- Was ist das
- Die Pfahlwurzel des Löwenzahns (Taraxacum officinale), weiß, dick und tief reichend
- Länge
- 1 bis 2 Meter lang, 2 bis 3 Zentimeter dick
- Besonderheit
- Treibt aus kleinen Wurzelstücken wieder aus
- Inhaltsstoff
- Inulin, Gehalt im Frühjahr niedrig, im Herbst hoch
- Nutzung
- Geröstet als Kaffee-Ersatz, getrocknet als Tee, traditionell als Pflanzenheilmittel
Einfach erklärt
Die Löwenzahnwurzel ist der unterirdische Teil des Löwenzahns: eine kräftige, weiße Pfahlwurzel, die senkrecht in den Boden wächst. Sie kann 1 bis 2 Meter lang und 2 bis 3 Zentimeter dick werden. Wer schon einmal versucht hat, Löwenzahn aus dem Rasen zu ziehen, kennt das Ergebnis: Ein Rest bleibt im Boden, und die Pflanze kommt wieder.
Die Wurzel ist essbar. Geröstet und gemahlen dient sie als koffeinfreier Kaffee-Ersatz, getrocknet auch als Tee. In der Pflanzenheilkunde gilt Löwenzahn seit langer Zeit als Mittel bei leichten Verdauungsbeschwerden. Wissenschaftlich gesichert ist davon wenig, mehr dazu weiter unten.
Für das Ökosystem ist die Wurzel interessant, weil sie auch in sehr festem Boden wächst und ihn lokal verändert. Diese Wirkung ist real, aber kleiner, als sie oft dargestellt wird.
Merke
Die Wurzel ist robust und vielseitig, aber kein Wundermittel: Als Röstkaffee und Tee ist sie eine Zutat, als Heilmittel beruht sie auf Überlieferung, und im Boden wirkt sie vor allem in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Ausführlich erklärt
Aufbau und Wiederaustrieb
Nach der Übersichtsarbeit von Stewart-Wade und ihrem Autorenteam aus dem Jahr 2002 ist die Pfahlwurzel dick, verzweigt und bis zu 1 bis 2 Meter lang. Die Seitenwurzeln sitzen in zwei Reihen, die sich spiralig um die Hauptwurzel winden. Am Ende der Wachstumszeit verkürzt sich die Wurzel und zieht den Wurzelstock ein Stück tiefer in den Boden, wo er besser geschützt ist.
Besonders ausgeprägt ist das Regenerationsvermögen. Aus sehr kleinen Wurzelstücken können nach 1 bis 2 Wochen neue Triebe und Wurzeln entstehen. Wird die Wurzel unterhalb des Wurzelstocks durchtrennt, bilden sich meist mehrere neue Triebe, sodass aus einer Pflanze ein ganzes Büschel werden kann. Wurzelstücke trieben sogar noch aus, wenn sie 5 bis 10 Zentimeter hoch mit Erde bedeckt waren. Das Autorenteam vermutet einen Zusammenhang mit dem hohen Zuckergehalt von rund 11 Prozent der Trockenmasse. Aus diesem Grund hat das mechanische Entfernen nur begrenzten Erfolg.
Inhaltsstoff Inulin
Die Wurzel speichert Kohlenhydrate vor allem als Fruktane wie Inulin. Der Gehalt schwankt stark mit der Jahreszeit: Im Bewertungsbericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) steht, dass der Inulingehalt der Wurzeln von etwa 2 Prozent im Frühjahr bis etwa 40 Prozent im Herbst reicht. Im Spätherbst wird ein Teil des Inulins wieder in einfache Zucker abgebaut. Wer die Wurzel für Röstkaffee oder Tee nutzen will, findet im Herbst also die inulinreichere Ernte.
Inulin wird häufig als Präbiotikum bezeichnet. Nach der Konsensdefinition der International Scientific Association for Probiotics and Prebiotics ist ein Präbiotikum ein Stoff, den Mikroorganismen des Körpers gezielt nutzen und der dadurch einen gesundheitlichen Nutzen bringt. Dieser Nutzen muss dokumentiert sein. Für die Löwenzahnwurzel selbst ist das beim Menschen nicht belegt: Die Übersichtsarbeit von Schütz, Carle und Schieber nennt präbiotische Wirkungen als untersuchten Aspekt und hält Studien am Menschen für nötig.
Nutzung, Tee und Sicherheit
Als Kaffee-Ersatz werden die getrockneten Wurzeln geröstet und gemahlen. Auch als Tee, in Suppen und anderen Gerichten wird Löwenzahn genutzt. Wer die Wurzel pflanzlich und regional einsetzen möchte, kann sie aus dem eigenen Garten ernten, ohne dass Zutaten verpackt und über weite Strecken transportiert werden müssen. Das passt zu den Ideen von Slow Living und Zero Waste.
Die EMA führt eine Monografie für „Löwenzahnkraut mit Wurzel“ als traditionelles pflanzliches Arzneimittel. Sie bezieht sich also auf die ganze Pflanze, nicht auf die Wurzel allein. Als Anwendungsgebiete nennt sie leichte Verdauungsbeschwerden mit Völlegefühl, Blähungen und langsamer Verdauung, zeitweiligen Appetitverlust und die Förderung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der Harnwege. Der Status „traditionell“ bedeutet: Die Anwendung beruht ausschließlich auf langjähriger Erfahrung, ein Wirksamkeitsnachweis aus klinischen Studien war dafür nicht erforderlich.
Auch ein Gartenkraut kann ungeeignet sein. Nach der Monografie sollen Menschen mit Allergie gegen Korbblütler (Asteraceae) sowie mit Verschluss der Gallenwege, Gallenwegsentzündung, Lebererkrankungen, Gallensteinen oder aktivem Magengeschwür Löwenzahn nicht anwenden. Bei Nierenversagen, Diabetes und Herzschwäche soll die Anwendung wegen möglicher Risiken durch erhöhte Kaliumwerte vermieden werden. Für Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder unter 12 Jahren fehlen ausreichende Daten, daher wird die Anwendung dort nicht empfohlen. Als Nebenwirkungen nennt die Monografie Magenschmerzen, Übersäuerung und allergische Reaktionen.
Was die Quellen nicht sagen
Die EMA-Monografie gilt für Kraut und Wurzel zusammen, nicht für die Wurzel allein, und sie beschreibt Arzneimittel, nicht Kaffee-Ersatz aus der Küche. Mengen und Dauer der Anwendung gehören bei Beschwerden in ärztliche oder apothekerliche Beratung. Wer eine der genannten Vorerkrankungen hat, sollte vor regelmäßigem Genuss nachfragen.
Die Rolle im Boden
Die Wurzel wächst auch in verdichteten Böden, in denen viele andere Pflanzen scheitern. Ein Laborversuch eines britischen Forschungsteams zeigt, wie das im Kleinen aussieht: Löwenzahn, Spitzwegerich und Speer-Kratzdistel wuchsen 28 Tage in Sandlehm, der auf eine Dichte von 1,8 Gramm pro Kubikzentimeter verdichtet war. Mithilfe von Röntgen-Computertomografie wurde der Boden rund um die Wurzeln untersucht. In allen drei Arten war der Boden direkt an der Wurzel am porösesten, und die Porosität nahm mit dem Abstand zur Wurzel ab. Das Autorenteam schließt daraus, dass Pflanzen verdichteten Boden lokal selbst verbessern können.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens war die Kratzdistel in dem Versuch die stärkste Veränderin, nicht der Löwenzahn. Zweitens wurde bis zu 420 Mikrometern (knapp einem halben Millimeter) von der Wurzeloberfläche gemessen, an jungen Pflanzen im Topf. Aussagen wie „Löwenzahn entwässert Böden“ oder „Löwenzahn ist die erste Pflanze auf verdichteten Flächen“ lassen sich aus dieser Studie nicht ableiten. Belegt ist die lokale Wirkung auf die Bodenstruktur nahe der Wurzel. Wie viel das im Alltag eines Rasens oder Gemüsebeets ausmacht, ist offen.
Die Übersichtsarbeit von 2002 nennt noch einen älteren Befund: Hoher Inulingehalt in Wurzeln stand in Untersuchungen mit hoher Aktivität des Enzyms Nitrogenase in Verbindung, was den Boden über stickstoffbindende Bakterien mit Stickstoff anreichern könnte. Das ist ein Hinweis, kein gesicherter Effekt im Freiland.
Die Löwenzahnwurzel beeindruckt durch das, was sich messen lässt: ihre Länge, ihre Regenerationskraft und ihren Inulingehalt im Herbst. Alles darüber hinaus verdient Vorsicht.
Kerngedanke
Für Biodiversität und Permakultur ist die Wurzel dennoch ein gutes Beispiel für eine Pflanze, die wenig braucht und mehrere Aufgaben zugleich übernimmt. Ob als Bodenhelferin, Kaffee-Ersatz oder Tee: Die Wurzel gehört zu einer Pflanze, deren Blüten auch Nahrung für Insekten bieten, mehr dazu im Eintrag zum Insektensterben.
Was du tun kannst
- Wer die Wurzel für Röstkaffee oder Tee nutzen will, erntet sie im Herbst, wenn der Inulingehalt nach EMA-Bericht am höchsten ist.
- Ernte nur dort, wo keine Pestizide ausgebracht wurden, und wasche die Wurzeln gründlich.
- Bei Vorerkrankungen von Galle, Leber, Niere, Herz oder Magen, bei Diabetes, Schwangerschaft, Stillzeit oder Allergie gegen Korbblütler vorher ärztlichen Rat einholen.
Quellen: Stewart-Wade, S. M., Neumann, S., Collins, L. L., Boland, G. J. (2002): The biology of Canadian weeds. 117. Taraxacum officinale. Canadian Journal of Plant Science 82, S. 825 bis 853 (Volltext gelesen) / Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), Pflanzliche Arzneimittel: Taraxaci radix cum herba. Community herbal monograph EMA/HMPC/212895/2008 und Assessment report EMA/HMPC/212897/2008 (beide Volltexte gelesen) / Schütz, K., Carle, R., Schieber, A. (2006): Taraxacum, a review on its phytochemical and pharmacological profile. Journal of Ethnopharmacology 107, S. 313 bis 323 (Abstract gelesen) / Gibson, G. R. et al. (2017): ISAPP consensus statement on the definition and scope of prebiotics. Nature Reviews Gastroenterology and Hepatology 14, S. 491 bis 502 (Abstract gelesen) / Burr-Hersey, J. E., Ritz, K., Bengough, A. G., Mooney, S. J. (2020): Reorganisation of rhizosphere soil pore structure by wild plant species in compacted soils. Journal of Experimental Botany 71, S. 6641 bis 6652 (Volltext gelesen)
Warum das gelbe Wildkraut im Rasen wertvoller ist, als sein Ruf vermuten lässt: Löwenzahn: Warum das gelbe Wildkraut wertvoller ist als sein Ruf.
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