⏱ Lesezeit: ca. 8 Minuten
- Gebraucht schlägt neu meist dann, wenn dadurch ein Neukauf tatsächlich ausbleibt: Bei Kleidung ersetzen 100 gebraucht gekaufte Stücke je nach Ort der Wiederverwendung 60 bis 85 neue.
- Bei Smartphone, Waschmaschine und Kühlschrank zählt vor allem die Nutzungsdauer: Lange genutzte Geräte schneiden in den Studien besser ab, auch wenn ein neues Gerät weniger Strom braucht.
- Gebrauchtkauf kann seinen Vorteil verlieren, wenn er zusätzlichen Konsum anstößt (Rebound-Effekt) oder das Stück kaum getragen und genutzt wird.
Secondhand kaufen gilt als nachhaltige Standardantwort, und meistens stimmt das auch. Wie groß der Vorteil ausfällt, hängt aber an einer Annahme, die auf keinem Preisschild steht: Ersetzt der Gebrauchtkauf tatsächlich einen Neukauf? Dieser Vergleich geht Kleidung, Smartphones und Haushaltsgeräte durch, nennt, was die Studien belegen, und sagt, wo die Datenlage dünn ist.
Warum die Rechnung an einer Annahme hängt
Eine Übersichtsarbeit wertete 41 Studien zur Wiederverwendung und zum Recycling von Textilien aus. Sie stützt die Aussage, dass Wiederverwendung die Umwelt stärker entlastet als Verbrennung oder Deponie und auch stärker als Recycling.[1]
Gleichzeitig zeigt sie, wann der Vorteil ausbleibt. Er entsteht vor allem durch die vermiedene Neuproduktion. Bei niedriger Ersatzrate, also wenn das gebrauchte Stück nicht wirklich ein neues verdrängt, fehlt er. Auch wenn die vermiedene Produktion vergleichsweise sauber wäre, schrumpft er. Und zusätzliche Fahrten zum Einkauf können den Nutzen aufzehren, sofern das Stück nicht lange genug genutzt wird.[1]
Kleidung: Wie viel Neukauf ersetzt ein gebrauchtes Stück?
Diese Ersatzrate lässt sich messen. Eine Studie befragte mehr als 200 Befragte in Secondhand-Läden in Schweden und Estland, für Afrika floss eine Schätzung ein. Ergebnis: Wer 100 gebrauchte Kleidungsstücke kauft, spart je nach Ort der Wiederverwendung zwischen 60 und 85 neue.[2] Ein Stück gebraucht zu kaufen, ersetzt also in dieser Untersuchung meist, aber nicht immer ein neues.
Die zugehörige Ökobilanz verglich Kleidung, die gesammelt und weiterverkauft wird, mit Kleidung, die direkt verbrannt wird. Untersucht wurden ein Baumwoll-T-Shirt und eine Hose aus 65 Prozent Polyester und 35 Prozent Baumwolle. Sammlung, Sortierung und Transport fielen im Vergleich zu den Einsparungen kaum ins Gewicht. Die Spanne der Entlastung reicht von 14 Prozent weniger Treibhauspotenzial beim T-Shirt bis zu 45 Prozent weniger Humantoxizität bei der Hose.[2] Grundlage waren Zahlen der Hilfsorganisation Humana People to People: Von 100 gesammelten Teilen wurden 60 wiederverwendet, 30 anders recycelt und zehn entsorgt.[2]
Die Gegenseite zeigt eine neuere Befragung zum Secondhand-Kleidermarkt. Sie bestätigte einen Rebound-Effekt und schätzte das Verhältnis zwischen Neu- und Gebrauchtkleidung auf 1:1,23. Als Ursachen nennt sie den Preiseffekt und die moralische Entlastung: Wer gebraucht kauft, fühlt sich bereits nachhaltig und gönnt sich eher mehr.[3] Der Rebound-Effekt macht aus einer guten Absicht dann zusätzlichen Konsum. Die Faustregel lautet deshalb nicht „billiger gebraucht, also mehr“, sondern: Gebraucht kaufen, was ohnehin gebraucht wird.
Das gilt besonders im Umfeld von Fast Fashion. Wenn Neuware so günstig ist, dass sie kaum auffällt, kann auch ein Secondhand-Schnäppchen zum nächsten Impulskauf werden. Wer mehr Kleidung besitzt, als getragen wird, löst das Problem nicht durch einen weiteren Kauf, egal ob neu oder gebraucht.
Wie oft ein Stück am Ende getragen wird, entscheidet mit. Eine Fallstudie zu Outdoor-Jacken aus „Premium-Secondhand“-Läden zeigt, dass die Schlussfolgerung zur Umweltleistung von Wiederverwendung kippen kann, je nachdem, wie die Vergleichseinheit gewählt wird, ob echte Nutzungsdaten vorliegen und ob unvollständige Verdrängung und Rebound einbezogen werden.[4] Ein Kleidungsstück ist demnach nicht schon deshalb besser, weil es ein zweites Leben hat. Es muss auch tatsächlich getragen werden.
Smartphone: Aufbereitet statt neu
Bei Elektronik fällt ein großer Teil der Umweltwirkung bei der Herstellung an. Das Fraunhofer-Institut UMSICHT berechnete 2018, dass die professionelle Aufbereitung eines einzelnen Smartphones etwa 14 Kilogramm Primärressourcen und 58 Kilogramm Treibhausgase spart. Bei einem Tablet sind es 58 Kilogramm Ressourcen und 139 Kilogramm Treibhausgase.[5]
Beim Kauf gebrauchter Elektronik bietet das Umweltbundesamt eine Orientierung: Sogenannte refurbishte Geräte sind auf ihre Funktion geprüft und werden mit Gewährleistung verkauft.[6] Das senkt das Risiko, dass ein günstiges Gerät nach wenigen Monaten ausfällt und doch ersetzt werden muss.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens nahm die Studie an, dass neue wie aufbereitete Geräte jeweils zwei Jahre genutzt werden. Zweitens lieferten viele Hersteller keine Angaben zur Gerätezusammensetzung, weshalb die Forschenden größtenteils Daten von Apple verwendeten.[5] Auftraggeber war Interseroh, ein Unternehmen, das Geräte aufbereitet. Die Zahlen gelten also für professionell aufbereitete Geräte, nicht automatisch für jedes privat weiterverkaufte Handy.
Waschmaschine und Kühlschrank: Nutzungsdauer vor Neuanschaffung
Das Umweltbundesamt ließ untersuchen, wie sich die Lebensdauer bei Waschmaschinen auswirkt. Eine kurzlebige Maschine mit fünf Jahren Lebensdauer verursacht danach etwa 40 Prozent mehr Treibhauspotenzial als eine langlebige mit 20 Jahren. Über 20 Jahre sind das knapp 1.100 Kilogramm CO₂-Äquivalente. Auch gegenüber einer durchschnittlichen Maschine mit zehn Jahren schneidet die langlebige besser ab, mit 12 Prozent weniger Treibhauspotenzial. Die Rechnung berücksichtigte bereits, dass neue Geräte effizienter sind und die langlebige Maschine Ersatzteile braucht.[7]
Auch finanziell lohnt sich Langlebigkeit. Verglichen mit einer kurzlebigen Waschmaschine spart der Kauf einer langlebigen laut Studie rund 283 Euro in 20 Jahren, selbst die durchschnittliche Maschine kostet etwa 150 Euro weniger. Ob das gilt, hängt davon ab, wie viel mehr die langlebige Maschine beim Kauf kostet: Erst bei einem etwa 270 Prozent höheren Kaufpreis wäre sie nicht mehr günstiger.[7] Wer wenig Geld auf einmal ausgeben kann, hat davon allerdings wenig, denn die Ersparnis kommt erst über die Jahre. Gebrauchte, geprüfte Maschinen sind für diese Lage eine sinnvolle Brücke.
Die Studie nennt auch die Gegenseite: Der längeren Nutzung steht oft ein höherer Energieverbrauch im Vergleich zu einem effizienteren Neugerät gegenüber. In einer darin zitierten Untersuchung von Bakker und Team aus dem Jahr 2014 war es trotzdem ökologisch vorteilhaft, die Lebensdauer von Kühlschränken von durchschnittlich 13 auf 20 Jahre zu steigern, bei Notebooks von 4 auf mindestens 7 Jahre.[7] Bei sehr alten Geräten lohnt sich deshalb ein Blick auf den Stromverbrauch, bevor sie als Gebrauchtkauf in Frage kommen.
Dabei geht es nicht um Verzicht, sondern um Haltbarkeit. Von allen Ersatzkäufen bei Haushaltsgroßgeräten betrafen 2012 und 2013 rund 30,5 Prozent Geräte, die noch funktionierten, Grund war der Wunsch nach einem besseren Gerät. Meist, mit 55,6 Prozent im Jahr 2012, war aber ein Defekt der Auslöser.[7] Gerade der Defekt ist dort, wo geplante Obsoleszenz im Spiel sein kann, ein Argument für Reparatur: Ein Repair-Café hilft oft weiter, bevor ein Neukauf nötig wird.
Wie belastbar sind diese Zahlen?
Die Studienlage ist dünner, als die klaren Aussagen vermuten lassen. Die Ersatzrate bei Kleidung stammt aus einer Befragung von gut 200 Personen in Secondhand-Läden, für Afrika wurde sie geschätzt. Die Smartphone-Zahlen beruhen größtenteils auf Daten eines einzigen Herstellers und wurden von einem Unternehmen in Auftrag gegeben, das Geräte aufbereitet. Wo es um die gesamte Nutzung geht, kann sich das Bild sogar drehen: In einer Fallstudie zu Outdoor-Jacken aus dem Secondhand-Handel wurden weiterverkaufte Jacken seltener getragen, und je Nutzungsanlass ergab sich eine höhere Umweltwirkung als bei Jacken, die über die gesamte Lebensdauer nur eine Person nutzte.
Was das Umweltbundesamt zum Gebrauchtkauf selbst rät
Das Amt betont, dass Gebrauchtkauf auch Geld spart: Viele Konsumgüter verlieren nach kurzer Nutzungszeit einen erheblichen Teil ihres Werts, und auch bei Elektronik ist gebraucht in der Regel günstiger. Das macht Secondhand gerade für Menschen mit kleinem Budget attraktiv. Als Wege nennt das Amt Verwandte und Freundeskreis, Flohmärkte, Secondhand- und Umsonstläden, Verschenkgruppen und Plattformen, außerdem Tauschen, Leihen und die Bibliothek der Dinge.[6]
Beim Kauf lohnt ein Blick aufs Recht. Privatpersonen können beim Verkauf die Gewährleistung ausschließen, wenn sie eindeutig darauf hinweisen. Bei gewerblichen Verkäufen an Privatpersonen gelten strengere Regeln: Die Verjährung von Mängelansprüchen darf bei gebrauchten Waren vertraglich nicht auf weniger als ein Jahr verkürzt werden.[6][8] Einen arglistig verschwiegenen Mangel deckt kein Haftungsausschluss.[9] Gebrauchte Dinge solltest du deshalb vor dem Kauf möglichst prüfen.[6]
Was du tun kannst
Die Reihenfolge des Umweltbundesamts lässt sich in vier Schritten umsetzen, ohne Perfektion zu verlangen:
- Zuerst nutzen, was da ist, und pflegen oder reparieren, was kaputtgeht.[6]
- Seltenes leihen oder tauschen, etwa Bohrmaschine, festliche Kleidung oder Babyausstattung.[6]
- Erst dann gebraucht suchen, und nur, was gebraucht wird. Das vermeidet den Rebound.[3]
- Muss es neu sein, auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit achten: Bei Waschmaschine, Fernseher und Notebook schnitten langlebige Varianten in allen Umweltkategorien besser ab.[7]
Fazit
Secondhand ist keine Abkürzung zum guten Gewissen, aber ein verlässlicher Hebel, wenn er einen Neukauf ersetzt. Kleidung, Elektronik und Haushaltsgeräte folgen derselben Logik: Ein großer Teil der Belastung entsteht bei der Herstellung, und jedes Jahr zusätzlicher Nutzung verteilt sie auf mehr Gebrauch. Wo das Gebrauchte nur dazukommt, bleibt der Vorteil aus. Eine Haltung dazu beschreibt Slow Fashion.
Gebraucht ist nur dann die bessere Wahl, wenn dafür etwas Neues ungekauft bleibt.
Kerngedanke
Quellen
[1] Sandin, Peters (2018): Environmental impact of textile reuse and recycling, a review. Journal of Cleaner Production 184, 353 bis 365. doi.org
[2] Farrant, Olsen, Wangel (2010): Environmental benefits from reusing clothes. The International Journal of Life Cycle Assessment 15, 726 bis 736. doi.org
[3] Ciechelska, Matel, Poskrobko, Sidorczuk-Pietraszko (2024): Circular economy rebound effect in the context of second-hand clothing consumption. Economics and Environment 87. doi.org
[4] André (2024): Opening the black box of the use phase in circular economy life cycle assessments: Environmental performance of shell jacket reuse. Journal of Industrial Ecology 28, 542 bis 555. doi.org
[5] Fraunhofer UMSICHT (27.03.2018): Giving smartphones and tablets a second life, Pressemitteilung zur Studie im Auftrag von Interseroh. umsicht.fraunhofer.de
[6] Umweltbundesamt: Alternativen zum Neukauf: secondhand, teilen, tauschen und leihen (zuletzt aktualisiert am 12.06.2025). umweltbundesamt.de
[7] Umweltbundesamt, Texte 11/2016: Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung (Öko-Institut, Universität Bonn), Abschlussbericht. umweltbundesamt.de
[8] Bürgerliches Gesetzbuch, § 476 (Abweichende Vereinbarungen, Verbrauchsgüterkauf). gesetze-im-internet.de
[9] Bürgerliches Gesetzbuch, § 444 (Haftungsausschluss). gesetze-im-internet.de



