- Bedeutung
- Abwertung, Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen wegen ihres Körpergewichts
- Auch genannt
- Fatphobia (englisch), Gewichtsdiskriminierung, Gewichtsstigma
- Herkunft des Begriffs
- Fat Acceptance und Fat Studies, USA, ab 1969
Einfach erklärt
Fatfeindlichkeit (englisch Fatphobia) bezeichnet die Abwertung, Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen wegen ihres Körpergewichts. Gemeint sind nicht nur abfällige Kommentare, sondern auch strukturelle Hürden in Medizin, Beruf und Alltag. Verwandt sind Gewichtsstigma (die Markierung hohen Gewichts als Makel) und Fat Shaming, das Beschämen wegen des Körpers, eine Form von Bodyshaming.
Der Begriff stammt aus dem Umfeld von Fat Acceptance und Fat Studies. Das ist eine Bewegung und ein Forschungsfeld mit politischer Haltung: Beide verstehen Fatfeindlichkeit als Unterdrückungsform, nicht als Sorge um Gesundheit. Medizin und Public Health sprechen dagegen meist von Adipositas und Gewichtsstigma. Beide Seiten kommen in diesem Eintrag vor.
Merke
Kritik an Fatfeindlichkeit heißt nicht, Gesundheitsrisiken zu bestreiten. Sie fragt, ob Beschämen Menschen gesünder macht, und Übersichtsarbeiten stützen diese Annahme nicht.
Ausführlich erklärt
Herkunft: Fat Acceptance und Fat Studies
Die Organisation NAAFA beschreibt ihre eigene Geschichte so: 1969 gründete der Ingenieur Bill Fabrey in New York eine Vereinigung, die sich gegen die Behandlung dicker Menschen richtete, damals noch als National Association to Aid Fat Americans. Feministinnen in Kalifornien fanden NAAFA nicht radikal genug und gründeten die Fat Underground. Sie nannten ihr Anliegen Fat Liberation. 1973 veröffentlichten sie das Fat Liberation Manifesto, das laut NAAFA „equal rights for fat people in all areas of life“ forderte und die Diätindustrie als Gegnerin benannte. Das ist die Selbstdarstellung einer Organisation, keine neutrale Chronik.
Aus dieser Bewegung wuchs ein Forschungsfeld. 2009 erschien bei NYU Press „The Fat Studies Reader“, herausgegeben von Esther Rothblum und Sondra Solovay, mit 53 Beiträgen. Der Verlag beschreibt es als Sammlung der Texte eines wachsenden Fachgebiets, das untersucht, warum die Abwertung dicker Menschen gesellschaftlich akzeptiert bleibt.
Die Bewegung benennt auch eigene blinde Flecken. NAAFA räumt auf der eigenen Geschichtsseite ein, dass der Mainstream der Bewegung die Stimmen von People of Color oft ausgeschlossen hat und dass sich queere Menschen eigene Anlaufstellen schufen. Wie sich Fatfeindlichkeit mit anderen Machtverhältnissen verschränkt, beschreibt Intersektionalität.
Was Studien über Gewichtsdiskriminierung zeigen
Die Zahlen stammen überwiegend aus den USA und aus Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, keine bewiesene Ursache.
- Häufigkeit: In einer repräsentativen US-Befragung von 1995 und 1996 (2.290 Erwachsene) berichteten 40 % der Menschen mit einem BMI ab 35 von Diskriminierung wegen Gewicht oder Größe. Frauen waren deutlich häufiger betroffen als Männer. Frauen mit einem BMI zwischen 30 und 35 berichteten dreimal so häufig davon wie Männer mit ähnlichem Gewicht (Puhl, Andreyeva und Brownell 2008).
- Entwicklung: Bei Erwachsenen von 35 bis 74 Jahren stieg der Anteil von 7 % (1995 und 1996) auf 12 % (2004 bis 2006). Die Forschenden halten es für unwahrscheinlich, dass sich das allein mit steigenden Adipositasraten erklären lässt (Andreyeva, Puhl und Brownell 2008).
- Sterblichkeit: Sutin, Stephan und Terracciano (2015) werteten zwei US-Studien mit 13.692 und 5.079 Personen aus. Bei erlebter Gewichtsdiskriminierung lag das Sterberisiko um nahezu 60 % höher, was sich nicht durch gängige körperliche und psychische Risikofaktoren erklären ließ.
- Körperliche Stressreaktion: Vadiveloo und Mattei (2017) begleiteten 986 Erwachsene zehn Jahre lang. Wer Gewichtsdiskriminierung erlebte, hatte ein etwa doppelt so hohes Risiko für eine hohe allostatische Last (eine messbare Dauerbelastung mehrerer Körpersysteme durch Stress), auch nach Berücksichtigung des BMI. Nur 6 % der Gruppe berichteten solche Erfahrungen, die Aussagekraft ist deshalb begrenzt.
Die Studien messen wahrgenommene Diskriminierung per Selbstauskunft. Ob Stigma die Gesundheit direkt verschlechtert, bleibt offen.
Medizinische Versorgung
Ein Übersichtsartikel von Phelan und Kolleginnen und Kollegen (2015) wertete Studien zu Voreingenommenheit im Gesundheitswesen aus. Viele Behandelnde hegen demnach negative Stereotype über Menschen mit hohem Gewicht. Erwartete oder erlebte schlechte Behandlung kann zu Stress, Misstrauen und dem Vermeiden von Arztbesuchen führen.
Tomiyama und weitere Forschende (2018) gehen weiter. In einem Meinungsartikel argumentieren sie, Gewichtsstigma schade der Gesundheit über den BMI hinaus und könne sogar zu Gewichtszunahme beitragen. Das ist Meinung, kein Beweis.
Fachleute der Adipositasmedizin teilen die Kernforderung. Ein internationales Konsenspapier (Rubino et al. 2020) mit Beteiligung von Puhl hält fest, dass Gewichtsstigma Gesundheit schädigt und in modernen Gesellschaften nicht hinnehmbar ist. Es entstand in einem Delphi-Verfahren, einer strukturierten Expertenbefragung.
BMI-Kritik und der Streit um Gesundheit
Der Body-Mass-Index (BMI, Körpergewicht geteilt durch Körpergröße zum Quadrat) bekam seinen Namen 1972 durch Ancel Keys. Dessen Studie untersuchte 7.424 gesunde Männer aus zwölf Gruppen in fünf Ländern und empfahl den BMI als geeigneteren Kennwert als andere Gewichtsindizes, auch wegen der einfachen Berechnung. Die American Medical Association erkannte 2023 an, dass der BMI auf Daten überwiegend weißer, nicht hispanischer Bevölkerungsgruppen beruht, dass er Unterschiede zwischen Herkunftsgruppen, Geschlechtern und Altersstufen nicht abbildet und dass er bei einzelnen Menschen an Aussagekraft verliert. Er solle deshalb nicht das alleinige Kriterium sein, um eine angemessene Kostenerstattung zu verweigern.
Die WHO definiert Adipositas bei Erwachsenen ab einem BMI von 30 und bezeichnet sie als chronische Krankheit. Gegen diese Einordnung wenden sich Fat Studies und gewichtsinklusive Ansätze wie Health at Every Size (HAES, Gesundheit in jeder Größe). Hunger, Smith und Tomiyama (2020) folgern in einer Übersichtsarbeit, dass drei verbreitete Annahmen der Gesundheitspolitik empirisch nicht tragen: dass höheres Gewicht immer schlechtere Gesundheit bedeute, dass dauerhafter Gewichtsverlust breit erreichbar sei und dass er die Gesundheit durchgehend verbessere. Auch die Annahme, Gewichtsstigma fördere den Gewichtsverlust, nennen sie fehlgeleitet. Die Arbeit vertritt eine klare Position.
Studien zu Gewicht und Sterblichkeit fallen uneinheitlich aus
Die Global BMI Mortality Collaboration wertete 2016 239 Studien aus und fand bei Nichtrauchenden ohne Vorerkrankung ein höheres Sterberisiko ab einem BMI von 25, für BMI 30 bis unter 35 mit einem Hazard Ratio von 1,45 (Hazard Ratio: Verhältnis der Sterberaten zweier Gruppen). Eine Metaanalyse von Flegal und Kolleginnen und Kollegen (2013) fand dagegen für Adipositas Grad 1 keinen signifikant erhöhten Wert und für einen BMI von 25 bis unter 30 ein leicht niedrigeres Risiko. Beides sind Gruppenwerte. Fatfeindlichkeit zu kritisieren heißt, einzelne Menschen nicht nach Vorurteilen zu behandeln, nicht diese Werte zu leugnen.
Fatfeindlichkeit in Deutschland und im Recht
Auch in Deutschland ist die Abwertung verbreitet. In einer repräsentativen Telefonbefragung mit 3.003 Teilnehmenden bewerteten die Befragten Personen mit Adipositas durchgehend negativer als Personen mit Normalgewicht. Höhere Bildung und eigene Adipositas gingen mit weniger Stigmatisierung einher (Sikorski et al. 2012). In einer weiteren Befragung mit 878 Menschen mit Adipositas hing erlebte Gewichtsdiskriminierung mit einem größeren Wunsch nach Gewichtsverlust zusammen (Jung et al. 2017).
Rechtlich ist Körpergewicht in Deutschland kein eigener Diskriminierungsgrund. § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) nennt als Gründe „Rasse“ (so der Gesetzestext, der Begriff ist umstritten), ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität. Der Europäische Gerichtshof entschied 2014 in der Rechtssache Kaltoft, dass das Unionsrecht kein allgemeines Verbot der Diskriminierung wegen Adipositas im Beruf enthält. Adipositas kann aber eine Behinderung im Sinne der Gleichbehandlungsrichtlinie sein, wenn sie dauerhaft die volle und gleichberechtigte Teilhabe am Berufsleben einschränkt. Das prüft das nationale Gericht im Einzelfall. Dort berührt das Thema Ableismus.
Beschämen ist keine Gesundheitsförderung, und die Frage, wie Gewicht und Gesundheit zusammenhängen, bleibt davon unberührt.
Kerngedanke
Was du tun kannst
Gesundheitsratschläge zum Gewicht anderer Menschen, die niemand erbeten hat, gehören zur Fatfeindlichkeit, auch wenn sie freundlich gemeint sind. Es hilft vielleicht, über fremde Körper nicht zu urteilen und Essen und Gewicht nicht anzusprechen, wenn das Gegenüber es nicht selbst tut. Wer in Gesundheitsberufen arbeitet, kann die eigenen Annahmen über Gewicht prüfen und Behandlungen nicht vom BMI allein abhängig machen. Wenn du selbst betroffen bist: Die Verantwortung für Abwertung liegt bei denen, die abwerten.
Quellen: Puhl und Heuer (2009), Obesity / Puhl et al. (2008), Int. J. Obesity / Andreyeva et al. (2008), Obesity / Sutin et al. (2015), Psychological Science / Vadiveloo und Mattei (2017), Annals of Behavioral Medicine / Phelan et al. (2015), Obesity Reviews / Tomiyama et al. (2018), BMC Medicine / Rubino et al. (2020), Nature Medicine / Hunger et al. (2020), Social Issues and Policy Review / Global BMI Mortality Collaboration (2016), The Lancet / Flegal et al. (2013), JAMA / Keys et al. (1972), Journal of Chronic Diseases / American Medical Association (2023): Policy zur Rolle des BMI / WHO: Factsheet Obesity and overweight / Sikorski et al. (2012), PLoS ONE / Jung et al. (2017), Obesity Facts / EuGH (2014): Urteil in der Rechtssache C-354/13 (Kaltoft) / § 1 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) / NAAFA: Geschichte (Selbstdarstellung) / Rothblum und Solovay (2009): The Fat Studies Reader, NYU Press
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