- Bedeutung
- Ansätze in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht mehr als Ziel setzen
- Leitfrage
- Was brauchen Menschen für ein gutes Leben, und wie lässt sich das innerhalb der planetaren Grenzen organisieren?
- Gemeint
- Eine gestaltete Veränderung, keine Rückkehr in die Vergangenheit und keine Rezession
- Degrowth
- Im Deutschen oft gleichbedeutend, meint auch die internationale Bewegung und das Forschungsfeld
- Rechtlich
- Wachstum ist seit 1967 im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verankert
Kompakt erklärt
Postwachstum bezeichnet Ansätze in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht mehr als Ziel setzen. Das BIP misst den Wert aller im Inland erzeugten Waren und Dienstleistungen. Es sagt nicht, ob Menschen gut leben oder ob ökologische Grenzen eingehalten werden. Postwachstum fragt deshalb: Was brauchen Menschen für ein gutes Leben, und wie lässt sich das innerhalb der planetaren Grenzen organisieren?
Das ist weder eine Rückkehr in die Vergangenheit noch eine Rezession, also ein ungewollter Rückgang der Wirtschaftsleistung. Gemeint ist eine gestaltete Veränderung: Bereiche mit hohem Ressourcen- und Emissionsverbrauch sollen schrumpfen, andere wie die Sorgearbeit (Care) und das Gemeinschaftliche gestärkt werden. Wachstum kann dabei ein Ergebnis sein, aber kein Ziel an sich. So formuliert es das Sondervotum, also die abweichende Stellungnahme, von SPD, Linken, Grünen und acht Sachverständigen in der Enquete-Kommission des Bundestags zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität. Eine Enquete-Kommission ist eine vom Parlament eingesetzte Expertenkommission.
Im Deutschen werden Postwachstum und Degrowth oft gleichbedeutend gebraucht. Wo man sie unterscheidet, bezeichnet Degrowth die internationale Bewegung und das Forschungsfeld, das Reduktion und Umverteilung ausdrücklich ins Zentrum stellt (so beschreibt es degrowth.info). Eine feste Trennlinie gibt es nicht.
Für Neugierige
Herkunft von Postwachstum und Degrowth
Die Kritik am unbegrenzten Wachstum ist älter als das Schlagwort. Der Schlussbericht der Enquete-Kommission nennt den Club of Rome, der 1972 die Grenzen des Wachstums thematisierte, und den Ökonomen Nicholas Georgescu-Roegen, der die thermodynamischen Grenzen des Wirtschaftswachstums beschrieb („The Entropy Law and the Economic Process“, 1971).
Das französische Wort décroissance (Verringerung) wurde laut der Plattform degrowth.info im Februar 2002 mit einer Sonderausgabe der Zeitschrift S!lence zum Schlagwort einer Bewegung. Serge Latouche legte 2006 mit „Le pari de la décroissance“ ein Buch zum Thema vor. Die erste internationale Degrowth-Konferenz fand am 18. und 19. April 2008 in Paris statt, mit 140 Teilnehmenden aus rund 30 Ländern. Die vierte folgte im September 2014 in Leipzig.
Im deutschsprachigen Raum prägte Niko Paech die Debatte. Sein Buch „Befreiung vom Überfluss“ erschien 2012 im oekom Verlag, 2025 folgte eine überarbeitete Neuausgabe. Der Verlag nennt ihn den führenden Vordenker der Postwachstumsökonomie im deutschsprachigen Raum. Das ist eine Selbstbeschreibung des Verlags und kein neutrales Urteil.
Warum Wachstum ein politisches Ziel ist
In Deutschland ist Wachstum seit 1967 gesetzlich verankert. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verpflichtet Bund und Länder in § 1, ihre Maßnahmen so zu treffen, dass sie gleichzeitig zu stabilen Preisen, hoher Beschäftigung und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht „bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum“ beitragen. Wachstum ist dort eines von vier Zielen.
Auch der Sozialstaat ist darauf ausgelegt. Das Sondervotum der Enquete-Kommission hält fest, dass seine Institutionen in Stagnations- oder Rezessionsphasen schnell unter massiven Druck geraten, und fragt, wie sie ohne wachstumsabhängige Politik gestärkt werden können.
Der Bundestag setzte die Enquete-Kommission am 1. Dezember 2010 ein, ihr Schlussbericht (Drucksache 17/13300) erschien am 3. Mai 2013. Die Kommission empfahl ein erweitertes BIP aus zehn Leitindikatoren: BIP, Einkommensverteilung, Staatsschulden, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Freiheit, Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt. Bei der Wachstumsfrage selbst blieb sie uneins. In der Projektgruppe 1 bestand weitgehend Einigkeit, dass Wachstum sich aus den Entscheidungen einzelner Wirtschaftsakteure ergibt und politische Vorgaben für Wachstumsraten kein geeignetes Instrument sind. Kontrovers blieb, was nachhaltige Politik für das Wachstum bedeutet: Tim Jackson und Niko Paech halten eine starke Mäßigung oder einen Verzicht für nötig, Meinhard Miegel erwartet in der Europäischen Union ohnehin geringes oder ausbleibendes Wachstum.
Was die Forschung zur Entkopplung sagt
Der Streit dreht sich um eine Frage: Lässt sich die Wirtschaftsleistung steigern, während Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut sinken?
Kerngedanke
Fachleute nennen das absolute Entkopplung. Bei relativer Entkopplung wachsen die Emissionen nur langsamer als das BIP.
Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hält im Sechsten Sachstandsbericht von 2022 fest, dass umstritten ist, ob absolute Entkopplung weltweit erreichbar ist. Auf nationaler Ebene zeigten mehrere Studien, dass sie möglich ist. Von 116 untersuchten Ländern erreichten 2015 bis 2018 23 eine absolute Entkopplung konsumbasierter und 32 eine absolute Entkopplung produktionsbasierter CO₂-Emissionen vom BIP. Konsumbasiert zählt auch die Emissionen importierter Güter, produktionsbasiert nur die im Land selbst entstandenen. Die Entkopplung gelang vor allem Ländern mit hohem BIP und hohen Pro-Kopf-Emissionen, und nicht nur durch Auslagerung emissionsintensiver Produktion, sondern auch durch Effizienz und einen emissionsärmeren Energiemix.
Mindestens 18 Länder senkten ihre Emissionen länger als zehn Jahre. Zusammen sparten sie aber nur rund 3,2 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent pro Jahr ein (alle Treibhausgase in CO₂-Wirkung umgerechnet), wenig im Vergleich zum globalen Anstieg.
Studien mit klareren Schlüssen stehen neben dieser vorsichtigen Bewertung, und der IPCC nennt einige davon selbst als Teil der Kontroverse:
- Haberl und weitere Forschende (2020) werteten 835 Fachartikel aus. Relative Entkopplung ist häufig, Beispiele für langfristige absolute Entkopplung sind selten. Mit den beobachteten Raten seien große, schnelle Reduktionen nicht erreichbar, Entkopplung müsse durch Suffizienz und strikte absolute Reduktionsziele ergänzt werden.
- Hickel und Kallis (2020) fanden keinen empirischen Beleg für eine absolute Entkopplung vom Ressourcenverbrauch im globalen Maßstab bei fortgesetztem Wachstum. Eine ausreichend schnelle Entkopplung bei CO₂ halten sie für sehr unwahrscheinlich.
- Vogel und Hickel (2023) untersuchten elf Länder mit hohem Einkommen, die zwischen 2013 und 2019 absolut entkoppelten. Bei den erreichten Raten bräuchten sie im Schnitt mehr als 220 Jahre, um ihre Emissionen um 95 % zu senken. Für ihren fairen Anteil am verbleibenden CO₂-Budget für 1,5 Grad müssten sich die Raten bis 2025 etwa verzehnfachen. Die Forschenden folgern, dass solche Länder Strategien zur Senkung der Nachfrage brauchen.
Die soziale Frage: Verteilung, Sorgearbeit und globale Gerechtigkeit
Postwachstum ist keine rein ökologische Idee. Der IPCC zeigt, wie ungleich Emissionen verteilt sind: Die 10 % der Haushalte mit den höchsten Pro-Kopf-Emissionen verursachen 34 bis 45 % der konsumbasierten Haushaltsemissionen, die untere Hälfte 13 bis 15 %. Die am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries, LDCs, so die Bezeichnung des IPCC) trugen zwischen 1850 und 2019 weniger als 0,4 % der historischen CO₂-Emissionen aus fossilen Quellen und Industrie bei. Zugleich hält der IPCC mit hoher Sicherheit fest, dass sich kurzfristig extreme Armut und Energiearmut beseitigen und menschenwürdige Lebensstandards sichern lassen, ohne dass die globalen Emissionen deutlich steigen müssen. Das spricht dafür, Postwachstum als Verteilungsfrage zu denken: Wo muss der Verbrauch sinken, und wo darf er steigen?
Einschnitte und Verteilung
Eine naheliegende Sorge ist, dass Einschnitte ohne Umverteilung vor allem Menschen mit geringem Einkommen träfen. Deshalb nennt degrowth.info Gerechtigkeit und Verteilung als Kernelement und versteht Wachstumskritik zugleich als Kritik an Systemen der Herrschaft wie Kapitalismus, Extraktivismus (Wirtschaften durch Rohstoffabbau und Ausbeutung von Natur), Kolonialismus und Patriarchat. Wie ein Umbau sozial gerecht gelingen kann, beschreibt das Konzept Just Transition.
Auch unbezahlte Arbeit rückt in den Blick. Das Sondervotum der Enquete-Kommission greift feministische Kritik auf: Als Arbeit zähle am Markt nur Erwerbsarbeit, unbezahlte Care- oder Sorgearbeit werde Frauen zugeschrieben und nicht als wertschöpfend betrachtet. Degrowth.info fordert, Sorgearbeit gerecht zwischen Geschlechtern, Klassen und rassistisch markierten Gruppen zu verteilen und neu zu bestimmen, welche Arbeit als produktiv gilt. Diese Perspektive verbindet das Konzept mit dem Ökofeminismus.
Wachstum bleibt zugleich umstritten als Weg zu Wohlstand. Das Sondervotum erkennt an, dass das Wachstum der letzten zwei Jahrhunderte Wohlstand verbreitet hat und Gesellschaften ohne menschenwürdige Lebensqualität ein legitimes Recht auf Entwicklung haben. Zugleich sehe es Anzeichen, dass sich der Zusammenhang zwischen Wachstum und Lebensqualität in Industrieländern zunehmend auflöst. Die hier genannten Studien richten sich entsprechend vor allem an Länder mit hohem Einkommen. Die Quellen stammen überwiegend aus Europa, aus dem englischsprachigen Raum und von internationalen Gremien. Stimmen aus dem Globalen Süden (einer Sammelbezeichnung für Länder, die oft kolonial geprägt und wirtschaftlich benachteiligt sind) kommen hier nur vermittelt vor.
Quellen: IPCC AR6 WGIII (2022), Kapitel 2, Abschnitt 2.3.3 / IPCC AR6 WGIII (2022), Summary for Policymakers, B.3 / Haberl et al. (2020): A systematic review of the evidence on decoupling of GDP, resource use and GHG emissions, part II, Environmental Research Letters / Hickel und Kallis (2020): Is Green Growth Possible?, New Political Economy / Vogel und Hickel (2023): Is green growth happening?, The Lancet Planetary Health / Deutscher Bundestag (2013): Schlussbericht der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, Drucksache 17/13300 / § 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz / degrowth.info: What is degrowth? / degrowth.info: Conferences / Paech (2012, Neuausgabe 2025): Befreiung vom Überfluss, oekom Verlag / Latouche (2006): Le pari de la décroissance, Fayard
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