Transidentität statt Transsexualität: Warum sich der Begriff gewandelt hat

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Seit dem 1. Januar 2022 gilt weltweit: „Transsexualismus“ ist keine psychische Störung mehr. Mit der elften Ausgabe ihrer Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Begriff aus der Liste psychischer Erkrankungen gestrichen, der jahrzehntelang das Bild von trans* Personen in Medizin und Gesellschaft geprägt hat.

Diese Änderung ist mehr als eine bürokratische Umbenennung. Sie erklärt, warum heute meist von Transidentität statt von Transsexualität die Rede ist, gerade jetzt zur CSD-Saison, in der Sichtbarkeit und respektvolle Sprache besonders im Fokus stehen. Wer den Unterschied zwischen den beiden Begriffen kennt, kann bewusster und respektvoller sprechen, ohne Angst vor Fehlern haben zu müssen.

Vom Krankheitsbild zum Identitätsbegriff: eine kurze Geschichte

Der Begriff Transsexualität entstand in den 1950er Jahren als medizinisch-psychologische Kategorie. Er beschrieb das „andauernde, starke Bedürfnis, dem sogenannten ‚Gegengeschlecht‘ anzugehören und den Körper diesem angleichen zu wollen“. Von Anfang an war damit ein enger medizinischer Blick verbunden: Diagnose, Behandlungspfad, ärztliche Deutungshoheit über das, was eigentlich die eigene Identität eines Menschen ist.

In der ICD-10, die bis Ende 2021 galt, führte das zur Diagnose „Transsexualismus“ (F64.0). Sie war eingeordnet unter „Störungen der Geschlechtsidentität“, die wiederum zu den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zählten. Wer als trans* lebte, wurde damit offiziell als psychisch gestört klassifiziert, unabhängig davon, wie die Person selbst ihre Identität erlebte oder ob überhaupt ein Leidensdruck bestand.

Nicht jeder Mensch, der nach altem Verständnis als „transsexuell“ diagnostiziert würde, strebt dabei zwingend medizinische Schritte an, die dem klassischen Bild entsprechen. Manche Menschen wünschen keine Geschlechtsangleichung, andere nur einzelne körperliche Veränderungen. Der alte Begriff ließ für diese Vielfalt kaum Raum.

2022: Die WHO vollzieht die Entpathologisierung

Mit der ICD-11 verschwindet dieser enge Rahmen. Die Diagnose heißt jetzt „Gender Incongruence“ (Geschlechtsinkongruenz) und steht in einem komplett neuen Kapitel: „Conditions related to sexual health“, losgelöst von den psychischen Störungen. Die WHO begründet das damit, dass trans-bezogene und geschlechtsdiverse Identitäten keine Erkrankungen der Psyche sind und eine Einordnung als solche enormes Stigma verursachen kann.

Diese Neuordnung ist auch deshalb bedeutsam, weil die neue Diagnose nicht mehr zwingend von einem Zweigeschlechtermodell ausgeht. Medizinisch anerkannte Sprache rückt damit näher an das heran, was trans* und nichtbinäre Menschen seit Langem sagen: Geschlecht ist vielfältiger, als frühere Klassifikationen es zuließen. Auch intergeschlechtliche Menschen sind von Debatten um medizinische Klassifikation und Sprache betroffen, auch wenn ihre Anliegen nicht deckungsgleich mit denen trans* Personen sind, beide Themen verdienen eigenständige Aufmerksamkeit statt in einer Debatte zu verschwinden.

Warum „Transidentität“ der treffendere Begriff ist

Hier wird eine Unterscheidung wichtig, die im Alltag oft durcheinandergeht: Geschlechtsidentität und körperliches Geschlecht sind zwei verschiedene Dinge. Die Geschlechtsidentität beschreibt, als welches Geschlecht ein Mensch sich selbst erlebt, etwa als Mann, Frau, nichtbinär oder eine weitere Identität. Das körperliche Geschlecht beschreibt hingegen körperliche Merkmale wie Chromosomen oder Geschlechtsorgane und wird als männlich, weiblich oder intergeschlechtlich beschrieben. Beides kann übereinstimmen, muss es aber nicht, und keines bestimmt das andere.

Der Begriff Transsexualität verwischt genau diese Trennung. Die Endung „-sexualität“ legt fälschlich einen Bezug zur sexuellen Orientierung nahe, dabei geht es tatsächlich um Geschlechtsidentität. Trans*-Sein hat nichts damit zu tun, wen jemand liebt oder begehrt: Eine trans* Frau kann heterosexuell, lesbisch, bisexuell oder alles andere sein, genau wie ein trans Mann auch. Für beide gilt gleichermaßen: Die Geschlechtsidentität sagt nichts über die sexuelle Orientierung aus. „Transidentität“ benennt stattdessen präzise, worum es tatsächlich geht: die eigene Geschlechtsidentität, die vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht.

Wichtig dabei: Es gibt nicht die eine richtige Bezeichnung für alle. Der Bundesverband Trans* betont, wie zentral die individuelle Selbstbezeichnung ist, mit der eine Person sich am wohlsten fühlt. Manche nutzen „trans*“ mit Sternchen als bewusst offenen Sammelbegriff, der daran erinnert, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Andere bevorzugen „transident“, „transgender“ oder ganz eigene Worte, ohne dass eine Bezeichnung automatisch „richtiger“ wäre als die andere.

Das Selbstbestimmungsgesetz macht den Wandel amtlich

Dass sich der Blick auf Transidentität gewandelt hat, zeigt sich in Deutschland nicht nur in der Sprache, sondern auch im Recht. Bis Oktober 2024 galt das Transsexuellengesetz von 1980: Wer den Geschlechtseintrag oder die Vornamen ändern wollte, brauchte zwei unabhängige psychologische Gutachten und eine gerichtliche Entscheidung, ein Verfahren, das oft lange dauerte und die betroffene Person zwang, die eigene Identität vor Fremden zu rechtfertigen.

Seit dem 1. November 2024 gilt stattdessen das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG). Es reicht jetzt eine Erklärung beim Standesamt, verbunden mit einer dreimonatigen Vorlaufzeit. Gutachten oder ein Gerichtsverfahren sind für die Änderung selbst nicht mehr nötig. Laut Gesetzestext ist es ausdrückliches Ziel, die Geschlechtszuordnung „von der Einschätzung dritter Personen zu lösen und die Selbstbestimmung der betroffenen Person zu stärken“.

Medizinische Maßnahmen wie Hormontherapien oder Operationen regelt das Gesetz ausdrücklich nicht, sie bleiben eigenständige, freiwillige Entscheidungen. Der rechtliche Weg zum passenden Geschlechtseintrag und Vornamen hängt damit nicht davon ab, ob und welche körperlichen Schritte eine Person für sich wählt, ein weiteres Beispiel dafür, wie klar die Trennung zwischen Geschlechtsidentität und körperlichem Geschlecht inzwischen auch im Gesetz verankert ist.

Positiver Ausblick: Sprache im Wandel, sichtbar wie nie

Der Weg von „Transsexualismus“ zu „Gender Incongruence“, von „Transsexualität“ zu „Transidentität“, zeigt, dass Sprache sich verändert, sobald Wissen wächst und Betroffene gehört werden. Immer mehr Redaktionen, Behörden und Institutionen übernehmen inzwischen die respektvollere Begrifflichkeit, und medizinische Leitlinien orientieren sich zunehmend an der ICD-11 statt an jahrzehntealten Diagnosekriterien.

Die CSD-Saison macht diesen Wandel jedes Jahr aufs Neue sichtbar. Wo früher vor allem Krankheitsakten und ärztliche Gutachten über trans* Leben bestimmten, stehen heute bunte Umzüge, offene Gespräche in Familien und Freundeskreisen und eine wachsende gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Jede korrekt verwendete Bezeichnung, jedes Nachfragen statt Vermuten ist ein kleiner, konkreter Beitrag zu dieser Entwicklung und kostet nichts außer ein wenig Aufmerksamkeit. Transfeindlichkeit verschwindet dadurch nicht über Nacht, aber der Boden, auf dem sie wächst, wird sichtbar kleiner.

Ein kleiner Impuls für den Alltag

Vielleicht hilft dieser Gedanke beim nächsten Gespräch über Geschlechtsidentität: Welchen Begriff verwendet die Person eigentlich selbst für sich? Im Zweifel sagt eine einfache, freundliche Nachfrage mehr Wertschätzung als jede Vermutung.

Im Alltag helfen dabei ein paar kleine Gewohnheiten. Statt „er wurde als Frau geboren, lebt jetzt aber als Mann“ trifft es die direktere Formulierung „er ist ein trans Mann“ besser, sie stellt seine Identität nicht rückwirkend infrage. Statt „Geschlechtsumwandlung“ passt „Geschlechtsangleichung“, weil niemand das Geschlecht wechselt, sondern Körper und Identität in Einklang bringt, sofern das überhaupt gewünscht ist. Und wer Namen oder Pronomen einer Person noch aus der Zeit vor ihrer Transition kennt, verwendet danach durchgehend die aktuellen, unabhängig davon, über welchen Lebensabschnitt gerade gesprochen wird.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Löwenwurzel-Lexikon weitere Einträge rund um Geschlechtsidentität und queere Themen.


Quellen:


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