- Gegenstand
- Erzeugung, Sammlung, Verarbeitung und Vermarktung von Milch und Milchprodukten
- Milchkühe in Deutschland
- rund 3,6 Millionen (Destatis, 3. Mai 2026)
- Kuhmilch-Erzeugung
- 34,0 Millionen Tonnen im Jahr 2025 (BLE)
- Streitpunkte
- Trennung von Kuh und Kalb, Anbindehaltung, Methan
Einfach erklärt
Die Milchindustrie umfasst alle Betriebe, die Milch erzeugen, einsammeln, verarbeiten und verkaufen: von den Milchviehhaltungen über die Molkereien bis zum Handel. In Deutschland hielten Betriebe am 3. Mai 2026 rund 3,6 Millionen Milchkühe in 46.200 Haltungen, also Betrieben mit Milchkühen (Statistisches Bundesamt, Destatis). 2025 wurden 34,0 Millionen Tonnen Kuhmilch erzeugt (Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, BLE). Daraus entstehen unter anderem Konsummilch, Käse, Butter und Milchpulver.
Eine Kuh gibt erst Milch, nachdem sie ein Kalb geboren hat. Auf Milchviehbetrieben ist es verbreitet, Kuh und Kalb innerhalb von Stunden oder Tagen nach der Geburt zu trennen. Auch die Nutzungsdauer ist ein Thema: Holstein-Schwarzbunt-Kühe waren 2024 im Schnitt gut drei Jahre in der Nutzung und erreichten damit ein Alter von etwa 5,6 Jahren.
Für das Klima zählt vor allem Methan: Es entsteht bei der Verdauung von Rindern und macht laut Umweltbundesamt (UBA) den größten Teil der landwirtschaftlichen Methanemissionen aus. Wie groß der Unterschied zu pflanzlichen Getränken ausfällt, hängt von Betrieb und Rechenmethode ab.
Ausführlich erklärt
Die Milchindustrie ist eng verknüpft mit Debatten um Speziesismus, Massentierhaltung und den ökologischen Fußabdruck. Gesetzestexte wurden am 20. Oktober 2026 abgerufen.
Die Milchwirtschaft in Zahlen
Am 3. Mai 2026 zählte Destatis rund 3,6 Millionen Milchkühe. Gegenüber Mai 2016 sank der Bestand um 16,0 Prozent, die Zahl der Haltungen mit Milchkühen sogar um 35,2 Prozent auf 46.200. Es gibt also weniger, aber größere Betriebe: Laut BLE standen 2025 durchschnittlich 76 Milchkühe in einer Haltung.
Die Milchleistung stieg über Jahrzehnte. Das UBA nennt für 1991 durchschnittlich 4.900 Kilogramm je Kuh und Jahr und für 2022 rund 8.600 Kilogramm. Nach BLE-Angaben lag der Wert 2025 bei 9.452 Kilogramm, die Gesamterzeugung bei 34,0 Millionen Tonnen. Geliefert wurden 2025 an die Molkereien 30,2 Millionen Tonnen konventionelle und 1,4 Millionen Tonnen ökologisch erzeugte Kuhmilch.
Weltweit schätzt der OECD-FAO-Ausblick 2025 die Milchproduktion für 2024 auf etwa 950 Millionen Tonnen. Indien ist die größte Erzeugerin (rund 227 Millionen Tonnen), die EU die zweitgrößte.
Kalb, Nutzungsdauer und Tiertransporte
Die Trennung von Kuh und Kalb kurz nach der Geburt ist auf Milchviehbetrieben verbreitet. Eine systematische Auswertung von Meagher und Kolleginnen und Kollegen (2019) kommt zu einem zweigeteilten Ergebnis: Frühe Trennung innerhalb von 24 Stunden mindert die akuten Stressreaktionen von Kuh und Kalb. Längerer Kontakt hat dagegen bei Kälbern oft günstige Langzeitwirkungen, etwa auf das Sozialverhalten und seltener auffälliges Verhalten. Er verringert zunächst die verkaufbare Milchmenge, einen dauerhaften Einbruch der Milchleistung fand die Auswertung aber nicht durchgängig. Eine zweite Auswertung zur Gesundheit von Kuh und Kalb (Beaver et al. 2019, 70 Studien) fand keine einheitlichen Belege für Vorteile der frühen Trennung.
Zur Nutzungsdauer gibt die Zuchtorganisation MASTERRIND Daten der Vereinigten Informationssysteme Tierhaltung (vit) an: Holstein-Schwarzbunt-Kühe waren 2024 im Mittel 1.166 Tage in der Nutzung (3,19 Jahre). Mit einem Erstkalbealter von 28 Monaten ergibt das ein Alter von etwa 5,6 Jahren beim Abgang. Häufige Abgangsgründe sind demnach Erkrankungen von Euter, Fruchtbarkeit, Klauen und Stoffwechsel. Die natürliche Lebenserwartung beziffert dieselbe Quelle mit rund 20 Jahren. Beide Angaben stammen aus einem Branchenbeitrag, nicht aus amtlicher Statistik.
Der Europäische Rechnungshof beschreibt in seiner Analyse zu Lebendtiertransporten, dass Italien und Spanien für ihre Kalb- und Rindfleischerzeugung Kälber aus anderen EU-Staaten einführen. Damit hängt die Milchwirtschaft auch mit dem Thema Tiertransporte zusammen. Amtliche Zahlen zu deutschen Kälberausfuhren liegen diesem Eintrag nicht vor.
Haltung und Recht
Das Tierschutzgesetz verlangt in § 2, Tiere ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechend zu ernähren, zu pflegen und verhaltensgerecht unterzubringen. Ihre artgemäße Bewegung darf nicht so eingeschränkt werden, dass ihnen Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden entstehen. Die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung regelt Kälber ausdrücklich (§§ 5 bis 11): Sie dürfen nicht angebunden werden, in Gruppenhaltung höchstens eine Stunde beim Füttern. Ab einem Alter von acht Wochen gehören sie grundsätzlich in Gruppen, und spätestens vier Stunden nach der Geburt muss ihnen Biestmilch angeboten werden. Einen Zeitpunkt für die Trennung von Kuh und Kalb nennen diese Paragrafen nicht. Für erwachsene Rinder enthält die Verordnung keinen eigenen Abschnitt, es gelten die allgemeinen Anforderungen der §§ 3 und 4.
Die Anbindehaltung erwachsener Rinder ist bundesrechtlich nicht verboten. Nach der Landwirtschaftszählung 2020 gab es 4,17 Millionen Stallplätze für Milchkühe, davon etwa 479.000 (rund 11,5 Prozent) in Anbindeställen. Im Kalenderjahr 2019 hatten rund 31 Prozent der Milchkühe Weidegang (eigene Rechnung aus Tabelle 1410 der Destatis-Fachserie). Die Debatte ist in Bewegung: Laut BLE-Bericht forderten 350 Tierärztinnen und Tierärzte vor der Grünen Woche 2026 in einem offenen Brief das Ende der Anbindehaltung. Niedersachsen veröffentlichte am 2. Juni 2026 einen Runderlass, nach dem dort nach sieben Jahren im Regelfall keine Rinder mehr angebunden gehalten werden sollen. Der Bayerische Bauernverband lehnt eine zügige Untersagung ab und verweist auf rund 10.000 betroffene bayerische Betriebe, hohe Umbaukosten und den Erhalt der Alpenwirtschaft.
Die EU-Öko-Verordnung (EU) 2018/848 untersagt die Anbindung grundsätzlich (Anhang II Teil II, Nr. 1.7.5). Betriebe mit höchstens 50 Rindern können unter Auflagen eine Ausnahme erhalten, etwa mit Weidezugang und regelmäßigem Freigelände. Außerdem sollen Säugetiere vorzugsweise mit Muttermilch gefüttert werden (Nr. 1.4.1 Buchstabe g). Das regelt die Fütterung, nicht ausdrücklich den Verbleib bei der Kuh. Was Haltungssiegel im Einzelnen bedeuten, erklärt der Eintrag zu Tierwohl-Siegeln.
Klima und Umwelt
Nach der ersten Schätzung des UBA verursachte die deutsche Landwirtschaft 2025 insgesamt 53,3 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente (alle Treibhausgase in ihre Klimawirkung umgerechnet), das sind 8,2 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landes. Aus der Landwirtschaft stammen 76,2 Prozent der deutschen Methan-Emissionen. Davon entfielen 76,7 Prozent auf die Verdauung von Wiederkäuern, fast vollständig (93 Prozent) auf die Haltung von Rindern und Milchkühen, und 18,8 Prozent auf Wirtschaftsdünger. Diese Werte gelten für alle Rinder, nicht nur für die Milchproduktion. Laut UBA sank der Rinderbestand von 1990 bis 2023 um rund 44 Prozent, die Verdauungsemissionen aber nur um rund 30 Prozent, auch weil die Milchleistung je Kuh stieg.
Für den Fußabdruck je Produkt liegen mehrere Rechnungen vor. Die FAO schätzte für das Jahr 2007, dass der weltweite Milchsektor, einschließlich des Fleisches von Altkühen und Mastkälbern, 4,0 Prozent der menschengemachten Treibhausgase verursacht. Im globalen Mittel lag der Wert bei 2,4 Kilogramm CO₂-Äquivalente je Kilogramm Milch am Hoftor, regional zwischen 1,3 und 7,5 Kilogramm, bei einer Unsicherheit von etwa 26 Prozent.
Die Meta-Analyse von Poore und Nemecek (2018, Science) wertete Daten von mehr als 38.000 Betrieben in 119 Ländern aus. In der Aufbereitung von Our World in Data (Bezugsjahr 2013, je Liter, vom Betrieb bis zum Handel) kommt Kuhmilch im weltweiten Mittel auf 3,15 Kilogramm CO₂-Äquivalente. Hafergetränk liegt bei 0,90, Sojagetränk bei 0,98 und Mandelgetränk bei 0,70. Die Studie war für diesen Eintrag nicht abrufbar (Zugriffssperre), die Werte stammen aus der Datentabelle von Our World in Data.
Was die Zahlen nicht zeigen
Die Emissionswerte sind Durchschnitte. Einzelne Betriebe liegen deutlich darüber oder darunter, die FAO nennt regional eine Spanne von 1,3 bis 7,5 Kilogramm CO₂-Äquivalenten je Kilogramm Milch. Die FAO- und die Poore-Werte sind außerdem nicht direkt vergleichbar, weil sie sich in Bezugsjahr, Datenbasis und Systemgrenzen unterscheiden. Ein Vergleich je Liter berücksichtigt keine Nährstoffunterschiede: 100 Milliliter Kuhmilch enthalten laut Our World in Data etwa 3,4 Gramm Eiweiß, Mandelgetränk etwa 0,5 Gramm.
Quellen: Destatis (2026): Viehbestand Mai 2026 / Destatis (2025): Viehbestand November 2025 / BLE (2026): Bericht Milch und Milcherzeugnisse / Destatis (2020): Stallhaltung, Weidehaltung, Tabellen 1401 und 1410 / UBA: Beitrag der Landwirtschaft zu den Treibhausgas-Emissionen / UBA (2025): Unterschätztes Treibhausgas Methan / § 2 Tierschutzgesetz / § 5 Tierschutzgesetz / Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung / Verordnung (EU) 2018/848, Anhang II Teil II / Meagher et al. (2019), Journal of Dairy Science / Beaver et al. (2019), Journal of Dairy Science / MASTERRIND: Fokusthema Nutzungsdauer / Europäischer Rechnungshof (2023): Lebendtiertransporte in der EU / FAO (2010): Greenhouse Gas Emissions from the Dairy Sector / OECD/FAO (2025): Agricultural Outlook 2025-2034, Dairy / Poore und Nemecek (2018), Science / Our World in Data: Environmental impacts of milks
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