Klima & Erde

Rewilding

Rewilding einfach erklärt: Was der Begriff meint, woher er stammt, was Wolf, Biber und Yellowstone belegen und wo die Kritik ansetzt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 15.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Naturschutzansatz, der natürliche Prozesse wieder in Gang bringt
Ursprung
Soulé und Noss, 1998: „Cores, Corridors, Carnivores“
Bekannte Beispiele
Wölfe im Yellowstone-Nationalpark, Wolf und Biber in Deutschland, Rewilding Europe
Streitpunkte
Wirkung von Raubtieren, Tierwohl, Weidetierhaltung, Mitsprache
Nicht gemeint
Ein Zurück zu einem festen Naturzustand

Einfach erklärt

Rewilding (auf Deutsch ungefähr „Wiederverwildern“) bezeichnet einen Ansatz im Naturschutz, der natürliche Prozesse wieder in Gang bringen will: freie Flüsse statt Dämme, weniger Eingriffe in Wildtierbestände, Wälder, die sich selbst verjüngen, und die Rückkehr von Arten, die der Mensch verdrängt hat. Danach soll die Natur sich weitgehend selbst organisieren.

Das bekannteste Beispiel ist die Rückkehr der Wölfe in den Yellowstone-Nationalpark in den USA. Ein deutsches Beispiel ist der Biber, der Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch an der Mittelelbe vorkam und sich heute wieder ausbreitet. Beide zeigen den Grundgedanken: Manche Arten wirken auf ihr Ökosystem weit stärker, als ihre Zahl vermuten lässt.

Rewilding ist umstritten: Fachleute streiten darüber, wie stark Raubtiere ein Ökosystem steuern, und vor Ort geht es um Weidetiere, Tierwohl und Mitsprache.


Ausführlich erklärt

Woher der Begriff kommt

Der Begriff wird in der Fachliteratur häufig auf einen Aufsatz von Michael Soulé und Reed Noss zurückgeführt. Er erschien im Herbst 1998 in der Zeitschrift „Wild Earth“ unter dem Titel „Rewilding and Biodiversity: Complementary Goals for Continental Conservation“. Dort beschreiben die beiden Rewilding als vierte Strömung des Naturschutzes in Nordamerika, nach Monumentalismus, biologischem Naturschutz und Inselbiogeografie: als wissenschaftliche Begründung dafür, große Wildnisgebiete wiederherzustellen, gestützt auf die regulierende Rolle großer Raubtiere.

Sie nennen drei Merkmale: große, streng geschützte Kerngebiete, Verbindungen zwischen ihnen und Schlüsselarten. Als Kurzformel steht dafür „Cores, Corridors, Carnivores“, also Kerne, Korridore und Raubtiere. Schlüsselarten haben einen größeren Einfluss auf das Ökosystem, als ihre Häufigkeit erwarten ließe. Dazu zählen nicht nur Raubtiere, sondern auch Biber oder Elefanten. Die beiden räumen selbst ein, dass kritische Stimmen Rewilding als romantisch bezeichnen könnten, und halten dagegen, es sei wissenschaftlicher Realismus.

Trophische Rewilding und Pleistozän-Rewilding

Später ist daraus eine Forschungsrichtung geworden. Trophic Rewilding bezeichnet laut einer Übersichtsarbeit von Jens-Christian Svenning und weiteren Forschenden eine Wiederherstellungsstrategie, die durch Artenansiedlungen Wechselwirkungen von oben nach unten in der Nahrungskette wiederherstellt, damit sich Ökosysteme selbst regulieren und vielfältiger werden. Die Arbeit hält zugleich fest, dass empirische Forschung dazu noch selten, zersplittert und geografisch einseitig ist und die Literatur von Essays und Meinungsbeiträgen geprägt wird.

Eine weitergehende Idee ist das Pleistozän-Rewilding. 2005 schlugen Josh Donlan und weitere Forschende in „Nature“ vor, in Nordamerika Tiere zurückzubringen, die dort vor etwa 13.000 Jahren verschwanden. Noch 2005 erschien in „Nature“ die Gegenrede „Re-wilding: introductions could reduce biodiversity“. Ein Argument der Befürwortenden: Das Verschwinden großer Pflanzenfresser hat nach Bakker und weiteren Forschenden Landschaftsstruktur und Ökosystemfunktionen stark verändert.

Beispiele aus Nordamerika und Deutschland

Yellowstone. Nach dem Bericht des Nationalparkdienstes wurden im Januar 1995 vierzehn und im Januar 1996 siebzehn Wölfe aus Kanada in den Park gebracht, insgesamt 31. Soulé und Noss nennen als Vorgeschichte, dass Elche nach der Ausrottung der Wölfe Ufervegetation stark abgefressen hätten und Biber große Täler verlassen hätten. Sie äußern lediglich die Hoffnung, dass Biberteiche zurückkehren. Ob die Rückkehr der Wölfe eine starke „trophische Kaskade“ ausgelöst hat, ist bis heute umstritten. 2025 behaupteten Ripple und weitere Forschende, sie habe eine der stärksten der Welt ausgelöst, gemessen an rund 1.500 Prozent mehr Weidenvolumen. Ein Kommentar von MacNulty und weiteren Forschenden, bisher als Preprint, hält diese Schlussfolgerung für methodisch ungültig. Er verweist auf Hobbs und weitere Forschende (2024), die mit denselben Höhendaten und einem Langzeitversuch eine relativ schwache Kaskade fanden, und bemängelt die fehlende Jagd durch Menschen.

Wolf in Deutschland. Nach der Datenbank der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) gab es im Monitoringjahr 2000/01 ein Rudel in Deutschland. Im Jahr 2024/25 waren es 222 Rudel, 49 Paare und 15 territoriale Einzeltiere, zusammen 286 Territorien. Dem stehen Konflikte gegenüber: Laut DBBW nehmen mit dem Bestand häufig auch Schäden an Nutztieren zu, vor allem dort, wo Wölfe neue Territorien besetzen und Schaf- und Ziegenhaltende noch nicht auf sie eingestellt sind. Meist gehen sie nach ein bis zwei Jahren zurück, und Herdenschutz kann sie begrenzen.

Biber in Deutschland. Der Biber war nach dem Bundesamt für Naturschutz ursprünglich in ganz Deutschland verbreitet und kam Mitte des 20. Jahrhunderts nur noch an der Mittelelbe vor. Durch Wiederansiedlungen ist er wieder weiter verbreitet und breitet sich weiter aus. Er staut Wasser auf und schafft damit Lebensraum für andere Arten.

1998erscheint der Aufsatz von Soulé und Noss zu „Cores, Corridors, Carnivores“
31Wölfe kamen 1995 und 1996 nach Yellowstone (14 und 17)
222Wolfsrudel laut DBBW 2024/25, nach einem Rudel 2000/01

Rewilding in Europa

Rewilding Europe wurde am 28. Juni 2011 als unabhängige Stiftung in den Niederlanden gegründet. Nach eigenen Angaben arbeitet die Organisation Mitte 2026 in elf großen Rewilding-Landschaften, unter anderem in den Südkarpaten, im Donaudelta und in den Rhodopen. Ihre Definition ist bewusst offen: Dämme entfernen, Wildbestände weniger steuern, Wälder sich selbst verjüngen lassen, verschwundene Arten zurückbringen. Einen festen Endpunkt gebe es nicht, es gehe darum, auf einer Skala der Wildheit voranzukommen.

Kritik und Gegenpositionen

Nogués-Bravo und weitere Forschende warnen 2016 in „Current Biology“, es fehle an Einigkeit darüber, was Rewilding sei. Die wissenschaftliche Stütze für zentrale Annahmen, etwa die Steuerung von Ökosystemen von oben nach unten, sei begrenzt, und die Folgen neu eingeführter Arten seien schwer vorherzusagen. Sie fordern nicht Nichtstun, sondern Vorsicht.

Ein Beispiel für Konflikte um Tierwohl sind die Oostvaardersplassen in den Niederlanden. Dort leben Konik-Pferde, Heckrinder und Rothirsche. Nach dem Winter 2017/18 starben nach Angaben des Gerichts in Midden-Nederland 57 Prozent der Rothirsche. Staatsbosbeheer fütterte zwischen dem 1. März und dem 3. Mai 2018 rund 600 Tonnen Heu zu. Die Provinz Flevoland argumentierte, die Tragfähigkeit sei schon 2010 erreicht gewesen, und wollte die Zahl der Rothirsche von 2.320 auf 490 senken. Das Gericht erlaubte dies im November 2018 im Eilverfahren. Der Fall macht deutlich, dass die Frage nach Tierwohl und Obergrenzen auch bei wenig Steuerung beantwortet werden muss.

Was Rewilding nicht sagt

Rewilding Europe nennt keinen festen Endpunkt und will Menschen ausdrücklich einbeziehen. Eine Wirkungsgarantie ist Rewilding nicht: Wie stark eine einzelne Art ein Ökosystem prägt, hängt laut Svenning und weiteren Forschenden von Landschaft, menschlichen Aktivitäten und weiteren Faktoren ab. Ob lokale Gemeinschaften profitieren, entscheidet sich vor Ort, auch über Entschädigungen und Herdenschutz. Mehr zum breiteren Feld unter Renaturierung.

Einordnung in Naturschutz und EU-Recht

Rewilding ergänzt andere Wege gegen das Artensterben und den Verlust der Biodiversität und ersetzt sie nicht. Ursachen wie der Landnutzungswandel bleiben bestehen, wenn nur einzelne Arten zurückkehren.

In der Europäischen Union gilt seit dem 18. August 2024 die Verordnung (EU) 2024/1991 über die Wiederherstellung der Natur. Laut Europäischer Kommission sollen die Maßnahmen bis 2030 mindestens 20 Prozent der Land- und Meeresflächen der EU abdecken und bis 2050 alle wiederherstellungsbedürftigen Ökosysteme. Vorgesehen ist unter anderem, Hindernisse zu entfernen, die Flüsse zerschneiden. Wie weit einzelne Maßnahmen Rewilding im engeren Sinn entsprechen, hängt von der nationalen Umsetzung ab.

Rewilding bedeutet, der Natur Raum und Prozesse zurückzugeben, ohne zu versprechen, dass sich ein einmal beschriebener Endzustand wieder einstellt.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Prüfe bei Meldungen zu Wolf oder Yellowstone, ob eine Wirkung belegt oder nur behauptet wird.
  2. Lies die Zahlen zu Wolfsterritorien und Schäden in deiner Region bei der DBBW nach, bevor du dich an Debatten beteiligst.
  3. Frage bei lokalen Wiederansiedlungen nach, wer mitentscheiden darf und wie Weidetierhaltende abgesichert werden.

Quellen: Soulé, M. und Noss, R. (1998): Rewilding and Biodiversity: Complementary Goals for Continental Conservation. Wild Earth 8 (3), ab S. 18 (Volltext gelesen) / Svenning, J.-C. u. a. (2016): Science for a wilder Anthropocene. PNAS 113 (4), S. 898 bis 906 (Zusammenfassung gelesen) / Nogués-Bravo, D. u. a. (2016): Rewilding is the new Pandora’s box in conservation. Current Biology 26, S. R87 bis R91 (Zusammenfassung gelesen) / Donlan, J. u. a. (2005): Re-wilding North America. Nature 436, S. 913 bis 914 (nur Kurzfassung geprüft) / Smith, D. u. a. (2005): Re-wilding: introductions could reduce biodiversity. Nature 437, S. 318 (nur Titel geprüft) / Bakker, E. S. u. a. (2016): Combining paleo-data and modern exclosure experiments. PNAS 113 (4), S. 847 bis 855 (Zusammenfassung gelesen) / National Park Service: Yellowstone Wolf Project Report 1995 und 1996 (Volltext gelesen) / MacNulty, D. R. u. a. (2025): Flawed analysis invalidates claim of a strong Yellowstone trophic cascade (Preprint, Zusammenfassung gelesen) / Ripple, W. J. u. a. (2025): The strength of the Yellowstone trophic cascade after wolf reintroduction. Global Ecology and Conservation 58, e03428 (nur Angaben geprüft) / DBBW: Entwicklung der Wolfsterritorien seit 2000 (Abfrage 15.10.2026) / DBBW: Bundesweite Schadensstatistik / Bundesamt für Naturschutz: Artenporträt Biber (Castor fiber) / Rechtbank Midden-Nederland (19.11.2018): Province was entitled to order cull of red deer / Staatsbosbeheer: Jaarrapportage monitoring Oostvaardersplassen 2017/2018 / Rewilding Europe: What is rewilding? / Rewilding Europe: Our history (Stand mid-2026) / Europäische Kommission: Nature Restoration Law (verweist auf Verordnung (EU) 2024/1991)


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