Klima & Erde

1,5-Grad-Ziel

Das 1,5-Grad-Ziel einfach erklärt: was im Paris-Abkommen steht, wo die Erde 2026 steht, wie groß das CO₂-Restbudget ist und warum jedes Zehntelgrad zählt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 13.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Temperaturgrenze für die Erderwärmung: höchstens 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau
Festgelegt
Paris-Abkommen 2015, Artikel 2 Absatz 1: „deutlich unter 2 Grad“ und Anstrengungen für 1,5 Grad
Gemessen
über Jahrzehnte, nicht in einem einzelnen Jahr (Bezug: 1850 bis 1900)
Stand
2016 bis 2025 lag die beobachtete Erwärmung bei 1,26 Grad, 2024 war das erste Kalenderjahr über 1,5 Grad

Einfach erklärt

Das 1,5-Grad-Ziel ist die Obergrenze für die Erderwärmung, die im Paris-Abkommen von 2015 genannt wird: Die Staaten wollen den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur „deutlich unter 2 Grad“ über dem vorindustriellen Niveau halten und Anstrengungen unternehmen, ihn auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Gemeint ist ein langfristiger Durchschnitt. Ein einzelnes heißes Jahr überschreitet das Ziel deshalb noch nicht. Trotzdem ist die Grenze nah: Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und der Copernicus-Klimadienst ordnen 2024 als erstes Kalenderjahr mit mehr als 1,5 Grad über dem Niveau von 1850 bis 1900 ein. Nach der jüngsten Auswertung internationaler Forschungsgruppen lag die menschengemachte Erwärmung 2025 bei 1,37 Grad.

Merke

Das Ziel bezieht sich auf einen langjährigen Durchschnitt. Meldungen über „1,5 Grad überschritten“ betreffen meist ein einzelnes Jahr und sagen deshalb noch nichts darüber, ob das Ziel verfehlt ist.


Ausführlich erklärt

Was im Abkommen steht und was nicht

Artikel 2 Absatz 1 Buchstabe a des Paris-Abkommens nennt beide Marken in einem Satz: den Anstieg „deutlich unter 2 Grad“ halten und Anstrengungen für 1,5 Grad verfolgen. Artikel 4 Absatz 1 ergänzt, dass die Staaten den weltweiten Höhepunkt der Treibhausgas-Emissionen so bald wie möglich erreichen und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Gleichgewicht zwischen Emissionen und Senken herstellen wollen. Eine feste Jahreszahl für das Ende der Emissionen steht im Vertrag nicht.

Einen Mittelungszeitraum nennt der Vertragstext nicht. Der Weltklimarat (IPCC) definiert globale Erwärmung in seinem Sonderbericht von 2018, den die Vertragsstaaten angefordert hatten, als Anstieg der globalen Oberflächentemperatur im Mittel über 30 Jahre, wobei 1850 bis 1900 als Näherung für vorindustriell dient. Die WMO schreibt 2026, die Pariser Marken meinen eine anhaltende Erwärmung, in der Regel über 20 Jahre betrachtet. Auch der sechste Sachstandsbericht (2021) hält fest, dass einzelne Jahre über einer Marke nicht bedeuten, dass das Erwärmungsniveau erreicht ist.

Warum 1,5 Grad und nicht 2

Der Sonderbericht bewertet das Risiko für viele Systeme bei 1,5 Grad als höher als heute, aber niedriger als bei 2 Grad. Für Korallenriffe nennt er einen weiteren Rückgang um 70 bis 90 Prozent bei 1,5 Grad und Verluste von über 99 Prozent bei 2 Grad. Der Meeresspiegel steigt bis 2100 bei 1,5 Grad etwa 0,1 Meter weniger als bei 2 Grad (Spanne 0,04 bis 0,16 Meter), wodurch bis zu 10 Millionen Menschen weniger den Folgen ausgesetzt wären. Mehr zu den Riffen steht unter Korallenbleiche.

70 bis 90 Prozentweiterer Rückgang der Korallenriffe bei 1,5 Grad, bei 2 Grad über 99 Prozent (IPCC SR1.5)
1,55 GradErwärmung 2024 laut WMO, das erste Kalenderjahr über 1,5 Grad (nicht gleichbedeutend mit einem verfehlten Ziel)
130 GigatonnenCO₂-Restbudget für 1,5 Grad ab Beginn 2026 bei 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, bei heutigem Ausstoß nach gut drei Jahren verbraucht (Forster et al. 2026)

Auch Kipp-Punkte sprechen für die Marke. Armstrong McKay et al. (2022) werten Belege aus Klimageschichte, Beobachtung und Modellen aus: Mehrere Kipp-Punkte könnten im Bereich von 1,5 bis unter 2 Grad ausgelöst werden, viele weitere bei 2 bis 3 Grad, der laut ihnen auf Basis der damaligen Politik erwarteten Erwärmung. Das ist eine Risikoabschätzung, keine Vorhersage eines festen Zeitpunkts.

Wo die Erde steht

Der sechste Sachstandsbericht beziffert die Erwärmung für 2011 bis 2020 auf 1,09 Grad über 1850 bis 1900 (Spanne 0,95 bis 1,20 Grad). Seitdem ist sie weiter gestiegen. Forster et al. (2026) kommen für den Zehnjahreszeitraum 2016 bis 2025 auf eine beobachtete Erwärmung von 1,26 Grad, davon 1,24 Grad menschengemacht. Für das Jahr 2025 schätzen sie die menschengemachte Erwärmung auf 1,37 Grad, mit einem Anstieg von 0,27 Grad pro Jahrzehnt. Bei gleichbleibendem Ausstoß würde diese Erwärmung demnach um das Jahr 2030 die Marke von 1,5 Grad erreichen.

Die Einzeljahre liegen höher. Die WMO ermittelte für 2024 aus sechs Datensätzen 1,55 Grad (mit einer Unsicherheit von plus oder minus 0,13 Grad), Copernicus für denselben Zeitraum mit dem Datensatz ERA5 1,60 Grad. Für 2025 kommt die WMO aus acht Datensätzen auf 1,44 Grad, damit war es das zweit- oder drittwärmste Jahr. Für 2026 bis 2030 hält die WMO es für wahrscheinlich (75 Prozent), dass das Fünfjahresmittel 1,5 Grad übersteigt, und für sehr wahrscheinlich (91 Prozent), dass mindestens ein einzelnes Jahr darüber liegt.

Restbudget und Emissionspfade

Je mehr CO₂ insgesamt ausgestoßen wird, desto höher steigt die Temperatur. Das CO₂-Budget für 1,5 Grad schrumpft deshalb mit jedem Jahr. Der sechste Sachstandsbericht nannte 500 Gigatonnen CO₂ ab Beginn 2020 für eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Forster et al. (2026) schätzen das Restbudget ab Beginn 2026 auf etwa 130 Gigatonnen. Der Unterschied erklärt sich vor allem durch rund 250 Gigatonnen, die zwischen 2020 und 2025 ausgestoßen wurden, durch ein aktualisiertes Modell für kühlende Aerosole und durch die höher als erwartet ausgefallene Erwärmung. Bei 42 Gigatonnen CO₂ pro Jahr (Stand 2025) wäre das Budget in gut drei Jahren aufgebraucht. Die Autorengruppe betont, dass dies nicht genau dem Zeitpunkt entspricht, an dem 1,5 Grad erreicht werden.

Der Sonderbericht von 2018 beschreibt, was nötig wäre: In Pfaden mit keiner oder nur geringer Überschreitung sinken die weltweiten CO₂-Emissionen bis 2030 um etwa 45 Prozent gegenüber 2010 und erreichen um 2050 netto null. Für unter 2 Grad nennt er etwa 25 Prozent weniger bis 2030 und netto null um 2070. Eine Halbierung bis 2030 nennt der Bericht für CO₂ also nicht. Netto null meint ein Gleichgewicht aus Ausstoß und Entnahme, mehr dazu unter Klimaneutralität.

Reichen die Zusagen?

Der Emissions Gap Report 2025 des UN-Umweltprogramms (UNEP) rechnet mit 2,3 bis 2,5 Grad Erwärmung im Laufe des Jahrhunderts, wenn alle Klimazusagen (NDCs) vollständig umgesetzt werden, und mit 2,8 Grad bei der aktuell verfolgten Politik. Die neuen Zusagen hätten die Projektion kaum bewegt. Für Pfade, die zu 1,5 Grad passen, wären laut UNEP 2035 rund 55 Prozent weniger jährliche Emissionen als 2019 nötig, für 2 Grad rund 35 Prozent. Eine höhere Überschreitung von 1,5 Grad innerhalb des nächsten Jahrzehnts hält der Bericht für sehr wahrscheinlich.

Der Sonderbericht stellt fest, dass die Risiken größer sind, wenn die Erwärmung erst über 1,5 Grad steigt und später zurückkehrt, als wenn sie sich auf diesem Niveau stabilisiert, besonders bei hohem Höchstwert. Einige Folgen, etwa der Verlust mancher Ökosysteme, können lange anhalten oder unumkehrbar sein.

Was das Ziel nicht ist

Das 1,5-Grad-Ziel ist ein politisch vereinbarter Schwellenwert, kein Punkt, hinter dem plötzlich alles kippt. Die Forschung zeigt vielmehr, dass die Risiken mit jedem Zehntelgrad zunehmen. Auch bei 1,5 Grad sind sie höher als heute, und nicht alle sind gleich betroffen.

Wer die Folgen trägt

Der Sonderbericht stuft die Risiken für benachteiligte und verwundbare Bevölkerungsgruppen, einige indigene Völker und Gemeinschaften, die von Landwirtschaft oder Küsten leben, als überproportional hoch ein. Das gilt auch für arktische Ökosysteme, Trockengebiete, kleine Inselentwicklungsländer und die am wenigsten entwickelten Länder. Eine Begrenzung auf 1,5 statt 2 Grad könnte bis 2050 die Zahl der Menschen, die Klimarisiken ausgesetzt und zugleich armutsgefährdet sind, um bis zu mehrere hundert Millionen verringern. Warum diese Lasten ungleich verteilt sind, behandelt der Begriff Klimagerechtigkeit.

Ob 1,5 Grad gehalten werden, entscheidet sich nicht in einem einzelnen Jahr, sondern in den Emissionen der nächsten Jahre. Jedes Zehntelgrad, das vermieden wird, verringert die Risiken.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Frage bei Schlagzeilen über „1,5 Grad überschritten“ nach, ob ein einzelnes Jahr oder ein langjähriger Durchschnitt gemeint ist.
  2. Prüfe bei Klimaversprechen die Bezugsgröße: Jahr, Gase (nur CO₂ oder alle Treibhausgase) und Vergleichswert.
  3. Schau nach, welche Klimaziele deine Stadt oder Gemeinde beschlossen hat, und frage nach dem Stand der Umsetzung.

Quellen: Vereinte Nationen (2015): Paris Agreement, Artikel 2 und 4 / IPCC (2018): Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung (SR1.5), Summary for Policymakers / IPCC (2021): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe I, Summary for Policymakers / WMO (10.01.2025): WMO confirms 2024 as warmest year on record at about 1.55°C above pre-industrial level / Copernicus Climate Change Service (2025): 2024 is the first year to exceed 1.5°C above pre-industrial level / WMO (14.01.2026): WMO confirms 2025 was one of warmest years on record / WMO (28.05.2026): New report suggests more global temperature records ahead / Forster et al. (2026): Indicators of Global Climate Change 2025, Earth System Science Data 18 / UNEP (2025): Emissions Gap Report 2025, Zusammenfassung / Armstrong McKay et al. (2022): Exceeding 1.5°C global warming could trigger multiple climate tipping points, Science 377


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