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Cancel Culture

Cancel Culture: Was der Begriff meint, woher er kommt, warum er umstritten ist und was Umfragen und Forschung zur Debatte zeigen.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 20.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Öffentliches Absagen, Ausladen oder Boykottieren von Personen oder Positionen, meist wegen Äußerungen
Einordnung
Politisches Schlagwort, laut Diskursmonitor (2021) ein Kampf- und Stigmawort
Herkunft
USA, aus dem Slang „cancel“ im Sinn von „Schluss machen“
Streitpunkt
Schutz offener Debatten oder Abwehr berechtigter Kritik

Einfach erklärt

Cancel Culture bezeichnet das öffentliche Ablehnen, Boykottieren oder Ausladen von Personen, Organisationen oder Positionen, meist wegen umstrittener Aussagen oder Handlungen und oft verstärkt durch soziale Medien. Der Begriff kommt aus den USA und geht auf das englische „to cancel“ (absagen, streichen) zurück. Das Glossar des Diskursmonitors ordnet ihn 2021 als Kampf- und Stigmawort ein: Er richtet sich in skandalisierender Absicht gegen das Absagen, Ausladen und Boykottieren.

Dahinter stehen zwei gegenläufige Lesarten. Die erste sieht in Cancel Culture eine Bedrohung offener Debatten, weil missliebige Positionen aus dem Diskurs gedrängt statt inhaltlich widerlegt würden. Die zweite sieht im Begriff selbst ein rhetorisches Mittel, mit dem sich berechtigte Kritik, vor allem von marginalisierten Gruppen, als Zensur umdeuten lässt. Öffentliche Kritik ist aus dieser Sicht keine Zensur, sondern selbst Ausdruck von Meinungsfreiheit.

Einordnung

Cancel Culture ist kein Rechtsbegriff und keine feste Definition. Wer das Wort benutzt, bewertet meist schon: Laut Diskursmonitor ist ein zustimmender Gebrauch bislang kaum zu beobachten, der Begriff dient fast nur der Kritik am Verhalten anderer.

44 %der Erwachsenen in den USA hatten 2020 mindestens ziemlich viel vom Begriff gehört (Pew)
49 %derer, die den Begriff kannten, verstanden darunter, andere zur Rechenschaft zu ziehen, 14 % nannten Zensur
2.500Forschende aus über 100 Ländern wurden 2019 für die Studie von Pippa Norris befragt

Ausführlich erklärt

Herkunft und Bedeutung des Begriffs

Das Pew Research Center schreibt, der Ausdruck gehe auf den eher unbekannten Slangbegriff „cancel“ zurück, der in einem Lied der 1980er-Jahre für das Beenden einer Beziehung stand. Später tauchte er in Film und Fernsehen auf und verbreitete sich in sozialen Medien.

Im Deutschen erscheint er laut Diskursmonitor praktisch nur als Anglizismus, denn Übersetzungsvorschläge wie Absage- oder Löschkultur tragen andere Bedeutungen. HateAid verortet die große deutsche Debatte im Sommer 2020, mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr und der Kabarettistin Lisa Eckhart in den Hauptrollen. Eine einheitliche Definition gibt es nicht, wie die folgende Umfrage zeigt.

Was Umfragen aus den USA zeigen

Pew befragte im September 2020 insgesamt 10.093 Erwachsene in den USA. Das Ergebnis: 44 % hatten mindestens ziemlich viel vom Begriff gehört, 22 % sogar sehr viel, 38 % gar nichts. Bei den unter 30-Jährigen kannten ihn 64 %, bei Menschen ab 50 Jahren 34 %.

Gefragt, was der Begriff bedeutet, beschrieben ihn 49 % derer, die ihn kannten, als Handlungen, mit denen Menschen andere zur Rechenschaft ziehen. 14 % der Befragten, die mindestens ziemlich viel davon gehört hatten, sahen darin eine Form von Zensur, 12 % gehässige Angriffe. Die Unterschiede zwischen den politischen Lagern sind groß: Unter konservativen Republikanern und Republikanerinnen verstanden den Begriff 36 % als Rechenschaft und 26 % als Zensur, unter liberalen Demokratinnen und Demokraten 59 % als Rechenschaft. Zugleich hielten 58 % aller Befragten öffentliche Kritik an anderen auf sozialen Medien (Calling out) eher für ein Mittel, Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, 38 % eher für eine unverdiente Bestrafung. Diese Zahlen stammen aus den USA und lassen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen.

Was Forschung über die Wahrnehmung sagt

Die Politikwissenschaftlerin Pippa Norris wertete 2021 eine Umfrage unter knapp 2.500 Forschenden der Politikwissenschaft in über 100 Ländern aus (World of Political Science, 2019). Ihr Ergebnis: Wie stark Forschende ein einengendes Klima wahrnehmen, hängt davon ab, wie gut ihre Werte zur vorherrschenden Kultur passen. In eher liberal geprägten Gesellschaften wie den USA, Schweden und dem Vereinigten Königreich nahmen vor allem rechts stehende Forschende ein zunehmend frostiges Klima wahr. In stärker traditionell geprägten Ländern wie Nigeria waren es links stehende. Norris folgert, Cancel Culture sei nicht bloß ein rhetorischer Mythos. Zu beachten ist: Die Studie misst Wahrnehmungen in einem einzigen Fach, keine einzelnen Absagen.

Die Debatte in Deutschland: Nuhr und Eckhart

Als typische deutsche Beispiele nennt der Diskursmonitor unter anderem die Ausladung von Lisa Eckhart vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival wegen angeblich rassistischer und antisemitischer Äußerungen und die Streichung eines Videos von Dieter Nuhr aus dem Internetauftritt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). HateAid, eine Organisation, die Betroffene digitaler Gewalt unterstützt, hat beide Fälle untersucht und kommt zu dem Schluss, gecancelt worden sei niemand. Nuhr tourte laut HateAid weiter und behielt seine ARD-Sendung, die DFG stellte das Video nach der Kritik wieder online. HateAid wirft Eckhart vor, dass Teile ihres Programms auf Kosten von Minderheiten gehen. Sie durfte letztlich doch beim Festival auftreten. Laut HateAid hatte der Veranstaltungsort Nochtspeicher zuerst vor Personen- und Sachschäden gewarnt, in einer Pressemitteilung aber erklärt, es habe keine konkreten Drohungen gegeben.

Der Diskursmonitor beschreibt Absagen im Kabarett als zweischneidig: Wer es schaffe, ausgeladen zu werden, habe als Satiriker oft eine Menge gewonnen. HateAid ist selbst eine Organisation mit klarer Haltung. Ihre Einordnung ist deshalb eine Position, kein neutrales Urteil. Die Beispiele betreffen zudem Prominente mit großer Reichweite. Wie sich öffentlicher Druck für Menschen ohne Plattform oder wirtschaftliche Absicherung auswirkt, belegen die hier geprüften Quellen nicht.

Der offene Brief von 2020

Am 7. Juli 2020 veröffentlichte das US-Magazin Harper’s einen offenen Brief mit dem Titel „A Letter on Justice and Open Debate“. Er beklagt „an intolerance of opposing views, a vogue for public shaming and ostracism“ (Intoleranz gegenüber anderen Ansichten, eine Mode des öffentlichen Beschämens und Ausgrenzens), bezeichnet zugleich die Forderungen nach Polizeireform, Gleichheit und Inklusion als überfällig und richtet sich ausdrücklich auch gegen die radikale Rechte. Das Wort „Cancel Culture“ kommt im Brief nicht vor. Zu den Unterzeichnenden zählen Margaret Atwood, Noam Chomsky, Salman Rushdie und J. K. Rowling, deren Äußerungen zu trans Personen HateAid als diskriminierend bewertet. Der Diskursmonitor hält fest, dass sich die Kritik an Cancel Culture nicht eindeutig einem politischen Lager zuordnen lässt: Sie komme sowohl von rechts-konservativen Positionen als auch von klassisch sozialpolitisch linken, genannt werden Bernd Stegemann, Robert Pfaller, Noam Chomsky und Sahra Wagenknecht.

Wer von Cancel Culture spricht und wer nicht

Auffällig ist laut Diskursmonitor die selektive Verwendung. Als Cancel Culture werde nicht bezeichnet, wenn rechte Gruppen und die AfD fordern, die Genderforschung nicht mehr zu finanzieren. Auch den Rauswurf des Philosophen Christoph Lütge aus dem Bayerischen Ethikrat nach Kritik an den Corona-Maßnahmen habe niemand so benannt. HateAid nennt als Gegenbeispiel das Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet im Bauhaus Dessau (Reihe zdf@bauhaus), das abgesagt wurde, nachdem rechte Gruppen im Netz mobilisiert hatten: Darüber habe niemand von Cancel Culture gesprochen. Der Diskursmonitor weist zudem darauf hin, dass sich auch Zusammenschlüsse gegen Cancel Culture, etwa das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, ähnlich wie ihre Gegner als Opfergruppen inszenieren. Der Begriff ist demnach Teil eines Deutungskampfs und nicht nur eine neutrale Beschreibung.

Rechtlicher Rahmen

Art. 5 Abs. 1 des Grundgesetzes gibt jedem das Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu verbreiten. Er stellt klar: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Art. 1 Abs. 3 bindet jedoch Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung an die Grundrechte. Eine Absage durch einen privaten Veranstalter ist deshalb nicht dasselbe wie ein staatliches Verbot, auch wenn sie im Einzelfall ähnlich wirken kann, und HateAid betont genau diesen Unterschied. Art. 5 Abs. 2 setzt der Meinungsfreiheit Schranken, etwa im Recht der persönlichen Ehre, und Art. 5 Abs. 3 stellt Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei.

Quellen: Diskursmonitor (Knobloch und Deus, 2021): Cancel Culture / HateAid: Deutschland und die Cancel Culture (aktualisiert 10.07.2024) / Pew Research Center (2021): Americans and Cancel Culture / Norris (2021): Cancel Culture: Myth or Reality? Political Studies / Harper’s Magazine (2020): A Letter on Justice and Open Debate / Art. 5 Grundgesetz / Art. 1 Grundgesetz


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Verwandte BegriffeMeinungsfreiheitHate SpeechAccountabilityWissenschaftsfreiheitDeplatforming

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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