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Die Mönchsgrasmücke zeigt, wie schnell sich Zugvögel verändern können. Traditionell überwintern die Mönchsgrasmücken aus Südwestdeutschland auf der Iberischen Halbinsel und in Nordafrika. Seit den 1960er Jahren zieht ein wachsender Teil von ihnen stattdessen nach Nordwesten auf die Britischen Inseln. Diese neue Zugrichtung ist genetisch festgelegt und vererbbar, die meisten Tiere dieser Population fliegen aber weiterhin ins Mittelmeergebiet.[1] Hinter der Umstellung steckt nicht nur der Klimawandel: Eine britische Langzeitauswertung führt sie auf ein Zusammenspiel aus milderen Wintern und dem Futter aus Gartenfutterstellen zurück.[2]
Das Beispiel zeigt zweierlei: Zugvögel können ihr Zugverhalten binnen weniger Jahrzehnte ändern, und das Klima ist selten der einzige Faktor. Dieser Artikel prüft, was Messreihen und Modelle über Zugzeiten, Zugwege und Bestände belegen. Bei jeder Zahl steht, woher sie stammt und was sie nicht aussagt. Wie die Vögel auf diesen Wegen ihre Richtung finden, erklärt der Beitrag über den Magnetsinn der Zugvögel.
Früher zurück: Was Messreihen zeigen
Dass viele Zugvögel im Frühjahr früher zurückkehren, ist gut belegt. Wie viel früher, hängt aber stark von Art und Ort ab. Auf Helgoland, wo seit 1909 Zugvögel gefangen werden, verschob sich der mittlere Frühjahrsdurchzug von 24 Arten innerhalb von vier Jahrzehnten bei 23 Arten nach vorn, und zwar um 0,05 bis 0,28 Tage pro Jahr.[3] Bei 17 Arten ist das statistisch gesichert. Rechnerisch sind das grob zwei bis elf Tage.
Für den Raum Hamburg liegen Meldungen seit 1960 vor. Dort wurden 23 von 24 untersuchten Arten früher zum ersten Mal gesehen. Kurzstreckenzieher kamen im Mittel etwa 18 Tage früher, Langstreckenzieher etwa 10 Tage, beim Weißstorch und bei der Hohltaube waren es mehr als ein Monat. Die einzige Ausnahme war die Gartengrasmücke, deren Bestand stark gesunken ist, was die späte Erstbeobachtung erklären könnte. Auch die Mönchsgrasmücke wurde dort zwischen 1999 und 2021 in der Hälfte der Jahre schon bis zum 18. März zum ersten Mal gesehen.[4]
Die verbreitete Pauschale „rund drei Wochen früher als vor 40 Jahren“ lässt sich mit diesen Messreihen nicht belegen. Am nächsten kommt ihr noch die Ankunft des 20. gemeldeten Tieres einer Art: Sie verfrühte sich in Hamburg im Mittel um etwa 18 Tage, je nach Art um 5 bis 66 Tage.[4]
Auch zeitlich und zwischen den Gruppen ist der Trend nicht einheitlich. In den 1960er bis 1990er Jahren verfrühten sich in Hamburg 18 von 24 Arten, seit den 1990er Jahren nur noch 11.[4] Und ob Kurz- oder Langstreckenzieher stärker reagieren, hängt vom Datensatz ab: Daten aus Skandinavien und Süditalien zeigten bei Langstreckenziehern die stärkere Verfrühung,[5] die Hamburger Daten bei Kurzstreckenziehern.[4]
Wodurch die frühere Rückkehr zustande kommt, untersuchte ein Team für sechs Langstreckenzieher, die die Sahara überqueren. Das Wetter in den Winter- und Rastgebieten erklärt dort rund 80 Prozent der Schwankung des Frühjahrszugs von Jahr zu Jahr. Über 55 Jahre trugen höhere Frühjahrstemperaturen zur Verfrühung bei, noch stärker aber bessere Windverhältnisse, vor allem im Maghreb und im Mittelmeerraum.[6]
Wenn Brut und Futter nicht mehr zusammenpassen
Früh anzukommen nützt wenig, wenn die Nahrung noch früher da ist. Das zeigt der Trauerschnäpper, ein Langstreckenzieher. Im Vergleich von neun niederländischen Populationen sank der Bestand in zwei Jahrzehnten um etwa 90 Prozent, und zwar in den Gebieten, in denen der Nahrungsgipfel für die Küken früh im Jahr liegt und die Brutzeit nicht mehr dazu passt. Wo der Gipfel später liegt, war der Rückgang höchstens schwach.[7] Das Forschungsteam hält ein solches Auseinanderfallen von Brut und Nahrung für wahrscheinlich weit verbreitet, gemessen wurde es hier aber nur für diese eine Art in einem Land.
Längere Wege: Was Modelle vorhersagen
Zu künftigen Zugwegen gibt es vor allem Modellrechnungen. Eine Modellstudie zu 77 europäischen Brutvogelarten kommt für das Jahr 2070 zu dem Ergebnis, dass sich bei 86 Prozent der 37 untersuchten Langstreckenzieher die Strecke statistisch gesichert verlängert und bei 84 Prozent auch die Dauer. Bei den 40 Kurzstreckenziehern ändert sich im Mittel nichts. Als Beispiele nennt die Studie den Bienenfresser (rund 1.020 Kilometer länger, mindestens 4,5 Tage) und den Sprosser, einen nahen Verwandten der Nachtigall (rund 773 Kilometer, mindestens fünf Tage).[8]
Diese Werte sind Projektionen unter Annahmen, keine Messungen. In die Dauer fließt zum Beispiel die Annahme ein, dass jeder Zwischenstopp fünf Tage zum Auftanken braucht. Und die 37 Prozent bedeuten, dass bei 37 Prozent aller simulierten künftigen Reisen von Langstreckenziehern mindestens ein zusätzlicher Stopp nötig wäre, nicht auf 37 Prozent der realen Zugrouten.[8]
Andere Modelle kommen zu anderen Werten. Eine Untersuchung an 715 Langstreckenziehern der Nordhalbkugel ergab für westpaläarktische und nordamerikanische Arten bis zur Mitte des Jahrhunderts eine mittlere Wegverlängerung von nur etwa 3 Prozent, bei einzelnen Arten bis zu rund 1.000 Kilometer. Dafür gehen bei 83 Prozent der Arten große Teile des Sommerlebensraums verloren und bei 65 Prozent Teile des Winterlebensraums.[9] Wer nur die Brutgebiete betrachtet, kann die Zahl potenziell bedrohter Arten um 18 bis 49 Prozent unterschätzen. Viele Arten mit mehreren Risiken werden von der IUCN bisher nicht als gefährdet oder potenziell gefährdet geführt.[9] Die Spanne zeigt, wie unsicher Aussagen über künftige Zugwege sind.
Gewinner, Verlierer und das Tempo der Anpassung
Arten folgen der Erwärmung, aber zu langsam. In Frankreich verschob sich die Zusammensetzung der Brutvogelgemeinschaften in rund zwei Jahrzehnten um etwa 91 Kilometer nach Norden, die Temperaturzonen wanderten im selben Zeitraum um 273 Kilometer. Die Vögel hinken also rund 182 Kilometer hinterher.[10]
Bei den Beständen ist der Klimawandel nur einer von mehreren Faktoren. Zugvögel zwischen Europa und Afrika gehen in Europa seit Jahrzehnten zurück, oft stärker als Standvögel und Kurzstreckenzieher. Als wichtigste Faktoren nennt eine Übersichtsarbeit verschlechterte Lebensräume in den Brutgebieten, besonders in Landwirtschaft und Wald, sowie durch menschliche Eingriffe geschädigte Lebensräume und Dürre in den Winterquartieren der Sahelzone.[11] Weltweit wirken Lebensraumverlust, Klimawandel und Übernutzung zunehmend zusammen, und der Zustand der Vogelwelt verschlechtert sich seit drei Jahrzehnten.[12] Das ist Teil des weltweiten Artensterbens.
Rastplätze und Winterquartiere
Zugvögel brauchen entlang ihrer Route Orte zum Rasten und Auftanken. Franz Bairlein vom Institut für Vogelforschung weist laut NABU darauf hin, dass der Klimawandel die massiven Veränderungen für Zugvögel oft nicht hauptsächlich auslöst, sie aber verstärkt, etwa wenn Rastgebiete verschwinden.[13] Ein Beispiel für schwindende Lebensräume liefert der Global Wetland Outlook 2025 zu den Feuchtgebieten: Seit 1970 gingen schätzungsweise 411 Millionen Hektar verloren, etwa 22 Prozent weltweit, und der Verlust setzt sich mit etwa 0,52 Prozent pro Jahr fort. Rund ein Viertel der verbliebenen Feuchtgebiete ist in schlechtem Zustand.[14]
Über die Winterquartiere in Afrika und die Rastplätze auf der Route wissen Forschende deutlich weniger als über die Brutgebiete in Europa. Die Übersichtsarbeit zu den Rückgängen nennt Feldstudien im subsaharischen Afrika und an Rastplätzen als eine von vier Forschungsprioritäten.[11] Das hat eine politische Seite: Wer Zugvögel schützen will, muss auch Orte in Staaten schützen, die selbst von Dürre und Lebensraumverlust betroffen sind. Schutz dort gelingt nicht gegen, sondern nur mit den Menschen vor Ort. Wie ungleich Ursachen und Folgen der Erderhitzung verteilt sind, beschreibt der Lexikon-Eintrag zu Klimagerechtigkeit.
Was hilft
Aus alldem folgt weniger ein einzelner Hebel als eine Reihe von Ansatzpunkten, von der Politik bis zum eigenen Garten.
Lebensräume sichern und vernetzen. Franz Bairlein misst dem Lebensraumschutz laut NABU die höchste Priorität bei. Der NABU fordert außerdem, wichtige Gebiete für Zugvögel nicht nur zu sichern, sondern enger zu vernetzen, in Europa und in Afrika.[13]
In der EU gibt die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur einen verbindlichen Rahmen: Bis 2030 sollen Wiederherstellungsmaßnahmen mindestens 20 Prozent der Land- und der Meeresfläche abdecken, bis 2050 alle Ökosysteme, die es brauchen. Die Mitgliedstaaten hatten dafür bis zum 1. September 2026 Entwürfe nationaler Pläne vorzulegen. Die Erwägungsgründe nennen gesunde städtische Ökosysteme ausdrücklich als Beitrag, wichtige Lebensräume für Zugvögel zu schaffen.[15] Wie viel Renaturierung daraus wird, hängt von der Umsetzung dieser Pläne ab.
Beobachtungen melden. Die Hamburger Auswertung der Zugzeiten stützt sich unter anderem auf Meldungen im Portal ornitho.de.[4] Wer dort Beobachtungen einträgt, liefert Daten, mit denen sich Verschiebungen wie die oben beschriebenen überhaupt erst belegen lassen.[16]
Den Garten naturnah gestalten. Das ersetzt keinen Schutz großer Flächen, hilft aber den Vögeln, die dort Nahrung suchen. Der NABU-Gartentest nennt dafür unter anderem heimische, beerentragende Sträucher, Wildstauden und Wildkräuter, liegen gelassenes Laub, eine Wildnis-Ecke ohne Mähen und Jäten sowie eine Wasserstelle. Punkte abgezogen werden für Gift, Laubsauger und einen Garten nur aus immergrünen Pflanzen wie Thuja.[17] Wer auf Gift verzichtet, schont zugleich Insekten, die vielen Vogelarten als Nahrung dienen. Mehr dazu steht im Lexikon-Eintrag zum Insektensterben.
Was daraus folgt
Zugvögel zeigen, dass Anpassung möglich ist, aber nur, solange es Orte gibt, an denen sie stattfinden kann. Die Messreihen belegen eine frühere Rückkehr, die Modelle längere Wege, die Bestandsdaten Rückgänge mit vielen Ursachen. Nicht belegt sind Pauschalzahlen wie „drei Wochen früher“ oder Kilometerangaben für einzelne Arten, die ohne Quelle und ohne Hinweis auf ein Modell daherkommen.
Ob Brutgebiete, Rastplätze und Winterquartiere erhalten bleiben, entscheiden vor allem Politik und Landnutzung: über Flächen, Landwirtschaft und Klimaschutz. Einzelne können Daten liefern und Gärten gestalten, die Bilanz bestimmen aber Maßnahmen im großen Maßstab. Ein guter Prüfmaßstab für jede neue Meldung zum Thema ist deshalb die Frage, ob eine Zahl aus einer Messung, aus einem Modell oder nur aus einer Zusammenfassung stammt.
Quellen
[1] Hermes, C. et al. (2015): Spatial isolation and temporal variation in fitness and condition facilitate divergence in a migratory divide. PLOS ONE 10(12), e0144264. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[2] Plummer, K. E. et al. (2015): Is supplementary feeding in gardens a driver of evolutionary change in a migratory bird species? Global Change Biology 21, S. 4353 bis 4363. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[3] Hüppop, O. und Hüppop, K. (2003): North Atlantic Oscillation and timing of spring migration in birds. Proc. R. Soc. B 270, S. 233 bis 240. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[4] Mulsow, R. und Wieczorek, L. (2023): Veränderungen im Jahresrhythmus ausgewählter Zugvogelarten im Raum Hamburg seit den 1960er Jahren. Vogelwarte 61, S. 1 bis 14. do-g.de (PDF)
[5] Jonzén, N. et al. (2006): Rapid advance of spring arrival dates in long-distance migratory birds. Science 312, S. 1959 bis 1961. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[6] Haest, B., Hüppop, O. und Bairlein, F. (2020): Weather at the winter and stopover areas determines spring migration onset, progress, and advancements in Afro-Palearctic migrant birds. PNAS 117, S. 17056 bis 17062. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[7] Both, C. et al. (2006): Climate change and population declines in a long-distance migratory bird. Nature 441, S. 81 bis 83. doi.org
[8] Howard, C. et al. (2018): Flight range, fuel load and the impact of climate change on the journeys of migrant birds. Proc. R. Soc. B 285, 20172329. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[9] Zurell, D. et al. (2018): Long-distance migratory birds threatened by multiple independent risks from global change. Nature Climate Change 8, S. 992 bis 996. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[10] Devictor, V. et al. (2008): Birds are tracking climate warming, but not fast enough. Proc. R. Soc. B 275, S. 2743 bis 2748. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[11] Vickery, J. A. et al. (2014): The decline of Afro-Palaearctic migrants and an assessment of potential causes. Ibis 156, S. 1 bis 22. doi.org
[12] Lees, A. C. et al. (2022): State of the World’s Birds. Annual Review of Environment and Resources 47, S. 231 bis 260. doi.org
[13] NABU (2018): Was der Klimawandel mit Zugvögeln macht (Naturschutz heute 4/18). nabu.de
[14] Ramsar-Konvention (2025): Global Wetland Outlook 2025, Kernaussagen (abgerufen im Oktober 2026). global-wetland-outlook.ramsar.org
[15] Verordnung (EU) 2024/1991 über die Wiederherstellung der Natur, Artikel 1 und 16 sowie Erwägungsgrund 47. eur-lex.europa.eu
[16] ornitho.de: Meldeportal für Vogelbeobachtungen (abgerufen im Oktober 2026). ornitho.de
[17] NABU (2014): Der NABU-Garten-Test, Wie vogelfreundlich ist Ihr Garten? nabu.de (PDF)



