Klima & Erde

Klimatrauer: Wenn die Nachrichten dich erdrücken. Und das ist normal.

Klimatrauer ist keine Schwäche: Was Studien zu Eco-Grief und Klimaangst zeigen, wen die Last stärker trifft und was nach der Forschung hilft.

9 Min. Lesezeit15. Juli 2026
A woman enjoys a peaceful moment in the serene rural landscape of Andenne, Belgium.

⏱ Lesezeit: ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Klimatrauer ist keine Diagnose, sondern ein Name für eine nachvollziehbare Reaktion auf reale Verluste. Die Forschung beschreibt solche Gefühle als normal und oft konstruktiv.
  • In einer Umfrage unter 10.000 jungen Menschen in zehn Ländern sagten mehr als 45 Prozent, ihre Gefühle zum Klimawandel beeinträchtigten ihren Alltag.
  • Die Last ist ungleich verteilt, und die Antwort liegt nicht nur beim Einzelnen. Hilfreich sind Gespräche, überschaubare Schritte und bei anhaltender Belastung professionelle Unterstützung.

Inhaltshinweis

Dieser Text spricht über Trauer, Angst und Ohnmacht angesichts der Klimakrise. Er informiert und stellt keine Diagnose, er ersetzt auch keine Beratung oder Therapie.

Wenn dich die Gefühle über längere Zeit stark belasten, such dir Unterstützung bei Hausärzt*innen, Psychotherapeut*innen oder Beratungsstellen. Die TelefonSeelsorge ist kostenfrei, anonym und Tag und Nacht erreichbar: 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.

Du öffnest die App, liest drei Meldungen über Waldbrände, Artensterben und Gletscherschmelze, und irgendwie schaffst du es danach nicht mehr, in den Tag zu starten. Nicht weil du faul bist. Sondern weil dich gerade etwas erdrückt. Dafür gibt es Begriffe: Klimatrauer, im Englischen Eco-Grief oder ecological grief. Die Forschung beschreibt solche Gefühle als verbreitet und nachvollziehbar, nicht als Schwäche.[1]

Dieser Artikel ordnet ein, was Klimatrauer ist und was nicht, wie verbreitet sie nach Studien ist, wen die Last unterschiedlich stark trifft und was nach der Forschungslage helfen kann.

Was Klimatrauer ist, und was nicht

Der Begriff Solastalgie geht auf Glenn Albrecht zurück. In einem Aufsatz von 2007 beschreiben Albrecht und Kolleg*innen damit die Belastung durch Umweltveränderungen, während Betroffene in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Anders als beim Heimweh entsteht sie nicht durch das Weggehen, sondern dadurch, dass sich der Ort selbst verändert. Die Studien betrafen anhaltende Dürre im ländlichen New South Wales und den großflächigen Tagebau im Upper Hunter Valley. In beiden Fällen erlebten die Befragten negative Gefühle, verstärkt durch das Empfinden von Ohnmacht und fehlender Kontrolle über die Veränderung.[2]

Für den Schmerz über ökologische Verluste gibt es den Begriff ecological grief. Cunsolo und Ellis beschreiben 2018, dass der Klimawandel Landschaften und Ökosysteme schrittweise verändert und bei Menschen mit enger Bindung an die Natur Gefühle von Verlust auslösen kann. Sie stützen sich auf eigene Forschung in Nordkanada und im australischen Wheatbelt und argumentieren: Trauer ist eine natürliche und legitime Reaktion auf ökologischen Verlust, und sie könnte mit den Folgen der Klimakrise häufiger werden.[3]

Klimatrauer ist dabei nur eine von mehreren Gefühlslagen. Pihkala wertete 2020 Studien aus vielen Fachgebieten aus. Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit scheinen für Klimaangst wichtige Faktoren zu sein, und die meisten Formen sind nicht klinisch. Es gibt aber auch Fälle, die als krankhaft beschrieben werden.[4] Der Bericht der American Psychological Association (APA) und von ecoAmerica hält fest: Furcht, Wut, Ohnmacht oder Erschöpfung beim Gedanken an den Klimawandel sind keine psychische Erkrankung. Sie können aber eine Quelle von Stress und Traurigkeit sein, und wenn die Angst im Verhältnis zur Bewältigungsfähigkeit zu groß wird, kann sie die psychische Gesundheit beeinträchtigen.[5] Clayton betont deshalb, zwischen angepasster und nicht angepasster Angst zu unterscheiden.[6]

Klimatrauer ist also keine klinische Diagnose. Der Begriff benennt eine Erfahrung, die viele Menschen machen und die lange kaum Platz im öffentlichen Gespräch hatte.

Wie verbreitet ist das?

Eine große internationale Befragung stammt von Hickman und Kolleg*innen. Nach eigener Angabe war sie die erste großangelegte weltweite Untersuchung zu Klimaangst bei Kindern und Heranwachsenden. Sie befragten im Mai und Juni 2021 online 10.000 Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in zehn Ländern: Australien, Brasilien, Finnland, Frankreich, Indien, Nigeria, den Philippinen, Portugal, dem Vereinigten Königreich und den USA, je 1.000 pro Land. 59 Prozent waren sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel, 84 Prozent mindestens mäßig. Mehr als die Hälfte nannte jeweils die Gefühle traurig, ängstlich, wütend, machtlos, hilflos und schuldig.[7]

Mehr als 45 Prozent sagten, die Gefühle beeinträchtigten ihren Alltag und ihr Funktionieren. 75 Prozent denken, die Zukunft sei beängstigend, 83 Prozent, dass Menschen es versäumt haben, sich um den Planeten zu kümmern. Die Regierungen bewerteten die Befragten negativ und berichteten mehr Gefühle von Verrat als von Beruhigung. Belastung und Angst hingen damit zusammen, wie unzureichend die Reaktion der Regierung wahrgenommen wurde.[7]

59 %der 16- bis 25-Jährigen waren sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel
45 %sagten, ihre Gefühle beeinträchtigten Alltag und Funktionieren
75 %denken, die Zukunft sei beängstigend

Einordnung

Die Befragung erfasst Gedanken und Gefühle, keine Diagnosen. Sie betrifft Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, wurde online über die Plattform Kantar durchgeführt und von der Organisation Avaaz finanziert, wie die Studie selbst angibt. Die Zusammenhänge mit der Bewertung der Regierungen sind Korrelationen und sagen nichts über Ursache und Wirkung.

Der APA-Bericht nennt für US-Stichproben, dass sich 5 bis 9 Prozent mit klinisch bedeutsamen Folgen wie Schlaf- oder Arbeitsproblemen oder aufdrängenden Gedanken „oft“ oder „fast immer“ beschrieben, 17 bis 27 Prozent mindestens „manchmal“. Viele Menschen fühlen also etwas, deutlich beeinträchtigt ist ein kleinerer Teil.

Wer die Last stärker trägt

Die psychischen Folgen der Klimakrise treffen nicht alle gleich. Der APA-Bericht schreibt, die Belastungen träfen vor allem Gruppen, die durch historische und heutige Machtverhältnisse benachteiligt sind. Genannt werden People of Color, Indigene, Migrant*innen, Menschen mit Behinderungen, Ältere, Frauen, Kinder und LGBTQIA+-Personen. Soziale Ungleichheit bringe sie häufiger an die Frontlinie der Klimafolgen, und die Klimakrise verschärfe zugleich die sozialen Faktoren, die ihre psychische Gesundheit belasten. Als Beispiel nennt der Bericht: Hitze kann Stimmungs- und Angststörungen befeuern. Wer eine Behinderung oder eine bestehende psychische Erkrankung hat oder im Freien arbeitet, kann anfälliger für psychische Schwierigkeiten sein.[5]

Der Bericht betont auch Grenzen: Keine dieser Gruppen ist einheitlich, und die Auswirkungen hängen davon ab, wie viele Formen von Diskriminierung zusammenkommen. Die Erfahrung einer Indigenen Frau lässt sich nicht aus den Erfahrungen von Frauen und Indigenen zusammenrechnen.[5] Zudem stammt der Bericht aus den USA und bildet Deutschland nur begrenzt ab. Wie Ursachen und Folgen der Krise global ungleich verteilt sind, beschreibt das Lexikon unter Klimagerechtigkeit.

Auch außerhalb der USA zeigt der Bericht hohe Belastungen. Er zitiert eine Studie aus Tuvalu, einem vom Klimawandel stark gefährdeten Land: 95 Prozent berichteten Belastung durch den Klimawandel, bei 87 Prozent beeinträchtigte sie das normale Funktionieren.[5]

Warum Nachrichten allein nicht reichen

Katastrophenbilder ziehen Aufmerksamkeit, wecken aber nicht automatisch Handlungsbereitschaft. O’Neill und Nicholson-Cole untersuchten 2009 in zwei empirischen Studien, wie Angstbilder zum Klimawandel wirken. Ergebnis: Furcht ist generell ein schwaches Mittel, um persönliches Engagement zu wecken. Am meisten beteiligten sich die Befragten bei nicht bedrohlichen Bildern, die an ihre alltäglichen Gefühle und Sorgen anknüpften.[8]

Das heißt nicht, dass du Nachrichten meiden musst. Nach Pihkala zeigt sich Klimaangst auch als „praktische Angst“: Sie führt dazu, neue Informationen zu sammeln und Handlungsmöglichkeiten neu zu bewerten. Lähmende Formen beschreibt er als Problem.[4] Der APA-Bericht verweist außerdem auf eine Studie von 2019: Studierende, die selbst kaum Katastrophen erlebt hatten, zeigten nach Social-Media-Diskussionen über ein akutes Ereignis mehr Stress, Depression und Angst.[5] Wie viel Nachrichten dir guttun, ist also eine persönliche Frage, und dir darf es zu viel werden.

Trauer ist kein Versagen

Eine Übersichtsarbeit von Ojala und Kolleg*innen aus dem Jahr 2021 kommt zum Schluss: Negative Gefühle zu Umweltproblemen sind normale und oft konstruktive Reaktionen. Sorge kann auch motivieren, und es braucht Wege, die zur jeweiligen Lebenssituation und Kultur passen.[1]

Renée Lertzman wendet in ihrem Buch „Environmental Melancholia“ psychoanalytische Theorie und psychosoziale Forschung auf die Frage an, warum öffentliche Beteiligung und Apathie beim Klimathema so häufig sind.[9] Das Magazin Grist zitiert 2016 aus ihrem Buch: Es gelte, unbewusste Prozesse wie Verleugnung, Projektion, Abspaltung und Apathie möglichst genau zu verstehen.[10] Es geht ihr also darum, Rückzug und Apathie psychologisch zu verstehen.

Hinzu kommt eine politische Ebene. Clayton hält fest: Ein Fokus auf die individuelle psychische Gesundheit sollte nicht von der gesellschaftlichen Antwort ablenken, die für den Umgang mit dem Klimawandel nötig ist.[6] Das passt zu den Befunden zur Regierungsreaktion. Du darfst Unterstützung für dich suchen und trotzdem erwarten, dass Politik und Wirtschaft ihren Teil tun.

Klimatrauer ist eine normale Reaktion auf reale Verluste, und die Antwort darauf liegt nicht nur beim Einzelnen.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Gib dem Gefühl einen Namen. Trauer um Arten, Orte und Zukunftsbilder ist nach Cunsolo und Ellis eine legitime Reaktion. Du musst sie nicht wegerklären.[3]
  2. Sprich mit Menschen, die zuhören. Nach dem APA-Bericht ist soziale Unterstützung in der Forschung zu Katastrophen ein wichtiger Schutzfaktor, und mehr Unterstützung hängt mit weniger psychischer Belastung zusammen.[5] Lertzman erzählt, dass ihr selbst ein Gespräch mit anderen geholfen hat. Das ist ein Erfahrungsbericht, kein Wirkungsnachweis.[10] Gesprächsrunden und lokale Gruppen können solche Räume sein.
  3. Such dir einen überschaubaren Schritt. Laut APA-Bericht kann umweltbezogenes Handeln auch der eigenen psychischen Gesundheit nützen. Das stammt allerdings aus der Forschung zu Katastrophen.[5] Zwei Befragungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Schweden fanden: Hoffnung, die das Problem ernst nimmt, hing mit mehr umweltbewusstem Verhalten zusammen, Hoffnung aus Verleugnung dagegen mit weniger.[11] Anknüpfungspunkte findest du unter Aktivismus.
  4. Dosiere Nachrichten. Feste Zeiten und Pausen helfen manchen Menschen. Das ist ein Alltagstipp, keine geprüfte Methode.
  5. Hol dir Unterstützung, wenn es nicht nachlässt. Beeinträchtigen die Gefühle über längere Zeit Schlaf, Arbeit oder Alltag oder drängen sich Gedanken ständig auf, sind Hausärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Beratungsstellen die richtigen Ansprechstellen. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenfrei und Tag und Nacht unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.[12]

Quellen

[1] Ojala, M., Cunsolo, A., Ogunbode, C. A., Middleton, J. (2021): Anxiety, Worry, and Grief in a Time of Environmental and Climate Crisis: A Narrative Review. Annual Review of Environment and Resources 46, 35-58. doi.org

[2] Albrecht, G. et al. (2007): Solastalgia: the distress caused by environmental change. Australasian Psychiatry 15 (Supplement 1), S95-S98. doi.org

[3] Cunsolo, A., Ellis, N. R. (2018): Ecological grief as a mental health response to climate change-related loss. Nature Climate Change 8, 275-281. doi.org

[4] Pihkala, P. (2020): Anxiety and the Ecological Crisis: An Analysis of Eco-Anxiety and Climate Anxiety. Sustainability 12 (19), 7836. doi.org

[5] American Psychological Association, ecoAmerica (2021): Mental Health and Our Changing Climate: Impacts, Inequities, Responses (2021 Edition). ecoamerica.org (PDF)

[6] Clayton, S. (2020): Climate anxiety: Psychological responses to climate change. Journal of Anxiety Disorders 74, 102263. doi.org

[7] Hickman, C. et al. (2021): Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. The Lancet Planetary Health 5 (12), e863-e873. doi.org

[8] O’Neill, S., Nicholson-Cole, S. (2009): Fear Won’t Do It: Promoting Positive Engagement With Climate Change Through Visual and Iconic Representations. Science Communication 30 (3), 355-379. doi.org

[9] Lertzman, R. (2015): Environmental Melancholia: Psychoanalytic Dimensions of Engagement. London: Routledge. doi.org

[10] Smith, H. (18.02.2016): A talking cure for climate-based depression? It worked for Renee Lertzman. Grist. grist.org

[11] Ojala, M. (2012): Hope and climate change: the importance of hope for environmental engagement among young people. Environmental Education Research 18 (5), 625-642. doi.org

[12] TelefonSeelsorge Deutschland: Kontakt und Erreichbarkeit (abgerufen im Oktober 2026). telefonseelsorge.de

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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