Nachhaltigkeit

Wildbienen statt Honigbienen: Wer die Bestäubung wirklich rettet

Honigbienen sind Nutztiere, Wildbienen gefährdet: Was Studien zu Bestäubung und Konkurrenz zeigen und was Wildbienen wirklich hilft.

9 Min. Lesezeit27. Juli 2026
Macro shot of a bee resting on a natural bamboo insect hotel, showcasing wildlife habitat.
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Honigbiene ist ein vom Menschen gehaltenes Nutztier. Von den 557 bewerteten Wildbienenarten Deutschlands gelten 48 Prozent als gefährdet oder ausgestorben.
  • Auf Feldern steigert der Besuch von Wildinsekten den Fruchtansatz doppelt so stark wie ein gleich großer Zuwachs an Honigbienenbesuchen. Honigbienen ergänzen die Bestäubung, ersetzen sie aber nicht.
  • Wildbienen verlieren vor allem Lebensraum. Wo Blüten knapp sind, kann dichte Imkerei zusätzlich belasten. Dagegen helfen Blüten, Nistplätze und der Verzicht auf Gifte.

Wenn das Gespräch auf Bienen kommt, meint fast immer jemand die Honigbiene: das Tier auf dem Honiglas, das Symbol für alle Bestäuber. Sie ist berühmt. Sie ist aber auch ein Nutztier, das fast ausschließlich vom Menschen gehalten wird.[1] Die Bundesartenschutzverordnung führt alle heimischen Bienen und Hummeln auf und nimmt die Honigbiene ausdrücklich als domestizierte Form aus.[2]

Diese Verwechslung kostet Aufmerksamkeit und Geld, die woanders gebraucht werden. Dieser Artikel zeigt, was die Zahlen sagen: wer bestäubt, wie belastbar der Konkurrenzvorwurf ist und was Wildbienen tatsächlich hilft.

Zwei Gruppen, sehr verschiedene Lage

In Deutschland sind 604 Wildbienenarten nachgewiesen, dazu kommt die Honigbiene als eine einzige Art.[3] Zu den Wildbienen zählen auch Hummeln, Mauerbienen, Blattschneiderbienen und Sandbienen. Viele davon kennt kaum jemand beim Namen. Im Jahr 2022 wurden 996.000 Honigbienenvölker gezählt, im Schnitt 2,8 pro Quadratkilometer. 1951 waren es noch rund 2,1 Millionen. Seit etwa 2010 steigt die Zahl wieder, und weil die Völker heute stärker sind, wird mehr als doppelt so viel Honig erzeugt wie Anfang der 1950er Jahre. Die Zahlen sind allerdings ungenau, denn ein zentrales, öffentliches Register der Völker fehlt.[1]

Bei den Wildbienen sieht es anders aus. Die bundesweite Rote Liste bewertet 557 Arten: 48 Prozent sind gefährdet oder bereits ausgestorben, 5 Prozent extrem selten, 8 Prozent stehen auf der Vorwarnliste. Nur 37 Prozent gelten als ungefährdet.[1] Diese Rote Liste stammt von 2011, eine Neufassung ist in Vorbereitung.[3] Wie die Lage heute aussehen kann, zeigt Berlin: Die neue Rote Liste von 2026 führt 335 Arten, davon 141 (42,1 Prozent) als gefährdet, darunter 39 ausgestorbene oder verschollene Arten.[4]

48 %der bewerteten Wildbienenarten in Deutschland sind gefährdet oder ausgestorben (Rote Liste 2011)
604Wildbienenarten sind in Deutschland nachgewiesen, dazu eine einzige Honigbienenart
996.000Honigbienenvölker wurden 2022 in Deutschland gezählt

Wer die Bestäubung wirklich macht

Rund 84 Prozent der in Europa angebauten Nutzpflanzen hängen zumindest teilweise von Insektenbestäubung ab, so der WWF.[5] Wie groß der Anteil der Wildinsekten daran ist, hat 2013 ein internationales Team in 41 Anbausystemen weltweit untersucht. Wildinsekten sind dabei nicht nur Wildbienen. In allen 41 Systemen stieg der Fruchtansatz, wenn Wildinsekten die Blüten häufiger besuchten. Mehr Honigbienenbesuche erhöhten ihn nur in 14 Prozent der Systeme. Ein Plus an Besuchen von Wildinsekten steigerte den Fruchtansatz doppelt so stark wie ein gleich großes Plus an Honigbienenbesuchen. Beide wirkten unabhängig voneinander: Honigbienen ergänzten die Wildbestäuber, ersetzten sie aber nicht.[6]

Zu diesem Bild passt eine Rechnung für Großbritannien: Die dort gehaltenen Honigbienenvölker könnten höchstens 34 Prozent des Bestäubungsbedarfs der Landwirtschaft decken, 1984 waren es noch 70 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Erträge insektenbestäubter Kulturen im Schnitt um 54 Prozent. Die Studie zieht daraus den Schluss, dass die lange verbreitete Annahme, Honigbienen leisteten den Großteil der Bestäubung, zweifelhaft ist.[7]

Ein Gegenbild gehört dazu: Im Obstanbau ist die Honigbienenbestäubung laut NABU oft unverzichtbar, besonders auf Streuobstwiesen. Wildbienen sind dort aber vielfach die effizienteren Bestäuber.[1] Es geht also nicht um Honigbienen oder Wildbienen, sondern um die Frage, wo welche gebraucht werden und was die Wildbienen dafür brauchen.

Viele Wildbienenarten sind auf bestimmte Pflanzen angewiesen. Etwa 30 Prozent ernähren sich laut NABU oligolektisch, also von Pollen einer eng begrenzten Pflanzengruppe, und können nicht ausweichen, wenn ihre Pflanze fehlt.[8] Die Honigbiene sammelt dagegen an vielen verschiedenen Pflanzen.[1] Außerdem nisten mehr als zwei Drittel der Wildbienen im Boden, der WWF nennt 75 Prozent. Sie brauchen offene Erde statt eines Bienenstocks.[9][5]

Konkurrenz: Was Studien über Honigbienen und Wildbienen zeigen

Seit Jahren streiten Naturschutz und Imkerei, ob Honigbienen Wildbienen verdrängen. Der NABU hat 29 europäische Studien zur Nahrungskonkurrenz gezählt: Eine fand einen positiven Einfluss der Honigbienen auf Wildbienen, sieben fanden keinen signifikanten, 21 einen negativen oder eingeschränkt negativen.[1] Ein Review von 2017 kam bei den Studien zur Konkurrenz auf 53 Prozent negative, 28 Prozent keine und 19 Prozent gemischte Effekte. Die meisten Arbeiten zeigten aber nur das Potenzial für Konkurrenz und maßen keine Folgen für Bestand oder Vielfalt der Wildbienen.[10]

Einzelne Studien zeigen, wie unterschiedlich die Lage sein kann. In Südfrankreich senkte dichte Imkerei in einer Rosmarin-Garrigue das Vorkommen wilder Bienen um 55 Prozent und ihren Nektarsammelerfolg um 50 Prozent, auch die Honigbienen selbst sammelten weniger. Der Effekt reichte 600 bis 1.100 Meter um die Bienenstände.[11] In Paris besuchten wilde Bestäuber seltener Blüten, wo in der Umgebung mehr Honigbienenvölker standen.[12] Eine Studie auf 15 Kalkmagerrasen in Mitteleuropa fand dagegen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Honigbienendichte und Artenzahl oder Häufigkeit der Wildbienen. Honigbienen nutzten dort 24 Pflanzenarten, Wildbienen 57, die Überlappung lag bei 45,5 Prozent. Die Häufigkeit der Wildbienen hing vor allem vom Anteil blühender Pflanzen ab.[13]

Für Städte liegt eine Auswertung aus 14 Schweizer Städten vor. Die Dichte der Bienenstöcke stieg von durchschnittlich 6,5 pro Quadratkilometer im Jahr 2012 auf 8,1 im Jahr 2018. Nach den Modellrechnungen der Studie reichen die Blühressourcen für diese Dichte nicht aus.[14]

Wie viele Völker tragbar sind, hängt also vom Blühangebot ab. Die ursprüngliche Dichte der Dunklen Honigbiene in Europa wird auf 0,1 bis 1 Volk pro Quadratkilometer geschätzt, in Deutschland sind es im Schnitt 2,78, regional deutlich mehr, vor allem bei Wanderimkerei. Studien nennen als tolerierbar 2,2 bis 3,5 Völker pro Quadratkilometer. Der NABU schlägt vor, in Naturschutzgebieten und im Umkreis von zwei Kilometern höchstens drei Völker pro Quadratkilometer zuzulassen. Das ist ein Vorschlag, keine Rechtsnorm, und Lösungen sollen regional gefunden werden.[1]

Einordnung

Laut NABU kann keine Veröffentlichung belegen, dass Honigbienenvölker Wildbienenbestände gefährden. Die Studien liefern aber genug Hinweise auf regional problematische Konkurrenz, um Handlungsbedarf zu begründen. Als Hauptursache nennt der NABU fehlenden Lebensraum: Gäbe es mehr Blüten, hätten höhere Honigbienenzahlen einen viel geringeren Effekt.

Das heißt nicht, dass Imkerei grundsätzlich schädlich ist. Sie hat im Obstanbau und in der Kulturlandschaft ihren Platz, und viele Menschen, die imkern, setzen sich selbst für Wildbienen ein. Der NABU sieht sie als Verbündete und warnt davor, Völker aus ausgeräumten Landschaften in Naturschutzgebiete zu verlagern.[1]

Was Wildbienen wirklich brauchen

Wildbienen brauchen drei Dinge: Nahrung, Nistplätze und möglichst wenig Gift. Der NABU nennt als Treiber des Insektensterbens strukturarme Agrarlandschaften, Pestizide und Dünger, versiegelte Flächen und den Klimawandel.[1]

Nahrung heißt heimische, ungefüllte Blüten, die vom Frühling bis in den Herbst nacheinander blühen. Bei gefüllten Sorten sind die Staubblätter zu Blütenblättern umgewandelt, sodass Pollen fehlt oder der Nektar schwer erreichbar ist. Wer Saatgut kauft, sollte regionale Mischungen wählen: Viele im Großhandel erhältliche Wildblumenmischungen ziehen laut NABU vor allem Honigbienen an und enthalten oft gebietsfremde Pflanzen. Auf dem Balkon eignen sich Kräuter wie Thymian, Salbei oder Zitronenmelisse, wenn ein Teil davon blühen darf.[8]

Nistplätze sind das, was aus Gärten und Landschaft verschwindet. Gebraucht werden offene, sandig-lehmige Stellen, Lehm- und Lösswände, Totholz und dürre, markhaltige Stängel von Brombeere oder Königskerze, die über den Winter stehen bleiben.[9][5]

Bei Insektenhotels ist das Urteil differenzierter als oft behauptet. Der NABU Baden-Württemberg weist darauf hin, dass viele gekaufte Ausführungen schlecht auf Wildbienen abgestimmt sind und leer bleiben. Geeignet sind Harthölzer wie Buche, Eiche oder Esche mit Bohrungen von 3 bis 9 Millimetern, mindestens 10 Zentimeter tief, seitlich ins Längsholz gebohrt, hinten verschlossen und mit glatten Kanten. Auch Bambusröhrchen gehen, wenn sie hinten verschlossen sind. Solche Nisthilfen nutzen aber nur Arten, die vorhandene Hohlräume beziehen, etwa Mauerbienen. Das eigentliche Problem, den Verlust des Lebensraums, lindern sie nicht.[9]

Das dritte sind Gifte. Herbizide nehmen Wildbienen die Nahrung, Insektizide wirken direkt, so der NABU.[1] Wie real das ist, zeigte 2015 eine schwedische Feldstudie: Raps, dessen Saatgut mit Clothianidin und β-Cyfluthrin gebeizt war, verringerte die Dichte wilder Bienen, das Nisten von Solitärbienen sowie Wachstum und Fortpflanzung von Hummelvölkern. Honigbienenvölker reagierten nicht signifikant. Wirkungen von Pestiziden auf Honigbienen lassen sich also nicht einfach auf Wildbienen übertragen.[15]

Wie es um Städte, Landnutzung und Erholung der Bestäuber insgesamt steht, beschreibt der Artikel zu den neuen Studien über Wildbienen und die Bestäuberkrise.

Was du tun kannst

Auch ohne Garten gibt es Handlungsspielraum.

Balkon oder Fensterbank: ungefüllte Blüten und Kräuter pflanzen, einen Topf mit viel Sand und wenig Erde nicht dicht bepflanzen, damit erdnistende Arten Platz finden, und markhaltige Stängel senkrecht in den Blumenkasten stecken. Auf Pestizide und torfhaltige Erde verzichten.[8]

Garten: offene Sandstellen anlegen, Totholz und dürre Stängel über den Winter stehen lassen und eine Nisthilfe nach den genannten Regeln bauen: ein Hartholzblock mit gebohrten Löchern ist die einfachste Variante.[9]

Ohne Balkon und Garten: nachfragen, wenn Wildbienen im Stadtrat oder in Gemeindeprojekten auftauchen. „Welche Arten profitieren konkret?“ ist eine bessere Frage als „Ist das bienenfreundlich?“.

Imkerei: Standorte und Völkerzahl am Blühangebot ausrichten. Abstände zwischen Standorten lassen sich laut der französischen Studie leichter regeln als Völkerdichten.[11]

Fazit

Die bessere Frage lautet nicht „Wie lassen sich die Bienen retten?“, sondern: „Welche Bienen sind gemeint?“

Wer Honigbienen hält, hält Nutztiere. Wer Wildbienen schützen will, muss Lebensräume schützen.

Kerngedanke

Quellen

[1] NABU-Standpunkt (07.03.2024): Honigbienen in Naturschutzgebieten. Einordnung der Honigbienenkonkurrenz als Gefährdungsfaktor für Wildbienen in Naturschutzgebieten. nabu.de (PDF)

[2] Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV), Anlage 1: Schutzstatus wild lebender Tier- und Pflanzenarten, Erläuterung 5 und Apoidea spp. gesetze-im-internet.de

[3] Rote-Liste-Zentrum: Neue Checkliste für deutsche Wildbienen erschienen, Artenzahl jetzt über 600. rote-liste-zentrum.de

[4] Deutsche Wildtier Stiftung (16.04.2026): Neue Rote Liste der Wildbienen in Berlin veröffentlicht (Saure und Ziska 2026). wildbiene.org

[5] WWF Deutschland: Wildbienen sind stark gefährdet. wwf.de

[6] Garibaldi et al. (2013): Wild pollinators enhance fruit set of crops regardless of honey bee abundance. Science 339, 1608-1611. doi.org/10.1126/science.1230200

[7] Breeze et al. (2011): Pollination services in the UK: How important are honeybees? Agriculture, Ecosystems and Environment 142, 137-143. doi.org/10.1016/j.agee.2011.03.020

[8] NABU Berlin: Tipps für einen insektenfreundlichen Balkon. berlin.nabu.de

[9] NABU Baden-Württemberg (04.04.2024): Kinderstuben für summende Nachbarinnen, Tipps für Wildbienen-Nisthilfen. baden-wuerttemberg.nabu.de

[10] Mallinger, Gaines-Day und Gratton (2017): Do managed bees have negative effects on wild bees? A systematic review of the literature. PLOS ONE 12(12): e0189268. doi.org/10.1371/journal.pone.0189268

[11] Henry und Rodet (2018): Controlling the impact of the managed honeybee on wild bees in protected areas. Scientific Reports 8, 9308. doi.org/10.1038/s41598-018-27591-y

[12] Ropars et al. (2019): Wild pollinator activity negatively related to honey bee colony densities in urban context. PLOS ONE 14(9): e0222316. doi.org/10.1371/journal.pone.0222316

[13] Steffan-Dewenter und Tscharntke (2000): Resource overlap and possible competition between honey bees and wild bees in central Europe. Oecologia 122, 288-296. doi.org/10.1007/s004420050034

[14] Casanelles-Abella und Moretti (2022): Challenging the sustainability of urban beekeeping using evidence from Swiss cities. npj Urban Sustainability 2, 3. doi.org/10.1038/s42949-021-00046-6

[15] Rundlöf et al. (2015): Seed coating with a neonicotinoid insecticide negatively affects wild bees. Nature 521, 77-80. doi.org/10.1038/nature14420

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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