Rewilding


Einfach erklärt

Rewilding – auf Deutsch auch „Renaturierung“ oder „Verwildern-lassen“ – bezeichnet die gezielte Wiederherstellung natürlicher Prozesse in einem Ökosystem: durch die Rückkehr von Schlüsselarten, die Rücknahme menschlicher Eingriffe und das Zulassen ökologischer Dynamik, die ein Ökosystem selbst reguliert.

Das bekannteste Beispiel ist die Wiederansiedlung von Wölfen im Yellowstone National Park (USA) in den 1990er Jahren. Ihre Rückkehr löste eine sogenannte trophische Kaskade aus: Elche veränderten ihr Verhalten, weideten weniger intensiv an Flussufern, das Buschwerk erholte sich, Biber kehrten zurück, Flüsse wurden langsamer und breiter. Ein ganzes Ökosystem veränderte sich – durch eine einzige Art.

Rewilding unterscheidet sich von klassischem Naturschutz: Statt Natur dauerhaft zu managen, geht es darum, ihr Raum zu geben, sich selbst zu organisieren. Das bedeutet in der Regel: mehr zusammenhängende Fläche, weniger Zäune und die Bereitschaft, Wildnis zuzulassen – auch wenn das unbequem ist.


Ausführlich erklärt

Das Konzept geht auf die Biologen Michael Soulé und Reed Noss zurück. Ihr 1998 erschienener Artikel prägte den „Cores, Corridors, Carnivores“-Ansatz: große Kernzonen ohne menschliche Eingriffe, verbunden durch Wanderkorridore – und Apex-Prädatoren (Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette) als Schlüsselarten für funktionierende Ökosysteme.

In Europa wächst die Rewilding-Bewegung. Rewilding Europe, gegründet 2011, arbeitet in zehn Pilotregionen – von den Karpaten bis zur Donaumündung. Europäische Bisonherden werden wiederaufgebaut, der Luchs in mehreren Ländern angesiedelt, Wildpferde kehren auf Steppen zurück. Gleichzeitig gibt es Widerstand: Landwirtschaftsbetriebe und Jagdverbände befürchten wirtschaftliche Einbußen und Kontrollverlust.

Eine kritische Frage: Rewilding darf nicht bedeuten, lokale Bevölkerungen zu übergehen. Wenn Renaturierungsprojekte westliche Naturideale über die Bedürfnisse indigener oder bäuerlicher Gemeinschaften stellen, wiederholen sie alte Muster. Eine gerechte Renaturierung bindet Betroffene ein und verbindet ökologische Ziele mit sozialer Verträglichkeit. Artensterben, Regenerative Landwirtschaft und Ökozid zeigen, warum diese Arbeit dringend ist – und warum sie Mut erfordert.

Quellen: Rewilding Europe (2023): Rewilding in Action. / IPBES (2019): Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services.


Verwandte Begriffe: Artensterben · Regenerative Landwirtschaft · Ökozid · Ökologische Landwirtschaft · Kohlenstoffsenke




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