Klima & Erde

Klimaangst

Klimaangst: Sorge und Trauer wegen der Klimakrise. Was Studien zu Verbreitung, Betroffenen und Umgang zeigen und warum sie meist keine Diagnose ist.

8 Min. LesezeitAktualisiert am 18.10.2026
Auf einen Blick

Englisch
climate anxiety, eco-anxiety
Einordnung
meist keine klinische Diagnose, kann den Alltag aber belasten
Wichtige Befragung
Hickman et al. 2021: 10.000 junge Menschen von 16 bis 25 Jahren in 10 Ländern
Verwandt
Solastalgie, ökologische Trauer

Einfach erklärt

Nachrichten über Hitze, Dürre und Artensterben lösen bei vielen Menschen mehr aus als Interesse. Klimaangst, im Englischen climate anxiety oder eco-anxiety, bezeichnet anhaltende Sorge, Angst und verwandte Gefühle wie Traurigkeit, Wut oder Schuld angesichts der Klimakrise und ihrer Folgen. Fachleute definieren den Begriff nicht einheitlich: Eine Übersichtsarbeit von Pihkala (2020) stellt fest, dass Forschung zu den Definitionen und Varianten bisher fehlt.

Nach dem Stand der Forschung gelten die meisten Formen von Klimaangst als nicht klinisch. Sie sind also keine psychische Erkrankung im engeren Sinn, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf eine reale Bedrohung. Das heißt nicht, dass sie harmlos ist: Pihkala bespricht auch Fälle, in denen Klimaangst krankhafte Ausmaße annimmt, und Clayton (2020) hält sie für ein reales Phänomen, das klinische Aufmerksamkeit verdient.

In der ersten großen globalen Befragung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nannten jeweils mehr als die Hälfte der Teilnehmenden Traurigkeit, Angst, Wut, Machtlosigkeit, Hilflosigkeit und Schuldgefühle. Verwandt, aber nicht dasselbe ist die Solastalgie: die Belastung durch eine zerstörerische Veränderung der vertrauten Umgebung, während Menschen noch dort leben (Albrecht et al. 2007).


Ausführlich erklärt

Begriff und Abgrenzung

Was Klimaangst von anderen Ängsten unterscheidet, ist der Auslöser. Pihkala (2020) wertet Ansätze aus vielen Fachgebieten aus und kommt zu dem Schluss, dass Ungewissheit, Unvorhersehbarkeit und fehlende Kontrolle wichtige Faktoren sind. Dieselbe Arbeit unterscheidet zwischen lähmenden Formen und einer „praktischen Angst“, die dazu führt, Informationen zu sammeln und eigenes Verhalten zu überdenken.

Clayton (2020) betont, dass zwischen anpassungsförderlichen (adaptiven) und ungünstigen (maladaptiven) Ausmaßen von Klimaangst unterschieden werden muss. Zugleich warnt Clayton: Der Blick auf die psychische Gesundheit Einzelner darf nicht von der gesellschaftlichen Antwort ablenken.

Keine Diagnose, aber ernst zu nehmen

Pihkala (2020) beschreibt die meisten Formen als nicht klinisch, bespricht aber auch krankhafte Fälle. Clayton (2020) hält Klimaangst für ein reales Phänomen, das klinische Aufmerksamkeit verdient. Beides gilt gleichzeitig: Die Reaktion ist nachvollziehbar, und sie kann trotzdem stark belasten.

Wie verbreitet ist Klimaangst?

Die erste groß angelegte globale Untersuchung zum Thema stammt von Hickman et al. (2021). Befragt wurden über die Plattform Kantar 10.000 junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in 10 Ländern (Australien, Brasilien, Finnland, Frankreich, Indien, Nigeria, Philippinen, Portugal, Vereinigtes Königreich und USA), je 1.000 pro Land, im Mai und Juni 2021. 59 % waren sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel, 84 % mindestens mäßig. Mehr als 45 % sagten, dass ihre Gefühle ihr tägliches Leben und Funktionieren negativ beeinflussten. 75 % hielten die Zukunft für beängstigend. Gemessen wurden Sorgen, Gedanken und Gefühle, keine Diagnosen. Als Geldgeber nennt die Studie die Organisation Avaaz.

59 %der befragten 16- bis 25-Jährigen waren sehr oder extrem besorgt über den Klimawandel
Mehr als 45 %sagten, ihre Gefühle beeinträchtigten ihr tägliches Leben und Funktionieren
31 von 32untersuchten Ländern zeigten: Mehr Klimaangst geht mit geringerem psychischem Wohlbefinden einher (Ogunbode et al. 2022)

Je nach Land fielen die Werte sehr verschieden aus. Eine deutschsprachige Besprechung der Studie (Kerbl 2022) nennt die Philippinen als Land mit der höchsten Sorge und Finnland mit 44 % sehr oder extrem Besorgten als niedrigsten Wert. Vom Original war nur die Zusammenfassung zugänglich, die Länderwerte stammen daher aus dieser Besprechung.

Eine Meta-Analyse, also die statistische Zusammenfassung vieler Studien, von Gallè et al. (2025) fasste 60 Studien mit mehr als 65.000 Teilnehmenden zusammen. Der gemittelte Wert lag bei etwa 34,8 von 100 Punkten, also einem mittleren Niveau. Frauen erreichten höhere Werte als Männer, Messinstrument und Land spielten eine Rolle, das Alter schien dagegen keine bedeutsame Rolle zu spielen. Berichtet werden in den Zusammenfassungen nur Vergleiche zwischen Frauen und Männern, zu nicht-binären Personen fehlen Aussagen. Das Ergebnis zum Alter spricht gegen die Annahme, Klimaangst sei vor allem ein Thema der Jungen. Ein Überblick von Niedzwiedz et al. (2025) über 69 Studien zu Kindern und Jugendlichen fand dagegen, dass innerhalb dieser Altersgruppe junge Erwachsene und besonders junge Frauen höhere Werte angaben. Medienkonsum zum Thema und der Eindruck, Regierungen täten nichts, hingen ebenfalls durchgängig mit Klimaangst zusammen. Die Forschungslage zum Alter ist also uneinheitlich.

Klimaangst hängt mit anderen Belastungen zusammen. Rana et al. (2026) fanden in einer Meta-Analyse zu jungen Erwachsenen mittlere Zusammenhänge mit Depression (r = 0,29), Angst (r = 0,34) und Stress (r = 0,30). Dabei ist r ein Maß für Zusammenhänge: 0 bedeutet keinen, 1 einen perfekten. Solche Zusammenhänge sagen nichts über die Richtung: Klimaangst kann belasten, und wer ohnehin belastet ist, erlebt sie möglicherweise stärker. In einer deutschsprachigen Online-Stichprobe mit 322 Personen war allgemeine psychische Belastung der einzige statistisch belastbare Faktor, der Klimaangst vorhersagte (Henschel et al. 2025).

Wer besonders betroffen ist

Klimaangst trifft nicht alle gleich. Der Weltklimarat IPCC (2022) hält mit sehr hoher Sicherheit fest, dass Angst und Stress bei weiterer Erwärmung in allen untersuchten Regionen zunehmen dürften, besonders bei Kindern, Jugendlichen, Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen. Schon heute seien psychische Belastungen mit steigenden Temperaturen, dem Trauma durch Extremwetter und dem Verlust von Lebensgrundlagen und Kultur verbunden.

Wer die Folgen direkt erlebt, hat mehr Grund zur Angst. Rana et al. (2026) berichten höhere Werte für Klimaangst und Furcht in Bevölkerungen, die direkt von Umweltfolgen betroffen sind. Eine Studie mit 290 Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren aus den kanadischen Nordwest-Territorien nach den Waldbränden 2023 (Wang et al. 2026) zeigt, wie sich Lebensbedingungen und Klimaangst verschränken: Stärkere Waldbrandbetroffenheit und Ernährungsunsicherheit gingen mit höherer Klimaangst einher. Mädchen, Jugendliche, die in der Studie als LGBQ+ erfasst wurden, und Jugendliche auf dem Land gaben höhere Werte an. Indigene Identität hing indirekt über Ernährungsunsicherheit und Waldbrandbetroffenheit mit Klimaangst zusammen, und höheres Selbstwertgefühl dämpfte den Zusammenhang zwischen Waldbrandbetroffenheit und Klimaangst. Aus der Zusammenfassung geht nicht hervor, ob trans oder nicht-binäre Jugendliche gesondert ausgewertet wurden. Das berührt Fragen von Klimagerechtigkeit und Intersektionalität: Soziale Lage, Wohnort und Identität prägen, wie stark Klimafolgen und damit Klimaangst erlebt werden.

Die Daten haben Grenzen. Niedzwiedz et al. (2025) weisen darauf hin, dass die meisten Studien Stichproben ohne Zufallsauswahl nutzen und den Globalen Norden abdecken. Auch Rana et al. (2026) stellen fest, dass Daten aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in der Forschung fehlen.

Klimaangst und Handeln

Hilft Engagement gegen Klimaangst? Die Forschung beantwortet das nicht pauschal. Ogunbode et al. (2022) werteten Daten aus 32 Ländern mit 12.246 Personen aus. Klimaangst hing mit häufiger Information über Klimafolgen, hoher Aufmerksamkeit dafür und der Wahrnehmung zusammen, dass andere ebenfalls emotional reagieren. Sie war mit klimafreundlichem Verhalten verbunden (in 24 Ländern statistisch belastbar) und mit Umweltaktivismus (in 12 Ländern). Mit geringerem Wohlbefinden hing sie in 31 von 32 Ländern zusammen. Die Autorinnen und Autoren sehen darin Grenzen für den Gedanken, Aktivismus sei ein Gegenmittel gegen Klimaangst. Eine Besprechung der Hickman-Studie (Kerbl 2022) merkt an, dass Bewegungen wie der Klimastreik eine Bewältigungsstrategie sein können, Ängste aber auch verstärken können.

Politisch ist der Befund von Hickman et al. deutlich: Klimaangst und Belastung hingen mit dem Eindruck zusammen, Regierungen reagierten unzureichend, und mit dem Gefühl von Verrat. Die Autorinnen und Autoren folgern, Regierungen sollten die Belastung ernst nehmen und entschlossen handeln.

Klimaangst ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine reale Bedrohung, und deshalb reicht es nicht, nur einzelne Menschen zu behandeln.

Kerngedanke

Wenn die Belastung groß wird

Wenn Sorgen den Alltag dauerhaft einschränken, kann es sinnvoll sein, Unterstützung zu suchen, etwa in einer hausärztlichen Praxis, bei psychotherapeutischen Angeboten oder in Beratungsstellen. Das ist nicht für alle gleich leicht, besonders wenn Menschen erleben, mit ihren Anliegen nicht ernst genommen zu werden. Der IPCC (2022) nennt den besseren Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung als wirksame Anpassungsoption, also als Aufgabe der Gesellschaft und nicht nur der Betroffenen.

Quellen: Hickman et al. (2021), The Lancet Planetary Health 5(12) / Clayton (2020), Journal of Anxiety Disorders 74 / Pihkala (2020), Sustainability 12(19) / Ogunbode et al. (2022), Journal of Environmental Psychology 84 / Gallè et al. (2025), Healthcare 13(21) / Niedzwiedz et al. (2025), Nature Mental Health 3(12) / Rana et al. (2026), Applied Psychology: Health and Well-Being / Wang et al. (2026), Cambridge Prisms: Global Mental Health 13 / Henschel et al. (2025), BMC Public Health 25 / Albrecht et al. (2007), Australasian Psychiatry 15 / IPCC (2022), AR6 WGII, Summary for Policymakers, B.1.4, B.4.4, C.2.11 / Kerbl (2022), Monatsschrift Kinderheilkunde 170


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