Queeres ABC

ADHS

ADHS: Was die Diagnose bedeutet, wie häufig sie ist und was die Forschung zu Ursachen, Behandlung und ungleicher Diagnosestellung zeigt.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 27.10.2026
Auf einen Blick

Gemeint
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung: anhaltende Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität über das altersübliche Maß hinaus
Einordnung
Neuroentwicklungsbedingte Diagnose, in Deutschland unter F90.- „Hyperkinetische Störungen“ kodiert
Häufigkeit
Etwa 5,9 % der Kinder und Jugendlichen, 2,58 % der Erwachsenen mit seit der Kindheit bestehendem ADHS
Ursachen
Hoch erblich (74 %), viele Genvarianten mit kleinem Einzeleffekt, dazu frühe Umweltfaktoren

Einfach erklärt

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Gemeint ist ein Muster, das früh im Leben beginnt: Betroffene können Aufmerksamkeit, Impulse und Aktivität anhaltend schlechter steuern, als es zu ihrem Alter passt. Das ist keine Frage von Faulheit oder Willensschwäche. Auch ohne Zappeln kann ADHS vorliegen: Manche fallen weniger durch Unruhe auf als durch Vergessen, Ablenkbarkeit und Aufschieben.

Die American Psychiatric Association unterscheidet drei Erscheinungsbilder: überwiegend unaufmerksam, überwiegend hyperaktiv-impulsiv und kombiniert. Für die Diagnose müssen im jeweiligen Bereich mindestens sechs der aufgelisteten Symptome häufig auftreten, ab 17 Jahren reichen fünf. Die Symptome müssen mindestens sechs Monate bestehen, in mehr als einem Lebensbereich auftreten und vor dem zwölften Geburtstag begonnen haben. Viele berichten zusätzlich von Hyperfokus, also stundenlangem Versinken in spannende Tätigkeiten. Als Symptom führt die APA ihn nicht auf, eine Fragebogenstudie fand ihn aber bei stärkeren ADHS-Symptomen häufiger (Hupfeld et al.).

Merke

ADHS ist gut erforscht und keine Charakterschwäche. Ob die Diagnose gestellt wird, hängt aber auch von Alter, Geschlecht und Herkunft ab.


Ausführlich erklärt

Begriff und Einordnung

In Deutschland gilt der Diagnoseschlüssel ICD-10-GM. ADHS steht dort unter F90.- „Hyperkinetische Störungen“, ohne Hyperaktivität unter F98.80 (BfArM). Die Forschung beschreibt ADHS als neuroentwicklungsbedingte Störung, also als Muster, das mit der Entwicklung des Gehirns zusammenhängt (Demontis et al.).

Störung oder Variante?

Die klinische Sprache beschreibt Beeinträchtigungen, die sich behandeln lassen. Die Neurodiversitätsperspektive betont dagegen, dass viele Schwierigkeiten erst im Zusammenspiel mit einer Umwelt entstehen, die für andere Gehirne gebaut wurde. Mehr dazu unter Neurodiversität und Neurodivergenz.

Wie häufig ist ADHS?

Eine Metaanalyse von 19 Studien mit über 55.000 Teilnehmenden ergab, dass 5,9 % der Kinder und Jugendlichen die Kriterien erfüllen (Willcutt, zitiert bei Faraone et al.). Eine Auswertung von 135 Studien fand keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Weltregionen und keinen Anstieg über drei Jahrzehnte (Polanczyk, zitiert bei Faraone et al.). Häufiger geworden sind demnach die Diagnosen, weil ADHS besser erkannt wird.

Bei Erwachsenen unterscheiden Song et al. zwei Gruppen. ADHS mit Beginn in der Kindheit betraf 2020 weltweit 2,58 % der Erwachsenen, Symptome unabhängig vom Beginn in der Kindheit 6,76 %.

Was über Ursachen bekannt ist

ADHS liegt in Familien. Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien schätzen die Erblichkeit auf 74 % (Faraone und Larsson). Das beschreibt Unterschiede in einer Bevölkerung, nicht einen Einzelfall. Ein einzelnes „ADHS-Gen“ gibt es nicht. Eine genomweite Studie mit 38.691 Menschen mit ADHS und 186.843 Kontrollpersonen fand 27 Genorte mit erhöhtem Risiko, jeweils mit kleiner Wirkung. Die beteiligten Gene sind besonders in der frühen Gehirnentwicklung aktiv, und das Risiko hängt mit Nervenzellen zusammen, die den Botenstoff Dopamin nutzen (Demontis et al.).

Dazu passt eine kleine Bildgebungsstudie. Bei 53 Erwachsenen mit ADHS ohne Medikation fanden sich im Belohnungssystem weniger Dopamin-Transporter und Dopamin-Rezeptoren als bei 44 Kontrollpersonen, verbunden mit mehr Unaufmerksamkeit (Volkow et al.). Das stützt die Dopamin-Hypothese, erklärt ADHS aber nicht vollständig.

Auch in der Hirnstruktur sind die Unterschiede klein. Mega-Analysen fanden bei Kindern mit ADHS etwas kleinere Basalganglien, Amygdala und Hippocampus, bei Jugendlichen und Erwachsenen nicht (Hoogman, zitiert bei Faraone et al.). Die Diagnose stützt sich auf Symptome und Verlauf (APA).

ADHS tritt oft zusammen mit anderen Diagnosen auf, etwa Depression, Angststörungen oder Autismus. Das schließt eine ADHS-Diagnose nicht aus (Faraone et al.). Umweltfaktoren wirken laut Konsenspapier früh, gelten aber als bloße Zusammenhänge und nicht als gesicherte Ursachen.

5,9 %der Kinder und Jugendlichen erfüllen laut Metaanalyse die Kriterien
2,58 %der Erwachsenen haben ADHS, das seit der Kindheit besteht
74 %beträgt die geschätzte Erblichkeit

Wer erkannt wird und wer nicht

Geschlecht: Elternurteile und Lehrkraftbeurteilungen zeigen bei Kindern ein Verhältnis von etwa zwei Jungen auf ein Mädchen (Willcutt, zitiert bei Faraone et al.). Die APA hält dagegen, daraus folge nicht, dass Jungen häufiger ADHS haben: Jungen zeigen eher Hyperaktivität, Mädchen eher unauffällige Unaufmerksamkeit wie Tagträumen, Unordnung und Vergesslichkeit. Ein britischer Expertenkonsens sieht den Unterschied zumindest teilweise in fehlender Erkennung und verzerrter Überweisung zu Fachleuten begründet. Anderes Symptomprofil, Geschlechtervorurteile und Kompensationsstrategien wie Masking erschweren die Erkennung bei Mädchen und Frauen (Young et al.). Deutsche Krankenkassendaten zeigen allerdings: Unter den als Erwachsene erstmals Diagnostizierten waren 60 % männlich, das Durchschnittsalter lag bei 35 Jahren (Libutzki et al.). Wie groß der Anteil unerkannter Frauen ist, lässt sich daraus nicht ableiten. Zu trans Männern, trans Frauen sowie nichtbinären und inter Personen sagen diese Studien nichts aus, sie unterscheiden nur männlich und weiblich.

Alter in der Klasse: Eine Metaanalyse von 25 Studien mit über acht Millionen Kindern ergab für relativ jüngere Kinder einer Klasse ein um 34 % höheres Risiko einer Diagnose (Caye et al.).

Herkunft: Die Studienlage ist uneinheitlich. Eine US-Studie mit 17.100 Kindern von der Kindergartenzeit bis zur achten Klasse fand, dass Schwarze Kinder, Kinder mit lateinamerikanischer Herkunft und Kinder anderer Herkunftsgruppen seltener eine Diagnose erhielten als weiße. Bei statistisch angeglichenen Merkmalen lag die Chance bei Schwarzen Kindern um 69 %, bei lateinamerikanischen um 50 % und bei den übrigen um 46 % niedriger. Wer diagnostiziert war, bekam seltener Medikamente (Morgan et al.). Eine Metaanalyse von 23 Studien fand dagegen zwischen Schwarzen und weißen Kindern keinen bedeutsamen Unterschied: 15,9 % und 16,6 %, bei Latinos 10,1 %, bei asiatischen Kindern 12,4 %. Das widerspricht einer Annahme im DSM-5, die Autorinnen und Autoren weisen zugleich auf Publikationsverzerrung hin (Cénat et al.). Das pauschale Bild, Schwarze Kinder und Kinder of Color würden überall seltener diagnostiziert, trägt demnach nicht. Für Deutschland nennen die geprüften Quellen keine Vergleichszahlen.

Wer eine ADHS-Diagnose bekommt, hängt nicht nur vom Gehirn ab, sondern auch von Alter, Geschlecht, Herkunft und davon, wer hinschaut.

Kerngedanke

Behandlung

Eine Netzwerk-Metaanalyse wertete 133 doppelblinde randomisierte Studien aus. Nach etwa zwölf Wochen waren bei Kindern und Jugendlichen alle untersuchten Medikamente nach Einschätzung von Fachpersonen wirksamer als Placebo. Bei gemeinsamer Betrachtung von Wirksamkeit und Verträglichkeit empfehlen die Autorinnen und Autoren für die Kurzzeitbehandlung Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen und Amphetamine bei Erwachsenen als erste Wahl. Für 26 und 52 Wochen reichten die Daten nicht aus, Langzeitwirkungen sind offen (Cortese et al.).

Kognitive Verhaltenstherapie bei Erwachsenen verbesserte in 19 Studien selbstberichtete Symptome mäßig, bei strengerem Studiendesign nur geringfügig (Knouse, zitiert bei Faraone et al.). Elterntrainings senkten die von Eltern berichteten Symptome bei Vorschulkindern, nicht aber die unabhängig bewerteten (Rimestad, zitiert bei Faraone et al.). Ein Verfahren kann trotzdem für andere Ziele hilfreich sein, betont das Konsenspapier.

In Deutschland erhielten von den als Erwachsene erstmals Diagnostizierten nur 32 % anfangs ein ADHS-Medikament, die Mehrheit Psychotherapie. Die Autorinnen und Autoren fordern besseren Zugang zu Fachleuten (Libutzki et al.).

Leben mit ADHS und Ableismus

Das Konsenspapier hält fest, dass ADHS mit realen Risiken einhergeht, etwa mit einem um 40 bis 50 % höheren Risiko für Unfallverletzungen (Ruiz-Goikoetxea, zitiert bei Faraone et al.). Zugleich nennt es stigmatisierende Haltungen verbreitet: bei Familie, Gleichaltrigen, Lehrkräften und Behandelnden, auch bei Betroffenen selbst. Ableismus erklärt also nicht alle Schwierigkeiten, denn die Beeinträchtigungen sind belegt. Er verschärft sie aber, etwa wenn Betroffene als faul gelten. Als unsichtbare Behinderung bleibt ADHS leicht unbemerkt.

Quellen: Faraone et al. (2021): World Federation of ADHD International Consensus Statement, Neuroscience & Biobehavioral Reviews / Song et al. (2021): Prevalence of adult ADHD, Journal of Global Health / Faraone und Larsson (2019): Genetics of ADHD, Molecular Psychiatry / Demontis et al. (2023): Genome-wide analyses of ADHD, Nature Genetics / Volkow et al. (2009): Dopamine reward pathway in ADHD, JAMA / Cortese et al. (2018): Medications for ADHD, The Lancet Psychiatry / Young et al. (2020): Females with ADHD, BMC Psychiatry / Morgan et al. (2013): Racial and ethnic disparities in ADHD diagnosis, Pediatrics / Cénat et al. (2024): ADHD among Black, White, Latino and Asian youth, Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology / Caye et al. (2020): Relative age and ADHD, Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry / Libutzki et al. (2020): Incident adult ADHD in Germany, European Psychiatry / Hupfeld et al. (2019): Hyperfocus in adult ADHD, ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders / American Psychiatric Association: What Is ADHD? / BfArM: ICD-10-GM 2025, F90-F98

Hinweis zur Quellenlage: Stand 18. Oktober 2026. Willcutt, Polanczyk, Hoogman, Knouse, Rimestad und Ruiz-Goikoetxea sind nur über das Konsenspapier geprüft, sonst lagen Abstracts vor. S3-Leitlinie und ICD-11 waren nicht abrufbar. Die Studien stammen meist aus Nordamerika und Europa und kennen nur männlich und weiblich.


Was es kostet, das eigene Anderssein im Alltag zu verbergen: Was Masking wirklich kostet.


Das könnte dich auch interessieren

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Math Rainbow" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print - Organic Basic Hoodie

"Destroy The Patriarchy Not The Planet" Back Print – Organic Basic Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Tote-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Tote-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Front Print - Organic Shirt

"Math Rainbow" Front Print – Organic Shirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen