- Bedeutung
- Umgangssprachlich für Probleme mit Konzentration, Gedächtnis und Denktempo
- Deutsch
- Gehirnnebel
- Einordnung
- Kein Diagnosebegriff, sondern die Beschreibung eines Symptoms
- Vorkommen
- Etwa bei ME/CFS, Long COVID und Lupus, auch in den Wechseljahren berichtet
Einfach erklärt
Brain Fog (deutsch: Gehirnnebel) ist ein Ausdruck von Betroffenen für anhaltende Schwierigkeiten beim Denken: langsamere Informationsverarbeitung, nachlassende Konzentration, Wortfindungsprobleme und ein unzuverlässiges Kurzzeitgedächtnis. Die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS beschreibt ihn als die von ME/CFS-Betroffenen verwendete Bezeichnung für häufig zusammen auftretende neurokognitive Symptome. Gemeint ist ein Gefühl, als seien die Gedanken „verklebt“.
Brain Fog ist keine eigene Krankheit und keine Diagnose, sondern ein Symptom. Er tritt bei verschiedenen Erkrankungen auf, etwa bei ME/CFS, bei Long COVID und bei Lupus. Eine einheitliche medizinische Definition gibt es nicht, weshalb Studien den Begriff unterschiedlich fassen.
Merke
Brain Fog ist ein Beschwerdebild mit vielen möglichen Ursachen. Dass er von außen nicht sichtbar ist, macht ihn nicht weniger real, und dass er so häufig beschrieben wird, heißt nicht, dass die Ursache geklärt wäre.
Ausführlich erklärt
Wie sich Brain Fog äußert
Laut Deutsche Gesellschaft für ME/CFS sind bei ME/CFS vor allem eine verlangsamte Informationsverarbeitung, erhebliche Wortfindungs- und Sprachstörungen, ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis und eingeschränkte Konzentration typisch. Multitasking sei häufig nicht mehr möglich. Der Brain Fog verstärke sich in der Regel durch kognitive Anstrengung wie Gespräche oder konzentriertes Lesen sowie durch aufrechtes Sitzen oder Stehen. Dieses Muster hängt mit der Post-Exertional Malaise zusammen, der Verschlechterung der Symptome nach Belastung.
Eine Meta-Analyse zu ME/CFS (Aoun Sebaiti et al. (2022), 764 Studien aus den Jahren 1988 bis 2019 gesichtet) fand Auffälligkeiten vor allem beim visuell-räumlichen Sofortgedächtnis, bei der Lesegeschwindigkeit und bei der Aufmerksamkeit. Exekutive Funktionen schienen kaum oder nicht betroffen. Das Profil ist also uneinheitlich, und die Forschenden betonen, dass dafür eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung nötig ist.
Bei welchen Erkrankungen Brain Fog vorkommt
Beim Long-COVID-Syndrom stehen laut Robert Koch-Institut neben Erschöpfung und Belastungsintoleranz kognitive Einschränkungen wie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme im Vordergrund. Auch in der US-Studie zur Definition von Long COVID (Thaweethai et al. (2023), 9.764 Erwachsene) zählte Brain Fog zu den Symptomen, die für die Bewertung ausschlaggebend waren.
Bei Lupus (systemischem Lupus erythematodes) gilt Brain Fog nach Arnaud et al. (2026) als häufig und belastend. Dort wurde 2026 mit der Lupus Brain Fog Severity Scale ein eigener Fragebogen entwickelt und an 378 Menschen mit Lupus aus 36 Ländern geprüft. Aus den Wechseljahren berichten Betroffene ebenfalls von Brain Fog. Die Meta-Analyse von Furey et al. (2025) (24 Studien, 5.629 Teilnehmende) fand aber nur eine kleine Korrelation von 0,12 zwischen dem eigenen Empfinden und der Leistung bei Lerntests, und die Forschenden fordern ein verlässliches Messinstrument. Die Studien sprechen von Frauen. Zu trans Männern und nichtbinären Personen in den Wechseljahren geht aus den herangezogenen Abstracts nichts hervor.
Was Studien zu Long COVID zeigen
Die Meta-Analyse von Ceban et al. (2022) (43 Studien zu kognitiver Beeinträchtigung) kam auf einen Anteil von 22 Prozent mit kognitiver Beeinträchtigung zwölf oder mehr Wochen nach der Diagnose (Konfidenzintervall 17 bis 28 Prozent). Die Studien unterschieden sich stark, die Zahl ist daher eine grobe Orientierung. In einer Online-Befragung von Davis et al. (2021) mit 3.762 Teilnehmenden, die über Selbsthilfegruppen und soziale Medien gewonnen wurden, nannten rund 88 Prozent kognitive Störungen oder Gedächtnisprobleme. Diese Stichprobe war nicht repräsentativ und lässt keinen Schluss auf die Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung zu.
Hampshire et al. (2024) ließen 112.964 Erwachsene in England online acht Aufgaben bearbeiten. Wer anhaltende Symptome hatte, schnitt im Gesamtwert um 0,42 Standardabweichungen schlechter ab als Menschen ohne Infektion. Auch Menschen, die sich bereits erholt hatten, zeigten kleine Defizite (rund 0,23 Standardabweichungen). Die größten Unterschiede lagen bei Gedächtnis, logischem Denken und exekutiven Aufgaben. Diese Testergebnisse hingen jedoch nur schwach mit dem Empfinden von Brain Fog zusammen. Wie lange die Defizite anhalten und was sie klinisch bedeuten, bleibt laut den Forschenden unklar.
Dass Testwert und Empfinden nicht eng zusammenfallen, heißt nicht, dass das Erleben unzutreffend wäre. Kurze Aufgaben am Bildschirm erfassen nur einen Ausschnitt dessen, was der Alltag verlangt. Das ist eine Einordnung, kein Befund der Studie.
Mögliche Erklärungen
Die Ursachen sind nicht abschließend geklärt. Für ME/CFS nennt die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS als zentralen und mehrfach replizierten Befund eine Minderdurchblutung des Gehirns, die für den Brain Fog eine Rolle spielen könnte. Das ist ein möglicher Mechanismus, kein bewiesener. Renz-Polster et al. (2022) sehen in gestörten Gliazellen, den Stützzellen des Gehirns, einen möglichen gemeinsamen Nenner.
Für COVID-19 zeigten Douaud et al. (2022) in der UK-Biobank-Studie an 785 Menschen, die zweimal im Hirnscanner untersucht wurden, bei den 401 Infizierten stärkere Veränderungen im Gehirn und einen größeren kognitiven Abbau, auch ohne Krankenhausaufenthalt. Ob das bleibt, ist offen. Fernández-Castañeda et al. (2022) fanden im Mausmodell nach mildem COVID Hinweise auf Entzündungsvorgänge im Gehirn und erhöhte Werte des Botenstoffs CCL11, den sie auch bei Menschen mit anhaltenden kognitiven Symptomen sahen. Diese Befunde stützen Hypothesen, sie erklären Brain Fog bisher nicht vollständig.
Brain Fog ist real erlebt und teilweise messbar, seine Ursachen sind aber je nach Erkrankung verschieden und noch nicht abschließend verstanden.
Kerngedanke
Messen und behandeln
Weil eine einheitliche Messung fehlt, entstehen krankheitsspezifische Fragebögen, etwa die Brief Brain Fog Scale für Post-COVID, geprüft von Zhang et al. (2025) an 844 Personen. Zur Behandlung nennt die Deutsche Gesellschaft für ME/CFS, dass sich Brain Fog durch Pacing möglichst auf dem Ausgangsniveau halten lasse, also durch Einteilen der Kräfte, wie es auch die Spoon Theory beschreibt. Das ist Symptommanagement und keine Heilung.
Zwei kleine Pilotstudien zu kognitivem Training bei Long COVID sind vielversprechend, aber nicht beweisend: Uswatte et al. (2026) untersuchten 16 Personen und Becker et al. (2026) eine Pilotstudie mit Kontrollgruppe, beide fordern größere Studien. Beide Teams halten fest, dass bislang keine Behandlung mit belegter Wirkung existiert. Wer unter Brain Fog leidet, sollte die Ursache ärztlich abklären lassen, denn je nach Erkrankung unterscheiden sich die sinnvollen Schritte.
Was der Begriff nicht sagt
Brain Fog ist kein Maß für Intelligenz und kein Zeichen von Faulheit. Er sagt auch nichts über die Ursache. Studienzahlen beschreiben Gruppen, nicht einzelne Menschen.
Brain Fog, Ableismus und Glaubwürdigkeit
Brain Fog gehört zu den unsichtbaren Behinderungen: Von außen ist er nicht zu erkennen, weshalb Betroffene oft erklären müssen, was sie brauchen. Berichte über Beschwerden, die sich im Test kaum zeigen, werden leicht als Einbildung abgetan. Das ist ein Muster des Medical Gaslighting. Wirksam sind Pausen, schriftliche Absprachen und geduldige Gespräche, Anpassungen also, die Teilhabe sichern, ohne dass Betroffene erst einen Nachweis erbringen müssen.
Quellen: Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Brain Fog / Robert Koch-Institut: Long COVID, häufig gestellte Fragen / Ceban et al. (2022), Brain, Behavior, and Immunity 101 / Hampshire et al. (2024), New England Journal of Medicine 390 / Davis et al. (2021), EClinicalMedicine 38 / Douaud et al. (2022), Nature 604 / Fernández-Castañeda et al. (2022), Cell 185 / Aoun Sebaiti et al. (2022), Scientific Reports 12 / Furey et al. (2025), Journal of the International Neuropsychological Society 31 / Thaweethai et al. (2023), JAMA 329 / Uswatte et al. (2026), Rehabilitation Psychology 71 / Becker et al. (2026), Neuropsychological Rehabilitation 36 / Arnaud et al. (2026), Lupus Science and Medicine 13 / Zhang et al. (2025), Journal of Psychosomatic Research 198 / Renz-Polster et al. (2022), Frontiers in Cellular Neuroscience 16
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