Nachhaltigkeit

Löwenzahn: Warum das gelbe Wildkraut wertvoller ist als sein Ruf

Löwenzahn und Insekten: Was Studien zu Nektar, Mähen und Essbarkeit zeigen, wo er Nachteile hat und wie du ihn im Rasen stehen lassen kannst.

9 Min. Lesezeit8. Juni 2026
Bright yellow dandelions blooming by a serene pond in spring.
Das Wichtigste in Kürze
  • Unter 65 untersuchten Blütenarten in britischen Städten lieferten heimische Wildkräuter, darunter der Löwenzahn, die fünf nektarreichsten Blüten und zwei der zehn pollenreichsten. Früh im Jahr kam das Angebot fast nur von ihnen.
  • Seltener mähen bringt mehr Blüten: In einem US-Versuch hatten Rasen mit dreiwöchigem Schnitt bis zu 2,5-mal so viele Blüten wie häufiger gemähte. Mehr Blüten bedeuten aber nicht automatisch mehr Bienenarten.
  • Löwenzahn ersetzt keine vielfältige Wiese. Er ist ein guter Anfang, weil er nichts kostet, und eine Stütze, solange Herbizide wegbleiben und weitere heimische Blüten dazukommen.

Löwenzahn auf dem Rasen gilt vielen als Pflegefehler. Er wird gemäht, ausgestochen oder gespritzt, bevor die Blüten aufgehen. Dabei hat sich in den letzten Jahren eine Reihe von Studien angesammelt, die zeigen, was ein gelber Fleck im Rasen für Insekten bedeutet.

Dieser Artikel prüft, was an dem Ruf als Insektenweide belegt ist, was seltener Mähen ändert, wo der Löwenzahn Nachteile hat und was du mit ihm anfangen kannst. Er geht auch dem Grund nach, warum er so schwer loszuwerden ist.

Was der Löwenzahn Insekten bietet

Ein Forschungsteam um Hicks hat 2013 in vier britischen Städten mehr als zwei Millionen Blüten gezählt und für 65 Arten gemessen, wie viel Nektarzucker und Pollen jede Blüte bereitstellt. Die Flächen waren 300 Quadratmeter große Wiesen mit Saatmischungen und den Wildkräutern, die von selbst aufliefen. Das Ergebnis: Heimische Wildkräuter, darunter der Löwenzahn, stellten die fünf nektarreichsten Arten pro Blüte und zwei der zehn pollenreichsten. Beide Saatmischungen lieferten früh im Jahr nur wenig, und dieses frühe Angebot kam fast vollständig von heimischen Wildkräutern.[1]

Die Einschränkung gehört dazu: Die Studie erfasst Ressourcen pro Blüte und pro Fläche, aber keine Bestandsentwicklung von Bienen. Auch die Qualität des Pollens, zum Beispiel sein Proteingehalt, ist ausdrücklich nicht berücksichtigt.[1]

Wer diese Ressourcen tatsächlich nutzt, zeigt eine Untersuchung aus Massachusetts. In 17 Vorstadtgärten, die ohne Pestizide und Herbizide gepflegt wurden, fing das Team in zwei Jahren 5.331 Bienen aus 111 Arten, 29 Prozent aller im Bundesstaat bekannten Bienenarten. Die häufigsten Blüten im Rasen waren Löwenzahn und Klee.[2] Die Arten unterscheiden sich von den deutschen. Gezeigt wird vor allem, dass Rasenblumen ein reichhaltiges Bienenleben tragen können, wenn nicht gespritzt wird.

Auch Schmetterlinge profitieren. Das Umweltbundesamt führt den Löwenzahn neben Fetthenne, Ampfer, Weiden, Schlehen und Heidelbeeren als schmetterlingsfreundliche Pflanze, deren Falter sich hauptsächlich von Nektar ernähren.[3]

5.331Bienen aus 111 Arten wurden in 17 US-Vorstadtgärten ohne Pestizide gefangen
65Blütenarten wurden in vier britischen Städten auf Nektar und Pollen vermessen
76 %weniger Biomasse fliegender Insekten in 63 deutschen Schutzgebieten über 27 Jahre

Warum jede Blüte zählt

Der Hintergrund ist ernst. Ein Team um Hallmann hat 27 Jahre lang in 63 Schutzgebieten in Deutschland die Biomasse fliegender Insekten gemessen: Sie sank im Saisonmittel um 76 Prozent, im Hochsommer um 82 Prozent. Der Rückgang zeigte sich in allen Lebensraumtypen, und Wetter, Landnutzung und Habitatmerkmale erklärten ihn nicht.[4] Mehr zu den Ursachen steht im Lexikon unter Insektensterben.

Die Studie sagt nichts darüber, ob der Löwenzahn diesen Rückgang aufhalten kann. Sie zeigt nur, wie viel auf dem Spiel steht und warum jedes Blütenangebot im Siedlungsraum zählt, auch ein unscheinbares.

Der NABU beschreibt, wie die Lage auf dem Land aussieht: Intensiv gedüngtes Grünland besteht heute fast nur noch aus Hochleistungsgräsern. Selbst der Löwenzahn, der vielerorts als einziger vom einstigen Blütenreichtum der Wiesen und Weiden übrig geblieben ist, werde verstärkt mit einem speziellen Herbizid bekämpft, das auch dem Klee schadet.[5] Wer Pestizide im eigenen Garten weglässt, schützt also genau die Blüten, die noch da sind.

Mähen, lassen, abwägen

Muss der Rasen deshalb wachsen, bis er knietief ist? Nicht unbedingt. Ein Versuch in 16 Vorstadtgärten in Massachusetts verglich Mähabstände von einer, zwei und drei Wochen. Rasen mit dreiwöchigem Schnitt trugen bis zu 2,5-mal so viele Blüten wie die anderen. Die meisten Bienen zählte das Team aber bei zwei Wochen Abstand, dort war zugleich die Artenvielfalt am niedrigsten. Als Erklärung nennt das Forschungsteam unter anderem, dass wenige häufige Generalisten die Fänge dominierten. Ihr Fazit ist ein Mähen im Stil eines „faulen Rasenmähers“ (lazy lawnmower).[6]

Die Studie zeigt, dass es auf den Rhythmus ankommt und nicht nur auf das Ob. Mehr Blüten sind ein Gewinn, mehr Arten folgen aber nicht automatisch. Ein Rasen nach dem Schema „alle zwei Wochen“ ist für viele Bienen ein brauchbares Futterfeld, für spezialisierte Arten aber nicht unbedingt.

Für Wiesen empfiehlt das Umweltbundesamt, sie nur ein- bis zweimal im Jahr zu mähen, damit die Pflanzen zur Blüte kommen. Schneidende Werkzeuge wie Balkenmäher oder Sense statt rotierender wie Rasenmäher oder Freischneider verringern laut Umweltbundesamt die Zahl getöteter Insekten um ein Vielfaches. Außerdem sollen nie alle Flächen gleichzeitig gemäht werden, damit immer Rückzugsräume bleiben.[3]

Einordnung

Die beiden Mähempfehlungen gelten für verschiedene Flächen. Der US-Versuch betrifft Rasen, den Menschen betreten und nutzen. Die Hinweise des Umweltbundesamts betreffen Wiesen. Wer beides hat, kann den Gebrauchsrasen kurz halten und daneben einen Streifen als Wiese stehen lassen.

Hartnäckig, aber nicht unverwundbar

Dass der Löwenzahn nach dem Mähen wiederkommt, hat zwei Gründe. Erstens die lange Pfahlwurzel: Eine kanadische Übersichtsarbeit hält fest, dass das mechanische Entfernen nur begrenzt wirkt, weil die Pflanze aus der Wurzel nachtreibt.[7] Zweitens die Fortpflanzung: Viele Löwenzahnformen bilden Samen ohne Befruchtung, die Nachkommen sind Klone der Mutterpflanze.[8]

Wer sich bei der Pflanze auf eine Art festlegen will, hat es schwer. Der Löwenzahn gehört zur Sektion Taraxacum mit ihrer Artengruppe um Taraxacum officinale, der größten Gruppe der Gattung. Die Gattung gilt als eine der taxonomisch schwierigsten überhaupt, weil sich geschlechtliche und ungeschlechtliche Fortpflanzung mischen.[9] Im Alltag heißt das: Was als „der Löwenzahn“ bezeichnet wird, ist eine ganze Gruppe eng verwandter Formen.

Oft ist zu lesen, die Pfahlwurzel lockere verdichtete Böden und fördere Nachbarpflanzen. Für diesen Artikel wurde dafür keine belastbare Messung gefunden, deshalb bleibt das hier eine Vermutung und kein Argument.

Die Gegenseite ist ebenfalls belegt. Dieselbe Übersichtsarbeit nennt den Löwenzahn eine ästhetische Störung im Rasen, die Erträge landwirtschaftlicher Kulturen mindern kann. Außerdem sei sein Pollen allergen, und er diene mehreren Schädlingen und Krankheiten als Ersatzwirt.[7] Auf einem Acker oder in einem Gemüsebeet hat der Löwenzahn also andere Folgen als am Wegrand. Es kommt auf den Ort an.

Essbar: was belegt ist, was nicht

Junge Blätter lassen sich als Salat essen, Blüten als Dekoration oder für Sirup, die Wurzel geröstet als Kaffee-Ersatz. Wer sammelt, darf das in Deutschland in Maßen: Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt jeder Person, wild lebende Blumen, Tee- und Heilkräuter in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich zu entnehmen, an Stellen ohne Betretungsverbot.[10]

Zum Geschmack: Das Bundeszentrum für Ernährung zählt Wildkräuter wie den Löwenzahn zu den guten Lieferanten von Bitterstoffen. Diese regen laut BZfE die Verdauung an, und der Bittergeschmack wird mit der Zeit vertrauter.[11]

Bei Gesundheitsversprechen ist Vorsicht angebracht. Ein Übersichtsartikel von 2006 beschreibt die traditionelle Verwendung gegen Verdauungs-, Leber- und Milzbeschwerden und nennt unter den untersuchten Wirkungen auch präbiotische. Er betont aber, dass die Anwendung vor allem auf Erfahrung beruht und dass einzelne Inhaltsstoffe noch zu quantifizieren und Wirkungen am Menschen zu prüfen sind.[12] Eine Heilpflanze im Sinne eines belegten Mittels ist der Löwenzahn damit nicht. Als Lebensmittel taugt er trotzdem.

Gesammelt wird nur dort, wo bekannt ist, dass nicht gespritzt wurde. Gerade weil Löwenzahn verbreitet mit Herbiziden bekämpft wird, sind gepflegte Wiesen mit unklarer Vorgeschichte nicht die beste Wahl.[5]

Was du tun kannst

Das lässt sich mit wenig Aufwand umsetzen.

Rasen: eine Ecke oder einen Streifen nicht mähen und den Rest in größeren Abständen schneiden. Flächen zeitlich versetzt mähen, damit immer ein Teil stehen bleibt.[3][6]

Herbizide weglassen: Das vom NABU beschriebene Herbizid gegen Löwenzahn schadet auch dem Klee. Wer Löwenzahn nicht mag, sticht einzelne Pflanzen aus, statt Flächen zu spritzen.[5]

Ergänzen: Löwenzahn bietet früh im Jahr Nahrung, aber nicht das ganze Jahr. Heimische Blüten für Sommer und Herbst gehören dazu, damit das Angebot durchgehend bleibt.[1]

Nachfragen: bei Gemeinde oder Wohnungsgesellschaft erkunden, welche Flächen nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden und ob schneidende Geräte zum Einsatz kommen.[3]

Sammeln mit Maß: nur an Stellen, die niemand gespritzt hat, nur kleine Mengen und mit Blick auf die Pflanze, damit sie weiter blühen kann.[10]

Fazit

Der Löwenzahn ist kein Wundermittel gegen das Insektensterben, aber ein belegter Beitrag zum Blütenangebot im Siedlungsraum. Er kostet nichts und lässt sich ohne Vorwissen fördern, indem der Rasen ein Stück länger bleibt, wie er ist. Mehr über die Pflanze selbst steht im Lexikon unter Löwenzahn und Löwenzahnwurzel. Zum Thema Vielfalt insgesamt findest du dort auch den Eintrag zur Biodiversität.

Ein Löwenzahn im Rasen ist kein Pflegefehler, sondern vielerorts eines der letzten Blütenangebote.

Kerngedanke

Quellen

[1] Hicks et al. (2016): Food for Pollinators: Quantifying the Nectar and Pollen Resources of Urban Flower Meadows. PLOS ONE 11(6): e0158117. doi.org/10.1371/journal.pone.0158117

[2] Lerman und Milam (2016): Bee Fauna and Floral Abundance Within Lawn-Dominated Suburban Yards in Springfield, MA. Annals of the Entomological Society of America 109, 713-723. doi.org/10.1093/aesa/saw043

[3] Umweltbundesamt: Mit Nützlingen gärtnern (abgerufen im Oktober 2026). umweltbundesamt.de

[4] Hallmann et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE 12(10): e0185809. doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

[5] NABU: Bestäubungskrise, Wildbienen und ihre Nahrungspflanzen (Blütenarme Wiesen und Feldsäume lassen Wildbienen hungern). nabu.de

[6] Lerman et al. (2018): To mow or to mow less: Lawn mowing frequency affects bee abundance and diversity in suburban yards. Biological Conservation 221, 160-174. doi.org/10.1016/j.biocon.2018.01.025

[7] Stewart-Wade et al. (2002): The biology of Canadian weeds. 117. Taraxacum officinale G. H. Weber ex Wiggers. Canadian Journal of Plant Science 82, 825-853. doi.org/10.4141/p01-010

[8] Majeský et al. (2012): The pattern of genetic variability in apomictic clones of Taraxacum officinale indicates the alternation of asexual and sexual histories of apomicts. PLOS ONE 7(8): e41868. doi.org/10.1371/journal.pone.0041868

[9] Macháčková et al. (2018): New chromosome counts and genome size estimates for 28 species of Taraxacum sect. Taraxacum. Comparative Cytogenetics 12, 403-420. doi.org/10.3897/compcytogen.v12i3.27307

[10] Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG), § 39 Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen. gesetze-im-internet.de

[11] Bundeszentrum für Ernährung (Stand 26.02.2025): Mehr bittere Lebensmittel auf den Teller. bzfe.de

[12] Schütz, Carle und Schieber (2006): Taraxacum, a review on its phytochemical and pharmacological profile. Journal of Ethnopharmacology 107, 313-323. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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