Queeres ABC

Genderdiversität

Genderdiversität: Vielfalt der Geschlechtsidentitäten. Begriffe, Abgrenzung, Zahlen aus England und Kanada, Rechtslage in Deutschland und Diskriminierung.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsausdrücke, auch jenseits von „Frau“ und „Mann“
Gehören dazu
Cis Menschen, trans Frauen, trans Männer, nichtbinäre, genderfluide und agender Menschen
Nicht dasselbe wie
Intergeschlechtlichkeit (Körpermerkmale) und sexuelle Orientierung
Deutschland
Eintrag „weiblich“, „männlich“, „divers“ oder ohne Angabe, Änderung per Erklärung seit dem 1. November 2024

Einfach erklärt

Genderdiversität bezeichnet die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten und Geschlechtsausdrücke in einer Gesellschaft. Dazu gehören cis Frauen und cis Männer ebenso wie trans Frauen, trans Männer und nichtbinäre Menschen. Auch genderfluide Identitäten, die sich im Lauf der Zeit verändern, und agender Identitäten, bei denen jemand kein oder ein neutrales Geschlecht erlebt, zählen dazu.

Geschlechtsidentität ist das innere Wissen über das eigene Geschlecht. Sie ist etwas anderes als der Körper, die sexuelle Orientierung und das Auftreten nach außen. Ein trans Mann versteht sich als Mann, auch wenn bei der Geburt „weiblich“ eingetragen wurde. Eine nichtbinäre Person kann jeden Körper und jede Orientierung haben. Intergeschlechtlichkeit beschreibt dagegen Körper, deren Merkmale sich nicht eindeutig als „männlich“ oder „weiblich“ einordnen lassen. Die Geschlechtsidentität intergeschlechtlicher Menschen ist individuell.


Ausführlich erklärt

Ein Spektrum mit vielen Selbstbezeichnungen

Die Behandlungsleitlinien der WPATH (Standards of Care 8, 2022) beschreiben „nichtbinär“ als Oberbegriff für Menschen, die ihr Geschlecht außerhalb der Zweiteilung erleben. Dazu zählen Menschen mit mehreren Geschlechtern gleichzeitig oder nacheinander (bigender), ohne oder mit neutralem Geschlecht (agender, neutrois), mit Mischformen wie polygender, demiboy und demigirl sowie mit einem Geschlecht, das sich im Lauf der Zeit ändert (genderfluid). Die Liste sei nicht abschließend, und dieselbe Bezeichnung könne für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten.

Der LSVD beschreibt trans als Oberbegriff für alle, deren gelebtes Geschlecht nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen übereinstimmt. Nicht alle nichtbinären Menschen verstehen sich als trans, hält die WPATH fest. Welche Bezeichnung passt, entscheidet die Person selbst. Das gilt auch für Anrede und Pronomen: Manche nichtbinäre Menschen nutzen andere Formen als „er“ oder „sie“, im Deutschen zum Beispiel „dey“.

Geschlecht als soziale Praxis

Mari Mikkola fasst in der Stanford Encyclopedia of Philosophy die Position von Judith Butler so zusammen: Geschlecht sei keine feste Identität, aus der Handlungen folgen, sondern entstehe durch die stilisierte Wiederholung von Handlungen. Auch die Einordnung eines Neugeborenen als Mädchen oder Junge sei nach dieser Lesart keine bloße Beschreibung, sondern eine Setzung. Unecht ist Geschlecht nach dieser Lesart deshalb nicht: Das Geschlecht einer trans Person sei genauso wirklich wie das jeder anderen Person. Das ist eine theoretische Position unter mehreren. Zur Frage, wie Geschlechtsidentität entsteht, siehe Genderidentität.

Viele Kulturen, neue Sichtbarkeit

Die WPATH-Leitlinien nennen Identitäten aus aller Welt: hijra in Südasien, fa’afafine in Samoa, travesti in weiten Teilen Lateinamerikas, waria in Indonesien, kathoey in Thailand, brotherboys und sistergirls in Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Gemeinschaften in Australien sowie viele Two-Spirit-Identitäten in Nordamerika. Diese Begriffe seien kulturell vielschichtig, könnten in einem religiösen oder spirituellen Zusammenhang stehen und ließen sich nicht eins zu eins ins Englische übersetzen. Sie sind keine Entsprechungen von „nichtbinär“. Two-Spirit etwa wurde laut CIHR 1990 bei einer Konferenz in Winnipeg geprägt und stellt westliche Begriffe von Geschlecht und Sexualität infrage. Am 15. April 2014 entschied der Oberste Gerichtshof Indiens, dass Hijras und Eunuchen (so das Urteil) neben dem binären Geschlecht als „drittes Geschlecht“ behandelt werden, und bestätigte das Recht von Transgender-Personen, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen.

Für trans Männer nennt die WPATH eine Besonderheit: In vielen Weltgegenden ist die Sichtbarkeit von trans Männern und nichtbinären trans maskulinen Identitäten relativ neu, und es gibt dafür kaum oder keine traditionellen Begriffe.

Wie viele Menschen sich so beschreiben, zeigen erst neuere Zählungen. In England und Wales fragte die Volkszählung 2021 freiwillig Personen ab 16 Jahren, ob die Geschlechtsidentität dieselbe sei wie das bei der Geburt eingetragene Geschlecht. Laut Office for National Statistics (ONS) antworteten 262.000 Menschen (0,5 Prozent) mit „Nein“. Davon nannten sich 48.000 trans Mann, 48.000 trans Frau und 30.000 nichtbinär; die übrigen nannten eine andere oder keine nähere Identität. In Kanada zählte die Volkszählung 2021 unter knapp 30,5 Millionen Menschen ab 15 Jahren 59.460 transgender und 41.355 nichtbinäre Personen, zusammen 0,33 Prozent. Bei den bis 1945 Geborenen lag der Anteil bei 0,12 Prozent, bei den 20- bis 24-Jährigen mit 0,85 Prozent am höchsten. Die gezählten trans Männer waren im Schnitt 34,9 Jahre alt, die trans Frauen 43,3 Jahre.

262.000Menschen ab 16 in England und Wales verneinten 2021, dass ihre Geschlechtsidentität dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht entspricht (ONS)
0,85 %der 20- bis 24-Jährigen in Kanada waren 2021 trans oder nichtbinär (Statistics Canada)
60 %der trans Befragten in der EU fühlten sich 2019 diskriminiert, 2012 waren es 43 % (FRA)

Ob mehr Menschen ihr Geschlecht anders erleben oder nur mehr darüber sprechen, entscheiden diese Zahlen nicht. Statistics Canada nennt als mögliche Erklärung, dass jüngere Menschen sich leichter dazu äußern und Internet und soziale Medien Austausch und Wissen erleichtert haben könnten.

Rechtliche Anerkennung in Deutschland

Das Bundesverfassungsgericht entschied am 10. Oktober 2017 (1 BvR 2019/16), dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch die geschlechtliche Identität derjenigen schützt, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Seit Dezember 2018 sind laut Statistischem Bundesamt die Einträge „männlich“, „weiblich“, „divers“ und „ohne Angabe“ möglich (§ 22 Absatz 3 Personenstandsgesetz).

Seit dem 1. November 2024 gilt das Selbstbestimmungsgesetz. Nach § 2 kann jede Person, deren Geschlechtsidentität vom Eintrag abweicht, gegenüber dem Standesamt erklären, dass der Eintrag geändert oder gestrichen wird. Die Änderung ist drei Monate vorher anzumelden (§ 4). Nach § 13 dürfen frühere Einträge und Vornamen ohne Zustimmung grundsätzlich nicht offenbart werden. 2025 meldeten die Standesämter 15.688 Änderungen. 42 Prozent betrafen den Wechsel von „weiblich“ zu „männlich“, 27 Prozent von „männlich“ zu „weiblich“ und zusammen 29 Prozent den Wechsel zu „divers“ oder ohne Angabe.

Diskriminierung und Gesundheit

Die EU-Grundrechteagentur (FRA) befragte 2019 insgesamt 139.799 Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans oder intergeschlechtlich beschreiben. Wer sich als trans einordnete, konnte unter anderem „trans Mann“, „nichtbinär“, „genderqueer“ oder „agender“ wählen. Der Bericht wertet diese Gruppe gemeinsam als trans aus. 60 Prozent der trans Befragten fühlten sich in den zwölf Monaten vor der Befragung in den abgefragten Lebensbereichen diskriminiert, 2012 waren es 43 Prozent. 48 Prozent erlebten Belästigung, die höchste Rate aller Gruppen. Strukturell beschreibt das der Eintrag Cissexismus.

Statistics Canada berichtet aus einer Befragung von 2018, dass 65 Prozent der trans und nichtbinären Befragten ihre psychische Gesundheit als schlecht oder mittelmäßig einschätzten, bei cisgeschlechtlichen Befragten waren es 11 Prozent. Die WPATH führt Belastungen bei genderdiversen Kindern etwa auf Minderheitenstress zurück, also auf die Folgen von Vorurteilen und Ausgrenzung. Zugleich hält sie fest: Genderdiversität ist eine natürliche Variation und nicht von sich aus krankhaft. Zur Einstufung in der Medizin siehe Genderdysphorie.

Was die Zahlen nicht sagen

Die Zählungen aus England, Wales und Kanada messen, was Menschen angeben, in England und Wales auf eine freiwillige Frage hin. Das ONS führt die Ergebnisse als amtliche Statistik in Entwicklung. Die deutsche Statistik zählt Eintragsänderungen, keine Identitäten. Die FRA-Daten stammen aus einer Online-Befragung und gelten für die Befragten. Die Quellen stammen überwiegend aus Europa und Nordamerika, Stimmen aus dem Globalen Süden erscheinen nur vermittelt.

Nicht ob es Genderdiversität gibt, ist die Frage, sondern ob Gesetze, Formulare und Alltag ihr Raum lassen.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Frage nach Name und Pronomen, statt aus dem Aussehen zu schließen.
  2. Biete in Formularen und Anreden mehr als zwei Optionen an oder verzichte auf die Frage nach dem Geschlecht, wenn sie nicht gebraucht wird.
  3. Nenne trans Männer, trans Frauen und nichtbinäre Menschen ausdrücklich, statt sie in „Frauen und Männer“ aufgehen zu lassen.

Quellen: LSVD: Glossar der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt / Coleman et al. (2022): WPATH Standards of Care 8, Kapitel 2, 5, 7 und 8 / Mikkola: Feminist Perspectives on Sex and Gender, Stanford Encyclopedia of Philosophy (zu Butler) / Supreme Court of India (2014): NALSA v. Union of India, Rn. 129 / CIHR: What is Two-Spirit? / ONS (2023): Gender identity, England and Wales: Census 2021 / Statistics Canada (2022): Census data on transgender and non-binary people / BVerfG (2017): 1 BvR 2019/16, Pressemitteilung Nr. 95/2017 / § 22 Personenstandsgesetz / Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), §§ 1, 2, 4 und 13 / Statistisches Bundesamt: Daten zur Änderung des Geschlechtseintrags (Stand 9.10.2026) / FRA (2020): A long way to go for LGBTI equality


Wie viel Mut es kosten kann, die eigene Geschlechtsidentität öffentlich zu leben: Deine Geschichte, dein Tempo: Was Coming out von Outing unterscheidet.


Das könnte dich auch interessieren

  • Nicht binär: eine der Identitäten, die unter Genderdiversität fallen
  • Geschlechtsidentität: das persönliche Erleben des eigenen Geschlechts
  • Genderidentität: Forschung zur Entstehung und Abgrenzung zur Genderdysphorie
  • Trans: der Oberbegriff für Menschen, deren Geschlecht nicht dem Geburtseintrag entspricht
  • Cissexismus: die strukturelle Norm, die genderdiverse Menschen unsichtbar macht
  • Selbstbestimmungsgesetz (SBGG): das Gesetz, das Geschlechtseintrag und Vornamen per Erklärung änderbar macht
  • Intersektionalität: wie Diskriminierung aufgrund von Genderdiversität mit anderen Formen zusammenwirkt
  • Gendern: Sprachformen, die neben Männern auch andere Geschlechter sichtbar machen

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Weitere Bereiche

Blog, Demonstrationen und Shop auf einen Blick

Aus dem Blog

Vor Ort

Aus dem Shop
"Math Rainbow" Front Print - Organic Gym-Bag

"Math Rainbow" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Never Too Small" Front Print - Organic Gym-Bag

"Never Too Small" Front Print – Organic Gym-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Never Too Small" Front Print - Organic Tote-Bag

"Never Too Small" Front Print – Organic Tote-Bag

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Math Rainbow" Back Print - Organic Zipper

"Math Rainbow" Back Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Never Too Small" Front Print - Organic Zipper

"Never Too Small" Front Print – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen