Einfach erklärt
Postwachstum bezeichnet ein wirtschaftspolitisches und gesellschaftliches Konzept, das wirtschaftliches Wachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), nicht mehr als zentrales Ziel staatlichen Handelns betrachtet. Stattdessen fragt Postwachstum: Was brauchen Menschen für ein gutes Leben? Und wie lässt sich das innerhalb planetarer Grenzen organisieren?
Die Idee ist keine Rückkehr in die Vergangenheit. Es geht nicht darum, alles schlechter zu machen, sondern darum, bestimmte Bereiche zu reduzieren (Ressourcenverbrauch, CO₂-intensive Produktion) und andere zu stärken (Fürsorgearbeit, Gemeinschaft, Reparatur). Wohlstand wird neu definiert.
Wachstum war das politische Versprechen der Nachkriegszeit: mehr Jobs, mehr Güter, mehr Sicherheit. Postwachstum hinterfragt, ob dieses Versprechen auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen noch einlösbar ist.
Ausführlich erklärt
Der Begriff geht maßgeblich auf den französischen Philosophen Serge Latouche zurück, der in den 1970ern das Konzept der „décroissance“ (Degrowth) prägte. Im deutschen Sprachraum wurde es besonders durch den Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech populär. Degrowth und Postwachstum unterscheiden sich leicht: Degrowth fordert aktiv die Verkleinerung bestimmter Wirtschaftsbereiche, Postwachstum ist als Begriff weiter gefasst.
Der IPCC (Weltklimarat) stellt im Sechsten Sachstandsbericht (AR6, 2022) fest, dass wirtschaftliches Wachstum und ausreichende Dekarbonisierung bisher nicht entkoppelt wurden, trotz technologischem Fortschritt. Eine rein technologische Lösung ohne Verhaltens- und Systemänderungen gilt laut aktueller Klimawissenschaft als unrealistisch.
Aus sozialer Perspektive gilt: Postwachstum allein löst keine Ungleichheiten. Wenn wirtschaftliche Aktivität reduziert wird, ohne Umverteilung, treffen die Verluste überproportional einkommensschwache Menschen und Länder des sogenannten Globalen Südens (Staaten, die überproportional von Klimafolgen betroffen sind, historisch aber am wenigsten zu Emissionen beigetragen haben). Just Transition ist deshalb kein Add-on, sondern Voraussetzung jeder ernsthaften Postwachstumspolitik.
Quellen: IPCC AR6 (2022): Mitigation of Climate Change – Summary for Policymakers / Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Oekom Verlag.
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