Queeres ABC

Intergeschlechtlichkeit / Intersex

Intergeschlechtlichkeit (Intersex, inter*) einfach erklärt: Bedeutung, Häufigkeit, Unterschied zu trans und was § 1631e BGB regelt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 21.10.2026
Intersex-Flagge: gelbes Rechteck mit einem lila Kreis in der Mitte
Die Intersex-Flagge (2013). Wikimedia Commons, gemeinfrei (CC0).
Auf einen Blick

Bedeutung
Angeborene körperliche Geschlechtsmerkmale, die nicht in die typischen Vorstellungen von männlichen oder weiblichen Körpern passen
Medizinischer Begriff
„Varianten der Geschlechtsentwicklung“ (AWMF-Leitlinie), englisch „Differences of Sex Development“
Nicht gemeint
Geschlechtsidentität oder sexuelle Orientierung: Beides ist unabhängig vom Körper
Recht in Deutschland
§ 1631e BGB seit 22. Mai 2021, Geschlechtseintrag „divers“ oder keine Angabe möglich
Flagge
Gelb mit lila Kreis, 2013 von Morgan Carpenter entworfen

Einfach erklärt

Intergeschlechtlichkeit (auch Intersex, älter Intersexualität; als Adjektiv intergeschlechtlich, kurz inter*) bezeichnet angeborene körperliche Merkmale, die sich nicht eindeutig den typischen Körpern von Männern oder Frauen zuordnen lassen. Das kann die Chromosomen betreffen, die Keimdrüsen, den Hormonhaushalt oder die inneren und äußeren Geschlechtsorgane. Manche Variationen zeigen sich bei der Geburt, andere erst in der Pubertät, manche nie.

Die AWMF-Leitlinie definiert Varianten der Geschlechtsentwicklung als Inkongruenz zwischen dem jeweils typischen chromosomalen, gonadalen und phänotypischen Geschlecht. Wer keine Behandlung braucht oder will, ist nicht krank: Über „Heilbarkeit“ lasse sich dann nicht nachdenken.

Wichtig ist die Trennung von Körper und Identität. Ein intergeschlechtlicher Mensch kann sich als Frau, als Mann, als trans Mann, als nichtbinär oder anders verstehen und jedes Geschlecht lieben. Laut Leitlinie ordnet sich ein Großteil der Betroffenen einem der typischen Geschlechter zu. Intergeschlechtlichkeit ist deshalb weder ein drittes Geschlecht noch ein Synonym für nichtbinär.

Merke

Intergeschlechtlichkeit beschreibt den Körper, nicht die Identität. Wie sich ein Mensch versteht, entscheidet er, sie oder dey selbst.


Ausführlich erklärt

Begriffe und Selbstbezeichnung

Lange waren Begriffe wie „Hermaphroditismus“ oder „Intersexualität“ üblich. Nach der Chicagoer Konsensuskonferenz 2005 kam „Disorders of Sex Development“ (DSD) auf, um diskriminierende Wörter zu vermeiden, doch „disorders“ bedeutet Störung und legt eine Krankheit nahe. Die AWMF-Leitlinie wählt deshalb „Varianten der Geschlechtsentwicklung“, wie auch das Gesetz.

„Intergeschlechtlichkeit“ sei im medizinischen Kontext nicht mehr gebräuchlich, hält die Leitlinie fest, werde aber von einigen Betroffenen selbst gewählt. Die Organisation InterAction lehnt „DSD“ ab. Die Regel lautet daher: so benennen, wie sich die Person selbst bezeichnet. Das „I“ in LGBTQIA+ steht für Intersex, obwohl es um Körper und Selbstbestimmung geht, nicht um Orientierung.

Wie viele sind betroffen?

Verlässliche Zahlen fehlen: Geburten von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung werden in Deutschland nicht statistisch erfasst, so die Bundesregierung im Gesetzentwurf (Drucksache 19/24686). Die Schätzungen hängen davon ab, was mitgezählt wird:

  • Das Bundesverfassungsgericht nannte 2017 beispielhaft 1 zu 500, also etwa 160.000 Personen in Deutschland, und wies darauf hin, dass die Angaben je nach gezählten Erscheinungsformen variieren.
  • Die Bundesregierung nennt für ein uneindeutiges Genital bei der Geburt etwa 1 zu 4.500 bis 5.500 (nach Lee u. a. 2016). Das Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalts, das einzige seiner Art, ergab 0,72 pro 10.000 Geborenen, erfasst aber nicht alle Varianten. Die Regierung rechnet mit etwa 300 Geburten pro Jahr.
  • Blackless und Kolleginnen schätzten 2000, dass bis zu 2 Prozent der Lebendgeburten vom typischen männlichen oder weiblichen Körper abweichen. Sax wandte 2002 ein, das schließe Diagnosen wie das Klinefelter- und das Turner-Syndrom ein, die viele Ärztinnen und Ärzte nicht als intersex einordneten. Mit seiner engeren Definition kam er auf etwa 0,018 Prozent.

Die Spanne ist also vor allem eine Frage der Definition. Laut InterAction erschweren zudem Stigma und frühere Geheimhaltung belastbare Zählungen.

1 zu 500Häufigkeit, die das Bundesverfassungsgericht 2017 beispielhaft nannte (etwa 160.000 Personen)
0,72 pro 10.000Basisprävalenz eines indifferenten Geschlechts im Fehlbildungsmonitoring Sachsen-Anhalts
22. Mai 2021§ 1631e BGB tritt in Kraft

Medizinische Eingriffe an Kindern

Inhaltshinweis

Dieser Abschnitt beschreibt medizinische Eingriffe an Kindern und den Umgang mit ihren Körpern.

Laut Begründung des Gesetzentwurfs beruht die Praxis geschlechtsverändernder Eingriffe auf Leitlinien, die in den 1950er Jahren unter anderem der Psychologe John Money entwickelte („Baltimorer Behandlungskonzept“, Drucksache 19/24686, S. 11). Die AWMF-Leitlinie beschreibt die frühere Praxis als „optimal gender policy“: Das Kind bekam das vermutet günstigste, meist weibliche Geschlecht zugewiesen, wurde entsprechend operiert, und die Eltern sollten schweigen. Heute werde das Kind früh in Entscheidungen einbezogen.

Der UN-Sonderberichterstatter Juan Méndez stellte 2013 fest, dass Kinder mit atypischen Geschlechtsmerkmalen oft irreversiblen Geschlechtszuweisungen, unfreiwilliger Sterilisation und genitalnormalisierenden Operationen ausgesetzt seien, ohne informierte Einwilligung des Kindes oder der Eltern. Er forderte die Staaten auf, Gesetze aufzuheben, die erzwungene Eingriffe dieser Art erlauben. Ähnlich äußerten sich der Europarat (2013, 2017), der UN-Frauenrechtsausschuss (2017) und der Deutsche Ethikrat (2012), wie die Bundesregierung in der Gesetzesbegründung darlegt.

Mit neuen Leitlinien verschwanden die Eingriffe nicht. Eine Bochumer Studie (Hoenes u. a. 2019) fand von 2005 bis 2016 im Verhältnis zu den Diagnosen eine relativ konstante Zahl von Operationen an Kindern unter zehn Jahren, im Schnitt 1.871, darunter viele Hypospadie-Eingriffe, von denen nur wenige unter das spätere Gesetz fallen. Die Bundesregierung merkt an, die Deutung der Studien sei umstritten.

Die Rechtslage in Deutschland

Das Recht entscheidet nicht, wer jemand ist, sondern schützt das Recht, es selbst zu bestimmen.

Kerngedanke

Im Oktober 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht (1 BvR 2019/16), dass das Personenstandsrecht neben „weiblich“ und „männlich“ einen weiteren positiven Eintrag zulassen muss, weil das Persönlichkeitsrecht auch die Identität jener schützt, die sich dauerhaft weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zuordnen. Niemand werde gezwungen, den neuen Eintrag zu wählen. Heute erlaubt § 22 Absatz 3 PStG die Angabe „divers“ oder keine Angabe.

Seit dem 1. November 2024 gilt das Selbstbestimmungsgesetz. Nach § 2 SBGG kann jede Person, deren Geschlechtsidentität vom Eintrag abweicht, ihn gegenüber dem Standesamt ändern lassen, auch auf „divers“ oder auf Streichung. Medizinische Maßnahmen regelt das Gesetz ausdrücklich nicht (§ 1 Absatz 2). Das Verfahren steht intergeschlechtlichen und trans Menschen, darunter trans Männern, offen.

Den Schutz des Körpers regelt seit dem 22. Mai 2021 § 1631e BGB, eingeführt durch das Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung:

  • Absatz 1: Eltern dürfen nicht in eine Behandlung einwilligen, die bei einem nicht einwilligungsfähigen Kind allein das Erscheinungsbild an das männliche oder weibliche Geschlecht angleichen soll.
  • Absatz 2 und 3: Bei Operationen mit solcher Wirkung dürfen Eltern nur einwilligen, wenn sie sich nicht bis zur selbstbestimmten Entscheidung des Kindes aufschieben lassen, und das Familiengericht muss genehmigen, außer bei Gefahr für Leben oder Gesundheit.
  • Absatz 4: Eine interdisziplinäre Kommission kann den Eingriff befürworten. Auf Wunsch der Eltern soll sie eine Beratungsperson mit Variante der Geschlechtsentwicklung beteiligen.
  • Absatz 6: Behandlungsakten sind bis zum 48. Lebensjahr der behandelten Person aufzubewahren.

Das ist kein vollständiges Verbot, sondern ein Genehmigungsvorbehalt mit Ausnahmen. Die Bundesregierung rechnete mit höchstens 150 genehmigungspflichtigen Eingriffen pro Jahr. Schon im Verfahren hieß es, der Anwendungsbereich knüpfe zu eng an eine Diagnose an, und die Mehrheit der Sachverständigen forderte ein Zentralregister. Der Rechtsausschuss hielt es für wichtig, wollte es aber erst mit den Verbänden klären (Drucksache 19/27929). Laut AWMF-Leitlinie wird das Gesetz der Komplexität der Varianten nur bedingt gerecht. Die Bundesregierung sollte die Wirkung bis zum 22. Mai 2026 evaluieren (Artikel 6); einen Bericht fand die Recherche im Oktober 2026 nicht.

Inter und trans

Intergeschlechtlichkeit und Transgeschlechtlichkeit werden häufig zusammen genannt, bezeichnen aber Verschiedenes:

  1. Körper und Identität: Intergeschlechtlich beschreibt angeborene körperliche Merkmale, trans die Geschlechtsidentität. Die Begründung des Gesetzentwurfs hält unter Verweis auf die damalige S2k-Leitlinie fest, dass die Abweichung der körperlichen Geschlechtsmerkmale vom selbstempfundenen Geschlecht (Transidentität) nicht unter den Begriff „Variante der Geschlechtsentwicklung“ fällt (Drucksache 19/24686, S. 25).
  2. Verhältnis zur Medizin: Laut LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung (Sauer 2018) wollen sich viele intergeschlechtliche Menschen dem geschlechtszuweisenden Zugriff der Medizin auf ihren Körper entziehen, während viele trans Menschen medizinische Unterstützung zur Geschlechtsangleichung verlangen. Auch ihre Anliegen und ihre Positionierung in Recht und Medizin sind demnach zu unterscheiden.
  3. Überschneidungen: Manche Menschen sind beides und verorten ihre Erfahrungen sowohl in der Intergeschlechtlichkeit als auch in trans* Identitäten (ebenfalls Sauer 2018).

Inter und queer

Intergeschlechtliche Menschen erleben, was Heteronormativität und Cissexismus bedeuten: Die Annahme von genau zwei Körpertypen, die zu zwei Identitäten passen, wurde an vielen von ihnen schon im Säuglingsalter durchgesetzt. Ihre Anliegen sind dennoch eigenständig: zuerst körperliche Selbstbestimmung, Aufklärung und das Ende von Geheimhaltung, danach Registereinträge.

Die Intersex-Flagge wurde am 5. Juli 2013 von Morgan Carpenter veröffentlicht. Laut Dateibeschreibung auf Wikimedia Commons sind die Farben unabhängig von Rosa und Blau gewählt, der Kreis steht für Ganzheit.

Was du tun kannst

  1. Frag nach der Selbstbezeichnung („inter“, „intergeschlechtlich“ oder gar kein Begriff) und übernimm sie, statt eine zu vermuten.
  2. Frag nicht nach Körper, Genitalien oder Diagnose. Das ist privat.
  3. Biete in Formularen „divers“ und „keine Angabe“ an.
  4. Eltern finden Beratung bei Selbsthilfe wie Intergeschlechtliche Menschen e. V. oder OII Germany, bevor sie über einen Eingriff entscheiden.

Quellen: § 1631e BGB (Gesetzestext gelesen, abgerufen 15.10.2026) / Gesetz vom 12. Mai 2021, BGBl. I S. 1082, Artikel 6 und 7 / Drucksache 19/24686 (Gesetzentwurf, 25.11.2020) / Drucksache 19/27929 (Bericht des Rechtsausschusses, 24.03.2021) / BVerfG, Beschluss vom 10.10.2017, 1 BvR 2019/16 / § 22 PStG / § 2 SBGG / § 1 SBGG / § 15 SBGG / AWMF: S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsentwicklung, 174-001 (Stand 03/2025) / Méndez (2013): Bericht des UN-Sonderberichterstatters, A/HRC/22/53, Absätze 77 und 88 / Blackless u. a. (2000): How sexually dimorphic are we? Am. J. Hum. Biol. 12 (2) / Sax (2002): How common is intersex? J. Sex Res. 39 (3) / InterAction: Population figures (Stand Februar 2025) / Wikimedia Commons: Dateibeschreibung der Intersex-Flagge / Bundeszentrale für politische Bildung: LSBTIQ-Lexikon, Intergeschlechtliche Menschen (Sauer 2018) / Intergeschlechtliche Menschen e. V.: Intergeschlechtlichkeit

Wie Sichtbarkeit und Anerkennung queerer Identitäten auch politisch oft zu kurz kommen: Queere Menschen in der Agenda 2030: Der blinde Fleck der Nachhaltigkeit.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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