Queere Menschen in der Agenda 2030: Der blinde Fleck der Nachhaltigkeit

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Die Vereinten Nationen haben sich mit der Agenda 2030 verpflichtet, niemanden zurückzulassen. Im Wortlaut der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung kommen queere Menschen nicht vor. Was das bedeutet, und was sich bewegt.

17 Ziele, ein Versprechen und eine Lücke

2015 verabschiedeten 193 Staaten die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Das Herzstück: 17 Sustainable Development Goals (SDGs), die bis 2030 eine gerechte, nachhaltige Welt schaffen sollen. Ihr zentrales Versprechen heißt „Leave no one behind“. Auf Deutsch: Niemanden zurücklassen.

Doch wer genau mitgemeint ist, bleibt im Vagen. Queere Menschen tauchen im Wortlaut der 17 Ziele nicht auf. Nicht im SDG 3 (Gesundheit), nicht im SDG 10 (Ungleichheiten reduzieren), nicht im SDG 16 (Frieden und Gerechtigkeit). Das ist kein Versehen. Es ist ein politischer Kompromiss. Und er hat reale Folgen.

Warum das Schweigen problematisch ist

Ziele, die nicht benennen, wen sie erreichen wollen, messen am Ende auch nicht, ob sie es getan haben.

In 63 UN-Mitgliedstaaten sind nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen unter Strafe gestellt, in 12 davon droht die Todesstrafe. Das belegt die BMZ-Übersicht zu LSBTIQ+-Rechten in der Entwicklungszusammenarbeit. Wer in diesen Ländern „niemanden zurücklassen“ vorhat, muss konkret benennen, wen er meint. Tut er es nicht, bleibt Ausgrenzung unsichtbar: in Statistiken, in Programmen, in Fördergeldern.

Was explizit vorkommt und was fehlt

SDG 5 zielt auf Geschlechtergleichheit. Das klingt relevant, bezieht sich im UN-Kontext aber primär auf cis Frauen und Mädchen. Trans* Personen, nicht-binäre Menschen und die Frage nach sexueller Orientierung sind im Rahmen von SDG 5 nicht mitgedacht.

SDG 10 will Ungleichheiten reduzieren und enthält die Formulierung, Diskriminierung unabhängig verschiedener Merkmale zu bekämpfen. Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind darin nicht aufgeführt.

Das schafft eine merkwürdige Situation: Das Prinzip „Leave no one behind“ schließt queere Menschen theoretisch ein. Aber ohne Nennung gibt es keine Berichtspflicht, keine Indikatoren, keine systematische Datenerhebung. Was nicht gezählt wird, zählt nicht.

Was sich bewegt: in Deutschland und Europa

Auf EU-Ebene hat sich seit 2020 einiges getan. Die LGBTIQ-Gleichstellungsstrategie 2020-2025 legte erste Grundlagen. Seit Oktober 2025 gilt die neue EU-LGBTIQ+ Gleichstellungsstrategie 2026-2030 mit drei Säulen: Schutz vor Gewalt, ein diskriminierungsfreies Leben und gesellschaftliche Einbindung auf allen Ebenen. Das Förderbudget: bis zu 3,6 Milliarden Euro über das CERV+-Programm.

Deutschland setzt seit März 2021 ein eigenes LSBTIQ+-Inklusionskonzept in der Entwicklungszusammenarbeit um. Das BMZ verankert damit queere Perspektiven ausdrücklich als Querschnittsthema und verknüpft es direkt mit dem „Leave no one behind“-Prinzip der Agenda 2030. Konkrete Projekte laufen in Südafrika, Guatemala, Kamerun, Serbien und Ecuador.

Das sind echte Fortschritte. Sie bleiben aber innerhalb eines Systems ohne globale Verbindlichkeit.

Was „Leave no one behind“ wirklich bräuchte

3 strukturelle Lücken bleiben:

Explizite Nennung. Queere Menschen müssen in Nachhaltigkeitszielen und Umsetzungsberichten namentlich vorkommen. Ein allgemeines Prinzip ohne Konkretisierung bleibt Rhetorik.

Systematische Datenerhebung. Wie stark queere Menschen von Armut, schlechtem Gesundheitszugang oder Wohnunsicherheit betroffen sind, lässt sich ohne entsprechende Statistiken nicht belegen. Die meisten Staaten erheben diese Daten nicht.

Universeller Schutz. Solange in 63 UN-Staaten gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert sind, ist „Leave no one behind“ ein Versprechen, das an Staatsgrenzen endet. Nachhaltige Entwicklung, die das nicht adressiert, bleibt unvollständig.

Was du tun kannst

Zivilgesellschaft füllt die Lücken, die UN-Dokumente lassen. Organisationen wie ILGA-Europe und Amnesty International setzen sich konkret für die Einbindung queerer Rechte in globale Nachhaltigkeitsdebatten ein.

Wer im deutschsprachigen Kontext aktiv werden möchte: Der LSVD und der Verband binational arbeiten an der Schnittstelle von Menschenrechten und Entwicklungspolitik.

Queere Perspektiven in Debatten einzubringen, die vermeintlich „neutral“ sind, ist selbst eine Form politischer Teilhabe. Wer in Klimadiskussionen, Bildungsräumen oder Nachhaltigkeitsgesprächen fragt, wessen Realität gerade nicht mitgedacht wird, verändert, was als selbstverständlich gilt.

Fazit

Die Agenda 2030 hat queere Menschen nicht vergessen. Sie hat sie schlicht nie ausdrücklich eingeschlossen. Das ist ein politisches Versäumnis mit messbaren Folgen: fehlende Daten, unsichtbare Diskriminierung, Fördermittel, die an den falschen Stellen ankommen.

Fortschritte gibt es, auf EU-Ebene und in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Aber das „Leave no one behind“ hat seinen Anspruch erst eingelöst, wenn es niemanden mehr braucht, der daran erinnert.


Quellen: BMZ: Agenda 2030 · BMZ: LSBTIQ+-Rechte · EU LGBTIQ+ Strategie 2026-2030


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