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Hinweis: Dieser Artikel beschreibt medizinische Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern und ihre möglichen Folgen. Wenn dich das gerade zu sehr belastet, ist es okay, ihn jetzt nicht zu lesen.
Intersex ist kein Wort, das die meisten Menschen oft hören. Wenn, dann meistens falsch eingeordnet: als Sexualität, als Transidentität, als seltene medizinische Diagnose.
Keine dieser Einordnungen trifft es.
Intergeschlechtlichkeit beschreibt Menschen, die körperliche Geschlechtsmerkmale mitbringen, die nicht eindeutig als männlich oder weiblich gelten. Das kann Chromosomen betreffen, Hormone, Keimdrüsen oder Genitalien. Die Variationsbreite ist groß. Manche wissen es ein Leben lang nicht. Anderen wird es in der Kindheit, manchmal in den ersten Lebenswochen, medizinisch „behandelt“.
Sprache ist kein Nebenpunkt
Der medizinische Begriff lautet DSD, aus dem Englischen: „Disorders of Sex Development“. Auf Deutsch: Störungen der Geschlechtsentwicklung.
Das Problem liegt im Wort „Störung“. Es legt nahe, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass etwas repariert werden muss. Dabei ist Intergeschlechtlichkeit keine Krankheit. Sie ist eine natürliche Variation des menschlichen Körpers. Variationen, die seit jeher existieren und nur dann zum Problem werden, wenn eine Gesellschaft auf Binarität besteht.
Bevorzugte Begriffe sind „Variation der Geschlechtsentwicklung“, „Intergeschlechtlichkeit“ oder schlicht „inter*“. Betroffenenorganisationen lehnen DSD als Begriff ab, weil er pathologisiert, was keine Pathologie ist.
Dieser Unterschied ist nicht akademisch. Er bestimmt, ob intergeschlechtliche Menschen als Patient*innen behandelt werden, die repariert werden müssen, oder als Personen mit Selbstbestimmung.
Wie häufig Intersex ist
Genaue Zahlen sind schwierig, weil die Definition variiert. Grob geschätzt sind 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung intergeschlechtlich. Bei einer von rund 5.000 Geburten ist die Geschlechtszuweisung medizinisch schwierig. Das klingt selten, bedeutet aber: In Deutschland leben hunderttausende intergeschlechtliche Menschen.
Viele wissen nichts davon. Intergeschlechtlichkeit ist nicht immer sichtbar, nicht immer im Körperbild spürbar. Andere wurden operiert, ohne es selbst entschieden zu haben.
Was mit intergeschlechtlichen Kindern passiert
In Deutschland finden nach Schätzungen des LSVD+ jährlich rund 2.000 feminisierende oder maskulinisierende Operationen an Kindern unter 10 Jahren statt. Nicht weil sie krank sind. Sondern weil ihr Körper nicht in die binäre Norm passt.
Diese Eingriffe verändern Genitalien, Keimdrüsen oder hormonelle Systeme, bevor Kinder alt genug sind, selbst zu entscheiden, ob sie das wollen. Die Folgen können lebenslang sein: Narben, Nervenschäden, Unfruchtbarkeit, Verlust sexueller Empfindungsfähigkeit, Trauma. Viele Betroffene berichten, dass ihnen jahrzehntelang die Wahrheit über ihre Körper verschwiegen wurde.
Eltern stimmen diesen Eingriffen oft zu, weil Ärzt*innen sie als notwendig darstellen. „Damit das Kind ein normales Leben führen kann“ ist eine Begründung, die Betroffenenorganisationen als falsch und schädlich zurückweisen.
Was das Gesetz regelt, und wo es endet
Seit 2021 gibt es in Deutschland mit § 1631e BGB ein Gesetz, das medizinisch unnötige Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern verbietet. Eltern können nicht mehr allein zustimmen. Es braucht eine familiengerichtliche Genehmigung, und Eingriffe dürfen nur stattfinden, wenn sie nicht auf eine selbstbestimmte Entscheidung des Kindes aufgeschoben werden können.
Das ist ein Fortschritt. Und er hat Lücken.
Das Gesetz schützt nur Kinder mit einer bestimmten Diagnose, die formell als „Variante der Geschlechtsentwicklung“ anerkannt ist. Diagnosen können umgangen werden. Es gibt kein Melderegister, keine Strafen bei Verstößen, keine systematische Dokumentation. Betroffene, denen in den 1980er oder 1990er Jahren Eingriffe vorgenommen wurden, laufen in Verjährungsfristen. LSVD+ bewertet das Gesetz als notwendigen ersten Schritt mit erheblichem Nachbesserungsbedarf.
Worum es geht
Intergeschlechtlichkeit ist kein medizinisches Problem. Sie wird zu einem, wenn Medizin und Gesellschaft auf Eindeutigkeit bestehen und bereit sind, dafür Körper von Kindern zu verändern, die noch kein Wort für das sagen können, was mit ihnen geschieht.
Das Recht auf körperliche Selbstbestimmung gilt für intergeschlechtliche Menschen genauso wie für alle anderen. Es bedeutet: abwarten können, bis jemand selbst entscheiden kann. Es bedeutet auch: einen Körper nicht als Fehler behandeln, nur weil er nicht in eine binäre Norm passt.







