- Begriff
- Erdüberlastungstag (englisch Earth Overshoot Day)
- Datum 2026
- 30. Juli
- Berechnet von
- Global Footprint Network (GFN)
- Idee von
- Andrew Simms, New Economics Foundation
- Bekanntgabe
- jedes Jahr am 5. Juni, dem Weltumwelttag
- Deutschland 2026
- Länder-Überlastungstag am 10. Mai
Kompakt erklärt
Der Erdüberlastungstag (englisch Earth Overshoot Day) markiert das Datum, an dem die Nachfrage der Menschheit nach ökologischen Ressourcen und Leistungen in einem Jahr mehr beträgt, als die Ökosysteme der Erde in diesem Jahr erneuern können. Für 2026 berechnet das Global Footprint Network (GFN) den 30. Juli. Das Defizit wird gedeckt, indem Bestände wie Wälder und Fischgründe aufgebraucht werden und sich Abfall ansammelt, vor allem Kohlendioxid in der Atmosphäre.
Insgesamt beansprucht die Menschheit laut GFN derzeit die Leistung von 1,7 Erden. Der Erdüberlastungstag ist deshalb ein Rechenwert und keine Messung: Er übersetzt ein Verhältnis aus Nachfrage und Angebot in ein Datum, das sich leicht merken lässt. Das macht ein abstraktes Problem greifbar. Die Methode hat aber Grenzen, die weiter unten beschrieben werden.
Für einzelne Länder gibt es eigene Überlastungstage. Für Deutschland nennt das GFN den 10. Mai 2026: Auf dieses Datum würde der Erdüberlastungstag fallen, wenn alle Menschen so lebten wie die Menschen in Deutschland. Das entspricht 2,8 Erden. Den größten Hebel sieht das GFN bei Regierungen und Unternehmen. Einzelne Personen können laut GFN Haushalt und Gemeinde verbessern.
Für Neugierige
Wie das Datum berechnet wird
Das GFN teilt die Biokapazität der Erde durch den ökologischen Fußabdruck der Menschheit und multipliziert das Ergebnis mit 365 Tagen (in Schaltjahren mit 366). Die Biokapazität ist die Menge an Ressourcen, die Ökosysteme in einem Jahr erneuern und an Abfall aufnehmen können. Sie ergibt sich aus den biologisch produktiven Flächen: Wälder, Weiden, Ackerland, Fischgründe und bebaute Fläche.
Die Nachfrageseite umfasst pflanzliche Nahrung und Fasern, Fleisch- und Fischprodukte, Holz, Flächen für Siedlungen und Infrastruktur sowie Wald, der das Kohlendioxid aus fossilen Energieträgern aufnimmt. Beides wird in globalen Hektar gemessen, also in Hektar mit weltweit durchschnittlicher Produktivität. Der Wasserverbrauch gehört nicht zu dieser Aufzählung. Der Kohlenstoff-Fußabdruck ist der größte Posten: Laut GFN macht er rund 60 Prozent des gesamten Fußabdrucks aus, auf der Startseite der Kampagne werden 62 Prozent genannt.
Die Grundlage sind die National Footprint and Biocapacity Accounts, die auf UN-Statistiken beruhen und von der York University gepflegt werden. Weil diese Daten Verzögerungen haben, schätzt das GFN das laufende Jahr mit zusätzlichen Quellen wie dem Global Carbon Project. Die Idee zum Erdüberlastungstag stammt von Andrew Simms von der New Economics Foundation, die 2006 gemeinsam mit dem GFN die erste globale Kampagne startete.
Wie sich das Datum verschoben hat
Nach der aktuellen Datenreihe des GFN lag der Erdüberlastungstag 1972 am 31. Dezember. Bis 1988 rückte er auf den 24. Oktober vor, 2000 auf den 23. September, 2010 auf den 15. August und 2026 auf den 30. Juli. Seit den frühen 1970er Jahren wanderte das Datum im Schnitt um etwa drei Tage pro Jahr nach vorn, in den vergangenen fünf Jahren um weniger als einen Tag.
Dass der 30. Juli später liegt als das 2025 markierte Datum, bedeutet keine Entlastung. Das GFN rechnet vor: Eine Datenrevision, vor allem eine höhere Aufnahme von Kohlenstoff durch den Ozean, verschob das Datum um acht Tage nach hinten. Die reale Entwicklung brachte es um zwei Tage nach vorn. Netto sind es sechs Tage später. Nach Angaben des GFN ist die Überlastung 2026 dennoch die höchste, die je erfasst wurde.
Wichtiger als das genaue Datum ist die Größe der ökologischen Überlastung.
Kerngedanke
Das GFN begründet das mit dem Summeneffekt: Die Überlastung jedes Jahres kommt zu den Schäden der Vorjahre hinzu und wächst zu einer ökologischen Schuld an. Außerdem berechnet das GFN alle Jahre seit 1961 mit jeder neuen Datenausgabe neu. Pressemeldungen aus früheren Jahren lassen sich deshalb nicht einfach mit dem heutigen Datum vergleichen. Für Zeitreihen verweist das GFN auf seine Datenplattform.
Länder-Überlastungstage und der Fall Deutschland
Ein Länder-Überlastungstag zeigt, wann der Erdüberlastungstag läge, wenn alle Menschen so konsumierten wie die Bevölkerung dieses Landes. Das GFN veröffentlicht diese Tage Ende Dezember für das Folgejahr. Die Werte für 2026 beruhen auf den Daten für 2024. Ein Beispiel aus der Methodik des GFN: Der Fußabdruck der Schweiz betrug 4,15 globale Hektar pro Person, die weltweite Biokapazität 1,48. Daraus ergeben sich 2,8 Erden und der 11. Mai.
Die Spannweite ist groß. Für 2026 nennt das GFN unter anderem Katar (4. Februar), Luxemburg (17. Februar) und die USA (14. März). Deutschland folgt am 10. Mai, die Europäische Union insgesamt am 3. Mai. Dreizehn Länder haben keinen Überlastungstag, weil ihr Fußabdruck unter der weltweiten Biokapazität pro Kopf liegt, darunter Bangladesch (46 Prozent einer Erde), Nigeria (53 Prozent) und Indien (75 Prozent). Einige Länder nimmt das GFN wegen unsicherer Datenqualität aus der Tabelle, etwa die Niederlande und Norwegen.
Davon zu unterscheiden ist der Defizit-Tag eines Landes. Er zeigt, ab wann der Verbrauch der Bevölkerung die eigene Biokapazität des Landes übersteigt. Für Deutschland liegt er 2026 am 23. Mai, die Biokapazität im Inland deckt rund 39 Prozent des Bedarfs. Den Rest deckt ein Land laut GFN durch Importe, durch die Übernutzung eigener Bestände wie Überfischung oder durch Emissionen. Dass der Verbrauch so ungleich verteilt ist, macht den Begriff zu einem Thema der Klimagerechtigkeit. Die Länder-Tage beschreiben allerdings nur den Verbrauch eines Datenjahres. Sie sagen nichts über die historische Verantwortung und nichts darüber, wie sich der Verbrauch innerhalb eines Landes verteilt.
Kritik und Grenzen der Methode
Das GFN selbst beziffert die absolute Genauigkeit seiner Ergebnisse auf 10 bis 20 Prozent. Die Entwicklung über die Zeit gilt als belastbarer als der einzelne Wert. Es räumt außerdem ein, dass die gestiegene biologische Produktivität mit einer Auszehrung von Boden und Wasser erkauft sein kann, die die UN-Daten nicht ausreichend abbilden.
Grundsätzlicher ist die Kritik von Blomqvist und weiteren Forschenden, die 2013 in der Zeitschrift PLOS Biology erschien. Sie argumentieren, dass die globale Überlastung im Modell fast vollständig aus dem Kohlenstoffposten stammt. Die Konten für Ackerland, Weideland und bebaute Fläche seien so gebaut, dass Nachfrage und Biokapazität immer nahezu gleich sind. Ohne Kohlenstoff lägen die Biokapazität 2008 etwa 45 Prozent über dem Fußabdruck. Das Modell zeige daher kaum, wie gut der Rest des Planeten bewirtschaftet wird. Die Autorinnen und Autoren halten den Fußabdruck in dieser Form für irreführend. Sie weisen zudem darauf hin, dass ein nationales Defizit eher Selbstversorgung als Nachhaltigkeit misst. In derselben Fachzeitschrift Ecological Indicators erschienen 2014 eine Kritik von Giampietro und Saltelli und eine Antwort des GFN-Teams um Goldfinger und Wackernagel. Die Debatte ist also nicht entschieden.
Wie belastbar ist das Datum?
Der Erdüberlastungstag bündelt Ressourcennutzung und fossile CO₂-Emissionen zu einem einzigen Datum. Er ist eine Kommunikationshilfe mit einer Unsicherheit von 10 bis 20 Prozent und ersetzt keine Analyse einzelner Umweltprobleme.
Einen breiteren Blick bieten die planetaren Grenzen. Das Konzept wurde 2009 von Rockström und Kolleginnen und Kollegen in Nature vorgestellt. Die Aktualisierung von Richardson und weiteren Forschenden (2023) kam zu dem Ergebnis, dass sechs der neun Grenzen überschritten sind. Beide Ansätze ergänzen sich: Der Erdüberlastungstag fasst die Beanspruchung biologischer Ressourcen in einer Zahl zusammen, das Grenzen-Konzept betrachtet mehrere Erdsystemprozesse getrennt.
Was das GFN als Hebel nennt
Laut GFN wird die Überlastung von vier Faktoren bestimmt: wie viel konsumiert wird, wie effizient Produkte hergestellt werden, wie viele Menschen es gibt und wie viel die Ökosysteme hervorbringen. Die Kampagne #MoveTheDate sammelt Lösungen in fünf Feldern: Planet, Städte, Energie, Ernährung und Bevölkerung. Ziel ist, den Erdüberlastungstag auf den 31. Dezember oder später zu verschieben. Effizienzgewinne haben die Kurve laut GFN abgeflacht, aber auf sehr hohem Niveau. Ob technische Effizienz genügt oder auch weniger Verbrauch nötig ist, verhandeln Konzepte wie Suffizienz und Postwachstum.
Quellen: Global Footprint Network: About Earth Overshoot Day / Global Footprint Network: Past Earth Overshoot Days (Datenreihe 1972 bis 2026) / Global Footprint Network: Media Backgrounder / Earth Overshoot Day: Startseite 2026 / Global Footprint Network: Country Overshoot Days 2026 / Global Footprint Network: Country Deficit Days 2026 / Blomqvist et al. (2013): Does the Shoe Fit? Real versus Imagined Ecological Footprints, PLOS Biology 11(11) / Giampietro und Saltelli (2014): Footprints to nowhere, Ecological Indicators 46 / Goldfinger et al. (2014): Footprint facts and fallacies, Ecological Indicators 46 / Richardson et al. (2023): Earth beyond six of nine planetary boundaries, Science Advances 9(37) / Rockström et al. (2009): A safe operating space for humanity, Nature 461
Konkrete, alltagstaugliche Ansätze, um den eigenen Ressourcenverbrauch zu senken: Günstig, einfach, wirklich gut: 10 nachhaltige Alltagsideen, die sich lohnen.
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