Klima & Erde

Umweltgerechtigkeit

Umweltgerechtigkeit einfach erklärt: Bedeutung, Herkunft, drei Dimensionen und was Studien für Deutschland und die Klimakrise zeigen.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Faire Verteilung von Umweltbelastungen und Umweltgütern, dazu gleiche Mitsprache bei Umweltentscheidungen
Herkunft
US-Bewegung der 1980er Jahre, getragen von Schwarzen Gemeinden und People of Color
Drei Dimensionen
Verteilung, Zugang und Verfahren (Umweltbundesamt, 2015)
In Deutschland
Keine verbindliche Definition, Datenlage laut Umweltbundesamt lückenhaft
Verwandt
Klimagerechtigkeit und Umweltrassismus

Einfach erklärt

Umweltgerechtigkeit (englisch Environmental Justice) bedeutet, dass Umweltbelastungen und Umweltgüter fair verteilt sind und dass alle Betroffenen bei Entscheidungen mitreden können. Belastungen sind zum Beispiel Verkehrslärm, schlechte Luft, Hitze oder Industrieanlagen in der Nachbarschaft. Güter sind Parks, Bäume, sauberes Wasser und ruhige Wohnlagen.

Tatsächlich fällt die Bilanz oft ungleich aus. Wer wenig Geld hat oder Rassismus erlebt, wohnt häufiger an lauten Straßen, neben Industrie oder in Vierteln mit wenig Grün. Das ist für viele Orte belegt, aber nicht überall gleich stark und nicht für jede Gruppe.

Weltweit zeigt sich dasselbe Muster bei der Klimakrise: Wer am wenigsten zu den Emissionen beigetragen hat, ist oft besonders verletzlich.

Merke

Umweltgerechtigkeit fragt nicht nur, wie viel Umwelt geschützt wird, sondern auch, wer die Lasten trägt und wer mitentscheidet.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

1982 beschloss der US-Bundesstaat North Carolina, mit PCB verseuchte Erde im Warren County zu lagern. Der Landkreis gehörte zu den ärmsten des Staates, 65 Prozent der Bevölkerung waren Schwarz. Die Proteste führten zu mehr als 500 Festnahmen und konnten die Deponie nicht verhindern. Sie gelten als Startpunkt der US-Umweltgerechtigkeitsbewegung.

1987 legte die United Church of Christ mit „Toxic Wastes and Race“ die erste landesweite Studie vor, die den Standort von Giftmüllanlagen mit der Bevölkerung verknüpfte. Ergebnis: Die rassistische Einordnung der Bewohnenden („race“) war die stärkste Variable, stärker als Einkommen, Hauswerte und die Menge des erzeugten Giftmülls. Eine Neuauswertung von 1994 ergab, dass People of Color mit einer um 47 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit nahe einer Giftmüllanlage leben als weiße Menschen. Robert Bullard veröffentlichte 1990 das Buch „Dumping in Dixie: Race, Class, and Environmental Quality“.

Im Oktober 1991 verabschiedeten Delegierte beim First National People of Color Environmental Leadership Summit in Washington 17 Prinzipien der Umweltgerechtigkeit. Prinzip 7 fordert das Recht, auf allen Ebenen der Entscheidung gleichberechtigt mitzuwirken, von der Bedarfsermittlung bis zur Bewertung. Die US-Regierung folgte 1994: Die Executive Order 12898 verpflichtete jede Bundesbehörde, unverhältnismäßig hohe und nachteilige Wirkungen ihrer Programme auf Minderheiten und einkommensschwache Bevölkerung zu erkennen und anzugehen. Am 21. Januar 2025 wurde diese Anordnung durch die Executive Order 14173 widerrufen.

Drei Dimensionen von Umweltgerechtigkeit

Eine verbindliche Definition gibt es in Deutschland nicht. Das Umweltbundesamt (UBA) versteht den Begriff in einer Studie von 2015 als Leitbild, das auf den Abbau der räumlichen Konzentration gesundheitsrelevanter Umweltbelastungen zielt und auf gerechten Zugang zu Umweltressourcen. Es unterscheidet drei Aspekte:

  • Verteilungsgerechtigkeit: gerechte Verteilung nicht vermeidbarer Umweltbelastungen und von Umweltressourcen.
  • Zugangsgerechtigkeit: gleichberechtigter Zugang zu Umweltressourcen wie Grünflächen.
  • Verfahrensgerechtigkeit: gleiche Möglichkeiten, sich an Informations-, Planungs-, Anhörungs- und Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Für die dritte Dimension gibt es rechtliche Hebel: Die Aarhus-Konvention regelt Zugang zu Informationen, Öffentlichkeitsbeteiligung und Zugang zu Gerichten in Umweltangelegenheiten. Deutschland unterzeichnete sie am 21. Dezember 1998 und ratifizierte sie am 15. Januar 2007. Das Umweltinformationsgesetz gibt jeder Person Anspruch auf freien Zugang zu Umweltinformationen, ohne ein rechtliches Interesse darlegen zu müssen (§ 3 UIG).

Was Studien für Deutschland und Europa zeigen

Das UBA hält fest, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Lage, Umweltqualität und Gesundheit seit Langem bekannt ist, in Deutschland aber erst seit wenigen Jahren wieder thematisiert wird und die Datenlage noch sehr lückenhaft ist. Für den Begriff Umweltrassismus nannten die Autorinnen der Böll-Kurzstudie das Feld 2021 sogar „fast gänzlich unerforscht“.

Was vorliegt, ist teils eindeutig, teils gemischt. Ein systematischer Überblick über 31 Studien aus der WHO-Region Europa fand gute Belege dafür, dass höhere soziale Benachteiligung und niedrige wirtschaftliche Stellung meist mit mehr Feinstaub und Stickstoffdioxid verbunden sind. Für ethnische Minderheiten fiel die Belastung gemischt aus, je nach Gruppe mal höher, mal niedriger. Haushaltsdaten aus Deutschland und England zeigen für zugewanderte Minderheiten eine höhere Luftbelastung am Wohnort. Der Nachteil ist in England dreimal so groß wie in Deutschland, und türkische Zugewanderte gehören in Deutschland zu den am stärksten Betroffenen.

47 %höhere Wahrscheinlichkeit für People of Color, nahe einer Giftmüllanlage zu leben (USA, Auswertung 1994)
500+Festnahmen bei den Protesten in Warren County, North Carolina
0,4 %der historischen CO2-Emissionen aus fossilen Quellen (1850 bis 2019) stammen aus den am wenigsten entwickelten Ländern

Was die Studien nicht zeigen

Ein Wohnort in belasteter Lage ist noch kein Nachweis für einen gesundheitlichen Schaden. Eine Schweizer Studie fand nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Einkommen und Schadstoffbelastung, Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit aus nicht westlichen Ländern waren stärker belastet, doch der Unterschied zwischen Stadt und Land war größer. Die Studie vermutet stärkere Unterschiede in Ländern mit mehr Segregation, also stärkerer räumlicher Trennung der Bevölkerungsgruppen.

Auch die Frage nach Ursache und Wirkung wurde untersucht. Eine US-Studie zu Giftmüllanlagen, die zwischen 1966 und 1995 gebaut wurden, fand starke Belege dafür, dass die Anlagen schon bei der Standortwahl häufiger in Vierteln mit mehr People of Color und einkommensarmen Haushalten entstanden. Die Studie erklärt die heutigen Ungleichheiten deshalb vor allem mit Diskriminierung und dem Weg des geringsten Widerstands.

Klimakrise und globale Perspektive

Der Weltklimarat IPCC hält fest, dass die Verletzlichkeit gegenüber dem Klimawandel zwischen und innerhalb von Regionen stark variiert. Gründe sind unter anderem Ungleichheit, Marginalisierung sowie historische und fortdauernde Muster wie Kolonialismus. Rund 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen leben in Kontexten, die sehr verletzlich sind. Zugleich unterscheiden sich die Beiträge zu den Emissionen stark: Die am wenigsten entwickelten Länder verursachten zwischen 1850 und 2019 weniger als 0,4 Prozent der historischen CO2-Emissionen aus fossilen Quellen und Industrie. Die 10 Prozent der Haushalte mit den höchsten Emissionen tragen 34 bis 45 Prozent der verbrauchsbezogenen Haushaltsemissionen bei, die untere Hälfte 13 bis 15 Prozent.

Diese Debatte führt die Klimagerechtigkeit weiter. Sie berührt auch Kolonialismus und Dekolonisierung. Auch innerhalb von Städten sind die Folgen ungleich: Für 175 große Ballungsräume der USA fand eine Auswertung, dass die durchschnittliche Person of Color in allen bis auf 6 in einem Viertel mit höherer städtischer Hitzeinsel-Intensität lebt als eine nicht hispanische weiße Person. Ähnlich ist es bei Haushalten unter der Armutsgrenze. Warum Städte sich überhaupt stärker aufheizen, erklärt der Eintrag zum Hitzeinsel-Effekt.

Umweltgerechtigkeit fragt nicht nur, wie viel Umwelt geschützt wird, sondern für wen, auf wessen Kosten und mit wessen Stimme.

Kerngedanke

Grenzen und Kritik am Begriff

Das UBA nennt den Begriff erklärungsbedürftig. In der kommunalen Praxis wird er oft mit „umweltgerecht“ oder „ökologischer Gerechtigkeit“ gleichgesetzt, obwohl beides inhaltlich abweicht, und er wird dort kritisch betrachtet, weil „Gerechtigkeit“ schon in vielen anderen Zusammenhängen verwendet wird. Außerdem überschneiden sich Rassismus und Klassismus. Wie solche Diskriminierungsformen zusammenwirken, beschreibt die Intersektionalität.

Was du tun kannst

  1. Frage im Umweltamt deiner Stadt nach Daten zu Lärm, Luft und Hitze je Stadtteil und danach, ob sie mit Sozialdaten zusammen betrachtet werden. Je nach Behörde gilt das Bundesgesetz oder ein Landesgesetz, etwa das Umweltinformationsgesetz Nordrhein-Westfalen.
  2. Achte bei Bürgerbeteiligung darauf, wer nicht am Tisch sitzt, und sprich diese Gruppen gezielt an.
  3. Lies die Böll-Kurzstudie „Der Elefant im Raum“ zu Umweltrassismus in Deutschland, sie ist frei verfügbar.

Quellen: Bullard, R. D. (1990): Dumping in Dixie: Race, Class, and Environmental Quality. Westview Press / United Church of Christ (2007): Toxic Wastes and Race at Twenty, 1987 bis 2007, Einleitung / Principles of Environmental Justice, verabschiedet beim First National People of Color Environmental Leadership Summit, 24. bis 27. Oktober 1991 / Executive Order 12898 vom 11. Februar 1994, Federal Register / Executive Order 14173 vom 21. Januar 2025, Abschnitt 3 (a) (i), Federal Register / Böhme, C. et al. (2015): Umweltgerechtigkeit im städtischen Raum. Umwelt & Gesundheit 01/2015, Umweltbundesamt / Ituen, I.; Tatu Hey, L. (2021): Der Elefant im Raum, Umweltrassismus in Deutschland. Heinrich-Böll-Stiftung / Aarhus-Konvention, Status der Vertragsparteien, United Nations Treaty Collection / § 3 Umweltinformationsgesetz (UIG) / Fairburn, J. et al. (2019): Social Inequalities in Exposure to Ambient Air Pollution, a Systematic Review in the WHO European Region. International Journal of Environmental Research and Public Health 16(17) / Rüttenauer, T. et al. (2025): Breathing unequal air, environmental disadvantage and residential sorting of immigrant minorities in England and Germany. Social Forces 104 / Diekmann, A.; Meyer, R. (2010): Demokratischer Smog? Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 62, S. 437 bis 457 / Mohai, P.; Saha, R. (2015): Which came first, people or pollution? Environmental Research Letters 10 (11) / Hsu, A. et al. (2021): Disproportionate exposure to urban heat island intensity across major US cities. Nature Communications 12 / IPCC (2022): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe II, Summary for Policymakers, Abschnitt B.2 / IPCC (2022): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe III, Summary for Policymakers, Abschnitt B.3


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