Tierschutz

Antispeziesismus

Antispeziesismus einfach erklärt: Bedeutung, Begründung bei Singer und Regan, Kritik und was die Haltung für Ernährung und Recht heißt.

7 Min. LesezeitAktualisiert am 13.10.2026
Auf einen Blick

Bedeutung
Ethische Haltung, die die Bevorzugung von Wesen allein wegen ihrer Artzugehörigkeit ablehnt
Maßstab
Leidensfähigkeit und Interessen, nicht die Art
Zwei Begründungen
Gleiche Berücksichtigung von Interessen (Peter Singer) und Rechte von Lebewesen als Subjekte eines Lebens (Tom Regan)
Gegenbegriff
Speziesismus
Streitpunkt
Folgt aus gleicher Berücksichtigung auch gleiche Behandlung, und wo liegen die Grenzen der Leidensfähigkeit?

Einfach erklärt

Antispeziesismus bezeichnet die ethische Haltung, die den Speziesismus ablehnt: Kein Lebewesen soll allein deshalb weniger moralisch zählen, weil es einer anderen Art angehört. Entscheidend ist, ob ein Wesen leiden oder Freude empfinden kann. Die Kernfrage lautet: Warum sollte das Leiden eines Schweins weniger zählen als das eines Menschen, wenn beide gleich stark leiden?

Antispeziesismus heißt nicht, dass alle Tiere und Menschen gleich sind oder dieselben Rechte brauchen. Peter Singer, der den Gedanken 1974 ausformulierte, hält ausdrücklich fest: Gleiche Berücksichtigung verschiedener Wesen kann zu unterschiedlicher Behandlung und unterschiedlichen Rechten führen. Gleich ist der Maßstab, nicht das Ergebnis.

Merke

Gleiche Berücksichtigung der Interessen bedeutet nicht gleiche Behandlung. Ein Hund braucht kein Wahlrecht, aber sein Interesse, nicht zu leiden, zählt so viel wie das eines Menschen.


Ausführlich erklärt

Woher der Gedanke kommt

Den Begriff Speziesismus prägte in den 1970er Jahren Richard Ryder bei einer Kampagne in Oxford, als Bezeichnung für ein menschenzentriertes Vorurteil, das er dem Rassismus ähnlich fand (Stanford Encyclopedia of Philosophy, SEP). Peter Singer machte ihn bekannt und schrieb dazu selbst: „I owe the term speciesism to Richard Ryder.“ Sein Buch „Animal Liberation“ erschien 1975, Tom Regans „The Case for Animal Rights“ 1983.

Singer knüpft an Jeremy Bentham an. Dieser fragte über Tiere: „Can they suffer?“, nicht, ob sie denken oder sprechen können. Für Singer ist die Fähigkeit zu leiden und Freude zu empfinden Voraussetzung dafür, überhaupt Interessen zu haben. Wer eine andere Grenze zieht, etwa Intelligenz oder Sprache, zieht sie willkürlich, so wie es auch die Hautfarbe wäre.

Zwei Begründungen, ein Ergebnis

Singer argumentiert utilitaristisch. Gewichtet werden die Stärke und Art der Interessen, nicht, wessen Interessen es sind. Nach dieser Sicht kann ein Eingriff gerechtfertigt sein, wenn insgesamt mehr Interessen erfüllt als verletzt werden (SEP). Für die Ernährung wendet Singer das so an: Tiere zu züchten und zu töten, um sie zu essen, opfere die wichtigsten Interessen anderer Wesen für Geschmacksinteressen. Um Speziesismus zu vermeiden, müsse jede einzelne Person aufhören, diese Praxis zu unterstützen.

Regan argumentiert über Rechte. Wer wie ein Mensch „Subjekt eines Lebens“ ist, also wünscht, glaubt, sich erinnert, erwartet und für den das eigene Leben einen Unterschied macht, hat nach Regan einen eigenen inhärenten Wert. Das gilt für Menschen und für Tiere (SEP). Regans Ansatz arbeitet mit Rechten statt mit der Abwägung von Interessen; das SEP unterscheidet beide Positionen ausdrücklich. Mehr dazu unter Tierrechte und Abolitionismus.

Was die Wissenschaft beisteuert

Am 7. Juli 2012 hielt eine Gruppe von Forschenden aus Neurowissenschaft, Neuropharmakologie und verwandten Fächern in der Cambridge Declaration on Consciousness fest: Die Abwesenheit eines Neokortex schließe affektive Zustände nicht aus, und die Belege sprächen dafür, dass Menschen nicht die Einzigen sind, die die neurologischen Grundlagen für Bewusstsein besitzen. Auch alle Säugetiere und Vögel sowie viele andere Wesen, darunter Kraken, besäßen sie.

2012Cambridge Declaration on Consciousness: Bewusstsein ist nicht auf Menschen beschränkt
Säugetiere, Vögel, Krakennennt die Erklärung ausdrücklich als Wesen mit den neurologischen Grundlagen für bewusste Zustände
§ 90a BGBTiere sind keine Sachen, doch die Vorschriften für Sachen gelten entsprechend, soweit nichts anderes bestimmt ist

Für Tiere, die dem Menschen entwicklungsgeschichtlich fern sind, etwa Insekten, bleibt die Unsicherheit groß. Sentience ist nicht direkt beobachtbar. Mehrere Fachleute fordern deshalb Vorsicht im Zweifel (SEP). Mehr zum Thema: Sentience.

Von der Haltung zur Praxis

Das deutsche Recht kennt den Gedanken teilweise. Das Tierschutzgesetz will „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ dessen Leben und Wohlbefinden schützen und verbietet, einem Tier „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen (§ 1). Das Bürgerliche Gesetzbuch bestimmt, dass Tiere keine Sachen sind; auf sie sind die Vorschriften für Sachen aber entsprechend anzuwenden, soweit nichts anderes bestimmt ist (§ 90a). Das Grundgesetz nennt den Schutz der Tiere als Staatsziel (Art. 20a). Aus antispeziesistischer Sicht stellt sich dann die Frage, was als „vernünftiger Grund“ gilt und ob Geschmack, Gewohnheit oder Preis dafür reichen. Praktisch wird die Haltung oft als Veganismus gelebt, ist aber nicht damit identisch: Er ist eine mögliche Folgerung, nicht die Definition.

Auch innerhalb der Tierrechtstheorie gehen die Folgerungen auseinander. Donaldson und Kymlicka schlagen in „Zoopolis“ (2011) vor, dass alle empfindungsfähigen Tiere dieselben Grundrechte auf Schutz vor Tötung, Folter, Versklavung und Einsperrung haben, weitere Rechte aber von der Beziehung zum Menschen abhängen: Haustiere gelten dort als Bürger, Wildtiere als souverän über ihr Gebiet. Andere Fachleute treten für Eingriffe in die Natur ein, um das Leid wild lebender Tiere zu verringern (SEP).

Kritik und offene Fragen

Wo die Debatte offen ist

Kantianische Ansätze machen die Fähigkeit zur Vernunft zum Maßstab und sehen Tiere nur indirekt geschützt: Wer Tiere quält, schade sich selbst und seiner Menschlichkeit. Das SEP hält dagegen, dass diese Sicht das Unrecht gegenüber dem Wesen selbst nicht erfasst. Christine Korsgaard vertritt einen dritten Weg: Menschen können normative Gründe reflektieren, Tiere nicht, trotzdem sind beide Gegenstand moralischer Rücksicht.

Ein zweiter Streitpunkt ist der Vergleich mit Rassismus und Sexismus. Singer begründet ihn damit, dass jede Ablehnung von Diskriminierung auf demselben Prinzip ruht: Hautfarbe oder Geschlecht sind kein Grund, Interessen geringer zu gewichten, und die Artzugehörigkeit allein ebenso wenig. Er betont zugleich, dass es zwischen Menschen und anderen Tieren wichtige Unterschiede gibt, die zu unterschiedlichen Rechten führen. Ob die Parallele trägt, bleibt in der Debatte umstritten. Verwandte Begriffe: Rassismus und Sexismus.

Drittens das Argument der Grenzfälle: Wenn Vernunft oder Sprache der Maßstab wären, fielen auch manche Menschen heraus, etwa Säuglinge, Kinder oder Menschen im Koma. Das SEP nennt das ein Problem für jede Ethik, die Personsein zum Kriterium macht. Antispeziesismus zieht daraus den Schluss, den Maßstab nicht höher, sondern anders zu legen: bei der Leidensfähigkeit beziehungsweise, bei Regan, beim Subjektsein, sodass niemand wegen fehlender Vernunft aus der moralischen Rücksicht fällt. Wie unterschiedlich Menschen und Tiere dennoch zu behandeln sind, ist auch unter den Befürwortenden der Haltung offen.

Antispeziesismus fragt nicht nach der Art, sondern danach, wer leiden kann.

Kerngedanke

Was du tun kannst

  1. Frage bei Entscheidungen über Tiere: Welche Interessen stehen auf dem Spiel, und wie stark sind sie? Ein Geschmacksinteresse wiegt anders als das Interesse, nicht zu leiden.
  2. Prüfe, was in einem konkreten Fall als „vernünftiger Grund“ gilt, und ob die Antwort für Menschen genauso akzeptiert würde.
  3. Lies die Texte selbst: Singers Aufsatz „All Animals Are Equal“ ist frei lesbar (Link in den Quellen).

Quellen: Stanford Encyclopedia of Philosophy: The Moral Status of Animals (Revision 12.08.2024) / Singer, P.: All Animals Are Equal (1974; Nachdruck in Regan und Singer, Animal Rights and Human Obligations, 1989) / Low, P. et al. (2012): The Cambridge Declaration on Consciousness / Tierschutzgesetz, § 1 / Bürgerliches Gesetzbuch, § 90a / Grundgesetz, Art. 20a / Singer, P. (1975): Animal Liberation (Bibliografieeintrag) / Regan, T. (1983): The Case for Animal Rights (Bibliografieeintrag)


Was an gängigen Annahmen über vegane Ernährung wirklich stimmt: Vegane Mythen im Faktencheck: Was wirklich stimmt.


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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