Erinnerungskultur


Kompakt erklärt

Erinnerungskultur beschreibt, wie eine Gesellschaft öffentlich und kollektiv mit ihrer Vergangenheit umgeht, etwa durch Gedenkstätten, Denkmäler, Schulunterricht oder jährliche Gedenktage. In Deutschland bezieht sich der Begriff vor allem auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust, seit den 1990er Jahren hat er den älteren Begriff Vergangenheitsbewältigung weitgehend abgelöst. Ein konkretes und bekanntes Beispiel dafür: 2008 wurde in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht, ein Betonblock mit einem Fenster, hinter dem ein Kurzfilm läuft, der seit 2008 alle zwei Jahre ausgetauscht wird, um neben schwulen Männern auch lesbische Frauen sichtbar zu machen. Erinnerungskultur ist deshalb nie fertig: Wer woran erinnert wird und wie, verändert sich mit der Zeit und wird in einer Gesellschaft immer wieder neu ausgehandelt.


Für Neugierige

Der Historiker Hans-Günter Hockerts beschrieb Erinnerungskultur als lockeren Sammelbegriff für die gesamte nicht fachwissenschaftliche öffentliche Nutzung von Geschichte. Die bpb betont, dass Erinnerungskulturen stets das Ergebnis konfliktreicher politischer und gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse sind. In der Bundesrepublik verlief die Aufarbeitung des Nationalsozialismus über Jahrzehnte. Die DDR dagegen hielt das Thema durch ihre selbst erklärte „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ für erledigt. Ein Beispiel für erweiterte Erinnerung: 1933 zerstörten Studierende das von Magnus Hirschfeld gegründete Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, das seit 1919 unter anderem Beratung für das angeboten hatte, was damals als „Transvestiten“ bezeichnet wurde, ein historischer Begriff, der sich nicht unmittelbar mit heutigem Verständnis von trans Identität gleichsetzen lässt. Diese Geschichte fand erst deutlich später Eingang in die deutsche Erinnerungskultur.

Quelle: bpb.de: Erinnerungskultur / bpb.de: Denkmal für die im NS verfolgten Homosexuellen / Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933


Verwandte Begriffe: Geschichtsrevisionismus · Antifaschismus · Rechtsextremismus · Antiziganismus · Ziviler Ungehorsam




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