26 Millionen Kilometer in zwei Wochen
Seit Anfang Mai 2026 drehen fast 300.000 Menschen in Deutschland die Pedale – nicht für den Sport, sondern für ihre Stadt. Über 3.000 Kommunen nehmen am Stadtradeln teil, einer bundesweiten Kampagne, bei der Teams aus Schulen, Vereinen, Unternehmen und Stadtteilen 21 Tage lang möglichst viele Alltagswege mit dem Rad zurücklegen.[¹]
Das Ergebnis: Millionen von Kilometern, tausende Tonnen CO₂ eingespart – und jede Menge Menschen, die plötzlich merken, dass das Rad für viele ihrer Wege schlicht die sinnvollste Option ist.
Stadtradeln ist nicht neu. Es läuft seit 2008. Aber es wird jedes Jahr größer, und das Konzept dahinter ist klüger, als es auf den ersten Blick wirkt.
Was Stadtradeln eigentlich ist – und wer dahintersteckt
Stadtradeln wird vom Klima-Bündnis organisiert, einem europäischen Städtenetzwerk, das kommunalen Klimaschutz koordiniert.[¹] Die Aktion ist einfach aufgebaut: Zwischen dem 1. Mai und dem 30. September wählt jede teilnehmende Kommune einen 21-tägigen Zeitraum, in dem alle Bürger*innen aufgerufen sind, ihre Alltagswege aufs Rad zu verlagern. Wer normalerweise mit dem Auto fährt, steigt um. Wer ohnehin Rad fährt, trägt trotzdem dazu bei.
Gezählt werden die Kilometer über eine App, die auch eine Heatmap erstellt: Sie zeigt in Echtzeit, wo die Menschen in der Stadt radeln – und wo nicht. Diese Daten sind nicht nur fürs Ranking interessant. Sie fließen anonym in die Stadtplanung ein, und über die integrierte Plattform RADar! können Radelnde direkt Mängel melden: Schlaglöcher, fehlende Querungen, schlecht positionierte Ampeln.
Das Besondere daran: Die Meldungen kommen von den Expertinnen und Experten des Alltags – von Menschen, die diese Wege täglich fahren.[¹]
Kein lokales Phänomen – sondern eine Bewegung mit Schub
Wer Stadtradeln zum ersten Mal hört, tippt vielleicht auf eine Initiative aus einer fahrradbegeisterten Großstadt. Tatsächlich ist die Kampagne flächendeckend: Alle 16 Bundesländer nehmen teil. Unter den Führenden beim Kilometerstand 2026 finden sich nicht Berlin oder Hamburg, sondern der Kreis Borken in Westfalen und der Ortenaukreis in Baden-Württemberg.[¹]
Und es bleibt nicht bei Deutschland. Stadtradeln gibt es inzwischen auch in Frankreich, den Niederlanden, den USA und Brasilien. Das Prinzip ist übertragbar, weil es auf etwas Universelles setzt: Menschen radeln lieber, wenn sie es gemeinsam tun und wenn ihr Beitrag sichtbar wird.
Die Zahlen aus den Vorjahren zeigen, dass die Kampagne wächst. 2024 fand die Siegerehrung in München statt, 2025 in Rheine, 2026 startete die Saison in Itzehoe. Jedes Jahr mehr Kommunen, mehr Radelnde, mehr geradelter Kilometer.[¹]
Warum 21 Tage ausreichen, um etwas zu verändern
Die Verhaltensforschung kennt das Konzept der Gewohnheitsbildung gut: Neue Routinen brauchen Wiederholung, um sich zu festigen. Drei Wochen Alltagsradeln reichen oft aus, um zu merken, dass der Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt per Rad gar nicht länger dauert als gedacht.
Stadtradeln nutzt das gezielt. Die 21 Tage sind kein willkürlicher Zeitraum. Sie sind lang genug, um Gewohnheiten zu bilden – und kurz genug, damit der Einstieg leichtfällt. Wer nicht weiß, ob er oder sie „so ein Radmensch“ ist, kann es einfach mal ausprobieren. Für drei Wochen. Für die Statistik. Fürs Team.
Das Teamformat ist dabei kein Nice-to-have. Es ist der soziale Klebstoff der ganzen Aktion. Wenn die Kollegin schon 80 Kilometer gesammelt hat und das Team auf Platz vier liegt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man morgen früh doch das Rad nimmt, deutlich.[¹]
Politiker*innen auf dem Rad – warum das mehr ist als PR
Stadtradeln hat eine Besonderheit, die über andere Bewegungen und Kampagnen hinausgeht: Es richtet sich explizit auch an kommunale Mandatsträger*innen. Abgeordnete, Bürgermeister*innen und Gemeinderat-Mitglieder radeln mit – und erleben dabei selbst, wo die Infrastruktur gut funktioniert und wo nicht.
Laut aktuellem Stand 2026 radeln über 1.500 Parlamentarier*innen mit.[¹] Das klingt nach einer kleinen Zahl – ist es aber nicht. Denn es sind genau diese Menschen, die über Radwegausbau, Ampelschaltungen und Fahrradstellplätze abstimmen. Wenn sie drei Wochen lang die gleichen Wege nutzen wie alle anderen, verändert das die Perspektive. Nicht durch Appelle, sondern durch Erfahrung.
Das ist eine der klügsten Seiten des Konzepts: Es verändert nicht nur das Verhalten der Teilnehmenden, sondern potenziell auch die politischen Entscheidungen, die danach folgen.
Was möglich ist – und was gerade entsteht
In Städten, die seit Jahren mitmachen, zeigt sich ein Effekt: Das Stadtradeln hat vielerorts eine Infrastruktur-Debatte ausgelöst, die vorher nicht stattfand. Mängelmeldungen über RADar! wurden in Verbesserungen umgesetzt. Radwege wurden markiert, Kreuzungen entschärft, Stellplätze nachgerüstet.
Hinzu kommt ein langfristiger Effekt, den Studien zur Kampagne belegen: Ein Teil der Teilnehmenden bleibt nach den 21 Tagen beim Rad. Nicht alle, aber genug, um eine messbare Verschiebung im Mobilitätsverhalten zu erzeugen.[¹]
Der nächste Schritt wäre, diesen Effekt zu verstärken: durch bessere Verbindungen zwischen den Meldeplattformen und der kommunalen Planung, durch mehr Sichtbarkeit der Ergebnisse in lokalen Medien, und durch Formate, die auch Menschen einschließen, die kein eigenes Rad haben oder aus gesundheitlichen Gründen nicht klassisch Rad fahren können – E-Bikes und Lastenräder sind bereits zugelassen.
Einfach mal mitradeln
Stadtradeln läuft von Mai bis September. Ob deine Stadt dabei ist, lässt sich in wenigen Sekunden prüfen – und der Einstieg ist kostenlos, unkompliziert und auch ohne sportlichen Anspruch möglich. Schau kurz auf stadtradeln.de, ob deine Kommune bereits eine aktive Phase hat oder wann sie startet.
Wenn du Lust hast: Such dir ein Team oder gründe eins. Für drei Wochen. Für die Karte. Für das Gefühl, dass das gemeinsame Radeln eine gute Idee war.
[¹] Klima-Bündnis / Stadtradeln (2026): stadtradeln.de – Über die Kampagne, Ergebnisse, FAQ und Kooperationen. Stand: Mai 2026.







