- Bedeutung
- Auf Kritik mit einem Gegenvorwurf oder dem Verweis auf andere Missstände antworten, statt auf den Inhalt einzugehen
- Früheste Belege
- Leserbrief in der Irish Times vom 30. Januar 1974 über „the Whatabouts“ im Nordirlandkonflikt
- Als Begriff verbreitet
- 2007 und 2008 durch Edward Lucas im Economist, bezogen auf sowjetische und russische Rhetorik
- Logische Einordnung
- Verwandt mit dem Tu-quoque-Fehlschluss und dem Ablenkungsmanöver Red Herring, aber nicht immer unberechtigt
- Wirkung
- In zwei Umfrageexperimenten sank die Zustimmung zu einer Kritik durch Whataboutism um 18 Punkte
Einfach erklärt
Whataboutism oder Whataboutismus ist eine Gesprächstechnik: Auf eine Kritik folgt keine Antwort, sondern eine Gegenfrage oder der Hinweis auf ein anderes Problem, meist eingeleitet mit „Und was ist mit …?“ (englisch „what about …?“). Der Duden beschreibt es als Diskussionsstil, bei dem auf Argumente stets mit Gegenfragen oder dem Verweis auf andere Probleme und Themen reagiert wird.
Ein Alltagsbeispiel nutzt die Argumentationsforscherin Tracy Bowell in einem Fachaufsatz: Ein Vater fordert seinen Sohn Billy auf, das Zimmer aufzuräumen. Billy antwortet, sein Bruder Bobby habe ein ebenso unordentliches Zimmer und dürfe trotzdem raus. Das Zimmer bleibt unaufgeräumt, und das Gespräch handelt nun von Gerechtigkeit unter Geschwistern.
In Politik und Öffentlichkeit läuft es genauso, nur mit mehr Folgen. Das Muster verfängt, weil der Gegenvorwurf oft sogar zutrifft. Er beantwortet die ursprüngliche Kritik aber nicht.
Merke
Ein Gegenvorwurf kann berechtigt sein und die ursprüngliche Kritik trotzdem unberührt lassen. Dass die kritisierende Seite selbst nicht makellos ist, macht ihre Kritik nicht falsch.
Ausführlich erklärt
Woher der Begriff kommt
Der Ursprung liegt nicht im Kalten Krieg, sondern im Nordirlandkonflikt. Am 30. Januar 1974 beklagte Sean O’Conaill in einem Leserbrief an die Irish Times „the Whatabouts“: Leute, die jede Verurteilung der Provisional IRA mit dem Hinweis auf größere Verfehlungen der Gegenseite beantworteten, etwa mit der Frage nach dem Bloody Sunday. Drei Tage später schrieb der Journalist John Healy in derselben Zeitung von „Whataboutery“. Bowell gibt den Brief in ihrem Aufsatz im Wortlaut wieder, den Austausch als frühesten Beleg hat der Sprachforscher Ben Zimmer ermittelt, so berichtet es Alan Dykstra.
Das Wort „whataboutism“ selbst steht nach Benjamin Curtis erstmals 1978 in einem Leserbrief an den Guardian, in dem Lionel Bloch die Technik als sowjetischen Import ablehnte. Bekannt wurde der Begriff aber erst durch Edward Lucas: Er verwendete ihn 2007 in einem Tagebucheintrag, der im Economist erschien, und 2008 in einem Economist-Artikel für eine Redeweise der russischen Politik, die er mit sowjetischer Propaganda verband. Dykstra hält dazu fest, dass in der Presse des Kalten Krieges der 1950er bis 1990er Jahre keine prominenten Belege für den Begriff selbst nachgewiesen sind. Die Verbindung zur Sowjetunion ist also vor allem eine spätere Zuschreibung. Das Verhalten dahinter gab es dennoch: Chow und Levin schreiben, die Sowjetunion habe auf Kritik regelmäßig mit dem Verweis auf die Misshandlung Schwarzer Amerikaner in den USA geantwortet.
Logisch eingeordnet
In der Argumentationstheorie gilt Whataboutism meist als Variante des Tu-quoque-Fehlschlusses („du auch“). Bowell zufolge sind solche Argumente in der Regel schwach, oft Tu quoque oder ein anderer Relevanzfehlschluss. Im Fall des Leserbriefs von 1974 sieht sie ein Ablenkungsmanöver (Red Herring): Die Frage verschiebt die Aufmerksamkeit von der Gewalt der IRA auf die Gewalt anderer. Die Gegenseite ist für den Konflikt nicht irrelevant, aber die Frage umgeht, worum es ging.
Zugleich zeigt Bowell, dass es gute Fälle gibt. Billy hat in ihrem Beispiel womöglich recht, dass er ungleich behandelt wird. Sein Fehler liegt im letzten Schritt, aus der Ungleichbehandlung folge, dass niemand aufräumen müsse. Aikin und Casey beschreiben Whataboutism als meta-argumentativen Fehlschluss: Das „Was ist mit …?“ betrifft oft nicht nur Widersprüche, sondern die Frage, ob die gesamte Beleglage berücksichtigt wurde.
Eine Parallele zeigt die Kriminologie. Gresham Sykes und David Matza beschrieben 1957, wie Jugendliche in Konflikt mit dem Gesetz die Wirkung von Missbilligung abschwächen: Sie verlagern die Aufmerksamkeit von den eigenen Taten auf Motive und Verhalten derer, die sie verurteilen, und stellen diese als Heuchler dar. Die Studie behandelt Jugenddelinquenz, nicht politische Rhetorik. Der Vergleich mit Whataboutism ist eine Analogie.
Wie wirksam ist das?
Chow und Levin untersuchten die Wirkung 2024 in der Zeitschrift International Organization. Anlass war ein Fall vom 23. Mai 2021: Belarus zwang ein Ryanair-Flugzeug zur Landung in Minsk und nahm einen Dissidenten fest. Die USA und die EU verurteilten das, das russische Außenministerium antwortete, beide hätten in der Vergangenheit auf ähnliche Ereignisse ganz anders reagiert, und verwies auf das Flugzeug des bolivianischen Präsidenten Evo Morales 2013.
Die Forscher legten US-Erwachsenen in zwei Online-Experimenten (August und September 2021 mit 2.452 Personen, Januar 2022 mit 3.200) konstruierte Szenarien zu Flüchtlingsmisshandlung und Wahleinmischung vor; das zweite prüfte Gegenreden. Mit Whataboutism, der auf ähnliche Verfehlungen der USA verwies, sank die Zustimmung zum Verhalten der USA um 18 Punkte, die Unterstützung für Wirtschaftssanktionen um 10 Punkte, verglichen mit einer Version ohne Kommentar. Der Effekt war kleiner, wenn die genannte Verfehlung länger zurücklag, und schwächer und weniger belastbar, wenn sie nicht ähnlich war. Ob das Land, das den Vorwurf erhob, als Freund oder Gegner galt, spielte kaum eine Rolle. Gegenreden von US-Regierungsvertretern hoben die Wirkung oft nicht auf.
Die Befunde stammen aus einer Befragung in den USA mit konstruierten Szenarien. Auf Debatten in Deutschland lassen sie sich nicht ohne Weiteres übertragen.
Whataboutism gegen Gleichstellung und Antidiskriminierung
Bowell widmet den letzten Teil ihres Aufsatzes Debatten über soziale Gerechtigkeit. Dort sei das „Was ist mit …?“ oft ein Blockadezug, der schlechte Argumente liefert und Schaden anrichten kann. Typisch ist die Frage „Was ist mit weißen Menschen, Männern, heterosexuellen oder cis Personen?“ als Antwort auf Maßnahmen gegen Ungleichheit, etwa auf ein Stipendium für eine unterrepräsentierte Gruppe. Solche Programme sind laut Bowell notwendig parteiisch zugunsten systematisch benachteiligter Gruppen, die Vergleichsfälle sind selten moralisch gleichwertig, und die Frage übergeht Machtgefälle und die Geschichte der Ausgrenzung. Das betrifft etwa Debatten über Rassismus und Sexismus.
Der Zug kann laut Bowell wie Gaslighting wirken: Die Erfahrungen Benachteiligter erscheinen kleiner, weil angeblich auch Privilegierte benachteiligt seien. Zudem leidet die Glaubwürdigkeit der Argumentierenden. Bowell knüpft dazu an das von Patrick Bondy entwickelte Konzept der argumentativen Ungerechtigkeit an, bei dem jemandem aufgrund von Vorurteilen die Glaubwürdigkeit als Argumentierender abgesprochen wird.
Auch staatliche Akteure nutzen das Muster. Curtis nennt russische Propaganda seit dem Kalten Krieg, China im Umgang mit Kritik an der Behandlung der Uiguren und die Militärjunta in Myanmar gegenüber Kritik an der Verfolgung der Rohingya. Es dient damit als Werkzeug der Desinformation.
Wann ein „Was ist mit …?“ berechtigt ist
Nicht jeder Hinweis auf andere Fälle ist Ablenkung. Laut Bowell kann er auch einen ungerechtfertigten Bias sichtbar machen, und es gibt gute Argumente, die einen solchen Zug enthalten. Die deutsche Wikipedia weist zudem darauf hin, dass auch der Vorwurf des Whataboutism manipulativ sein kann, etwa um unbequeme Einwände abzuwehren.
Drei Prüffragen helfen bei der Einordnung. Sie sind aus Bowell sowie Chow und Levin abgeleitet und keine feste Methode. Wird die ursprüngliche Kritik beantwortet oder umgangen? Ist der Vergleichsfall wirklich ähnlich, auch bei Macht, Ausmaß und Zeitpunkt? Und folgt aus dem Gegenvorwurf überhaupt etwas für die Ausgangsfrage?
Im Gespräch bewährt sich oft, die Ausgangsfrage ruhig zu wiederholen und den Gegenvorwurf getrennt zu behandeln: erst die eine Frage klären, dann die andere. Chow und Levin zeigen allerdings, dass bloße Gegenrede die Wirkung eines Whataboutism in ihren Experimenten oft nicht aufhob. Den Themenwechsel ausdrücklich zu benennen, bleibt trotzdem möglich.
Einordnung
Der Eintrag stützt sich auf Fachaufsätze, den Duden und eine Enzyklopädie. Nicht abrufbar waren die Originaltexte der Irish Times von 1974, des Guardian von 1978 und des Economist von 2007 und 2008 sowie Zimmers Artikel im Wall Street Journal. Die Angaben dazu stammen aus Bowell, Dykstra und Curtis. Von Sykes und Matza lag nur das Abstract vor, von Aikin und Casey ebenfalls.
Quellen: Bowell, Tracy (2023): Whataboutisms: The Good, the Bad and the Ugly, Informal Logic 43(1), S. 91 bis 112 / Chow, Wilfred M. und Levin, Dov H. (2024): The Diplomacy of Whataboutism and US Foreign Policy Attitudes, International Organization 78(1), S. 103 bis 133 / Dykstra, Alan (2020): The Rhetoric of Whataboutism in American Journalism and Political Identity, Res Rhetorica 7(2) / Aikin, Scott F. und Casey, John (2024): What about Whataboutism?, Social Epistemology 40(3), S. 329 bis 338 (Abstract) / Curtis, Benjamin (2023): Why whataboutism is such a popular tactic in arguments, RTÉ Brainstorm (zuerst The Conversation) / Sykes, Gresham M. und Matza, David (1957): Techniques of Neutralization, American Sociological Review 22(6), S. 664 bis 670 (Abstract) / Duden: Whataboutism, Bedeutung und Herkunft / Wikipedia (deutsch): Whataboutism
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