Tierwohl-Siegel


Kompakt erklärt

Tierwohl-Siegel sind Kennzeichnungen auf Lebensmitteln, die darüber informieren sollen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten wurden. Sie versprechen: Dieses Fleisch, diese Milch, diese Eier kommen von Tieren, denen es besser geht als dem gesetzlichen Mindeststandard entspricht.

In Deutschland gibt es eine Vielzahl solcher Siegel: staatliche wie das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes, privatwirtschaftliche wie das Haltungsform-Label des Lebensmitteleinzelhandels in vier Stufen, und internationale wie das britische RSPCA Assured. Sie unterscheiden sich erheblich in ihren Anforderungen. Das staatliche Tierschutzlabel verlangt deutlich mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten als die unteren Stufen des Haltungsform-Labels. Ein Siegel allein sagt wenig: Entscheidend ist, welche Organisation dahintersteht, wer kontrolliert und welche Kriterien wirklich angelegt werden.

Tierwohl-Siegel sind kein Ersatz für strukturelle Veränderungen in der Landwirtschaft. Sie bieten aber einen Anhaltspunkt für Kaufentscheidungen und erhöhen den Druck auf Hersteller.


Für Neugierige

Wissenschaftlich und rechtlich ist „Tierwohl“ kein klar definierter Begriff. Das 1965 formulierte Brambell-Modell der „Fünf Freiheiten“ gilt als wissenschaftlicher Rahmen: Freiheit von Hunger und Durst, von Unbehagen, von Schmerzen, von Angst und Stress sowie die Freiheit zum Ausleben arttypischen Verhaltens. Aktuelle Tierschutzforschung geht darüber hinaus und fragt nach positivem Wohlergehen, nicht nur dem Fehlen von Leid.

Kritiker:innen bemängeln, dass viele Siegel den Speziesismus des Industriesystems nicht grundlegend hinterfragen, sondern nur optimieren. Der Antispeziesismus argumentiert, dass auch verbesserte Haltungsformen das grundlegende Problem nicht lösen: Tiere weiterhin als Produktionsmittel zu betrachten. Empirisch zeigt die Forschung, dass Verbraucher:innen Siegel oft überinterpretieren – ein Phänomen, das mit Greenwashing vergleichbar ist und als „Humane Washing“ diskutiert wird.

Quellen: Brambell Report (1965); Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim BMEL (2015): Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung; Bock & van Huik (2007): Animal welfare: the attitudes and behaviour of European pig farmers, British Food Journal.


Verwandte Begriffe: Massentierhaltung · Speziesismus · Antispeziesismus · Vegane Ernährung · Greenwashing