- Bedeutung
- Muster psychischer Gewalt, das darauf zielt, dass eine Person ihrer eigenen Wahrnehmung, Erinnerung und Urteilskraft nicht mehr traut
- Herkunft des Wortes
- Theaterstück „Gas Light“ von Patrick Hamilton (1938), verfilmt 1944 als „Gaslight“
- Wirkt in
- Partnerschaften, Familien, Arbeit, Medizin, Behörden
- Recht
- Begriff nicht im Gesetz, einzelne Handlungen können unter § 238 StGB oder das Gewaltschutzgesetz fallen
- Nicht gemeint
- Jede Meinungsverschiedenheit und jede Erinnerungslücke
Inhaltshinweis
Dieser Eintrag beschreibt psychische Gewalt mit Beispielsätzen. Lies in deinem Tempo. Anlaufstellen stehen im Abschnitt „Wo es Hilfe gibt“.
Einfach erklärt
Gaslighting bezeichnet ein Muster psychischer Gewalt: Eine Person wird über längere Zeit dazu gebracht, an der eigenen Wahrnehmung, der Erinnerung und dem eigenen Urteil zu zweifeln. Der Duden beschreibt es als Ausübung psychischer Gewalt, durch die Betroffene manipuliert, desorientiert und in ihrer Selbstwahrnehmung stark verunsichert werden. Wer das erlebt, ist nicht „verrückt“ und nicht „zu sensibel“: Die Verunsicherung ist das Ziel der Methode.
Der Name kommt aus dem Theaterstück „Gas Light“ von Patrick Hamilton: Ein Ehemann verändert heimlich das Licht der Gaslampen im Haus und bestreitet gegenüber seiner Frau jede Veränderung, bis sie an ihrem Verstand zweifelt.
Typisch sind Sätze wie „Das habe ich nie gesagt“, „Du bildest dir das ein“ oder „Du bist viel zu empfindlich“. Ein einzelner solcher Satz macht noch kein Gaslighting. Entscheidend ist das Muster: Es wiederholt sich und geht immer in dieselbe Richtung.
Es kann jede Person treffen, besonders wenn die eigene Glaubwürdigkeit gesellschaftlich ohnehin angezweifelt wird. Denkbare Beispiele aus dem queeren Alltag: Ein trans Mann hört, seine Identität sei „doch nur eine Phase“ und er habe früher selbst etwas anderes gesagt. Eine nichtbinäre Person erfährt, das gebe es gar nicht, sie wolle nur auffallen. Das sind Beispielsätze, keine Studienzitate.
Merke
Zweifel an sich selbst sind bei Gaslighting nicht die Ursache, sondern die Folge des Musters.
Ausführlich erklärt
Woher der Begriff kommt
Laut Duden stammt das Wort vom englischen „gaslighting“ (Gasbeleuchtung) und geht auf das Theaterstück „Gas Light“ von Patrick Hamilton zurück, das 1938 entstand. Die bekannteste Verfilmung erschien 1944 unter dem Titel „Gaslight“ (Regie George Cukor). Die Jahreszahlen 1938 und 1944 gelten in der Literatur als gesichert, wurden hier aber nicht an einer Primärquelle nachgeprüft.
In die Fachsprache kam der Begriff Schritt für Schritt. 1969 erschien in der Zeitschrift The Lancet ein Aufsatz von Barton und Whitehead mit dem Titel „The Gas-Light Phenomenon“. 1981 beschrieben die Psychoanalytiker Calef und Weinshel unter dem Stichwort „gaslighting“ ein Zusammenspiel, in dem sich Opfer und Täter in ihren psychischen Abwehrweisen verbinden. Robin Stern veröffentlichte 2007 das Buch „The Gaslight Effect“, die Philosophin Kate Abramson 2014 eine philosophische Analyse.
Wie es wirkt: Gaslighting als gesellschaftliches Muster
Die Soziologin Paige Sweet argumentierte 2019 in der American Sociological Review, dass Gaslighting vor allem ein soziologisches und kein rein psychologisches Phänomen ist. Es sei in sozialen Ungleichheiten verwurzelt, etwa in Geschlecht, und werde in Beziehungen mit Machtgefälle ausgeübt. Am Beispiel häuslicher Gewalt zeigt sie, wie gewaltausübende Personen Geschlechterstereotype, strukturelle Verletzlichkeiten in Bezug auf Herkunft, Staatsangehörigkeit und Sexualität sowie institutionelle Ungleichheiten gegen Betroffene wenden. Die Taktiken beruhen laut Sweet auf der Gleichsetzung von Weiblichkeit mit Irrationalität.
Cynthia Stark beschrieb 2019 in The Monist, wie Gaslighting Misogynie ausübt: Die Aussage einer Frau über erlittenes Unrecht wird entwertet, indem Belege umgangen oder ihr Mängel an Verstand oder Charakter zugeschrieben werden. Mehr zum Hintergrund steht im Eintrag Misogynie.
Eine Grenze: Diese Studien untersuchen vor allem Gewalt gegen Frauen und lassen sich nicht ohne Weiteres auf trans Männer, nichtbinäre oder intergeschlechtliche Personen übertragen. Für die Medizin nennt Jennifer Sebring 2021 ausdrücklich auch trans, intergeschlechtliche, queere und rassifizierte Personen. Wie sich Benachteiligungen überlagern, erklärt die Intersektionalität.
Wessen Wort zählt: epistemische Ungerechtigkeit
Miranda Fricker beschreibt in „Epistemic Injustice“ (2007) eine Ungerechtigkeit, bei der einer Person gerade in ihrer Rolle als wissende Person Unrecht geschieht. Sie unterscheidet testimoniale Ungerechtigkeit (dem Wort wird zu wenig geglaubt) und hermeneutische Ungerechtigkeit (für die eigene Erfahrung fehlen die gesellschaftlichen Begriffe). Dass Gaslighting ein Fall davon sein kann, ist eine spätere Deutung: Andrew Spear argumentierte 2019, Gaslighting habe immer epistemische Dimensionen, und widersprach damit Abramson. Die Debatte ist offen.
Gaslighting in der Medizin
Im Gesundheitswesen heißt das Muster Medical Gaslighting: Betroffene erleben, dass ihre Beschwerden abgetan, entwertet oder nur unzureichend behandelt werden. Sebring führt das auf Ideologien in der westlichen Medizin zurück, nicht auf einzelne unfreundliche Personen. Besonders schwer ist es bei einer unsichtbaren Behinderung. Mehr zur Diskriminierung queerer Personen steht unter Queerfeindlichkeit.
Abgrenzung zu Misgendering und Mikroaggressionen
Misgendering, Deadnaming und einzelne Mikroaggressionen sind nicht automatisch Gaslighting. Sie können dazu werden, wenn die Wahrnehmung der Person systematisch bestritten wird („Das hast du dir ausgedacht“).
Was das deutsche Recht sagt
Der Begriff Gaslighting steht weder in § 238 Strafgesetzbuch noch im Gewaltschutzgesetz. Einzelne Handlungen können dennoch erfasst sein:
- Nachstellung, § 238 StGB: Strafbar ist, wer einer anderen Person unbefugt nachstellt, in einer Weise, die geeignet ist, deren Lebensgestaltung nicht unerheblich zu beeinträchtigen, etwa indem er, sie oder dey wiederholt Nähe aufsucht oder Kontakt herzustellen versucht. Die Strafe reicht bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe.
- Schutzanordnungen, § 1 GewSchG: Auf Antrag kann ein Gericht etwa Kontakt- und Annäherungsverbote anordnen, auch bei Drohungen oder wiederholtem Nachstellen gegen den ausdrücklichen Willen.
- Istanbul-Konvention, Artikel 33: Die Konvention verpflichtet, vorsätzliches Handeln unter Strafe zu stellen, das die psychische Unversehrtheit einer Person durch Nötigung oder Drohung ernsthaft beeinträchtigt. Sie gilt seit dem 1. Februar 2018 für Deutschland.
Ob ein Verhalten strafbar ist oder einen Schutzantrag trägt, entscheidet sich im Einzelfall. Das klären Beratungsstellen und Rechtsberatung, dieser Eintrag ersetzt sie nicht.
Gaslighting streitet nicht um Fakten, sondern darum, ob eine Person ihren eigenen Erinnerungen noch glaubt.
Kerngedanke
Was Gaslighting nicht ist
Was der Begriff nicht sagt
Nicht jede unterschiedliche Erinnerung, jede Kritik und jeder Streit ist Gaslighting. Auffällig wird es bei einem Muster: wiederholte Leugnung, Abwertung der Glaubwürdigkeit der anderen Person und ein Machtgefälle, das Gegenwehr erschwert. Der Begriff taugt als Beschreibung eines Musters, nicht als Ferndiagnose für andere.
Was du tun kannst
- Halte Gespräche, Daten und Nachrichten schriftlich fest, mit Datum. Das stützt die eigene Erinnerung, wenn sie angezweifelt wird.
- Sprich mit einer vertrauten Person außerhalb der Situation und schildere konkrete Ereignisse.
- Hole dir Beratung. Bei medizinischen Beschwerden hilft eine Begleitperson.
- Wenn du jemandem glaubst, sag es ausdrücklich. Für Betroffene kann das viel bedeuten.
Wo es Hilfe gibt
Bei akuter Gefahr gilt der Notruf 110. Die Angebote sind laut Selbstbeschreibung kostenlos. Die beiden Hilfetelefone richten sich an Frauen beziehungsweise Männer. Trans, nichtbinäre und intergeschlechtliche Personen können vorab nachfragen, ob das Angebot für sie offen ist, oder eine queere Beratungsstelle wählen.
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, rund um die Uhr, an 365 Tagen, anonym, auch für Angehörige und Fachkräfte.
- Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800 123 99 00, Montag bis Donnerstag 8 bis 20 Uhr, Freitag 8 bis 15 Uhr, außerdem Chat und Mail.
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, kostenfrei, auch per Chat und Mail.
- Queere Beratung vor Ort: Übersicht der Landesverbände des LSVD plus.
Quellen: Duden online: Gaslighting / Barton, R. und Whitehead, J. A. (1969): The Gas-Light Phenomenon. The Lancet 293, S. 1258 bis 1260 (nur Titel und Bibliografie geprüft) / Calef, V. und Weinshel, E. M. (1981): Some Clinical Consequences of Introjection: Gaslighting. The Psychoanalytic Quarterly 50 (1), S. 44 bis 66 / Stern, R. (2007): The Gaslight Effect. Morgan Road Books / Abramson, K. (2014): Turning up the Lights on Gaslighting. Philosophical Perspectives 28 (1), S. 1 bis 30 / Sweet, P. L. (2019): The Sociology of Gaslighting. American Sociological Review 84 (5), S. 851 bis 875 / Stark, C. A. (2019): Gaslighting, Misogyny, and Psychological Oppression. The Monist 102 (2), S. 221 bis 235 / Spear, A. D. (2019): Epistemic dimensions of gaslighting. Inquiry 66 (1), S. 68 bis 91 / Fricker, M. (2007): Epistemic Injustice. Oxford University Press / Sebring, J. C. H. (2021): Towards a sociological understanding of medical gaslighting. Sociology of Health and Illness 43 (9), S. 1951 bis 1964 / § 238 Strafgesetzbuch (StGB), Nachstellung / § 1 Gewaltschutzgesetz (GewSchG) / Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste (2024): Umsetzungsstand der Istanbul-Konvention (WD 8, 011/24) / Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen / Hilfetelefon Gewalt an Männern / TelefonSeelsorge Deutschland / LSVD plus: Angebote der Landesverbände
Zu oft übersehenen chronischen Erkrankungen: ME/CFS: Was neue Forschung jetzt zeigt und was das für Betroffene bedeutet.
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