- Bedeutung
- Bewirtschaftung, die Böden aufbauen und Ökosysteme wiederherstellen soll, statt sie nur zu schonen
- Begriff
- Seit den frühen 1980er Jahren im Umlauf, bis heute ohne rechtliche Definition
- Typische Methoden
- Zwischenfrüchte, vielfältige Fruchtfolgen, ganzjährige Bodenbedeckung, Kompost, Agroforst
- Streitpunkt
- Wie viel Kohlenstoff dauerhaft im Boden bleibt und wie viel davon dem Klima nützt
- Wichtig
- Die Wirkung hängt stark von Standort und Ausgangszustand des Bodens ab
Einfach erklärt
Regenerative Landwirtschaft ist ein Ansatz, der Böden und Ökosysteme nicht nur schonen, sondern aufbauen will. Im Mittelpunkt steht der Humus: Ein humusreicher Boden speichert Wasser, hält seine Struktur und liefert Pflanzen Nährstoffe. Zugleich kann der Boden Kohlenstoff aufnehmen.
Typische Methoden sind Zwischenfrüchte, die den Acker auch nach der Ernte bedecken, vielfältige Fruchtfolgen, Kompost und Mist statt kurzfristiger Ertragsmaximierung, weniger oder keine Bodenbearbeitung und Agroforstwirtschaft, also Bäume und Sträucher auf der Ackerfläche. Der Bedarf ist real: Laut FAO sind 34 Prozent des Acker- und Weidelands durch menschliches Handeln degradiert. Gleichzeitig ist der Begriff nicht geschützt. Wer „regenerativ“ sagt, kann sehr Unterschiedliches meinen.
Merke
Regenerative Landwirtschaft ist weder Wundermittel noch leere Floskel. Viele ihrer Methoden sind bewährte gute Praxis, aber ihre Klimawirkung wird oft größer dargestellt, als die Forschung sie belegt.
Ausführlich erklärt
Herkunft und Definition
Laut Giller et al. (2021) kam der Begriff in den frühen 1980er Jahren über das Rodale Institute in den USA in Umlauf, das eng mit der Bio-Bewegung verbunden ist. Er verschwand für rund zwei Jahrzehnte fast vollständig und kehrte nach 2015 zurück.
Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Newton et al. (2020) werteten 229 Fachartikel und 25 Internetseiten aus der Praxis aus: Weder eine rechtliche noch eine allgemein akzeptierte Definition existiert. Manche Definitionen beschreiben Prozesse wie Zwischenfrüchte oder weniger Bodenbearbeitung, andere Ergebnisse wie bessere Bodengesundheit, Kohlenstoffspeicherung oder mehr Biodiversität. Das hat laut den Autorinnen und Autoren Folgen für Zertifizierungen.
Methoden und ihre Grenzen
Giller et al. ordnen die typischen Methoden Prinzipien zu, darunter: Bodenbearbeitung minimieren, den Boden bedeckt halten, Humus aufbauen, Pflanzenvielfalt fördern, Tiere integrieren, Pestizide meiden. Viele davon zählen ohnehin zur guten landwirtschaftlichen Praxis, auch im konventionellen Anbau. Andere sind umstritten, etwa das „holistische Weiden“ oder die Permakultur. Kritisch sehen sie, dass Methoden oft ohne Blick auf den Standort empfohlen werden. Wer ganz auf externe Nährstoffe verzichtet, riskiert nach ihrer Analyse sinkende Erträge, weil die mit der Ernte entzogenen Nährstoffe ersetzt werden müssen. Zur ökologischen Landwirtschaft gibt es fließende Übergänge.
Wie schlecht steht es um die Böden?
Die FAO nennt in ihrem Bericht von 2022 34 Prozent des Acker- und Weidelands als durch menschliches Handeln degradiert. Ein früherer Bericht (FAO und ITPS 2015) beziffert 33 Prozent der Landfläche als mäßig bis stark degradiert, etwa durch Erosion, Versalzung und Verdichtung. Die beiden Zahlen messen Unterschiedliches.
Auch der Kohlenstoffvorrat leidet. Eine Modellrechnung von Sanderman, Hengl und Fiske (2017) kommt auf eine „Kohlenstoffschuld“ von 133 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die Landwirtschaft den obersten zwei Metern des Bodens entzogen hat. Laut Thünen-Institut verloren Agrarböden im Mittel 30 bis 40 Prozent ihres Kohlenstoffs gegenüber naturnäheren Systemen wie Wäldern.
Wie viel Kohlenstoff lässt sich speichern?
Die 4-Promille-Initiative, 2015 bei der Klimakonferenz in Paris vorgestellt, rechnet vor: Wüchse der Kohlenstoffvorrat der Böden jährlich um 0,4 Prozent, ließen sich die weltweiten Treibhausgasemissionen weitgehend ausgleichen. Minasny et al. (2017) prüften das für 20 Regionen. Unter bester Bewirtschaftung seien 4 Promille oder mehr erreichbar, bei kohlenstoffarmen Böden in den ersten zwanzig Jahren sogar bis zu 10 Promille. Bezogen auf den oberen Meter der Agrarböden, entspräche das 20 bis 35 Prozent der menschengemachten Emissionen. Flächen im Gleichgewicht könnten aber nicht weiter zulegen, der Humusaufbau verschaffe nur Zeit für zehn bis zwanzig Jahre.
Das Thünen-Institut (Don et al. 2018) hält 4 Promille für einen theoretischen Wert und nicht für ein konkretes Ziel. Praktisch erreichbare Potenziale seien wesentlich geringer, zeitlich begrenzt und reversibel: Nach mehreren Jahrzehnten stellt sich ein neues Gleichgewicht ein, und aus einer Senke kann wieder eine Quelle werden. Giller et al. nennen das „Stickstoff-Dilemma“: Ohne genug Stickstoff, Phosphor und Schwefel entsteht kein Humus.
Weit auseinander liegen die Zahlen bei Befürwortenden. Das Rodale Institute (Moyer et al. 2020) schreibt, eine weltweite Umstellung könne mehr als 100 Prozent der heutigen CO₂-Emissionen binden, und nennt die Hochrechnung selbst ein Gedankenexperiment. Laut Giller et al. kamen andere Befürwortende zu dem Schluss, der Wert liege eher bei 10 bis 15 Prozent. Auch muss die Speicherung gegen Emissionen aufgerechnet werden: Eine von Giller et al. zitierte Meta-Analyse fand bei Mist im Mittel 32,7 Prozent höhere Lachgasemissionen als bei Mineraldünger.
Zur Datenlage
Wie viel Kohlenstoff ein Boden bindet, hängt stark von Bodenart, Klima, Ausgangsvorrat und Nutzung ab. Ergebnisse einzelner Standorte lassen sich laut Thünen-Institut nicht ohne Weiteres übertragen. Für Deutschland ließ sich laut Thünen-Institut kein direkter Zusammenhang zwischen mehr Humus und höheren Erträgen nachweisen.
Was für den Humusaufbau wirkt
Die Belege sind je Methode sehr verschieden. Das Thünen-Institut nennt Zwischenfrüchte eine sehr wirksame Maßnahme: Bei jährlichem Anbau werden im Mittel 320 Kilogramm Kohlenstoff je Hektar und Jahr zusätzlich gespeichert (Poeplau und Don 2015, zitiert nach Thünen). 2016 wuchsen sie auf etwa 15 Prozent der deutschen Äcker. In einem schwedischen Langzeitversuch erhöhte fünfjähriges Ackergras in sechsjähriger Rotation den Kohlenstoffgehalt der oberen 25 Zentimeter um 45 Prozent. Giller et al. sehen in der Agroforstwirtschaft das vermutlich größte Potenzial für den Klimaschutz. Für Deutschland nennt das Thünen-Institut die Wiedervernässung von Mooren als mit Abstand wirksamste Maßnahme der Bodenkohlenstoffspeicherung. Der Schutz bestehender Speicher ist damit eine eigene Aufgabe neben dem Neuaufbau.
Mehr Humus nützt auch unabhängig vom Klima: Laut Thünen-Institut steigen Wasserspeichervermögen und Infiltration, die Bodenstruktur verbessert sich und die Erosionsanfälligkeit sinkt.
Pflugloser Anbau: weniger Klimanutzen als gedacht
Powlson et al. (2014) kommen zu dem Schluss, dass der Klimanutzen des No-Till stark überschätzt wird: Der Kohlenstoff verlagert sich großenteils nur in obere Bodenschichten, und bei gelegentlichem Pflügen geht der Vorteil verloren. Für Bodenqualität und Klimaanpassung sei er dennoch nützlich. Das Thünen-Institut bestätigt für deutsche Standorte, dass reduzierte Bearbeitung den Vorrat meist nur umverteilt. Bei den Erträgen zeigt eine Meta-Analyse mit mehr als 5.000 Beobachtungen aus 610 Studien (Pittelkow et al. 2015): Allein angewendet senkt No-Till die Erträge, zusammen mit Ernterückständen und Fruchtfolge kann es sie in trockenen Regionen erhöhen.
Zertifizierung, Kohlenstoffzertifikate und Greenwashing
Ohne feste Definition öffnet sich Raum für Greenwashing. Hinzu kommt ein Markt für Kohlenstoffzertifikate aus Humusaufbau. Die EU hat dafür die Verordnung (EU) 2024/3012 erlassen, den ersten EU-weiten freiwilligen Zertifizierungsrahmen unter anderem für Carbon Farming. Sie verlangt eine Prüfung durch Dritte und die Veröffentlichung in einem EU-Register. Ob Zertifikate halten, was sie versprechen, hängt an den oben genannten Grenzen: Humus kann wieder verloren gehen. Das Thünen-Institut warnt, Humusaufbau dürfe nicht als Grund gelten, Klimaschutz in anderen Bereichen zurückzufahren. Wie sich ein Klimanutzen prüfen lässt, zeigt die Ökobilanz.
Gesunder Boden lohnt sich auch ohne Klimarabatt, aber ein Freibrief für weitere Emissionen ist er nicht.
Kerngedanke
Was du tun kannst
- Frage bei Produkten mit dem Aufdruck „regenerativ“ nach dem Standard und danach, wer ihn prüft. Der Begriff ist nicht geschützt.
- Achte darauf, ob Betriebe Methoden nennen und den Humusgehalt tatsächlich messen lassen.
- Sieh Kohlenstoffzertifikate aus Humusaufbau nicht als Ausgleich für eigene Emissionen: Gespeicherter Kohlenstoff kann nach Jahrzehnten wieder frei werden.
Quellen: Giller et al. (2021): Regenerative Agriculture: An agronomic perspective / Newton et al. (2020): What Is Regenerative Agriculture? A Review of Scholar and Practitioner Definitions / FAO (2022): The State of the World’s Land and Water Resources 2021 / FAO und ITPS (2015): Status of the World’s Soil Resources / Sanderman, Hengl und Fiske (2017): Soil carbon debt of 12,000 years of human land use / Minasny et al. (2017): Soil carbon 4 per mille / Don et al. (2018): Die 4-Promille-Initiative, Thünen Working Paper 112 / Powlson et al. (2014): Limited potential of no-till agriculture for climate change mitigation / Pittelkow et al. (2015): Productivity limits and potentials of the principles of conservation agriculture / Moyer et al. (2020): Regenerative Agriculture and the Soil Carbon Solution / Europäische Kommission (Stand 20.05.2026): CRCF-Verordnung (EU) 2024/3012
Warum gesunde Böden so viel mehr leisten, als die meisten ahnen: Lebendiger Boden und Klima.
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