- Voller Name
- Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh (2013), heute International Accord
- Unterzeichnet
- 15. Mai 2013 von über 40 Unternehmen, zwei globalen Gewerkschaftsverbänden und acht Gewerkschaften aus Bangladesch
- Auslöser
- Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes am 24. April 2013
- Besonderheit
- Rechtlich bindend, mit Schiedsverfahren in Den Haag
- Aktueller Stand
- Programme in Bangladesch und Pakistan, 300 Unterzeichner (September 2026)
Einfach erklärt
Das Bangladesh-Abkommen, englisch Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh, ist ein Vertrag zwischen Modeunternehmen und Gewerkschaften. Es soll Textilfabriken sicherer machen. Unterzeichnet wurde es am 15. Mai 2013, drei Wochen nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes, durch über 40 Unternehmen, die globalen Gewerkschaftsverbände IndustriALL und UNI sowie acht Gewerkschaften aus Bangladesch (Accord, Seite zur Geschichte).
Anders als freiwillige Verhaltenskodizes ist der Vertrag bindend. Unabhängige Fachleute für Gebäudetechnik inspizieren die Fabriken, die Berichte werden veröffentlicht, und Mängel müssen nach einem festen Zeitplan behoben werden. Wer sich als Unternehmen weigert, die Regeln durchzusetzen, riskiert am Ende ein Schiedsverfahren. Nach den Zahlen der Accord-Organisation selbst wurden in Bangladesch bis August 2026 76.009 Inspektionen durchgeführt (Accord, Seite Bangladesch).
Merke
Das Abkommen macht Gebäude-, Brand- und Elektrosicherheit zur überprüfbaren Pflicht von Marken. Es regelt weder Löhne noch Arbeitszeiten und ersetzt keine staatliche Aufsicht.
Ausführlich erklärt
Der Auslöser: Rana Plaza
Inhaltshinweis
Dieser Abschnitt nennt Zahlen zu Toten und Verletzten eines Gebäudeeinsturzes. Er darf übersprungen werden.
Am 24. April 2013 stürzte das Rana-Plaza-Gebäude in Savar bei Dhaka ein. Die ILO nennt in ihrem Bericht zum Entschädigungsprogramm 1.134 Tote (ILO, Bericht zum Rana-Plaza-Entschädigungsprogramm), in einem Interview von 2021 spricht sie von 1.138 Toten und mehr als 2.500 Verletzten (ILO, Interview vom 25. April 2021). Die Accord-Organisation schreibt 2026 von mindestens 1.138 Toten. Die Unterschiede entstehen durch unterschiedliche Zählungen und Zeitpunkte, die Quellen erklären sie nicht näher.
Die Entschädigung der Betroffenen lief getrennt vom Accord über eine Vereinbarung namens „Arrangement“. Die ILO beschreibt, dass die Rana Plaza Claims Administration 30 Millionen US-Dollar an etwa 5.500 Anspruchsberechtigte auszahlte. Darin enthalten waren eine Direktzahlung von Primark und staatliche Mittel. Laut ILO bezeichnen viele Gewerkschaftsführungen diese Summe nicht als Entschädigung, sondern als Zuwendung (ILO, Interview vom 25. April 2021).
Von 2013 bis 2026: vier Fassungen
Der Vertrag von 2013 lief fünf Jahre. Nach Angaben der Accord-Organisation unterzeichneten zuerst gut 40 Marken, später erreichte diese Phase über 220 Unterzeichner. Die Gewerkschaftsverbände IndustriALL und UNI sind Vertragspartner. Die Clean Clothes Campaign und das Workers‘ Rights Consortium waren als Zeugen und Beobachter beteiligt (Accord, Seite zur Geschichte). Zwischen Februar und August 2014 prüften die Ingenieurteams erstmals über 1.000 Fabriken.
Es folgten drei weitere Etappen (Accord, Seite zur Geschichte):
- 2018, Transition Accord: Der dreijährige Folgevertrag trat am 1. Juni 2018 mit 173 Unterzeichnern in Kraft. Er sollte die Arbeit an eine nationale Organisation übergeben, an der Marken, Gewerkschaften und Hersteller beteiligt sind.
- 2020, RMG Sustainability Council: Am 1. Juni 2020 gingen Personal und Betrieb in Bangladesch auf diesen Rat (RSC) über. Das Sekretariat in den Niederlanden begleitet die Umsetzung weiter.
- 2021, International Accord: Ab dem 1. September 2021 sollte der Vertrag auch Länder außerhalb Bangladeschs erreichen. Seit dem 1. Januar 2023 gibt es ein Programm in Pakistan.
Im November 2023 wurde der Vertrag neu gefasst: als Rahmenabkommen mit je einem Länderzusatz für Bangladesch und Pakistan. Die Laufzeit endet am 31. Dezember 2026 und verlängert sich automatisch um drei Jahre bis Ende 2029, wenn niemand 90 Tage vorher kündigt (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)). Am 9. September 2026 meldete die Organisation 300 Unterzeichner aus 26 Ländern, so viele wie nie zuvor (Accord, Meldung vom 9. September 2026).
Was den Vertrag bindend macht
Der Vertragstext regelt konkrete Pflichten (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)):
- Unabhängige Inspektionen: Ein Chief Safety Officer, der weder bei Marken noch bei Gewerkschaften noch bei Fabriken angestellt sein darf, verantwortet die Prüfung von Brand-, Bau-, Elektro- und Kesselsicherheit. Die Berichte werden öffentlich gemacht.
- Verbindliche Fristen: Marken müssen von ihren Zulieferern verlangen, die festgestellten Mängel nach einem festen Zeitplan zu beheben.
- Recht zur Verweigerung: Beschäftigte dürfen Arbeit verweigern, die sie begründet für unsicher halten, ohne Lohnverlust oder Benachteiligung.
- Lohn bei Schließung: Wird eine Fabrik für Umbauten geschlossen, sollen die Beschäftigten bis zu sechs Monate weiter Lohn erhalten.
- Finanzierung der Reparaturen: Marken müssen Geschäftsbedingungen aushandeln, die es einer Fabrik wirtschaftlich möglich machen, die Auflagen zu erfüllen.
- Folgen bei Verstößen: Fabriken, die nicht nachbessern, werden nach Verwarnungen ausgeschlossen. Marken beenden dann die Geschäftsbeziehung.
Streitigkeiten zwischen den Vertragsparteien entscheidet zuerst der Lenkungsausschuss. Die ILO stellt dort den neutralen Vorsitz. Danach kann jede Seite ein verbindliches Schiedsverfahren verlangen. Es wird am Ständigen Schiedshof in Den Haag geführt, ein Schiedsspruch ist nach dem New Yorker Übereinkommen vollstreckbar, und der Vertrag unterliegt niederländischem Recht (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)). „Einklagbar“ heißt hier also: durchsetzbar über ein Schiedsverfahren, nicht über die Gerichte in Bangladesch.
Was erreicht wurde
Zum zehnten Jahrestag nannte die Accord-Organisation selbst folgende Bilanz (Accord, Erklärung vom 15. Mai 2023):
- fast 56.000 Inspektionen in über 2.400 Fabriken, seit 2020 durch den RSC
- rund 170.000 festgestellte Sicherheitsmängel, davon etwa 140.000 behoben, etwa durch Brandschutztüren, Alarmanlagen, Sprinkler und verstärkte Gebäude
- mehr als 1.200 geschulte Sicherheitsausschüsse aus Beschäftigten und Betriebsleitung
- über 6.000 Beschwerden im unabhängigen Beschwerdesystem
- über 70 Millionen US-Dollar, die Marken zur Finanzierung der Programme und des Betriebs beitrugen
Wichtig für die Einordnung: Diese 70 Millionen US-Dollar betreffen laut Erklärung die Programme und den Betrieb, nicht allein Gebäudereparaturen. Der Stand von 2026 für Bangladesch lautet: 246 Marken, 1.759 Fabriken, 2,8 Millionen Beschäftigte, 293.852 Sicherheitsbefunde und im Schnitt 81 Prozent Fortschritt bei der Behebung (Accord, Seite Bangladesch). Für Pakistan nennt die Seite 143 Marken, 452 Fabriken, 522.549 Beschäftigte und 454 Erstinspektionen (Accord, Seite Pakistan). Alle diese Angaben stammen von der Organisation selbst. Eine unabhängige Gegenprüfung lag für diesen Eintrag nicht vor.
Ein Vertrag mit Gewerkschaften auf Augenhöhe verschiebt Verantwortung von den Fabriken zu den Marken, die dort einkaufen.
Kerngedanke
Wer geschützt wird und wer nicht
Zum Anteil von Frauen unter den Beschäftigten nennt dieser Eintrag bewusst keine Zahl, weil sie hier nicht an einer Primärquelle geprüft werden konnte. Wie sich die Arbeit in der Branche gestaltet, beschreibt der Eintrag zu Näherinnen. Der Vertrag selbst nennt in seinem Schulungsprogramm geschlechtsspezifische Gewalt und Belästigung sowie die Vereinigungsfreiheit als Themen (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)). Die Schulungen sind damit mehr als Technikunterricht. Ob sie Betroffene tatsächlich erreichen, belegen die hier gesichteten Quellen nicht.
Geschützt sind nur Fabriken, die für Unterzeichner produzieren. Näherinnen in Betrieben ohne unterzeichnende Marke und in Heimarbeit fallen aus dem Geltungsbereich. Das ist aus dem Vertragsaufbau abgeleitet: Er deckt Fabriken ab, die für Unterzeichner liefern, in Bangladesch nach dem Länderzusatz den RSC (Bangladesh Safety Agreement (Fassung vom 1. November 2023)).
Grenzen und Kritik
Was das Abkommen nicht leistet
Es ist ein Sicherheitsprogramm, kein Lohn- oder Gesetzesprogramm. Der Vertrag erlaubt zudem keine Aussage darüber, ob eine Marke insgesamt fair produziert.
Die Grenzen lassen sich an den Vertragsdokumenten und ILO-Texten belegen:
- Begrenzter Gegenstand: Geprüft werden Brand-, Bau-, Elektro- und Kesselsicherheit. Beschwerden zu anderen Themen, etwa ausstehenden Gehältern, werden nicht bearbeitet, sondern an Fabrik und Marken weitergeleitet (Accord, Beschwerdemechanismus). Eine Ausweitung der Beschwerden auf weitere Arbeitsrechte ist erst als Pilot vorgesehen, eine Ausweitung auf menschenrechtliche Sorgfaltspflichten wird lediglich geprüft (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)).
- Gewerkschaftsrechte: Die ILO hielt 2013 fest, dass Bangladeschs Arbeitsgesetz trotz Änderungen weiter Hürden enthält, etwa eine Mindestmitgliedschaft von 30 Prozent für Gewerkschaftsgründungen, und dass es in Exportzonen keine Vereinigungsfreiheit gewährt (ILO, Stellungnahme vom 22. Juli 2013). Wie das Gesetz heute aussieht, wurde für diesen Eintrag nicht geprüft. Das Abkommen setzt die Vereinigungsfreiheit als Schulungsthema, ersetzt aber kein Gesetz.
- Der Staat fehlt: Das erklärte Ziel ist eine Übergabe an eine nationale Aufsichtsbehörde (International Accord (Fassung vom 1. November 2023)). Die ILO nannte 2021 fehlende nationale Bauvorschriften mit Durchsetzung als offenen Punkt und stellte fest, dass nicht alle Fabriken den vereinbarten Standards entsprechen (ILO, Interview vom 25. April 2021).
- Abhängigkeit von Marken: Der Lenkungsausschuss kann seine Unterstützung für den RSC zurückziehen (Bangladesh Safety Agreement (Fassung vom 1. November 2023)). Zudem entscheidet jede Marke selbst, ob sie unterschreibt.
Weil ein sicheres Gebäude nichts über Löhne, Arbeitszeiten oder Mitbestimmung sagt, ergänzt das Abkommen Gesetze zur Sorgfaltspflicht, etwa die Lieferkettensorgfaltspflicht, statt sie zu ersetzen. Warum die Branche so billig und schnell produziert, erklärt der Eintrag zu Fast Fashion.
Quellen: International Accord: About us / International Accord: Bangladesh (Daten Stand 31. August 2026) / International Accord: Pakistan (Daten Stand 31. August 2026) / International Accord: 300 Brands Sign the International Accord (9. September 2026) / International Accord: A decade of workplace health and safety under the Accord (15. Mai 2023) / International Accord: Complaints Mechanism / International Accord for Health and Safety in the Textile and Garment Industry (1. November 2023) / Bangladesh Agreement on Health and Safety in the Textile and Garment Industry (1. November 2023) / ILO: Bangladesh, Rana Plaza Compensation Scheme / ILO: Rana Plaza, More needs to be done to ensure workplace safety (2021) / ILO: Statement on reform of Bangladesh labour law (2013)
Hinweis zur Quellenlage: Die Seiten der Accord-Organisation lieferten beim Abruf eine Zugriffssperre. Die Angaben wurden über eine archivierte Fassung vom 27. September 2026 (Wayback Machine) und die dort verlinkten Vertrags-PDFs geprüft.
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