- Bedeutung
- Belastung durch eine zerstörerische Veränderung der vertrauten Umgebung, während Menschen noch dort leben
- Geprägt von
- Glenn Albrecht, vorgestellt 2003, ausführlich beschrieben 2005
- Herkunft
- Upper Hunter Valley in New South Wales (Australien), Tagebau und Dürre
- Verwandte Begriffe
- Ökologische Trauer, Klimaangst, Nostalgie
- Status
- Forschungsbegriff, keine klinische Diagnose
Einfach erklärt
Solastalgie bezeichnet die Not, die entsteht, wenn sich ein vertrauter Ort gegen den eigenen Willen zerstörend verändert, während Menschen noch dort leben. Anders als beim Heimweh sind die Betroffenen nicht fort. Sie sind zu Hause und erkennen den Ort trotzdem nicht mehr wieder. Der australische Umweltphilosoph Glenn Albrecht stellte den Begriff 2003 vor und beschrieb ihn 2005 ausführlich.
Der Name erinnert bewusst an „Nostalgie“. Er verbindet „solace“ (Trost) und „desolation“ (Verlassenheit, Trostlosigkeit) mit der Endung „-algia“ (Schmerz).
Typische Auslöser sind Tagebau, Dürren, Waldbrände oder der schleichende Wandel einer Landschaft. Der Begriff zeigt, dass der Klimawandel und andere Umweltzerstörung auch in Zugehörigkeit und seelisches Gleichgewicht eingreifen.
Merke
Solastalgie ist kein Heimweh nach einem anderen Ort, sondern der Schmerz über den Verlust des eigenen Ortes, der dabei bleibt, wo er ist.
Ausführlich erklärt
Inhaltshinweis
Dieser Eintrag spricht über psychische Belastung, Verlust, Trauer und Angst. Wenn dich das Thema selbst belastet, erreichst du die TelefonSeelsorge kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Woher der Begriff kommt
Albrecht arbeitete als Umweltphilosoph an der University of Newcastle in New South Wales. Menschen aus dem Upper Hunter Valley riefen ihn an, weil sie die Ausweitung des Tagebaus und die Belastung durch Kraftwerke stoppen wollten. Ihre Not um Identität und Wohlbefinden sei schon am Telefon spürbar gewesen, schreibt Albrecht 2005. Gesucht war ein Wort dafür. Nahe lag „Nostalgie“, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als diagnostizierbare Krankheit galt. Das passte nur halb, denn die Menschen im Hunter Valley waren noch zu Hause.
Zwischen April und Dezember 2003 befragte ein Forschungsteam dort über 50 Schlüsselpersonen und Anwohnende. Als weiteren Bestandteil nennt Albrecht das Gefühl von Machtlosigkeit und Umweltungerechtigkeit: Die Veränderung wurde den Menschen aufgezwungen. 2007 beschrieben Albrecht und Kolleginnen und Kollegen zwei Fälle, in denen sie Solastalgie fanden: anhaltende Dürre im ländlichen New South Wales und Tagebau im Upper Hunter Valley. In beiden verstärkte laut ihrer Zusammenfassung das Gefühl von Machtlosigkeit oder Kontrollverlust die negativen Gefühle.
Die Herkunft liegt damit im Hunter Valley und nicht, wie manchmal behauptet, in Studien mit First Nations. Indigene Perspektiven sind bis heute wenig erforscht (siehe unten).
Was die Forschung zeigt
Galway und Kolleginnen und Kollegen (2019) werteten 29 Fachartikel aus den Jahren 2004 bis 2018 aus. Die Hälfte befasste sich mit Australien, 19 Prozent mit den USA, Länder des Globalen Südens kamen kaum vor. Die Forschung ist also geografisch einseitig. 59 Prozent der Artikel waren empirisch. Unter den 17 empirischen Studien nutzten 12 qualitative Interviews, nur fünf arbeiteten mit Umfragen oder Skalen.
Als Messinstrument dient vor allem die Environmental Distress Scale von Higginbotham und Kolleginnen und Kollegen (2006), die aus der Arbeit im Hunter Valley entstand. Der Solastalgie-Teil besteht aus neun Aussagen, etwa zur Traurigkeit beim Anblick geschädigter Landschaften, zum Verlust vertrauter Tiere und Pflanzen oder zu einem untergrabenen Zugehörigkeitsgefühl. Die Messungen sind laut der Übersicht von Rafa, Zabala und Galway (2025) weiter uneinheitlich.
Eine Studie nach den australischen Buschbränden 2019 und 2020 (Stanley und Kolleginnen und Kollegen, 2024) befragte 22 Menschen in Interviews und 592 per Umfrage. Wer mehr Solastalgie angab, berichtete auch mehr Symptome von posttraumatischem Stress und Angst sowie mehr Wut und Kontrollverlust. Eine Umfrage zeigt Zusammenhänge, sie kann nicht belegen, was Ursache und was Folge ist.
Die Übersicht von 2025 beschreibt, dass sich schleichende Veränderungen offenbar länger auf das Befinden auswirken als akute Ereignisse. Frauen, ethnische Minderheiten, Menschen mit geringem Einkommen und Indigene werden in den Studien als überdurchschnittlich betroffen beschrieben. Dazu passt die Einordnung des Weltklimarats: Der sechste Sachstandsbericht stellt fest, dass der Klimawandel die psychische Gesundheit von Menschen in den untersuchten Regionen beeinträchtigt hat. Einige seelische Belastungen hängen demnach mit steigenden Temperaturen, mit Traumata durch Wetter- und Klimaextreme und mit dem Verlust von Lebensgrundlagen und Kultur zusammen. Der IPCC empfiehlt, den Zugang zu psychologischer Versorgung zu verbessern und die seelischen Folgen von Extremereignissen zu beobachten.
Abgrenzung zu Klimaangst und ökologischer Trauer
Oft heißt es, Solastalgie reagiere auf bereits erlebten Verlust, Klimaangst dagegen auf künftige Bedrohung. Als Faustregel stimmt das, scharf getrennt sind die Begriffe aber nicht. Comteße und Kolleginnen und Kollegen (2021) sehen Solastalgie als Teilbereich der ökologischen Trauer, also der Trauer um verlorene Landschaften, Arten und Lebensweisen. Angst bezieht sich nach ihrer Darstellung auf drohende Bedrohungen. Zugleich erfasst die Solastalgie-Skala neben Trauer auch die Sorge um bevorstehende Verluste. Die Fachliteratur spricht selbst von begrifflicher Unschärfe.
Solastalgie ist ein Forschungsbegriff. In der gesichteten Literatur wird sie als Konzept beschrieben, nicht als Diagnose. Wer stark darunter leidet, kann sich an ärztliche oder psychotherapeutische Stellen wenden. Trauer um reale Verluste ist nach Comteße und Kolleginnen und Kollegen eine sehr individuelle Reaktion.
Indigene Perspektiven und Kolonialismus
Der Begriff stammt aus westlicher Forschung. In der Übersicht von Galway und Kolleginnen und Kollegen (2019) untersuchten rund 90 Prozent der Studien Solastalgie aus einer westlichen oder gemischten Perspektive, nicht aus einer rein indigenen. Eine Übersicht zu Australien (Breth-Petersen und Kolleginnen und Kollegen, 2023) fand nur 18 passende Arbeiten und spricht von einer minimalen Evidenzbasis, besonders aus Sicht von Aboriginal und Torres Strait Islander Peoples. Sie beschreibt, dass diese Gemeinschaften wegen ihrer engen Verbundenheit mit Land gefährdet sind und seit der Invasion, so die Autorinnen und Autoren, unter schädlichen Landschaftsveränderungen leiden.
Eine weitere Übersicht aus indigener, dekolonialer Perspektive (Upward und Kolleginnen und Kollegen, 2023) kommt zu einem vorsichtigen Ergebnis: Es gebe bislang nicht genug Belege, um zu sagen, dass Aboriginal Peoples allgemein Solastalgie erleben. Sie warnen davor, persönliche Erfahrungen auf eine ganze Kultur zu verallgemeinern. Nur eine einbezogene Arbeit nannte Solastalgie ausdrücklich.
Eine Studie mit Aboriginal-Gemeinschaften im ländlichen New South Wales zur langen Dürre (Rigby und Kolleginnen und Kollegen, 2011) nennt Schäden an Kultur und Ort, Scham und Verzweiflung darüber, kulturelle Pflichten nicht erfüllen zu können. Bei manchen wuchs zugleich die Liebe zum Land. Sie benutzt den Begriff Solastalgie nicht. Sie zeigt aber, warum der Zusammenhang mit Kolonialismus wichtig ist: Die Dürre verstärkte nach den Autorinnen und Autoren bereits bestehende Benachteiligungen.
Solastalgie macht benennbar, dass Umweltzerstörung auch ein Verlust von Zugehörigkeit ist, und fordert damit, seelische Folgen mitzudenken.
Kerngedanke
Einordnung für Politik und Alltag
Die Übersicht von 2025 empfiehlt, Solastalgie in Programme für psychische Gesundheit, Umweltverträglichkeitsprüfungen und die Planung von Gemeinden aufzunehmen. Das passt zur Forderung der Klimagerechtigkeit, seelische Folgen nicht als Privatsache zu behandeln. Verwandt sind Klimaresilienz und Biophilie.
Was der Begriff nicht sagt
Solastalgie sagt nicht, dass jede Veränderung einer Landschaft schmerzt oder dass Betroffene krank sind. In der Literatur geht es um unerwünschte, aufgezwungene Veränderungen, wie Galway und Kolleginnen und Kollegen festhalten. Der Begriff ersetzt außerdem keine politische Antwort: Er beschreibt die Folgen, nicht die Verantwortung.
Quellen: Albrecht, G. (2005): „Solastalgia“: a new concept in health and identity. PAN: Philosophy, Activism, Nature 3, S. 44 bis 59 / Albrecht, G. et al. (2007): Solastalgia: the distress caused by environmental change. Australasian Psychiatry 15 (Suppl. 1), S95 bis S98 / Higginbotham, N. et al. (2006): Validation of an Environmental Distress Scale. EcoHealth 3 (4), S. 245 bis 254 / Galway, L. P. et al. (2019): Mapping the Solastalgia Literature: A Scoping Review Study. Int. J. Environ. Res. Public Health 16 (15), 2662 / Stanley, S. K. et al. (2024): Solastalgia following the Australian summer of bushfires. Journal of Environmental Psychology 95, 102273 / Rafa, N., Zabala, A., Galway, L. P. (2025): Empirical research review on Solastalgia. People and Nature 7 (8), S. 1811 bis 1825 / Comteße, H. et al. (2021): Ecological Grief as a Response to Environmental Change. Int. J. Environ. Res. Public Health 18 (2), 734 / Breth-Petersen, M. et al. (2023): Homesickness at Home: A Scoping Review of Solastalgia Experiences in Australia. Int. J. Environ. Res. Public Health 20 (3), 2541 / Upward, K. et al. (2023): Understanding solastalgia from a decolonised, Indigenist lens: a scoping review. Frontiers in Public Health 11, 1261247 / Rigby, C. W. et al. (2011): If the land’s sick, we’re sick. Australian Journal of Rural Health 19 (5), S. 249 bis 254 / IPCC (2022): Sechster Sachstandsbericht, Arbeitsgruppe II, Zusammenfassung für politische Entscheidungstragende, Aussagen B.1.4 und C.2.11 / TelefonSeelsorge Deutschland (abgerufen 15.10.2026)
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