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Du hast wahrscheinlich Plastik im Gehirn. Und ungefähr jede andere Person auf der Erde, die in den letzten Jahrzehnten gegessen, getrunken oder geatmet hat.
Das ist keine Übertreibung. Es ist ein Befund.
Im Februar 2025 veröffentlichte ein Forschungsteam der University of New Mexico in Nature Medicine eine Studie, die Gewebeproben verstorbener Menschen aus den Jahren 2016 und 2024 verglichen hat. Wie viel Mikro- und Nanoplastik steckt im menschlichen Körper, und hat sich das verändert? Das Ergebnis macht sprachlos.
Was die Studie wirklich gefunden hat
Die Forschenden analysierten je 20 bis 28 Proben aus Gehirn, Leber und Nieren. Das Verfahren: Gewebe chemisch auflösen, erhitzen, die entstehenden Gase über Gaschromatographie und Massenspektrometrie identifizieren. Das ist aufwendig und gilt als methodisch verlässlich.
Die Zahlen: Im Jahr 2024 enthielten die analysierten Gehirne durchschnittlich knapp 4.800 Mikrogramm Plastik pro Gramm Gewebe. 2016 waren es noch rund 3.400 Mikrogramm. Ein Anstieg von rund 50 Prozent in 8 Jahren. Und das Gehirn hatte bis zu zehnmal höhere Konzentrationen als Leber oder Niere. Rund 75 Prozent des nachgewiesenen Plastiks war Polyethylen, das Material in Folien, Flaschen und einem endlosen Rest von Alltagsgegenständen.
Toxikologe Matthew Campen, der die Studie geleitet hat, sagte danach öffentlich: „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so hoch ist.“
Was die Studie nicht sagt (und warum das wichtig ist)
Besonders auffällig waren die Werte bei 12 Gehirnproben von Menschen mit Demenzerkrankung: durchschnittlich rund 27.200 Mikrogramm Plastik pro Gramm Gewebe, teils deutlich mehr. Das ist eine starke Korrelation.
Hier lohnt sich eine kurze Bremse, weil das zur Ehrlichkeit gehört.
Ob das Plastik zur Entstehung von Demenz beiträgt, ist nicht belegt. Genauso gut könnte eine bereits geschädigte Blut-Hirn-Schranke schlicht mehr Fremdstoffe einlassen. Campen selbst betont das. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt, es gebe bisher keine zuverlässigen toxikologischen Belege für Gesundheitsrisiken durch Mikroplastik.
Das klingt nach Entwarnung. Ganz ist es das nicht.
Wir befinden uns in einem Moment, in dem die Mengen messbar steigen und die Langzeitfolgen noch nicht abschließend bewertet sind. Das ist eigentlich beunruhigender als eine klare Diagnose. Gegen etwas Bekanntes kannst du handeln. Gegen etwas Offenes schwebst du.
Wie das Plastik ins Gehirn kommt
Die kleinsten Partikel, Nanoplastik im Bereich weniger hundert Nanometer, sind winzig genug, um die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, also die Barriere, die das Gehirn vor Fremdstoffen schützen soll. Als wichtigste Eintragsquelle nennt Campen die Nahrung, besonders Fleisch aus industrieller Tierhaltung, weil die Tiere ihrerseits über Futtermittel, Wasser und Verpackungen Plastik aufnehmen. Dazu kommen Atemluft (Textilfasern, Reifenabrieb), Trinkwasser und Verpackungskontakte.
Es gibt keinen plastikfreien Lebensraum mehr. Das ist keine apokalyptische Aussage, das ist Bestandsaufnahme.
Nicht alle tragen dasselbe Risiko
Das ist der Teil, über den am seltensten gesprochen wird.
Mikroplastik-Exposition ist nicht gleich verteilt. Wer in der Plastikindustrie, der Textilproduktion, im Recycling oder in der Abfallentsorgung arbeitet, ist dauerhaft und direkt mit Plastikpartikeln in der Luft konfrontiert. Das sind Berufe, die überdurchschnittlich häufig von Menschen mit niedrigem Einkommen ausgeübt werden, in Deutschland und global. Bis heute gibt es keine gesetzlichen Grenzwerte für Mikroplastik am Arbeitsplatz.
Dazu kommt: Plastikverpackungen, günstigeres Fleisch, synthetische Kleidung sind die erschwinglicheren Optionen. Wer plastikfreies Obst, teure Leinentaschen oder hochwertige Naturmaterialien nicht aus dem Budget bestreiten kann, hat schlicht weniger Möglichkeiten auszuweichen. Das ist kein persönliches Versagen. Das ist eine strukturelle Frage.
Und dann der globale Aspekt: Ein großer Teil des Plastikmülls aus Europa landet in Ländern des Globalen Südens, wo er verbrannt oder offen deponiert wird. Die Verschmutzung, die wir produzieren und exportieren, trägt Menschen anderswo in die Lunge und ins Blut. Der Artikel „Wessen Planet brennt?“ geht auf diese ungleiche Verteilung von Umweltlasten genauer ein.
Was du tun kannst (ohne in Panik zu verfallen)
Das soll keine Angst machen, und es gibt keine Illusion, dass individuelle Maßnahmen allein die Zahlen im Gehirn wenden.
Aber einige Dinge machen einen konkreten Unterschied. Synthetikkleidung beim Waschen setzt massiv Mikrofasern frei. Ein Waschbeutel für Synthetikteile fängt einen Großteil davon ab. Plastikflaschen durch Glas oder Edelstahl zu ersetzen und offene Lebensmittel statt verpackter zu kaufen reduziert die direkte Aufnahme. Und weniger, aber langlebigere Kleidung aus Naturfasern zu kaufen ist einer der wirksamsten persönlichen Hebel, weil Fast Fashion fast ausnahmslos auf Polyester und Co. setzt. Wer dabei nicht auf Greenwashing-Versprechen hereinfallen will, findet hier einen Einstieg.
Aber beim Persönlichen allein aufzuhören wäre unehrlich. Fehlende Arbeitsschutzregeln für Beschäftigte in plastikintensiven Berufen, der Export von Plastikmüll, unzureichende Regulierung von Einwegplastik: Das sind politische Fragen. Und die Erkenntnis, dass sich die Plastikmengen in unserem Gehirn in 8 Jahren um 50 Prozent erhöht haben, ist ein guter Anlass, sie laut zu stellen.
Quellen:
- Campen et al. (2025): Bioaccumulation of microplastics in decedent human brains, Nature Medicine
- UNM HSC Newsroom: UNM Researchers Find Alarmingly High Levels of Microplastics in Human Brains
- Spektrum.de: Gesundheitsrisiko: Gehirn enthält zunehmend mehr Mikroplastik
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Microplastics in the Brain: BfR evaluates new study
- science.ORF.at: Besonders viel Mikroplastik im Gehirn







