- Bedeutung
- Aussage mit zwei Lesarten: harmlos für die Mehrheit, eine zweite Botschaft für Eingeweihte
- Auch genannt
- Hundepfeifen-Politik, Dog Whistling
- Wirkung
- Glaubhafte Abstreitbarkeit: Der Wortlaut bleibt unauffällig, die Botschaft kommt an
- Bekannte Beispiele
- „Großer Austausch“, „Remigration“, der Zahlencode 88
- Nachweis
- Schwierig, denn Kontext, Absender, Publikum und Wiederholung entscheiden
Einfach erklärt
Ein Dogwhistle, auf Deutsch auch Hundepfeifen-Politik genannt, ist eine Aussage mit zwei Lesarten. Die breite Öffentlichkeit versteht sie als harmlos. Eine bestimmte Zielgruppe versteht sie als ganz andere, oft radikalere Botschaft. Der Name spielt auf Hundepfeifen an, deren hoher Ton für Menschen unhörbar ist, von Hunden aber wahrgenommen wird.
Ein Beispiel ist der „große Austausch“. Das klingt zunächst nach einer Beschreibung von Bevölkerungswandel. Nach dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena steht der Ausdruck in rechtsextremen Kreisen aber für die Erzählung, ein angeblicher Plan von Eliten ersetze die „Stammbevölkerung“ durch Zugewanderte. Wer das Zeichen kennt, hört die Verschwörungserzählung. Wer es nicht kennt, hört ein Schlagwort.
Das Tückische daran ist die glaubhafte Abstreitbarkeit. Wird eine Aussage kritisiert, kann die sprechende Person behaupten, sie sei harmlos gemeint gewesen. Das Zielpublikum hat die versteckte Botschaft da längst verstanden. Wer die Kritik äußert, gilt schnell als überempfindlich.
Ausführlich erklärt
Wie ein Dogwhistle funktioniert
Die Philosophin Jennifer Saul beschreibt Dogwhistling als Sprechakt, also als Handlung mit Sprache. Dogwhistles können offen oder verdeckt sein, und innerhalb dieser Gruppen absichtlich oder unabsichtlich. Sie sind laut Saul eine wirksame Form politischer Rede, weil sich Menschen damit auf eine Weise beeinflussen lassen, der sie sich bei offener Ansprache widersetzen würden. Oft werde dabei an rassistische Einstellungen angeknüpft, die bewusst abgelehnt werden. In ihrem Buch von 2023 nennt sie zwei Arten: Manche Dogwhistles tarnen Botschaften, die sonst abgelehnt würden, wie die „88“, mit der Neonazis online „Heil Hitler“ meinen. Andere wirken auf Menschen, ohne dass diese es bemerken, wie die Willie-Horton-Wahlwerbung von 1988 in den USA.
Die Forschenden Robert Henderson und Elin McCready beschreiben ein Dogwhistle als Sprache, die einer Außengruppe eine Botschaft sendet und gleichzeitig einer Innengruppe eine zweite, oft tabuisierte oder aufwieglerische. Die Sprechenden signalisieren damit zugleich ihre soziale Persona, also die Rolle, in der sie auftreten.
Dass die Tarnung einen Zweck hat, zeigt ein Experiment der Politikwissenschaftlerin Bethany Albertson. Sie testete religiöse Botschaften mit zwei nationalen Stichproben. Für die Innengruppe, die die religiösen Anspielungen verstand, waren sie überzeugend. Eine offensichtlich religiöse Botschaft konnte dagegen in der religiös vielfältigen Außengruppe negative Reaktionen auslösen, während die versteckte Bedeutung dort gar nicht ankam. Das Prinzip ist also nicht auf Rassismus beschränkt. Es beschreibt, wie sich mit doppelter Bedeutung zwei Publika gleichzeitig ansprechen lassen.
Mit impliziten Botschaften in der Wahlwerbung befasst sich Tali Mendelberg in „The Race Card“ (2001). Sie argumentiert, dass implizite rassistische Appelle wirken, wenn sie nach außen von etwas anderem handeln, etwa von Kriminalität oder Sozialleistungen. Der Politikwissenschaftler Vincent Hutchings fasst in einer Rezension zusammen, dass nach Mendelberg vier Faktoren den Erfolg erklären: Ambivalenz gegenüber Stereotypen, Zugänglichkeit und Bahnung (Priming) der Vorurteile, das Bewusstsein, sich auf rassistische Einstellungen zu stützen, und die Mehrdeutigkeit des Reizes.
Ein Dogwhistle wirkt nicht über das, was gesagt wird, sondern über das, was das Publikum darin hört.
Kerngedanke
Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum
Inhaltshinweis
Dieser Abschnitt nennt diskriminierende und rechtsextreme Begriffe, um sie einzuordnen. Sie stehen in Anführungszeichen und werden nicht übernommen.
„Großer Austausch“. Der französische Schriftsteller Renaud Camus machte die Formel 2011 mit dem Essay „Le Grand Remplacement“ bekannt, so die US-Organisation Anti-Defamation League (ADL). Das IDZ Jena beschreibt sie als Meta-Narrativ der extremen Rechten, das Themen wie Migration, Kriminalität und Elitenkritik bündelt, antimuslimischen Rassismus mit antisemitischen Stereotypen verbindet und über Parteigrenzen und Spektren hinweg anschlussfähig ist. Neu sei die Idee nicht: Die NPD schrieb 2010 in ihr Parteiprogramm, die „Systemparteien“ wollten sich durch „Austausch des Volkes“ an der Macht halten. Der Anschlag von Christchurch 2019, bei dem 51 Menschen starben, wurde von einem Attentäter begangen, dessen Manifest „The Great Replacement“ hieß. Die ADL beschreibt den Titel als Hommage an Camus.
„Remigration“. Die Jury der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ wählte den Ausdruck für das Jahr 2023 zum Unwort. Er stamme aus der Migrations- und Exilforschung und bezeichne dort vor allem freiwillige Rückkehr. In der Identitären Bewegung, in rechten Parteien und weiteren rechten bis rechtsextremen Gruppen sei er dagegen zu einem Euphemismus, also einem Schönfärbewort, für die Forderung nach Zwangsausweisung bis hin zu Massendeportationen geworden. Die Jury kritisiert ihn als „beschönigende Tarnvokabel“, die die tatsächlichen Absichten verschleiere. Ein Fachwort wird so zum Signal.
Zahlencodes und Symbole. Codes in Ziffern folgen demselben Prinzip, nur steckt die Botschaft nicht in Wörtern. Die 88 steht für „HH“, also „Heil Hitler“, die 1161 für „Anti-antifaschistische Aktion“. Wie solche Zahlen aufgebaut sind und welche rechtliche Lage gilt, erklären die Einträge Zahlencodes im Rechtsextremismus, 88 Bedeutung und 1161 Bedeutung. Auch Emojis können Dogwhistles sein. Nach Belltower.News bekommen sie, weil sie ursprünglich für andere Zusammenhänge entworfen wurden, erst im Zusammenspiel mit anderen Hinweisen eine abwertende oder rechtsextreme Aufladung.
Höhnische Codes im Netz. Kira Ayyadi dokumentiert 2022 bei Belltower.News, dass große Plattformen bestimmte Beleidigungen filtern und sperren, worauf sich Rechtsextreme neue Codes ausdenken. Beispiele sind abwertend gemeinte „Fachkräfte“, „Neubürger“ und „Kulturbereicherer“ für Zugewanderte. Das Wort „Goldstücke“ gehe auf eine Aussage des SPD-Politikers Martin Schulz von 2016 zurück. Erkennen Wortfilter einen Code, werde er variiert, etwa zu „Silberstücke“. Hier zeigt sich eine Schwäche des Prinzips: Ein Code, den viele kennen, tarnt nicht mehr.
Queerfeindliche Dogwhistles. Das Monitoring-Team de:hate der Amadeu Antonio Stiftung führt 2022 Phrasen und Hashtags auf, an denen sich laut seiner Einordnung transfeindliche Accounts untereinander erkennen, etwa „Adult human female“ oder „LGB drop the T“. Dazu kommen Kampfbegriffe wie „Degeneration“ und „Dekadenz“, die Queerness mit einem angeblichen Untergang der Gesellschaft verbinden. Mehr zum Hintergrund steht im Eintrag Queerfeindlichkeit.
Wenn die Abstreitbarkeit endet: Recht und Nachweis
Dogwhistling lässt sich schwer eindeutig nachweisen. Belltower.News hält fest, dass solche Anspielungen nur selten rechtlich geahndet werden, weil die Aussagen ohne Kontext oft harmlos erscheinen. Nützlich ist die Strategie deshalb für Gruppen, die extreme Ideologien vertreten, sich aber noch als gemäßigt präsentieren wollen.
Ein Fall zeigt, wo die Abstreitbarkeit an Grenzen stößt. Das Landgericht Halle verurteilte den AfD-Politiker Björn Höcke im Mai 2024 zu 100 Tagessätzen zu je 130 Euro, also 13.000 Euro, weil er 2021 in Merseburg die verbotene SA-Parole „Alles für Deutschland“ verwendet hatte. Das Gericht hielt den Vorsatz für erwiesen. Höcke hatte bestritten, die Parole zu kennen, und auf ein AfD-Wahlprogramm mit dem Titel „Alles für unsere Heimat“ verwiesen. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Urteile im September 2025 nach Angaben von ZDF und AFP, damit sind sie rechtskräftig. Belltower.News ordnete den Fall 2021 unter dem Titel „Dog Whistle“ ein. Rechtlich ging es um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach § 86a des Strafgesetzbuchs, nicht um Dogwhistling als solches, das im Strafgesetzbuch kein eigener Tatbestand ist.
Merke
Ein Dogwhistle erkennst du am Zusammenspiel aus Wortlaut, Absender, Publikum und Wiederholung, nicht an einem einzelnen Wort.
Grenzen des Begriffs
Nicht jede umstrittene Aussage ist ein Dogwhistle. Saul unterscheidet ausdrücklich absichtliche und unabsichtliche Fälle, und Belltower.News betont, dass erst die häufige Wiederholung eines Ausdrucks Eindeutigkeit schafft. Ein einzelner Satz reicht für den Vorwurf deshalb meist nicht. Das Prinzip der doppelten Bedeutung zeigt sich auch außerhalb von Rassismus und Rechtsextremismus, wie Albertsons Studie zu religiösen Botschaften belegt.
Was sich daraus für den Alltag ableiten lässt
Die Amadeu Antonio Stiftung formuliert als Ziel ihrer Glossare, dass nur kontern kann, wer die Codes erkennt. Dazu gehört, auf Wiederholungen und den Kontext zu achten und bei Verdacht konkret nachzufragen, was gemeint ist. Das macht die doppelte Bedeutung sichtbar, ohne eine Absicht zu unterstellen, die sich nicht belegen lässt. Das Thema berührt auch den Umgang mit Rechtsextremismus in Alltag und Netz.
Quellen: Albertson (2015): Dog-Whistle Politics: Multivocal Communication and Religious Appeals, Political Behavior 37(1) / Saul (2018): Dogwhistles, Political Manipulation, and Philosophy of Language, Oxford University Press / Saul (2023): Dogwhistles and Figleaves, Oxford University Press / Henderson und McCready (2021): Dogwhistles: Persona and Ideology, Semantics and Linguistic Theory / Hutchings (2002): Rezension zu Mendelberg, The Race Card, American Political Science Review / IDZ Jena: Fact Sheet Neorassismus, Der große Austausch kurz erklärt / ADL: Renaud Camus / Unwort des Jahres: Unwörter 2020 bis 2029 / Belltower.News: Lexikon Dog Whistling / Ayyadi (2022): Rassistische Dog Whistles, Belltower.News / Belltower.News: Hass-Emojis / de:hate (2022): Queerfeindliche Narrative und Dogwhistles, Belltower.News / LTO (14.05.2024): LG Halle verurteilt Björn Höcke zu Geldstrafe von 13.000 Euro / ZDFheute (11.09.2025): BGH, Urteile gegen Höcke rechtskräftig
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