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Wenn das Gespräch auf Bienen kommt, meint fast immer jemand die Honigbiene. Das orange-schwarze Tier auf dem Honiglas, das Symbol für alle Bestäuberinsekten, das Plakat der Stadtimkerei. Die Honigbiene ist berühmt. Und sie ist nicht gefährdet.
Das wird oft verwechselt. Und diese Verwechslung kostet Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen, die eigentlich woanders gebraucht werden.
In Deutschland gibt es 605 Bienenarten. Alle außer der Honigbiene gelten als Wildbienen: Mauerbienen, Hummeln, Blattschneiderbienen, Schornsteinbienen. Viele davon kennt kaum jemand beim Namen. Und 48 Prozent von ihnen sind laut Roter Liste gefährdet oder bereits ausgestorben. Nur 37 Prozent der heimischen Wildbienenarten gelten als ungefährdet.
Wer die Bestäubung wirklich macht
Wildbienen sind keine exotische Randgruppe der Insektenwelt. 84 Prozent aller europäischen Nutzpflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Einen erheblichen Teil dieser Arbeit erledigen Wildbienen, nicht Honigbienen.
Viele Wildbienenarten sind dabei hochspezialisiert. Manche besuchen nur Pflanzen einer einzigen Familie, manche sind auf Blütenformen angewiesen, die der Körperbau der Honigbiene gar nicht erreicht. Rotklee etwa wird von Hummeln mit längerem Rüssel deutlich effizienter bestäubt. Diese sogenannten oligolektischen Arten, also Spezialisten mit enger Pflanzenbindung, sind gleichzeitig die am stärksten gefährdeten: Sie können nicht einfach ausweichen, wenn ihre Nahrungspflanze verschwindet.
75 Prozent aller heimischen Wildbienenarten nisten außerdem im Boden. Nicht in Bienenstöcken. Sie brauchen offene, unbefestigte Erde, sandige Stellen, alte Lehmmauern, totes Holz. All das verschwindet aus Gärten und Landschaft.
Warum mehr Imkerei das Problem nicht löst
Seit Jahren boomt Stadtimkerei. Auf Berliner Dächern stehen Bienenstöcke, Naturschutzkampagnen rufen zum „Bienen retten“ auf, Schulen kaufen Bienenkästen. Das klingt gut. Hilft aber den falschen.
Ein einziges Honigbienenvolk sammelt pro Jahr 10 bis 30 Kilogramm Pollen und 120 bis 180 Kilogramm Nektar. Das sind gigantische Mengen. In Deutschland wurden 2022 rund 996.000 Bienenvölker gezählt, das entspricht 2,8 Völkern pro Quadratkilometer.
Wenn Blühflächen knapp sind, konkurrieren Honigbienen direkt mit Wildbienen um dieselben Nahrungsquellen. Besonders betroffen sind wieder die Spezialisten: Oligolektische Wildbienen können nicht auf andere Pflanzen ausweichen. Studien zeigen, dass Wildbienen in der Nähe von Imkereien zwei- bis fünfmal mehr Blüten besuchen müssen, um denselben Ertrag zu erzielen. Der NABU empfiehlt deshalb in Naturschutzgebieten maximal 3 Honigbienenvölker pro Quadratkilometer.
Das bedeutet nicht, dass Imkerei grundsätzlich schädlich ist. In blütenreichen Landschaften können Honig- und Wildbienen gut nebeneinander existieren. Das Problem ist die Kombination: wenig Blühfläche, viele Völker auf engem Raum, und der politische Fokus auf das falsche Tier.
Was Wildbienen wirklich brauchen
Wildbienen brauchen 3 Dinge: Nahrung, Nistplätze und keine Gifte.
Nahrung bedeutet heimische Wildpflanzen, die wirklich über die Saison blühen. Keine Zuchtformen mit gefüllten Blüten, die keinen Pollen produzieren. Kein Schottergarten. Löwenzahn im März, Phacelia im Sommer, Efeu im Herbst. Wer „bienenfreundliche“ Pflanzen aus dem Baumarkt kauft, bekommt oft Sorten, die für Bestäuber wenig nützen, weil die Züchtung auf Optik, nicht auf Pollen ausgerichtet ist.
Nistplätze sind das, was aus Gärten und Landschaft seit Jahrzehnten systematisch verschwindet. Offene Sandflächen, Totholz, unbefestigte Wegränder, Lücken in Mauern. Wer jeden Quadratzentimeter Erde versiegelt oder mit Rindenmulch bedeckt, vernichtet Lebensraum. Die meisten im Handel erhältlichen Insektenhotels aus Bambus und bunten Tannenzapfen nützen fast nichts: Bambus splittert, die Röhren sind zu glatt, und das ganze Konstrukt fault nach einem Winter.
Gifte: Pestizide und Herbizide sind die zweite große Ursache für den Rückgang. Herbizide vernichten die Wildpflanzen, von denen viele Wildbienen abhängen. Insektizide töten direkt, oft auch in Konzentrationen, die laut Zulassung als „sicher“ gelten.
Was du tun kannst
Hier gibt es tatsächlich konkreten Handlungsspielraum, auch ohne Garten.
Wer Balkon oder Fensterbank hat: heimische Wildblumen in tiefen Töpfen. Echter Lavendel, Borretsch, Ringelblume, Phacelia. Tief ist dabei wichtiger als groß, weil viele Samen Platz zum Wurzeln brauchen.
Wer einen Garten hat: Sandlinsen anlegen, totes Holz liegen lassen, den Mährhythmus reduzieren. Kein gekauftes Insektenhotel aus Bambus, sondern ein einfacher Holzblock mit gebohrten Löchern in verschiedenen Durchmessern. Das reicht und hält.
Wer weder Balkon noch Garten hat: Kommunale Blühstreifen-Initiativen, Schulprojekte, Patenschaftsmodelle für Stadtbeete. Und: Fragen stellen, wenn Wildbienen im Stadtrat oder in Gemeindeprojekten auftauchen. „Welche Arten profitieren konkret?“ ist eine bessere Frage als „Ist das bienenfreundlich?“.
Das Wichtigste ist, die Frage anders zu stellen. Nicht „Wie retten wir die Bienen?“, sondern: „Welche Bienen meinen wir?“ Wer Honigbienen kauft, kauft Nutztiere. Wer Wildbienen schützen will, muss Lebensräume schützen.







