Am 25. Juli 2026 war ich selbst beim Christopher Street Day in Berlin, als ein Mann mit einem Kleinbus in die Menge fuhr und anschließend mit einer Machete auf Menschen losging. Eine Frau starb, über 30 Menschen wurden verletzt, mehrere lebensgefährlich. Der Anschlag liegt inzwischen einige Wochen zurück, aber er hat mir noch mal vor Augen geführt, was die Zahlen seit Jahren zeigen: Queerfeindliche Gewalt in Deutschland nimmt zu, und das ist kein Einzelfall. Laut dem finalen Factsheet des Bundeskriminalamts wurden 2025 insgesamt 2.377 queerfeindliche Straftaten registriert, ein Anstieg von 12,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr (erste Medienberichte nannten im Dezember 2025 einen niedrigeren, vorläufigen Zwischenstand).
Dieser Artikel ist deshalb anders aufgebaut als meine sonstigen Blogartikel. Es geht hier nicht um einen positiven Ausblick zum Abschluss, sondern erst einmal um Klarheit: Was zeigen die aktuellen Zahlen wirklich, warum überrascht diese Entwicklung viele queere Menschen nicht, und was lässt sich trotzdem tun.
Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: Die Zahlen im Überblick
Das Bundeskriminalamt unterscheidet in seiner Statistik zwei Kategorien. „Sexuelle Orientierung“ erfasst vor allem Straftaten gegen lesbische, schwule und bisexuelle Menschen: 2.070 Fälle im Jahr 2025, davon 284 Gewaltdelikte. „Geschlechtsbezogene Diversität“ erfasst Straftaten, die sich gegen die Geschlechtsidentität richten, also unter anderem gegen trans Männer, trans Frauen, nichtbinäre und intergeschlechtliche Menschen: 1.294 Fälle, davon 112 Gewaltdelikte. Wer von Transfeindlichkeit betroffen ist, taucht damit eigenständig in der Statistik auf, statt in einer allgemeinen Kategorie zu verschwinden.
Noch deutlicher wird das Ausmaß im langfristigen Vergleich. Seit 2010 haben sich die Straftaten in beiden Kategorien zusammen nahezu verzehnfacht, ohne dass seither eine echte Trendumkehr erkennbar wäre. Das ist keine kurzfristige Schwankung, sondern eine Entwicklung über anderthalb Jahrzehnte.
Das Dunkelfeld: Die echte Zahl liegt vermutlich höher
Diese Statistik erfasst nur angezeigte Straftaten, und genau hier liegt ein zentrales Problem. Eine Erhebung der Grundrechteagentur der Europäischen Union ergab, dass 96 Prozent der befragten queeren Menschen Hassrede nicht anzeigen und 87 Prozent auch körperliche Übergriffe nicht melden. Als Hauptgründe nennen Betroffene, dass sie den Vorfall nicht als schwerwiegend genug einschätzen, um ihn zu melden, sowie die Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen bei der Polizei selbst.
Die registrierten 2.377 Fälle sind damit mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Ausschnitt der tatsächlichen Situation. Innerhalb der Community trifft es zudem nicht alle gleich: Fachstellen benennen queere Trans-Personen of Color, insbesondere mit Fluchterfahrung, als die am stärksten gefährdete Gruppe, weil sich Rassismus, Transfeindlichkeit und weitere Diskriminierungsformen dort überlagern.
Kein Einzelfall: Das politische Klima dahinter
Wer sich fragt, warum diese Zahlen gerade jetzt so stark steigen, findet einen Teil der Antwort nicht nur in einzelnen Taten, sondern im politischen Klima. Die Bundesregierung betrachtet den Nationalen Aktionsplan „Queer leben“ als abgeschlossen, eine Einschätzung, die der LSVD⁺ scharf zurückweist, weil die eigentliche Umsetzung erst noch erfolgen müsste. Auch symbolisch setzt die Politik Zeichen: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner lässt die Regenbogenflagge zum Berliner CSD nicht am Reichstag hissen und verweist auf das Neutralitätsgebot staatlicher Institutionen. Human Rights Watch wertet diese Entscheidung in seinem aktuellen Jahresbericht als Signal, das Diskriminierung begünstigen kann, und kritisiert zusätzlich, dass CDU/CSU im Januar 2025 mit Stimmen der als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD einen migrationspolitischen Antrag durch den Bundestag brachte, ein Tabubruch, den demokratische Parteien lange vermieden hatten.
Steigende Gewalt gegen queere Menschen entsteht also nicht im luftleeren Raum. Wenn Schutzprogramme eingestellt werden und sichtbare politische Unterstützung fehlt, wirkt das wie ein Signal, in beide Richtungen: an potenzielle Täter*innen und an queere Menschen selbst.
Was jetzt zählt
Der Christopher Street Day selbst ist aus einem Aufstand gegen genau solche Gewalt entstanden, nicht aus einer Feier ohne Geschichte. Sichtbar zu bleiben, trotz allem, ist deshalb selbst eine Form von Widerstand, die es schon lange vor uns gab und die weitergetragen wird.
Der LSVD⁺ fordert konkret eine bundesweite Expert*innen-Kommission zu queerfeindlicher Gewalt, einheitliche polizeiliche Erfassungsmethoden in allen Bundesländern und die Fortführung des Nationalen Aktionsplans statt seiner faktischen Beendigung. Das sind Forderungen, die sich politisch einfordern lassen, etwa im Kontakt mit der eigenen Bundestagsabgeordneten oder durch Unterstützung der Organisationen, die diese Arbeit leisten.
Wer selbst Zeug*in oder Betroffene*r eines queerfeindlichen Vorfalls wird, kann sich unabhängig von einer Anzeige an lokale Beratungsstellen wenden. Die weiterhin bestehende, gemeinsame Sichtbarkeit bei CSDs, in Nachbarschaften und im Alltag bleibt dabei genau das Gegenteil von dem, was Queerfeindlichkeit erreichen will.
Diese Zahlen sind schwer auszuhalten, und das dürfen sie auch sein. Sie sind aber auch ein Grund, informiert zu bleiben statt wegzuschauen, und sich mit anderen zusammenzutun statt allein zu bleiben. Wer eine queere Person im Umfeld hat, darf gerne einfach mal fragen, wie es ihr gerade geht.
Quellen:
- LSVD⁺ (Aufbereitung der BKA-Zahlen 2025): Queerfeindliche Gewalt: Angriffe auf Lesben, Schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und a_spec sowie queere Menschen
- Bundeskriminalamt (BKA): Pressemitteilung zur PMK-Statistik 2025 (queerfeindliche Straftaten)
- Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA): A Long Way to Go for LGBTI Equality (EU-LGBTI-II-Erhebung, 2020)
- LSVD⁺: Bundesregierung begreift Aktionsplan „Queer leben“ als abgeschlossen
- Legal Tribune Online (LTO): Klöckner: Keine Regenbogenflagge am Bundestag zum CSD
- Human Rights Watch: World Report 2026 – Deutschland
- Belltower.News (zu einer Studie von Les Migras e.V.): Gewalt gegen queere Menschen: Transfeindlichkeit im Kontext von Mehrfachdiskriminierung
Transparenzhinweis: Die genannten Straftaten-Zahlen stammen aus dem offiziellen Lagebericht des Bundeskriminalamts. Der LSVD⁺ ist ein queerpolitischer Interessenverband und bereitet diese amtlichen Zahlen auf; seine Forderungen im Text sind als Position des Verbands gekennzeichnet, nicht als amtliche Einordnung.







