Nachhaltigkeit

Solidarische Landwirtschaft

Solidarische Landwirtschaft (Solawi): Mitglieder tragen die Kosten eines Hofs und teilen die Ernte. Prinzip, Herkunft, Typen und Kritik.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Auch bekannt als
Solawi, SoLaWi, gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, Community Supported Agriculture (CSA)
Kernprinzip
Eine Gruppe finanziert den ganzen Hof im Voraus und teilt die Ernte
Wurzeln
Teikei in Japan, 1970er Jahre
In Deutschland
Rund 500 Betriebe, dazu rund 100 Gruppen in Gründung (Stand 2026)

Einfach erklärt

Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, bezeichnet ein Modell, in dem eine Gruppe privater Haushalte einen landwirtschaftlichen Betrieb gemeinsam finanziert und dafür die Ernte erhält. Gebräuchlich sind auch die Begriffe gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft und international Community Supported Agriculture (CSA).

Merke

Bezahlt wird nicht das einzelne Lebensmittel, sondern der ganze Hof.

Ein Beispiel: Ein Gemüsebetrieb schätzt vor der Saison, was Anbau, Löhne, Geräte und Rücklagen im kommenden Jahr kosten. Dieses Jahresbudget teilen sich die Mitglieder auf, meist zahlen sie monatlich. Im Gegenzug erhalten sie die gesamte Ernte und, falls der Betrieb sie herstellt, auch Brot oder Käse. Fällt die Ernte schlecht aus, tragen Betrieb und Mitglieder den Ausfall gemeinsam.

Das Modell reagiert auf wirtschaftliche Zwänge. Nach Schmidt und anderen (2024) ist die Zahl der Höfe in Deutschland in 30 Jahren um mehr als die Hälfte gesunken, besonders kleine und mittlere Betriebe stehen unter dem Druck aufzugeben. Eine Solawi gibt einem Betrieb nach Angaben des Netzwerks Planungssicherheit und ein Einkommen, das nicht von der Erntemenge abhängt. Mitglieder wissen, wo und von wem ihr Essen angebaut wird. Wie viel sie selbst mitarbeiten, ist verschieden: In manchen Solawis packen alle Mitglieder auf dem Hof mit an, in anderen übernehmen das allein die Erzeugenden.


Ausführlich erklärt

Wie die Finanzierung funktioniert

Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, der Dachverband in Deutschland, nennt die gemeinschaftliche Finanzierung und das Teilen der Ernte als Kernstück. Die Gemeinschaft trägt die Kosten des Hofs als Ganzes für einen vorab festgelegten Zeitraum. Der Haushalt wird kostendeckend kalkuliert, Gewinnmaximierung ist nach den Grundprinzipien ausgeschlossen. Alle Kosten, auch Löhne und Rücklagen, sollen offengelegt werden.

Wie hoch der Beitrag jeder Person ist, klären viele Solawis in einer Beitragsrunde. Der errechnete Anteil an den Kosten dient dabei als Richtwert, den jede Person über- oder unterschreiten darf. Die Gebote sind anonym. Deckt die Summe das Budget, war die Runde erfolgreich, sonst wird sie wiederholt. So sollen auch Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten teilnehmen können.

Drei Organisationsformen

Der Leitfaden des Netzwerks von 2026 unterscheidet drei Grundtypen. Bei Typ 1, der von den Erzeugenden geführten Solawi, schließt der Betrieb mit jedem Mitglied einen eigenen Vertrag. Bei Typ 2, der Kooperations-Solawi, gründen die Mitglieder eine Körperschaft, zum Beispiel einen Verein oder eine Genossenschaft, die mit einem oder mehreren Betrieben zusammenarbeitet. Bei Typ 3, der Mitunternehmer-Solawi, wird diese Körperschaft selbst zum Betrieb und beschäftigt Angestellte. Die Mitbestimmung der Mitglieder steigt laut Leitfaden von Typ 1 (tendenziell gering) über Typ 2 (mittel) zu Typ 3 (hoch).

Eine Befragung von 70 Solawis, die Middendorf und Rommel 2024 gemeinsam mit dem Netzwerk durchführten, bestätigt diese Vielfalt. Sie zeigt auch eine Grenze des Begriffs: Eine Solawi ist ein alternatives Modell der Erzeugung und Verteilung, aber nicht jede ist auch intern alternativ organisiert.

Herkunft und Verbreitung

Als Wurzel gilt Japan. Laut dem Bericht von Elizabeth Henderson für das internationale Netzwerk Urgenci warnte der Philosoph und Genossenschaftsführer Teruo Ichiraku 1971 vor den Gefahren der Agrarchemie und löste damit die Bewegung für ökologischen Landbau aus. 1974 schlossen sich besorgte Haushalte mit Landwirtschaftsbetrieben zu den ersten Teikei-Projekten zusammen, das Wort bedeutet Partnerschaft. 1975 vereinbarte der Landwirt Yoshinori Kaneko mit zehn Familien, sie gegen Geld und Mitarbeit zu versorgen. In der Schweiz begann 1978 bei Genf unabhängig davon die Kooperative Les Jardins de Cocagne, ein Bezug zu Japan ist nicht belegt.

In Deutschland gilt der Buschberghof bei Hamburg als Pionierbetrieb, der laut Leitfaden 1986 umstellte. Je nach Land heißt das Modell anders, etwa AMAP in Frankreich oder Reciproco in Portugal.

Bis 2011 gab es in Deutschland nur 10 Betriebe, im selben Jahr wurde das Netzwerk gegründet. Heute wirtschaften nach dessen Angaben rund 500 Betriebe als Solawi, hinzu kommen rund 100 Gruppen in Gründung. Für Europa schätzte die European CSA Research Group für das Jahr 2015 mit enger Definition 2.783 Initiativen, die rund 474.000 Menschen versorgten.

rund 500Solawi-Betriebe in Deutschland, dazu rund 100 Gruppen in Gründung
10Betriebe gab es bis 2011 bundesweit
2.783CSA-Initiativen in Europa im Jahr 2015 nach enger Definition

Was Betriebe davon haben: der Forschungsstand

Für Betriebe nennt das Netzwerk Planungssicherheit, stabile Abnahme und mehr Gestaltungsspielraum. Die Forschung stützt das teilweise. Rosman und andere befragten 2024 Solawi-Betriebe in Deutschland. Diese schätzten ihre Widerstandsfähigkeit höher ein als Betriebe ohne Solawi in einer anderen Studie, vor allem wegen Einkommenssicherheit, Risikoschutz und Marktunabhängigkeit. Das ist eine Selbsteinschätzung, keine Messung.

Schmidt und andere werteten 2024 knapp 500 Solawi-Betriebe aus. Nur ein Viertel entstand durch Umstellung eines bestehenden Hofs. Als wichtigste Beweggründe für die Umstellung nannten die Befragten wirtschaftliche Stabilität, Übereinstimmung mit eigenen Werten und die Freude an einer wertschätzenden Gemeinschaft. Als größte Hürden galten ungewisses Mitgliederpotenzial in der Region, fehlende Fachkräfte, ungeeignete Förderregeln und Bürokratie.

Wie viel Wachstum möglich wäre, schätzten Egli und andere 2026 mit einem statistischen Modell: Fast 7 % aller Betriebe, knapp 16.000, könnten sich für eine Umstellung interessieren. Der Leitfaden des Netzwerks nennt 5 bis 13 % der rund 255.000 Betriebe. Beides sind Potenzialschätzungen, keine Prognosen.

Abgrenzung zu anderen Direktvermarktungsmodellen

Neben der Solawi gibt es Konzepte, in denen Verbrauchende und Erzeugende regionaler Lebensmittel in Beziehung treten, etwa Abokisten, Marktschwärmer und Vertragsanbau, oder Verbrauchende Lebensmittel selbst erzeugen wie in Gemeinschaftsgärten. Das Netzwerk grenzt die Solawi davon über ihr Leitprinzip ab: die gemeinschaftliche Finanzierung des Hofs und das Teilen der Ernte.

Einordnung

Eine Bio-Zertifizierung ist weder für die Gründung einer Solawi noch für die Mitgliedschaft im Netzwerk Voraussetzung. Das Netzwerk verlangt aber, dass Betriebe seine Satzungsziele teilen, darunter die Förderung von Umwelt- und Tierschutz, ökologischer Landwirtschaft und Artenvielfalt. Der Begriff Solidarische Landwirtschaft, der Slogan und das Logo des Netzwerks sind als Wort- und Bildmarke geschützt.

Kritik und offene Fragen

Die Solawi versteht sich als Beitrag zur Ernährungssouveränität, also zum Recht aller Völker und Länder, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen. Drei Fragen bleiben dabei offen.

Eine erste Frage betrifft die Zugänglichkeit. Parot und andere werteten 2023 die Forschung aus. International ist die Mitgliedschaft demnach eher homogen: In den meisten Solawis dominieren Haushalte der (oberen) Mittelschicht mit überdurchschnittlicher Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen. Ein geringes Einkommen bleibt eine große Hürde. Das berührt das Thema Klassismus, also die Benachteiligung von Menschen wegen ihrer sozialen Herkunft oder ihres Einkommens. Soziale Unterstützungsangebote können helfen. Die Forschenden unterscheiden wohltätige Einzelhilfen, die Strukturen nicht ändern, von emanzipatorischen Ansätzen, die Betroffene stärken. Auch die erwartete Mitarbeit kann ein Faktor sein: Bei Les Jardins de Cocagne mussten Mitglieder laut Henderson (2010) mindestens vier halbe Tage im Jahr mitarbeiten oder einen Zuschlag zahlen.

Eine zweite Frage betrifft das Verhältnis zur Wachstumskritik. Die Bewegung für Degrowth, also für eine Wirtschaft ohne Wachstumszwang, sieht in der Solawi oft eine Verkörperung ihrer Ideen. Laut Spanier, Guerrero Lara und Feola (2023) erwidert die Solawi-Bewegung dieses Interesse nicht, beide sind in Ideologie und Strategie nicht deckungsgleich. Die Solawi will praktisch kleinbäuerliche Landwirtschaft erhalten, Degrowth kritisiert abstrakter die wachstumsabhängige Wirtschaft. Es bestehen aber soziale Verbindungen und erste inhaltliche Nähe zu suffizienzorientierten Ansätzen.

Eine dritte Frage betrifft die Demokratie. Degens und Lapschieß beschreiben Solawis 2023 als Experimentierräume demokratischer Entscheidungen, sehen aber Grenzen: Wo Demokratie heißt, dass alle mitreden, die betroffen sind, bleibt das Potenzial für ein demokratischeres Ernährungssystem im Ganzen begrenzt.

Eine Solawi verteilt Risiko und Verantwortung neu, doch wer sich einen Ernteanteil leisten kann, bleibt eine eigene Frage.

Kerngedanke

Die Quellen stammen überwiegend aus Deutschland und Europa, Erfahrungen aus dem Globalen Süden (Länder, die oft kolonial geprägt und wirtschaftlich benachteiligt sind) fehlen weitgehend. Zur Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung enthalten die ausgewerteten Quellen keine Angaben.

Quellen: Netzwerk Solidarische Landwirtschaft: Was ist Solawi? / Netzwerk: Vision und Grundprinzipien / Netzwerk: Glossar / Netzwerk: FAQs / Netzwerk: Solawi weltweit / Netzwerk (2026): Einstieg in die Solidarische Landwirtschaft, Leitfaden / Henderson (2010): CSA History, Urgenci / European CSA Research Group (2016): Overview of CSA in Europe / Middendorf und Rommel (2024), Frontiers in Sustainable Food Systems / Schmidt et al. (2024), Regional Environmental Change / Rosman et al. (2024), Agricultural Systems / Egli et al. (2026), Environmental Research Food Systems / Parot et al. (2023), Agriculture and Human Values / Spanier et al. (2023), Agriculture and Human Values / Degens und Lapschieß (2023), Frontiers in Sustainable Food Systems


Konkrete, machbare Schritte statt großer Zukunftsvisionen: Günstig, einfach, wirklich gut: 10 nachhaltige Alltagsideen, die sich lohnen.


Das könnte dich auch interessieren

  • Ernährungssouveränität: das Recht, die eigene Ernährungspolitik zu bestimmen, zu dem die Solawi beitragen will
  • Ökologische Landwirtschaft: eine Anbauweise, die viele Solawi-Betriebe verfolgen
  • Klassismus: die Benachteiligung wegen sozialer Herkunft, die den Zugang zu Solawis betrifft
  • Degrowth: die Bewegung, die oft mit der Solawi verbunden wird
  • Suffizienz: die Frage, wie viel genug ist
  • Foodsharing: ein verwandtes Modell, das Lebensmittel vor der Entsorgung rettet

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Front Print - Organic Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Oversize Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Oversize Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Shirt

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Front Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen