Nachhaltigkeit

Gemeinwohlökonomie

Gemeinwohlökonomie einfach erklärt: Gemeinwohl-Bilanz, Matrix, Werte, Gemeinden und die Kritik an der Messbarkeit.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 14.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Wirtschaftsmodell, das Gemeinwohl statt Gewinnmaximierung zum Ziel von Unternehmen und Politik erklärt
Entstanden
Buch von Christian Felber, erschienen im August 2010 in Österreich
Kerninstrument
Gemeinwohl-Bilanz auf Basis der Gemeinwohl-Matrix, extern geprüft
Vier Werte
Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitbestimmung
Umstritten
Messbarkeit, Gewichtung der Werte, Aussagekraft der Punkte

Einfach erklärt

Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) ist ein Wirtschaftsmodell, das Unternehmen nicht allein am finanziellen Gewinn misst, sondern daran, was sie für Menschen und Natur bewirken. Ihr zentrales Werkzeug ist die Gemeinwohl-Bilanz: Eine Organisation beschreibt in einem Bericht, wie sie vier Werte lebt, nämlich Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung. Der Bericht wird extern geprüft und veröffentlicht. Er steht neben der finanziellen Bilanz, ersetzt sie aber nicht.

Ein Beispiel: Ein Betrieb zahlt faire Löhne, prüft seine Lieferketten, legt Entscheidungen offen und beteiligt Beschäftigte. In der Matrix fließt das in mehrere Themen ein und ergibt Punkte. Ein Betrieb, der nur Rendite optimiert, schneidet schlechter ab.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Idee und Wirklichkeit. Die Bilanz ist heute ein freiwilliges Instrument. Steuererleichterungen, bevorzugte Vergabe öffentlicher Aufträge oder günstigere Kredite für gute Ergebnisse sind eine Forderung der Bewegung, kein geltendes Recht.

Merke

Die Gemeinwohl-Bilanz ist freiwillig. Vorteile durch den Gesetzgeber sind bisher ein Ziel der Bewegung, keine bestehende Regel.


Ausführlich erklärt

Herkunft und Entwicklung

Nach eigener Darstellung der Bewegung entwickelten 2008 Unternehmerinnen und Unternehmer aus dem Umfeld von Attac Österreich auf Grundlage von Christian Felbers Buch „Neue Werte für die Wirtschaft“ die erste Gemeinwohl-Matrix. Im August 2010 erschien Felbers Buch „Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“. 2011 erklärten sich nach den Angaben von GWÖ Deutschland zwei Dutzend Unternehmen bereit, eine Bilanz zu erstellen, und der Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie wurde gegründet. Das Modell ist also nicht allein Felbers Idee, sondern entstand im Zusammenspiel von Buch und Praxis.

Der Gedanke dahinter knüpft an bestehendes Recht an. Im Grundgesetz heißt es: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ (Art. 14 Abs. 2). Die Bayerische Verfassung geht weiter und bindet die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit an das Gemeinwohl (Art. 151 Abs. 1). Die GWÖ will diesen Anspruch messbar machen.

Matrix und Bilanz

Die Gemeinwohl-Matrix verbindet die Werte mit den Gruppen, mit denen eine Organisation am meisten zu tun hat. Nach der Matrix 5.1 sind das fünf Berührungsgruppen: Lieferketten, Eigentum und Finanzierung, Beschäftigte, Kundschaft und Geschäftspartner sowie die Gemeinschaft mit Natur und Lebewesen. An den Schnittstellen beschreiben 20 Gemeinwohl-Themen den Beitrag einer Organisation. In der Bilanz sind maximal 1.000 Punkte erreichbar.

20 Themenbeschreiben in der Gemeinwohl-Matrix den Beitrag einer Organisation (GWÖ Deutschland)
1.000 Punktesind in der Gemeinwohl-Bilanz maximal erreichbar
über 1.000Organisationen in 35 Ländern haben nach Angaben der Bewegung eine Bilanz erstellt

Der Weg zur Bilanz hat drei Schritte: Bericht erstellen, extern prüfen lassen, Bilanz veröffentlichen. Bericht und Testat zusammen ergeben die Bilanz. Es gibt eine Kompaktversion und eine Vollversion. Kleine Organisationen können dauerhaft die Kompaktbilanz nutzen, mittlere und große müssen ab dem zweiten Bericht die Vollversion erstellen. Die Matrix 5.1 erschien im Februar 2025, eine Matrix 5.2 ist laut GWÖ Deutschland für den 16. Oktober 2026 angekündigt und soll stärker an den europäischen Standard für freiwillige Nachhaltigkeitsberichte kleiner Unternehmen angelehnt sein. Bilanzen nach den Vorgängerversionen 5.0 und 5.1 können noch bis spätestens 31. Dezember 2027 zum externen Audit eingereicht werden. Neu ist seit Februar 2024 auch das ECOnGOOD-Siegel für extern auditierte Organisationen.

Verbreitung: Unternehmen und Gemeinden

Zur Größe der Bewegung gibt es Eigenangaben mit leicht unterschiedlichen Zahlen. Die Startseite von GWÖ Deutschland nennt rund 4.500 Mitglieder in über 170 Regionalgruppen und über 1.000 bilanzierte Organisationen. Auf der Geschichtsseite stehen für 2024 über 1.300 bilanzierte Unternehmen, Organisationen und Kommunen. Ende 2013 waren es laut der Bewegung mehr als 300 Unternehmen. Eine unabhängige Zählung liegt nicht vor, die Datenbank der Berichte führt die Bewegung selbst.

Auch Gemeinden können bilanzieren. Als Gemeinwohl-Gemeinde gilt nach GWÖ Deutschland, wer einen Ratsbeschluss zur Unterstützung fasst und eine Bilanz erstellt. Kirchanschöring in Bayern wurde 2018 als erste Gemeinde in Deutschland genannt, später folgten unter anderem Klixbüll, Breklum und Bordelum sowie Postbauer-Heng. Für das Jahr 2022 spricht die Bewegung von knapp 60 Gemeinden und Städten weltweit. Städte wie Stuttgart fördern zudem Unternehmen, die bilanzieren.

Politische Ebene

Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss, ein beratendes Gremium der EU, nahm am 17. September 2015 eine Stellungnahme zur Wirtschaft für das Gemeinwohl an. Er hält das Modell für vereinbar mit dem europäischen und nationalen Rechtsrahmen und bat die Kommission, Unternehmen mit höherer ethischer Leistung zu belohnen, etwa bei öffentlichen Aufträgen oder über Steuervorteile. Das ist eine Empfehlung ohne Bindungswirkung. Ein Gesetz mit solchen Anreizen gibt es bislang nicht. Die Bewegung selbst formuliert 2024 ausdrücklich das Ziel, dass der Gesetzgeber das Ergebnis der Bilanz als Grundlage für Anreize nutzt.

Kritik und offene Fragen

Das Modell wird wissenschaftlich untersucht, und die Befunde sind gemischt. Felber, Campos und Sanchis prüften die Messgrößen 2019 an 206 europäischen Unternehmen auf statistische Gültigkeit und Verlässlichkeit. Zu beachten ist, dass Felber als Mitbegründer der Bewegung selbst Mitautor ist. Wiefek und Heinitz befragten 2021 332 Beschäftigte aus acht deutschen Unternehmen mit veröffentlichter Bilanz. Wer in einem Unternehmen mit höherer Punktzahl arbeitete, nahm mehr soziale Verantwortung wahr und war zufriedener. Die Autorenschaft betont aber, dass für die Arbeitszufriedenheit wichtige Aspekte in der Bilanz noch fehlen könnten. Die kleine, selbst gewählte Stichprobe erlaubt keine Aussage darüber, ob die Bilanz die Zufriedenheit verursacht.

Was die Punktzahl nicht sagt

Meynhardt, Jasinenko und Grubert fragten 2019 in einer bevölkerungsrepräsentativen Studie, ob die Bevölkerung das Gemeinwohlverständnis der Bilanz teilt. Die Grundzüge spiegeln sich wider, doch es gibt Differenzen bei Trennschärfe, Vollständigkeit, Definitionstiefe und Gleichgewichtung der Werte. Das Ergebnis zeigt: Wer Gemeinwohl in Punkte fasst, trifft Wertentscheidungen. Außerdem hängt die Aussagekraft vom Prüfstatus ab, den GWÖ Deutschland selbst für den jeweiligen Bericht ausweist. Eine Bilanz ersetzt keine eigene Prüfung gegen Greenwashing.

Ein weiterer Punkt betrifft den Begriff selbst. Gemeinwohl wird politisch unterschiedlich gefüllt. GWÖ Deutschland sagt, der Begriff sei nicht geschützt, und distanziert sich ausdrücklich von seiner Verwendung im Kontext extremistischer Positionen. Als Gemeinwohl will die Bewegung nicht eine feste Definition, sondern das Ergebnis demokratischer Konvente verstehen. Die Matrix selbst nennt Menschenwürde ausdrücklich unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, Alter und Sprache.

Einordnung im Verhältnis zu verwandten Ansätzen

Die GWÖ teilt mit dem Postwachstum und Degrowth die Kritik an einer Wirtschaft, die Wachstum zum Selbstzweck macht. Sie ist aber ein Unternehmens- und Reformmodell mit Bilanzinstrument und kein Konzept für Schrumpfung. Verbindungen gibt es zur Suffizienz und zur Kreislaufwirtschaft, die auch GWÖ Deutschland als Ziel nennt. Eingebettet ist sie in das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung. Die GWÖ-Vision verweist ausdrücklich auf die planetaren Grenzen, die Wirtschaft einhalten soll.

Die Gemeinwohlökonomie macht Werte sichtbar und prüfbar, entscheidet aber nicht allein, was Gemeinwohl ist.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Suche bei einem Unternehmen den Gemeinwohl-Bericht und lies Prüfstatus und Berichtszeitraum, nicht nur die Punktzahl.
  2. Frage bei jeder Zahl, welche Berührungsgruppe sie betrifft: Beschäftigte, Lieferkette oder Umwelt.
  3. Ob deine Gemeinde mitmachen kann, klärt ein Ratsbeschluss. Regionalgruppen der GWÖ beraten dazu.

Quellen: Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland: Vision, Mission, Geschichte (abgerufen 14.10.2026) / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland: Gemeinwohl-Matrix / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland: Gemeinwohl-Bilanz / ECOnGOOD: Common Good Matrix 5.1 / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland: Werte / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland: Gemeinden / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland (15.02.2024): ECOnGOOD-Siegel / Gemeinwohl-Ökonomie Deutschland (09.10.2026): Matrix 5.2 / Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss (2015): Economy for the Common Good, ECO/378, ABl. C 13 vom 15.01.2016, S. 26 / Bayerische Verfassung, Art. 151 Abs. 1 / Grundgesetz, Art. 14 Abs. 2 / Felber, C., Campos, J.A., Sanchis, J.R. (2019): The Common Good Balance Sheet, an Adequate Tool to Capture Non-Financials? Sustainability 11 (14), 3791 / Wiefek, J., Heinitz, K. (2021): The Common Good Balance Sheet and Employees‘ Perceptions, Attitudes and Behaviors. Sustainability 13 (3), 1592 / Meynhardt, T., Jasinenko, A., Grubert, T. (2019): Die Gemeinwohl-Bilanz auf dem Prüfstand der Bevölkerung. Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik 20 (3), S. 406 bis 426

Zur Einordnung von Werbeversprechen hilft der Blogartikel Greenwashing erkennen: 7 Warnsignale bei nachhaltiger Mode.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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