Tierschutz & Veganismus

Wildtiere in der Stadt: Wer lebt eigentlich zwischen uns, und wie gelingt Koexistenz?

Füchse, Waschbären, Wildschweine: Was Studien über Wildtiere in Städten zeigen, was rechtlich gilt und wie Nachbarschaft im Alltag gelingt.

10 Min. Lesezeit19. Oktober 2026
photo of a boar on a street

⏱ Lesezeit: ca. 8 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • In Städten leben Füchse, Wildschweine und Waschbären oft anders, als Schlagzeilen nahelegen: Wildschweine fraßen fast nur natürliche Nahrung.
  • Heimische Arten sind in Städten selten geworden: Nur noch 8 Prozent der Vogelarten und 25 Prozent der Pflanzenarten sind gegenüber der Dichte außerhalb der Städte vorhanden.
  • Füttern ist in Berlin verboten, Gärten lassen sich sichern, und Kommunen steuern Licht, Grünflächen und Beratung.

Der Fuchs im Hinterhof, der Waschbär auf dem Dachboden, die Wildschweinrotte am Stadtwald: Wildtiere sind in vielen deutschen Städten längst Nachbarschaft. Das wirft zwei Fragen auf, die dieser Artikel getrennt beantwortet. Was sagt die Forschung darüber, wer dort lebt, wovon und mit welchen Folgen? Und was gilt rechtlich und praktisch, damit das Nebeneinander funktioniert?

Wer lebt eigentlich zwischen uns?

Dass Wildtiere und Menschen in dicht besiedelten Regionen eng nebeneinander leben, beschreibt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) als Normalfall. Das macht Natur erlebbar, löst aber Unmut aus, wenn Gärten, Autos oder Häuser verschmutzt oder beschädigt werden.[1] In Freiburg läuft seit Oktober 2021 ein Monitoring des Lehrstuhls für Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Universität Freiburg, seit 2023 mit der FVA. Es gehört zum Urban Wildlife Information Network (UWIN), Freiburg ist der erste europäische Partner. Zu jeder Jahreszeit hängen vier Wochen lang Fotofallen in Gärten, Parks, Friedhöfen und Stadtwäldern, nach demselben Verfahren wie in über 40 weiteren Städten in Nord- und Südamerika und Afrika.[1]

Ein ähnliches Bild liefert Berlin. Dort stellten Bürgerinnen und Bürger zwischen Herbst 2018 und Herbst 2020 in fünf Runden rund 150 Wildtierkameras in ihren Gärten auf. Die Auswertung zeigt: Fuchs, Waschbär und Steinmarder nutzten dieselben Orte, aber zu leicht versetzten Zeiten, und alle drei waren vor allem nachts unterwegs, wenn am wenigsten Menschen draußen sind. Während der Corona-Lockdowns wurden sie in den Gärten häufiger registriert.[2]

Wilder, aber auch ärmer: was Städte leisten und was nicht

Die Formel „Städte werden wilder“ ist zu glatt. Eine weltweite Auswertung für 54 Städte (Vögel) und 110 Städte (Pflanzen) kommt zu einem gemischten Ergebnis: Die meisten Arten sind heimisch, aber ihre Dichte pro Quadratkilometer ist stark gesunken. Gegenüber der geschätzten Dichte außerhalb der Städte sind nur noch 8 Prozent der heimischen Vogelarten und 25 Prozent der heimischen Pflanzenarten vorhanden. Erklären lässt sich das vor allem mit der Art der Flächennutzung und dem Alter der Stadt, nicht mit Klima oder Geografie. Wo zusammenhängende Vegetation erhalten bleibt, leben mehr Arten.[3] Eine Übersichtsarbeit nennt daneben Pfade, über die Städte der regionalen Vielfalt nützen können, etwa als Rastplatz für wandernde Arten.[4]

8 %der heimischen Vogelarten sind gegenüber der geschätzten Dichte außerhalb der Städte noch vorhanden
25 %der heimischen Pflanzenarten, gemessen auf dieselbe Weise
54 und 110Städte wurden für Vögel und für Pflanzen ausgewertet

Welche Tiere sich in der Stadt halten, ist dabei nicht zufällig. Eine Auswertung für Amphibien, Fledermäuse, Bienen, Vögel, Laufkäfer und Reptilien in 379 Städten auf sechs Kontinenten fand je nach Tiergruppe unterschiedliche Muster: Manche Arten kommen mit der Stadt gut zurecht, andere verschwinden. Wer Vielfalt erhalten will, muss deshalb sehr verschiedene Ansprüche mitdenken.[5] Wie das zusammenhängt, erklärt das Lexikon unter Biodiversität und Artenvielfalt, und die Rolle der Lebensräume unter Ökosystem.

Der Fuchs: Resteverwerter mit Spezialwissen

Füchse gelten als besonders anpassungsfähig. Ein Team des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat mit einer Isotopenanalyse untersucht, was Stadtfüchse in Berlin tatsächlich fressen. Landfüchse ernährten sich deutlich vielfältiger. Stadtfüchse dagegen nutzten vor allem Nahrung, die Menschen weggeworfen haben, wahrscheinlich Reste, Abfall, Kompost und Tierfutter. Außerdem hat jedes einzelne Tier eine eigene Vorliebe, in der Stadt wie auf dem Land.[6]

Ein Thema, das regelmäßig Sorgen auslöst, ist der Fuchsbandwurm. Er lebt im Darm von Hundeartigen wie dem Fuchs, und Menschen sind für ihn Fehlwirte. Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt für Deutschland in den letzten Jahren zwischen 30 und 60 übermittelte Fälle der alveolären Echinokokkose, der Infektion mit dem Fuchsbandwurm, pro Jahr, und geht von einer Untererfassung aus. Die Eier gelangen über Kot in die Umwelt. Empfohlen wird deshalb, bodennah wachsende Lebensmittel wie Beeren, Pilze, Gemüse, Salat und Fallobst gründlich zu waschen und nach Erdkontakt die Hände zu waschen.[7]

Das Wildschwein: weniger Müllfresser als gedacht

Auch bei Wildschweinen widerlegt die Forschung eine verbreitete Annahme. Das Leibniz-IZW untersuchte die Mägen von 247 geschossenen Wildschweinen aus Berlin und Brandenburg. Die Tiere fraßen fast ausschließlich natürliche Nahrung wie Eicheln, Insektenlarven oder Mais. Nur in vier Mägen fanden sich Reste von Brot, Salami und Käse. In Berlin war der Energiegehalt höher als in Brandenburg, vor allem wegen der Eichelmast in den Mischwäldern. Entscheidend ist demnach die Landschaft, nicht, ob ein Gebiet Stadt oder Land ist.[8]

Warum dennoch vor Fütterung gewarnt wird, erklären die Autorinnen und Autoren gleich mit: Wildschweine lernen schnell und könnten ihre Ernährung auf leicht erreichbares Menschenfutter umstellen, sobald es verfügbar wird oder natürliche Nahrung knapp ist. In Berlin ist das Füttern von Wildtieren deshalb verboten. Nach Angaben eines Berliner Bezirksamts drohen nach dem Landesjagdgesetz (§§ 34 und 50) bis zu 5.000 Euro Bußgeld. Fütterung fördere Überpopulationen, mache die Tiere weniger scheu und führe zu mehr Wildunfällen, Ruhestörungen und Geruchsbelästigung.[9]

Der Waschbär: eingeführt, etabliert, umstritten

Waschbären stammen aus Nordamerika. In Mitteleuropa wurden sie in den 1930er Jahren ausgesetzt, dazu kamen Tiere aus Pelztierfarmen. Inzwischen besiedeln große Bestände auch Vorstädte und Städte. Ob sie heimische Tiere ernsthaft schädigen, wird vermutet, ist aber nicht bewiesen.[10]

Rechtlich ist die Lage klar. Der Waschbär steht seit 2016 auf der EU-Liste invasiver gebietsfremder Arten.[11] Für weit verbreitete Arten wie ihn erarbeiten die Länder gemeinsam Management- und Maßnahmenblätter, die Umsetzung liegt bei den Ländern, und sie entscheiden auch, welche Maßnahme sie im Einzelfall wählen.[12]

Das Waschbär-Blatt stuft die Art als in Deutschland etabliert ein. Es nennt als Risiko vor allem die Beutejagd auf die vom Aussterben bedrohte Europäische Sumpfschildkröte und örtlich auf Amphibien wie die Gelbbauchunke. Ob eine großräumige Gefährdung besteht, bleibe ungeklärt. Gebäudeschäden, etwa an Dämmmaterial, können örtlich erheblich sein, sind gesamtwirtschaftlich aber unerheblich. Der Spulwurm, den Waschbären übertragen können, ist für die Gesundheit der Bevölkerung laut dem Blatt unerheblich. Als Ziele nennt es unter anderem, Brutbäume zu schützen, Populationen nur dort zu kontrollieren, wo seltene Arten bedroht sind, und die Bevölkerung aufzuklären, um die Förderung der Art zu verringern.[13]

Was Tieren in der Stadt zusetzt: Licht und Katzen

Auch die Stadt selbst belastet Tiere, zum Beispiel durch künstliches Licht. Eine Übersichtsarbeit fasst zusammen, dass die Helligkeit des Nachthimmels weltweit stark zugenommen hat und Langzeitdaten einen deutlichen Rückgang der Insektenmengen zeigen. Licht beeinflusst nachtaktive Insekten dabei auf mehr als eine Weise, die Arbeit unterscheidet fünf Wirkungsarten. Die Ursachen des Rückgangs sind damit nicht geklärt, aber Straßenlaternen sind ein Faktor, den Kommunen selbst steuern können.[14] Ein Fachbeitrag dazu stellt fest, dass LED-Lampen im Gegensatz zu älteren Natriumdampflampen in Helligkeit und Lichtfarbe leicht angepasst werden können, der Anteil blauen Lichts aber für die Artenvielfalt schädlicher ist. Die Forschung zu Gegenmaßnahmen komme nur langsam voran.[15] Wer sich für das Thema interessiert, findet Hintergründe zum Insektensterben im Lexikon.

Ein zweiter Faktor sind Hauskatzen. In den Berliner Kamerabildern stehen Katzen in der Rangfolge oben, obwohl sie leichter sind als Füchse oder Waschbären: Fuchs und Steinmarder wurden bei Katzenpräsenz nicht häufiger erfasst, Waschbären dagegen schon, vermutlich wegen des Katzenfutters.[2] Das zeigt, dass Wildtiere in der Stadt auf ein ganzes Gefüge aus Haustieren, Gärten und Anwohnenden reagieren.

Was rechtlich gilt

In befriedeten Bezirken ruht nach dem Bundesjagdgesetz die Jagd, eine beschränkte Ausübung kann gestattet werden.[16] Wer Probleme mit Wildtieren hat, wendet sich an die Wildtierbeauftragten sowie die Stadtjägerinnen und Stadtjäger, die als Ansprechpersonen zwischen Bevölkerung, Verwaltung und Politik vermitteln sollen.[1] In Berlin gibt es außerdem die Wildtierberatung des NABU Berlin, auf die das Bezirksamt verweist.[9] Das Fütterungsverbot steht im Berliner Landesjagdgesetz. Wie es bei dir geregelt ist, erfährst du bei der Stadt oder Gemeinde.

Was du tun kannst

Aus alldem folgen ein paar praktische Regeln, die sich auf die belegten Konfliktpunkte beziehen. Die FVA betont, dass schon kleine Verhaltensänderungen große Wirkung haben können.[1]

Nicht füttern. Auch Füchsen sollte man nach Empfehlung des Bezirksamts keine Futterangebote machen, und neugierige Jungfüchse am Haus soll man vertreiben.[9]

Gärten sichern. Gegen Wildschweine empfiehlt das Bezirksamt einen stabilen Zaun von mindestens 1,50 Metern Höhe, etwa 40 Zentimeter tief eingegraben, und warnt vor offenen Komposthaufen und Gartenabfällen am Waldrand. Gehege für Geflügel, Kaninchen oder Meerschweinchen sollen 50 Zentimeter tief eingegraben und oben abgedeckt sein, bei Mardern mit einer Maschenweite von höchstens 4 Zentimetern.[9]

Hygiene beachten. Bodennahes Obst, Gemüse und Pilze waschen, nach der Gartenarbeit Hände waschen.[7]

Licht prüfen. Wer Außenbeleuchtung betreibt, kann Helligkeit und Lichtfarbe anpassen, das ist technisch einfach.[15]

Was daraus folgt

Wildtiere in der Stadt sind laut den Belegen weder Idylle noch Notstand. Füchse und Wildschweine nutzen die Stadt anders, als Schlagzeilen nahelegen. Beim Waschbär, einer eingeführten Art, sind die Folgen zum Teil ungeklärt. In Städten ist die Dichte heimischer Arten nur ein Bruchteil der Dichte außerhalb, und genau darum zählen Grünflächen, Hecken und zusammenhängende Vegetation. Für das Zusammenleben braucht es klare Regeln und Ansprechpersonen. Wie nah wir Wildtiere dulden, ist auch eine ethische Frage, zu der das Lexikon unter Tierethik Hintergründe liefert, und eine Frage des Naturerlebens im Alltag, die unter Biophilie eingeordnet wird.

Müllsysteme, Lichtplanung, Grünflächen und Beratungsangebote setzen Kommunen und Länder. Wer zur Miete ohne Garten wohnt, kann dagegen kaum Zäune ziehen oder Licht ändern: Dort sind Hausverwaltungen und Kommunen gefragt. Ob Stadtnatur dauerhaft funktioniert, hängt davon ab, ob Städte Raum für sie lassen und zugleich für alle planen, die dort wohnen.

Quellen

[1] Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg: Wildtiere im urbanen Raum (abgerufen im Oktober 2026). fva-bw.de

[2] Louvrier, J. L. P. et al. (2021): Spatiotemporal interactions of a novel mesocarnivore community in an urban environment before and during SARS-CoV-2 lockdown. Journal of Animal Ecology 91(2), S. 367 bis 380. Dazu die Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung vom 23.12.2021. doi.org

[3] Aronson, M. F. J. et al. (2014): A global analysis of the impacts of urbanization on bird and plant diversity reveals key anthropogenic drivers. Proceedings of the Royal Society B 281(1780), 20133330. doi.org

[4] Spotswood, E. N. et al. (2021): The Biological Deserts Fallacy: Cities in Their Landscapes Contribute More than We Think to Regional Biodiversity. BioScience 71(2), S. 148 bis 160. doi.org

[5] Hahs, A. K. et al. (2023): Urbanisation generates multiple trait syndromes for terrestrial animal taxa worldwide. Nature Communications 14, 4751. doi.org

[6] Scholz, C. et al. (2020): Individual dietary specialization in a generalist predator: A stable isotope analysis of urban and rural red foxes. Ecology and Evolution 10(16), S. 8855 bis 8870. Dazu die Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung vom 29.10.2020. doi.org

[7] Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Echinokokkose (Stand 01.06.2026). rki.de

[8] Stillfried, M. et al. (2017): Wild inside: Urban wild boar select natural, not anthropogenic food resources. PLOS ONE 12(4), e0175127. Dazu die Pressemitteilung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung vom 12.04.2017. doi.org

[9] Bezirksamt Treptow-Köpenick von Berlin, Ordnungsamt: Wildtiere in Berlin, häufige Fragen im Umgang mit Wildtieren (abgerufen im Oktober 2026). berlin.de

[10] Stope, M. B. (2023): The Raccoon (Procyon lotor) as a Neozoon in Europe. Animals 13(2), 273. doi.org

[11] Durchführungsverordnung (EU) 2016/1141 der Kommission vom 13. Juli 2016 zur Annahme einer Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung gemäß der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014, Amtsblatt der Europäischen Union L 189 vom 14.7.2016. eur-lex.europa.eu

[12] Bundesamt für Naturschutz: Art. 19 Management, Management- und Maßnahmenblätter zu den weit verbreiteten Arten der Unionsliste (abgerufen im Oktober 2026). neobiota.bfn.de

[13] Bundesamt für Naturschutz und Bundesländer: Waschbär, Management- und Maßnahmenblatt zu VO (EU) Nr. 1143/2014, Version 2018.02. bfn.de (PDF)

[14] Owens, A. C. S. und Lewis, S. M. (2018): The impact of artificial light at night on nocturnal insects: A review and synthesis. Ecology and Evolution 8(22), S. 11337 bis 11358. doi.org

[15] Evans, D. M. (2023): Mitigating the impacts of street lighting on biodiversity and ecosystem functioning. Philosophical Transactions of the Royal Society B 378(1892), 20220355. doi.org

[16] Bundesjagdgesetz, § 6 Befriedete Bezirke, Ruhen der Jagd. gesetze-im-internet.de

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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