- Die EMMA wird nach fast 50 Jahren eingestellt: Die letzte Ausgabe erscheint am 8. Dezember 2026, das Archiv soll nach Marbach gehen.
- Das Magazin hat Themen wie Gewalt gegen Frauen, Abtreibung und Care-Arbeit in die Öffentlichkeit gebracht und wurde zugleich seit Jahren für transfeindliche Positionen und pauschale Bilder von Muslim*innen kritisiert.
- Der Rückzug eines Magazins, das sich auf wenige Perspektiven konzentrierte, lässt Platz für einen Feminismus, der trans Personen, Schwarze Frauen und Frauen of Color nicht als Randthema behandelt.
Am 8. Dezember 2026 erscheint die letzte Ausgabe der EMMA, knapp 50 Jahre nach der ersten vom 26. Januar 1977. Die damals gegründete Zeitschrift sollte nach Angaben der Wikipedia mit rund 200.000 Exemplaren starten.[1] Nun ist es vorbei: Alice Schwarzer hat gegenüber der Deutschen Presse-Agentur angekündigt, dass die EMMA eingestellt wird.[2]
Dass die EMMA eingestellt wird, ist eine Zäsur für den deutschen Feminismus. Dieser Artikel ordnet ein, was das Magazin geleistet hat, warum es für viele Menschen zu einem Ort der Ausgrenzung wurde und was daraus für den Feminismus folgen kann. Wir wollen dabei weder verklären noch nachtreten, sondern genau hinschauen.
EMMA eingestellt: Was bisher bekannt ist
Laut dpa begründet Schwarzer den Schritt nicht mit Geld. Die Einnahmen deckten weiterhin die Ausgaben, auch wenn die Auflage sinke. Sie sagt: „Wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“ Die 83-Jährige betont, das Magazin habe über drei Generationen Position bezogen, auch gegen „Unsinn im Namen des Feminismus“.[2]
Die letzte Ausgabe soll doppelt so umfangreich ausfallen wie sonst. Die Redaktion will darin die „wichtigsten 50 Themen“ Revue passieren lassen. Das Archiv soll in den Bestand des Deutschen Literaturarchivs Marbach aufgenommen werden.[2] Die vorletzte Ausgabe erscheint laut taz am 27. Oktober.[3]
Zur Auflage gibt es keine aktuellen Zahlen, denn der Verlag nennt sie seit 2024 nicht mehr. Die EMMA meldet seit 2007 keine Auflage mehr an die IVW, die Zahlen stammen also von ihr selbst und sind nicht unabhängig geprüft. Für 2023 nennt die Wikipedia nach Verlagsangaben eine Druckauflage von 34.300 und eine verbreitete Auflage von 25.660 Exemplaren.[1] Dazu kamen Abokündigungen: Schwarzer räumte 2024 ein, dass nach ihrer Haltung zum Ukraine-Krieg etwa jede fünfte Leserin ihr Abo gekündigt habe.[2]
Was die EMMA geleistet hat
Zur fairen Einordnung gehört, was die EMMA verändert hat. Die Zeitschrift entstand 1976 als Projekt eines Kollektivs um Alice Schwarzer. Schwarzer finanzierte den Start laut Wikipedia mit 250.000 D-Mark aus eigenen Autorenhonoraren.[1] Ein Magazin, das ohne Konzern oder Stiftung im Rücken fast fünf Jahrzehnte durchhält, ist in der deutschen Medienlandschaft selten.
Inhaltlich machte sie früh Themen sichtbar, die zuvor kaum öffentlich besprochen wurden. Die Wikipedia nennt unter anderem Proteste gegen weibliche Genitalverstümmelung (1977), die Thematisierung sexuellen Missbrauchs (1978), die Forderung nach Ganztagsschulen und die Unterstützung des Girls’ Day.[1] Die taz würdigt in ihrem Kommentar außerdem den Einsatz für das Recht auf Abtreibung und dafür, Care-Arbeit als Arbeit zu begreifen.[4] Die Absicht war also von Anfang an eine politische: Frauen sollten in Beruf, Familie und Gesellschaft dieselben Chancen bekommen wie Männer.
Wichtig ist auch der Blick auf die Zeit. In den 1970er Jahren hatten Frauen in der Bundesrepublik viele Rechte noch nicht, und eine feministische Zeitschrift war eine Provokation. Diese Leistung bleibt, auch wenn der Kontext, in dem sie entstand, heute kritisch betrachtet wird.
Wessen Perspektive im Mittelpunkt stand
Hier setzt die Kritik an. Die taz-Autorin Carolina Schwarz schreibt in ihrem Kommentar, der Feminismus der 1970er und 1980er Jahre habe vor allem die Belange weißer, kinderloser Frauen in der Bundesrepublik in den Mittelpunkt gestellt.[4] Das ist eine Einschätzung der Autorin und kein Befund aus einer Studie, wirft aber eine Frage auf, die sich für jede Bewegung stellt: Wer spricht, und über wen wird gesprochen?
Für die EMMA zeigt sich das an mehreren Stellen. Beim Thema Islam und Kopftuch kampagnisierte das Magazin seit 1979.[1] Nach der Kölner Silvesternacht beschrieb Schwarzer die Täter als „fanatisierte Anhänger des Scharia-Islam“. Islamwissenschaftler*innen hielten die Darstellung des Islams in der EMMA für zu undifferenziert und pauschalisierend, und es gab Widerspruch, weil die Übergriffe wenig mit islamischer Ideologie zu tun gehabt hätten.[2] Der taz-Kommentar wirft Schwarzer „rassistische Stereotype“ über migrantische und vor allem muslimische Männer vor.[4] Schwarzer weist Rassismusvorwürfe zurück.[2]
Das Problem liegt aus intersektionaler Sicht nicht darin, Missstände in religiösen Gemeinschaften zu benennen. Es liegt darin, wenn muslimische Frauen als Gruppe vor allem Objekte von Kampagnen sind und selten Autorinnen ihrer eigenen Geschichte. Ein Othering, das Frauen mit Kopftuch zu den „Anderen“ macht, schützt sie nicht, sondern spricht über sie hinweg.
Einordnung
Die Kritik an der EMMA wird in den hier verwendeten Quellen teils als Kommentar formuliert, etwa im taz-Beitrag von Carolina Schwarz. Wir geben sie deshalb als Positionen wieder und nennen, wo sie sich auf belegte Äußerungen stützt. Alice Schwarzer weist Transfeindlichkeits- und Rassismusvorwürfe zurück.
Wie die EMMA über trans Personen berichtete
Am deutlichsten ist die Kritik beim Thema Transgeschlechtlichkeit. Zur Einordnung zwei Begriffe: Die Geschlechtsidentität beschreibt, als wer sich jemand erlebt, also als Frau, Mann, nichtbinär oder anders. Das körperliche Geschlecht beschreibt Merkmale des Körpers. Beides fällt nicht immer zusammen, und trans Frauen sind Frauen, auch wenn ihnen bei der Geburt ein anderes Geschlecht zugewiesen wurde.
2022 veröffentlichten Schwarzer und die EMMA-Redakteurin Chantal Louis die Streitschrift „Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“. Laut dpa lehnt Schwarzer das geplante Selbstbestimmungsgesetz ab, kritisiert besonders die Möglichkeit eines Geschlechtswechsels ab 14 Jahren und spricht von einer regelrechten „Trans-Mode“. Zur Zahl der Fälle sagt sie: „Es wird zum Massenphänomen.“ Sie vermutet zudem kommerzielle Interessen bei Therapeut*innen und der Pharmaindustrie.[5]
Der damalige Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, widersprach: Schwarzer könne von außen nicht beurteilen, was trans Menschen bewegt. Trans sei keine Modeerscheinung, und das Selbstbestimmungsgesetz regle nur den amtlichen Personenstand, keine medizinischen Fragen.[5] Auch der Jurist Max Kolter kritisierte 2023 in der Legal Tribune Online, Schwarzer unterscheide „ohne empirische Belege“ zwischen „unechten“ und „echten Transsexuellen“. Er nannte das eine Anmaßung.[6]
Hinzu kommt ein Fall aus dem Jahr 2022. Am 19. Januar 2022 veröffentlichte die EMMA online den Text „Ganserer: Die Quotenfrau“. Im Anreißer heißt es, der „physische und juristische Mann Markus/Tessa Ganserer“ sitze für die Grünen im Bundestag. Der frühere Vorname, der Deadname, wird im Text durchgehend genannt. Der Text stellt die Position einer Initiative dar, die im November 2021 beim Wahlprüfungsausschuss des Bundestags Widerspruch gegen die Anerkennung von Ganserers Mandat eingelegt hatte.[7] Der Kommentator Io Görz warf der EMMA vor, einen Angriff als „Bericht“ getarnt und Ganserer das Frausein abgesprochen zu haben.[10]
Zur Einordnung gehört auch: 63 Beschwerden gingen deswegen beim Presserat ein, darunter von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Der Beschwerdeausschuss wies sie laut einem EMMA-Bericht vom Juni 2022 einstimmig als unbegründet zurück. Er sah in dem Text eine zulässige journalistische Behandlung eines sensiblen Themas ohne pauschale und abwertende Äußerungen über Transpersonen.[9] Berufsethisch wurde die EMMA also nicht gerügt. Die Wirkung bleibt trotzdem: Wer eine trans Frau öffentlich als Mann bezeichnet und mit ihrem abgelegten Namen nennt, spricht ihr ihre Identität ab.
2023 forderten 33 Autor*innen und Künstler*innen in einem offenen Brief, einen Auftritt Schwarzers beim Literarischen Herbst in Leipzig abzusagen. Sie warfen ihr „transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen und Publikationen“ vor. Schwarzer wies das zurück, kritisiert aber die „neue Transideologie“. Die Veranstalter hielten am Termin fest.[2],[8] Die taz erklärt, dass rechte und transfeindliche Akteure das Wort „Transideologie“ nutzen, um trans Personen zu unterstellen, andere zur Transgeschlechtlichkeit verführen zu wollen. Das widerspreche der Tatsache, dass Menschen nicht entscheiden, trans zu sein.[3]
Warum diese Berichterstattung trans Personen schadet
Diese Einordnung ist unsere eigene und beruht auf den genannten Quellen: Wenn ein reichweitenstarkes Magazin über Jahre die Echtheit von trans Identitäten infrage stellt, bleibt das nicht abstrakt. Trans Personen werden dadurch als Streitfall behandelt, über den cis Menschen urteilen dürfen, statt als Menschen, die sich selbst am besten kennen. Transfeindlichkeit hat konkrete Folgen: Sie beeinflusst Debatten über Gesetze, über Schutzräume und über das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.
Besonders für trans Frauen ist die Lage heikel, weil sie als Frauen dort ausgeschlossen werden, wo ein feministisches Magazin eigentlich Solidarität erwarten ließe. Dieses Muster beschreibt das Lexikon als Transmisogynie, die Überschneidung von Frauenfeindlichkeit und Transfeindlichkeit. Auch für trans Männer ist die These heikel: Wer Transsein als Reaktion junger Mädchen auf widersprüchliche Rollenbilder erklärt, wie es Schwarzer laut dpa tut, nimmt ihnen die Selbstdeutung ihrer Identität ab.[5]
Fair bleibt: Es gibt auch in der Gesellschaft eine ehrliche Diskussion darüber, wie Gesetze für Minderjährige gestaltet werden sollen. Diese Fragen lassen sich aber stellen, ohne trans Personen Echtheit abzusprechen. Genau diese Trennung hat die EMMA in der Wahrnehmung vieler nicht geleistet.
Ein Feminismus, der nur eine Gruppe von Frauen in den Mittelpunkt stellt, lässt die anderen allein, und genau das macht ihn schwächer.
Kerngedanke
Was nach der EMMA möglich ist
Ein Ende ist auch ein Anfang. Die taz fordert in ihrem Kommentar ein neues feministisches Magazin, das sich nicht um eine Person dreht und Diskriminierung aller Menschen im Patriarchat in den Blick nimmt.[4] Dass diese Forderung laut wird, ist ein gutes Zeichen: Die Bewegung hat sich längst weiterentwickelt, und viele Stimmen sind bereits da.
Dazu gehört die Einsicht, die Kimberlé Crenshaw schon 1989 mit dem Begriff der Intersektionalität benannt hat: Diskriminierung wirkt nicht in getrennten Schubladen. Eine Schwarze trans Frau erlebt Sexismus, Rassismus und Transfeindlichkeit gleichzeitig, und ein Feminismus, der nur eines davon sieht, sieht sie nicht. Ein breiterer Feminismus macht den alten nicht ungültig. Er baut auf dem auf, was erkämpft wurde, etwa beim Thema Gewalt gegen Frauen, und weitet den Blick.
Gleichzeitig lohnt es sich, differenziert zu bleiben. Gute Absicht und gute Wirkung sind zwei verschiedene Dinge. Wer Schwarzers Verdienste anerkennt, muss die Kritik nicht kleinreden, und wer die Kritik teilt, muss die Verdienste nicht leugnen. Genau dieses Nebeneinander ist die Chance: Eine Bewegung, die mit eigenen Fehlern umgehen kann, wird glaubwürdiger.
Was du tun kannst
Eine neue Stimme lesen. Wähle diese Woche einen Text, ein Buch oder einen Newsletter von Feminist*innen, die nicht deiner eigenen Perspektive entsprechen, etwa von trans Frauen, Schwarzen Autor*innen oder muslimischen Feminist*innen.
Nachfragen statt über andere zu sprechen. Wenn es um Gruppen geht, die du nicht bist, hilft die Frage, ob Betroffene selbst zu Wort kommen.
Archive und Debatten nutzen. Wenn das EMMA-Archiv in Marbach zugänglich ist, kann es helfen, 50 Jahre feministische Diskussionen im Original nachzulesen, mit Respekt für Verdienste und mit klarem Blick auf Ausschlüsse.
Fazit: Aus dem Ende kann Weite werden
Die EMMA hat Themen laut gemacht, die lange kein Gehör fanden, und sie hat zugleich Menschen ausgeschlossen, vor allem trans Personen und muslimische Frauen. Beides gehört zu ihrer Geschichte. Dass das Magazin nun endet, ist kein Grund für Häme und kein Grund für Verklärung. Es ist eine Gelegenheit, den Feminismus so zu bauen, dass alle darin Platz haben, die von Sexismus betroffen sind: cis Frauen, trans Frauen, trans Männer, nichtbinäre und intergeschlechtliche Personen, Schwarze Frauen und Frauen of Color.
Quellen
[1] Wikipedia (abgerufen 24.10.2026): Emma (Zeitschrift). Gründung, Kampagnen, Auflagenzahlen. Hinweis: Die Auflagenzahlen sind Verlagsangaben, die IVW-Primärquelle (seit 2007 keine Meldung) und die Verlags-Mediadaten waren nicht abrufbar. de.wikipedia.org
[2] ZDFheute / dpa (21.10.2026): Aus für „Emma“: Alice Schwarzer stellt Frauenmagazin ein. zdfheute.de
[3] taz / dpa (21.10.2026): Feministisches Magazin „Emma“ wird eingestellt: Was steckt dahinter? taz.de
[4] Carolina Schwarz, taz (21.10.2026), Kommentar: Warum „Emma“ dem Feminismus zuletzt mehr schadete als nutzte. taz.de
[5] Eva Maria Braungart und Christoph Driessen, dpa / Berliner Zeitung (28.03.2022): Streit um Transsexualität und Selbstbestimmungsgesetz mit Alice Schwarzer. berliner-zeitung.de
[6] Max Kolter, Legal Tribune Online (23.08.2023): Absurde Diskussionen ums Selbstbestimmungsgesetz: Hören wir auf die Betroffenen! lto.de
[7] EMMA online (19.01.2022): Ganserer: Die Quotenfrau (Originaltext, Autor*in nicht genannt). emma.de
[8] Marlen Hobrack, der Freitag (20.10.2023): Wegen Transfeindlichkeit: Protestbrief gegen Alice Schwarzer. freitag.de
[9] EMMA online (Juni 2022): Keine Rüge für „transphobe“ EMMA (eigener Bericht der EMMA über die Entscheidung des Presserats). emma.de
[10] Io Görz, inFranken.de (26.01.2022), Kommentar: Absurde, transfeindliche Initiative gegen Tessa Ganserer. infranken.de



