Auftritt Elsässers vom 18. Februar 2023 in München, bei dem er „die große Querfront für den Frieden“ forderte und dabei Namen von Björn Höcke und Martin Sellner bis Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht nannte. Die Nennung in einem solchen Aufruf belegt keine Zusammenarbeit. Das Gericht hob das Verbot der COMPACT-Magazin GmbH auf, das das Bundesinnenministerium am 5. Juni 2024 verfügt hatte. Es stellte fest, die Vereinigung vertrete verfassungsfeindliche Positionen, etwa beim „Remigrationskonzept“. Die verbotsrelevanten Äußerungen erreichten aber noch nicht die Schwelle der prägenden Wirkung. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt die COMPACT-Magazin GmbH im Verfassungsschutzbericht 2025 unter den Beobachtungsobjekten im Rechtsextremismus. Mehr zur Einordnung im Rechtsextremismus.

Beim „Aufstand für den Frieden“ am 25. Februar 2023 in Berlin, zu dem Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht aufgerufen hatten, distanzierten sich beide laut Pfahl-Traughber formal von Rechtsextremen. Dennoch mobilisierten auch rechtsextreme Akteure, einige bekannte AfD-Politiker und führende Compact-Publizisten wurden gesichtet, andere Aktivisten versuchten sie zu verdrängen. Pfahl-Traughber wertet dies nicht als allseits gewollte Zusammenarbeit. Bei den Corona-Protesten beteiligte sich nur ein geringer Anteil von Personen mit linkem Selbstverständnis. Sie würden von der linken Bewegung nicht als Mitstreitende wahrgenommen. Eine reale Querfront sieht Pfahl-Traughber auch dort nicht.

Die Debatte um das BSW

Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) wurde Anfang 2024 gegründet. Die Politikwissenschaft ordnet es unterschiedlich ein: Jan Philipp Thomeczek (2024) beschreibt es als links-konservativ, in der englischsprachigen Literatur auch links-autoritär genannt, und als populistisch. Thomeczek verweist darauf, dass dem BSW Potenzial bei Wählergruppen von AfD und Linken zugeschrieben wird. Den Begriff Querfront verwendet die Analyse nicht. Ob das BSW eine Querfront sei, ist deshalb eine politische Bewertung, die sich aus diesen Quellen nicht ableiten lässt. Belegt sind hier Einordnungen des Programms und der Kommunikation, kein Bündnis mit Rechtsextremen.

Warum Bündnisse selten halten

Pfahl-Traughber begründet die Seltenheit mit gegensätzlichen Interessen. Meist gebe es nur eine negative Gemeinsamkeit, die Ablehnung des bestehenden Systems. Danach breche ein Streit darüber aus, wie eine neue Ordnung aussehen soll. Beide Seiten wüssten, dass sie nur kurzfristig instrumentalisiert würden. Linksextreme würden zudem öffentlich diskreditiert, Rechtsextreme hofften dagegen, aus ihrer Isolation herauszukommen.

Davon zu trennen ist die Hufeisentheorie. Das Hufeisenbild behauptet eine Nähe der Ränder im Schema, die Querfront-Frage fragt dagegen, ob es tatsächlich Angebote, Kooperationen oder Übernahmen gibt.

Ein gemeinsames Feindbild ergibt noch kein Bündnis. Querfront ist erst belegt, wo Angebote, Absprachen oder Übernahmen nachweisbar sind.

Kerngedanke

Einordnung

Dieser Eintrag stützt sich auf einen bpb-Aufsatz von 2023, Biografien des Deutschen Historischen Museums, ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, den Verfassungsschutzbericht 2025 und eine Fachanalyse zum BSW von 2024. Die Bücher, auf die Pfahl-Traughber verweist, wurden nicht selbst gelesen, und zu Mahnwachen und Corona-Protesten wurde keine Befragungsstudie ausgewertet. Die Löwenwurzel arbeitet antifaschistisch. Das hindert nicht daran, Aussagen zu Querfront-Bemühungen von links zu belegen.

Quellen: Pfahl-Traughber (2023): Gibt es eine aus Links- und Rechtsextremisten bestehende „Querfront“?, bpb / Michaelis (2023): Kurt von Schleicher, Lebendiges Museum Online (Deutsches Historisches Museum) / Wosnitzka (2014): Gregor Strasser, Lebendiges Museum Online (Deutsches Historisches Museum) / Wosnitzka: Ernst Niekisch, Lebendiges Museum Online (Deutsches Historisches Museum) / Bundesverwaltungsgericht (2025): Pressemitteilung 48/2025 und Urteil 6 A 4.24 zum COMPACT-Verbot / Bundesamt für Verfassungsschutz (2026): Verfassungsschutzbericht 2025, Rechtsextremismus / Thomeczek (2024): Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW): links-konservativ und populistisch? Eine empirische Einordnung, Politische Vierteljahresschrift


Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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