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Dekolonisierung

Dekolonisierung: Abbau kolonialer Herrschaft und ihrer Folgen. Unabhängigkeit 1945 bis 1975, UN-Resolution 1514, Wissen, deutsche Aufarbeitung.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Der Prozess, koloniale Herrschaft und ihre Folgen abzubauen: politisch, wirtschaftlich und im Denken
Historischer Kern
Die Unabhängigkeit der Kolonien, vor allem zwischen 1945 und 1975
Heute
17 Gebiete stehen auf der UN-Liste der Gebiete ohne Selbstverwaltung
Streitpunkt
Ob der Begriff wörtlich Landrückgabe meint oder auch Wissen und Bildung umfasst

Einfach erklärt

Dekolonisierung bezeichnet den Prozess, koloniale Herrschaft und ihre Folgen abzubauen. Dazu gehört erstens das Ende der politischen Fremdherrschaft, also die Unabhängigkeit der Kolonien. Dazu gehören zweitens wirtschaftliche Abhängigkeiten, die nach dem Abzug der Kolonialmächte bestehen blieben. Drittens geht es um Denkmuster, Bilder und Wissensordnungen, die in der Kolonialzeit entstanden sind und bis heute wirken.

Der politische Teil ist weitgehend abgeschlossen. Die UN hatten bei ihrer Gründung 1945 51 Mitglieder, 1975 waren es 144. Heute stehen noch 17 Gebiete auf der UN-Liste der Gebiete ohne Selbstverwaltung, in denen weniger als 2 Millionen Menschen leben. Die anderen Teile gelten als unabgeschlossen. Der Historiker Harald Fischer-Tiné beschreibt Dekolonisation deshalb nicht als klare Zäsur, sondern als Teil der weiteren Geschichte des Kolonialismus.

Merke

Unabhängigkeit beendet die Herrschaft einer Kolonialmacht, aber nicht automatisch ihre Folgen.


Ausführlich erklärt

Dekolonisation und Dekolonisierung

Im Deutschen werden beide Wörter nicht einheitlich verwendet. In diesem Eintrag steht Dekolonisation für den historischen Vorgang der Loslösung von Kolonialreichen und Dekolonisierung für den längeren Prozess, koloniale Strukturen abzubauen. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) fasst in ihrem Überblick unter Dekolonisation mehr als die Unabhängigkeitsdaten: Sie nennt auch den Wandel der Normen in den internationalen Beziehungen und die Forderung nach geistiger Entkolonialisierung.

Die Welle nach 1945

Nach der bpb war zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch die Hälfte der Landoberfläche von abhängigen Territorien bedeckt, in denen etwa 550 bis 750 Millionen Menschen lebten. Bis 1975 schrumpfte deren Ausdehnung um mehr als 90 Prozent. Die bpb spricht von einer dritten Welle kolonialer Emanzipation. Die ersten beiden betrafen Amerika im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert sowie die Siedlerkolonien des britischen Empires, die Teilautonomie erlangten.

Besonders schnell ging es in Afrika. Nach Andreas Eckert gab es dort 1945 nur drei unabhängige Staaten, nämlich Liberia, Äthiopien und Ägypten. 15 Jahre später waren es 26. Allein 1960, dem „Jahr Afrikas“, wurden 17 Kolonien unabhängig.

51 auf 144UN-Mitglieder zwischen 1945 und 1975
89 zu 0Stimmen für die UN-Resolution 1514 (14.12.1960), bei 9 Enthaltungen
17Gebiete auf der heutigen UN-Liste der Gebiete ohne Selbstverwaltung

Friedlich oder erkämpft

Die Wege zur Unabhängigkeit unterschieden sich stark. Ceylon, Ghana und der Tschad gelten bei Fischer-Tiné als weitgehend friedliche Übergänge. In Algerien, Malaya und Kenia gingen der Autonomie dagegen jahrelange blutige Auseinandersetzungen voraus. Frankreich führte den 1954 begonnenen Krieg in Algerien bis 1962. Portugal gab seine afrikanischen Kolonien erst nach der Nelkenrevolution 1974 auf, obwohl die Kämpfe seit 1961 fast die Hälfte des Staatshaushalts verschlangen.

Der rechtliche Rahmen der UN

Schon die UN-Charta von 1945 verpflichtet Staaten, die Gebiete ohne volle Selbstverwaltung verwalten, das Wohl der Bewohner*innen zu fördern und Selbstverwaltung zu entwickeln (Artikel 73). Entscheidend wurde die Resolution 1514 der Generalversammlung, die Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker, am 14. Dezember 1960 mit 89 zu 0 Stimmen bei 9 Enthaltungen angenommen. Nach der Zusammenfassung der UN-Rechtsbibliothek erklärt sie die Unterwerfung von Völkern unter fremde Herrschaft zur Verneinung grundlegender Menschenrechte und bekräftigt das Recht auf Selbstbestimmung. Sie fordert, alle Macht unverzüglich an die Völker abhängiger Gebiete zu übertragen.

Als Erklärung der Generalversammlung ist die Resolution kein Vertrag. Wie bindend sie wirkt, ist juristisch diskutiert: Edward McWhinney beschreibt, dass für sie später der Rang einer verbindlichen Auslegung der Charta beansprucht wurde. Ein Sonderausschuss der UN überwacht die Umsetzung bis heute. Für 2021 bis 2030 riefen die UN die vierte Internationale Dekade zur Beseitigung des Kolonialismus aus.

Die formale Unabhängigkeit war ein Anfang, nicht das Ende der Dekolonisierung.

Kerngedanke

Was nach der Unabhängigkeit blieb

Viele Staaten übernahmen Institutionen wie Armee, Polizei, Justiz und Bildungswesen sowie Grenzen und Kategorien aus der Kolonialzeit. Fischer-Tiné nennt als Beispiel Begriffe wie „Stamm“ oder „Kaste“, die teils koloniale Konstrukte waren und doch zur sozialen Realität wurden.

Auch wirtschaftliche und militärische Bindungen blieben. Der Tschad erhielt 1960 Kooperationsverträge mit Frankreich, die ihm Finanzhilfen zusicherten und Frankreich weiter Einfluss in Militär und Bildung gaben. Im Kongo wurde Patrice Lumumba, der Ministerpräsident, Anfang 1961 ermordet, laut Eckert unter Beteiligung des belgischen und des amerikanischen Geheimdienstes. Für fortbestehende Abhängigkeit wird häufig der Begriff Neokolonialismus verwendet. Verwandte Muster in der Klimakrise behandelt der Eintrag Klimakolonialismus.

Dekolonisierung des Wissens

Postkoloniale Autor*innen haben gezeigt, dass Kolonialismus auch ein Wissenssystem war. Patricia Purtschert nennt in ihrem Überblick Frantz Fanon, der die psychischen Folgen untersuchte, und Edward Said, der in „Orientalismus“ (1978) den Orient als Konstruktion Europas beschrieb. Gayatri Chakravorty Spivak prägte den Begriff der Subalternen, deren Stimmen nicht gehört werden, und Aimé Césaire zeigte, dass koloniale Entmenschlichung auch die Kolonisierenden prägt. Fischer-Tiné ergänzt, dass die Unterscheidung zwischen „zivilisierten“ und „unzivilisierten“ Völkern oft durch die zwischen „entwickelten“ und „unterentwickelten“ ersetzt wurde. Zum Fortwirken solcher Muster siehe Struktureller Rassismus.

Purtschert beschreibt als Ziel postkolonialer Kritik, die eurozentrische Wissensordnung freizulegen und alternatives Wissen sichtbar zu machen. Dekolonisierung von Bildung heißt deshalb, Lehrpläne und Kanons auf ihre kolonialen Grundlagen zu befragen und Perspektiven aus dem Globalen Süden einzubeziehen.

Streit um den Begriff

Eve Tuck und K. Wayne Yang halten dagegen: Dekolonisation bringe die Rückgabe von Land und Leben der Indigenen mit sich und sei keine Metapher für andere gesellschaftliche Ziele. Wer „Schulen dekolonisieren“ sagt, mache den Begriff zum Bild und lenke von dieser Forderung ab. Der Aufsatz bezieht sich auf Siedlerkolonialismus, also Kolonialherrschaft mit dauerhafter Ansiedlung von Siedler*innen, vor allem in Nordamerika. Ob Dekolonisierung auch Wissen und Bildung einschließt, wird deshalb unterschiedlich beantwortet.

Deutschland als Kolonialmacht

Das Deutsche Kaiserreich erwarb 1884 und 1885 Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania), dazu Inseln im Pazifik und Kiautschou in China. Nach Jürgen Zimmerer verlor Deutschland die Gebiete im Frieden von Versailles. In Südwestafrika kam es zum Völkermord an Herero und Nama, dem nach Schätzungen bis zu 80 Prozent der Herero und etwa die Hälfte der Nama zum Opfer fielen. Im Krieg in Deutsch-Ostafrika starben schätzungsweise bis zu 250.000 Menschen.

Im Mai 2021 erklärte Außenminister Heiko Maas nach Verhandlungen mit Namibia, die Bundesregierung werde die Ereignisse von 1904 bis 1908 „aus heutiger Perspektive“ offiziell als Völkermord bezeichnen und um Vergebung bitten. Vorgesehen war ein Programm von 1,1 Milliarden Euro für Wiederaufbau und Entwicklung, rechtliche Ansprüche auf Entschädigung ließen sich daraus ausdrücklich nicht ableiten. Die Gemeinsame Erklärung beider Staaten ist laut einem Bundestagsantrag der Grünen vom 13. Oktober 2026 noch nicht abgeschlossen. Vor dem High Court in Windhoek läuft ein Verfahren, das Opferverbände und Oppositionsparteien angestrengt haben, weil die betroffenen Gruppen aus ihrer Sicht nicht einbezogen wurden. Das ist die Darstellung einer Oppositionsfraktion und nicht unabhängig geprüft.

Ein anderes Feld ist die Rückgabe von Kulturgütern. Im Juli 2022 vereinbarten Deutschland und Nigeria die Eigentumsübertragung der betroffenen Benin-Bronzen aus deutschen Sammlungen. Von den über 5.000 Benin-Bronzen befinden sich etwa 1.100 in deutschen Museen. Britische Truppen hatten sie 1897 bei der Plünderung des Edo-Königreichs erbeutet. Am 20. Dezember 2022 übergab Außenministerin Annalena Baerbock in Abuja die ersten 20 und räumte dabei ein, dass Nigerias Bitte um Rückgabe lange ignoriert wurde. Zum Umgang mit dieser Geschichte siehe auch Erinnerungskultur.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung: Harald Fischer-Tiné, Dekolonisation im 20. Jahrhundert (20.05.2016) / Bundeszentrale für politische Bildung: Andreas Eckert, 1960: Das „Jahr Afrikas“ (15.10.2020) / Bundeszentrale für politische Bildung: Patricia Purtschert, Postkolonialismus und intellektuelle Dekolonisation (16.01.2017) / Bundeszentrale für politische Bildung: Jürgen Zimmerer, Deutsche Kolonialgeschichte im Überblick (23.10.2012) / Vereinte Nationen: Global Issues, Decolonization / Vereinte Nationen: Growth in United Nations membership / UN-Charta, Kapitel XI (Artikel 73 und 74) / UN Audiovisual Library of International Law: Edward McWhinney, Declaration on the Granting of Independence to Colonial Countries and Peoples / UN Audiovisual Library of International Law: Procedural History zur Resolution 1514 (XV) / Eve Tuck und K. Wayne Yang: Decolonization is not a metaphor, in: Decolonization: Indigeneity, Education & Society 1 (1), 2012 / Auswärtiges Amt: Pressemitteilung von Außenminister Maas zum Abschluss der Verhandlungen mit Namibia (28.05.2021) / Auswärtiges Amt: Geraubte Geschichte, selbstbestimmte Gegenwart (18.12.2022), zur Übergabe der Benin-Bronzen / Auswärtiges Amt: Rede von Außenministerin Baerbock anlässlich der Übergabe der Benin-Bronzen (20.12.2022) / Deutscher Bundestag: Drucksache 21/8541 (Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, 13.10.2026)

Hinweis zur Quellenlage: Stand: 18. Oktober 2026. Die Texte der bpb, der UN, des Auswärtigen Amts und der Bundestagsdrucksache sind gelesen. Der Aufsatz von Tuck und Yang ist nur in der Zusammenfassung des Journals gelesen. Der Wortlaut der Resolution 1514 war nicht abrufbar, ihr Inhalt stützt sich auf die UN-Rechtsbibliothek und die UN-Seite zur Dekolonisation. Ein späterer Verfahrensstand und die Lage in einzelnen Ländern sind nicht systematisch geprüft.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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