Disability Justice


Einfach erklärt

Disability Justice – auf Deutsch etwa Behindertengerechtigkeit; der englische Begriff ist auch im deutschsprachigen Diskurs gebräuchlich – ist ein intersektionaler Rahmen, der von behinderten Menschen aus marginalisierten Gruppen entwickelt wurde. Er geht über klassische Behindertenrechte hinaus.

Behindertenrechte (englisch: Disability Rights) konzentrieren sich auf rechtliche Gleichstellung und individuelle Anpassungen – etwa Rampen, Untertitel oder flexible Arbeitszeiten. Disability Justice fragt dahinter: Wessen Erfahrungen stehen im Mittelpunkt? Und verbindet Ableismus (Diskriminierung aufgrund von Behinderung oder psychischer Erkrankung) mit Rassismus, Sexismus, Klassismus und Queerfeindlichkeit.

Das Konzept entstand um 2005 im US-amerikanischen Kontext, geprägt vom Kollektiv Sins Invalid – einer Gruppe behinderter queerer und trans* People of Color. Ihre zehn Prinzipien, darunter Interdependenz (gegenseitige Fürsorge statt Unabhängigkeitsideal) und die Führungsrolle der am stärksten marginalisierten Personen, bilden das Fundament des Rahmens. Disability Justice ist kein akademisches Konzept – es entstand in der Community-Praxis.


Ausführlich erklärt

Die Unterscheidung zwischen Disability Rights und Disability Justice ist grundlegend: Der US-amerikanische Americans with Disabilities Act (ADA, 1990) hat vieles verbessert, aber seine Profiteur*innen waren häufig weiße, ökonomisch abgesicherte, körperlich behinderte Menschen. Disability Justice stellt fest, dass Behinderung nie isoliert erlebt wird.

Mia Mingus, Patty Berne und das Sins Invalid-Kollektiv haben herausgearbeitet, warum ein Rahmen, der Intersektionalität ignoriert, strukturellen Ausschluss reproduziert. Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha beschreibt in Care Work: Dreaming Disability Justice (2018), wie kollektive Fürsorge – nicht institutionelle Versorgung – das Zentrum eines gerechten Umgangs mit Behinderung sein muss. Fürsorge als politische Praxis: gegenseitig, nicht hierarchisch.

Disability Justice ist eng verknüpft mit queer-feministischen und antirassistischen Bewegungen und benennt, was Gesetze allein nicht lösen können: die strukturelle Abwertung von Körpern und Geistern, die nicht ins Raster der Produktivitätsgesellschaft passen. Ableismus, Medical Gaslighting und Neurodivergenz lassen sich ohne diesen Rahmen kaum vollständig einordnen.

Quellen: Sins Invalid (2019): Skin, Tooth, and Bone: The Basis of Movement is Our People. Disability Justice Primer, 2nd Ed. / Piepzna-Samarasinha, L. L. (2018): Care Work: Dreaming Disability Justice. Arsenal Pulp Press.


Verwandte Begriffe: Ableismus · Intersektionalität · Medical Gaslighting · Neurodivergenz · Rassismus




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