Kipp-Punkte


Kompakt erklärt

Kipp-Punkte beschreiben kritische Schwellenwerte im Klimasystem der Erde – Punkte, an denen ein relativ kleiner Anstoß eine große, kaum umkehrbare Veränderung auslösen kann. Das bekannteste Beispiel ist das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes: Schmilzt er zu einem bestimmten Anteil ab, beginnt ein sich selbst verstärkender Prozess, der nicht mehr gestoppt werden kann – unabhängig davon, was danach noch passiert. Kipp-Punkte sind keine Katastrophenszenarien aus Science-Fiction, sondern reale Phänomene, die Klimawissenschaftler*innen seit Jahrzehnten untersuchen. Was sie so bedeutsam macht: Sie können das Klima sprunghaft verändern, nicht langsam und graduell. Und sie können sich gegenseitig auslösen – in einer Art Dominoeffekt. Deshalb warnen Klimaforschende eindringlich davor, die Erderwärmung möglichst weit unter 2 °C zu halten – nicht um Panik zu verbreiten, sondern weil ab bestimmten Temperaturschwellen die Kontrolle über das Klimasystem aus menschlicher Hand gleitet.


Für Neugierige

Wissenschaftlich werden Kipp-Punkte als „tipping elements” bezeichnet – Subsysteme des Erdsystems, die sich bei überschrittenen Schwellenwerten in einen qualitativ anderen Zustand versetzen können. Der Weltklimarat (IPCC) identifiziert im sechsten Sachstandsbericht (AR6, 2021) mehrere potenzielle Kipp-Elemente: darunter den Amazonas-Regenwald, das Westantarktische Eisschild, die Atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) und sibirische Permafrostböden. Besonders beunruhigend: Eine Studie in Science (Lenton et al., 2018) zeigte, dass einige Kipp-Punkte möglicherweise schon bei 1,5–2 °C globaler Erwärmung erreicht werden könnten – früher als lange angenommen. Armstrong McKay et al. (2022, ebenfalls Science) aktualisierten diese Einschätzung und senkten die Risikoschätzungen weiter ab. Wichtig dabei: Kipp-Punkte sind keine Gewissheiten, sondern Risikoabschätzungen. Die Wissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheitsbereichen – was kein Grund zur Entwarnung ist, sondern zur Vorsicht.

Quellen: IPCC AR6 Working Group I (2021); Lenton et al. (2018), Science; Armstrong McKay et al. (2022), Science.


Verwandte Begriffe: Klimawandel · Klimaerwärmung · Treibhauseffekt · IPCC · Denialismus