Nachhaltigkeit

Lichtverschmutzung: Wenn die Nacht verschwindet

Lichtverschmutzung verändert Nächte, Tiere, Pflanzen und Schlaf. Was Studien zeigen, was Gesetze regeln und was du konkret tun kannst.

10 Min. Lesezeit10. Juli 2026
Aerial view of Hamburg's illuminated cityscape at night, showcasing vibrant streets and buildings.
Das Wichtigste in Kürze
  • In Europa leben mehr als 99 Prozent der Menschen unter aufgehelltem Nachthimmel, für 60 Prozent ist die Milchstraße von zu Hause aus nicht mehr zu sehen.
  • Künstliches Licht stört Insekten, Zugvögel, Schildkröten-Jungtiere und Bäume. An beleuchteten Straßen fanden Forschende in Hecken 47 Prozent weniger Raupen von Nachtfaltern.
  • Am meisten hilft gezieltes, abgeschirmtes und gedimmtes Licht, das nur dort brennt, wo es gebraucht wird. Die größten Hebel haben Kommunen und Gewerbe.

Stell dir vor, du machst nachts das Licht aus, und draußen wird es trotzdem nicht dunkel. Der Himmel über der Stadt leuchtet. Eine Studie mit Satellitendaten und Himmelsmessungen berechnete 2016: In Europa lebten mehr als 99 Prozent der Menschen unter aufgehelltem Nachthimmel. Für 60 Prozent in Europa war die Milchstraße von zu Hause aus nicht mehr zu sehen. Gerechnet wurde für 1 Uhr nachts, am frühen Abend ist es noch heller.[1]

Die Sterne sind nicht verschwunden, ihr Licht geht im Streulicht unter. Dafür steht der Begriff Lichtverschmutzung: künstliches Licht, das nicht unbedingt notwendig ist, etwa ein schlecht eingestellter Bewegungsmelder, zu helle Straßenlaternen, Schaufenster oder Fassadenstrahler. Über vielen Städten bilden sich durch Reflexion in der Atmosphäre regelrechte Lichtdome.[2]

Was Lichtverschmutzung ist, und wie schnell sie wächst

Gemeint ist nicht das Licht im Wohnzimmer, sondern Licht im Außenraum, das mehr beleuchtet als nötig oder in Umgebung und Himmel streut. Es wird mehr davon, nicht weniger: Nach Satellitendaten wuchs die künstlich beleuchtete Außenfläche der Erde zwischen 2012 und 2016 um 2,2 Prozent pro Jahr, die gesamte abgestrahlte Lichtmenge um 1,8 Prozent pro Jahr. Mit der LED-Umstellung sollte Energie gespart werden. Die Daten passen laut den Autor*innen nicht zu Einsparungen im weltweiten Maßstab, sondern deuten auf mehr Lichtverschmutzung.[3]

99 %der Menschen in Europa leben unter aufgehelltem Nachthimmel (Rechnung für 1 Uhr nachts)
60 %der Menschen in Europa sehen die Milchstraße von zu Hause aus nicht mehr
2,2 %mehr beleuchtete Außenfläche weltweit pro Jahr (2012 bis 2016)

Insekten: vom Licht angezogen, im Bestand geschwächt

Insekten umkreisen Lampen oft, bis sie erschöpft sind. Sibylle Schroer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei spricht vom Staubsaugereffekt. Eintagsfliegen halten beleuchtete Asphaltflächen mitunter für Wasser und legen ihre Eier irrtümlich auf trockenem Boden ab. Bei Nachtfaltern nahmen in der Nähe von Lichtquellen die Vielfalt der gesammelten Pollen und die Fortpflanzungsaktivität der Weibchen ab.[2]

Dass Licht auch Bestände mindert, zeigte 2021 ein Feldversuch im Paarvergleich: An beleuchteten Straßenabschnitten gab es in Hecken 47 Prozent und an Grasrändern 33 Prozent weniger Raupen von Nachtfaltern als an unbeleuchteten. Unter weißem LED-Licht war die Wirkung stärker als unter gelben Natriumdampflampen.[4]

Eine Übersichtsarbeit von 2020 nennt künstliches Licht neben Lebensraumverlust, Pestiziden, invasiven Arten und Klimawandel einen oft übersehenen Treiber des Insektensterbens. Es erklärt den Rückgang nicht allein, unterscheidet sich aber von den anderen Ursachen: Es hinterlässt keine bleibenden Rückstände.[5]

Zugvögel, Schildkröten und Bäume

Zugvögel orientieren sich an Himmelsmarken, und starke Lichtquellen können sie aus der Bahn werfen. Untersucht wurde das am „Tribute in Light“ in New York, einer Installation mit Lichtstrahlen zum Gedenken an den 11. September 2001. Radar und Mikrofone zeigten, dass sie in sieben Beobachtungsnächten über sieben Jahre etwa 1,1 Millionen Vögel beeinflusste: Die Tiere sammelten sich in hoher Dichte, flogen langsamer, kreisten und riefen häufig. Sobald das Licht aus war, endeten die Störungen.[6] Das ist ein Extremfall, zeigt aber den Mechanismus. Die Forschenden halten es für sinnvoll, Licht in Zugnächten gezielt abzuschalten.

Auch für Meeresschildkröten ist Licht ein Problem. In einer Auswertung aus Pinellas County in Florida (2018 bis 2023) endeten 377 von 1.048 Nestern mit Schlupf, also 36 Prozent, mit orientierungslosen Jungtieren. Die Autor*innen nennen künstliches Licht als Hauptursache. In Nächten mit weniger Mondlicht kam es häufiger dazu.[7]

Selbst Bäume reagieren. Eine britische Auswertung mit 13 Jahren Daten zu vier Laubbaumarten fand den Knospenaufbruch in helleren Gebieten bis zu 7,5 Tage früher, und die Stadtwärme erklärt das nicht allein.[8] Im Herbst zeigt eine Analyse aus 452 Städten (2001 bis 2022) den umgekehrten Effekt: Mehr nächtliches Licht hängt mit späterem Laubfall zusammen, am deutlichsten bei schwachem Licht.[9] Welche Folgen das für das Ökosystem hat, ist offen. Die britischen Autor*innen verweisen darauf, dass sich Abläufe zwischen Pflanzen und Pflanzenfressern verschieben könnten, und fordern weitere Experimente.[8]

Schlaf, Melatonin und Nachtarbeit: was belegt ist

Der Einfluss von Licht auf den Schlaf-Wach-Rhythmus ist gut untersucht, allerdings meist für Innenräume. In einer Auswertung mit 116 gesunden Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren verschob normales Raumlicht (unter 200 Lux, die Einheit der Beleuchtungsstärke) in den acht Stunden vor dem Schlafen den Beginn der Melatoninbildung im Vergleich zu gedämpftem Licht bei 99 Prozent der Teilnehmenden nach hinten. Die Melatonindauer verkürzte sich um etwa 90 Minuten.[10]

Wie stark Licht wirkt, ist sehr verschieden. Bei 55 Teilnehmenden verschoben schon 10, 30 und 50 Lux am Abend den Melatoninbeginn um 22, 77 und 109 Minuten. Die Empfindlichkeit schwankte um mehr als das Zehnfache: Bei der empfindlichsten Person genügten 6 Lux für eine halbe Unterdrückung, bei der unempfindlichsten waren es 350.[11] Dieselbe Abendbeleuchtung wirkt also nicht bei allen gleich.

Für Außenlicht gibt es Zusammenhänge: In einer Telefonbefragung von 19.136 Erwachsenen in den USA gingen Befragte in Gegenden mit mehr nächtlichem Außenlicht später ins Bett, schliefen kürzer und waren tagsüber müder. Auch passte ihr Profil häufiger zu einer Störung des Tagesrhythmus.[12] Das ist eine Querschnittsstudie: Sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache.

Besonders im Blick der Forschung stehen Schichtarbeiter*innen. Die IARC stufte Nachtschichtarbeit 2019 als wahrscheinlich krebserregend ein (Gruppe 2A). Beim Menschen gibt es dafür begrenzte Evidenz, mit positiven Zusammenhängen für Brust-, Prostata-, Dickdarm- und Enddarmkrebs. Im Tierversuch ist die Evidenz ausreichend.[13]

Einordnung

Nachtschichtarbeit ist nicht dasselbe wie Straßenlicht. Die Bewertung betrifft Arbeit in den üblichen Schlafzeiten, auch mit Flügen über viele Zeitzonen. Sie sagt nichts darüber, wie hoch das Risiko ist, und lässt sich nicht auf Straßenlaternen übertragen.

Wer den Nachthimmel verliert: ein Blick auf die Welt

Lichtverschmutzung gilt als Thema reicher Länder, und die Zahlen stützen das teilweise. Laut der Atlas-Studie lebt in Singapur die gesamte Bevölkerung unter einem Himmel, der so hell ist, dass sich das Auge nicht mehr an das Nachtsehen anpassen kann. In Kuwait sind es 98 Prozent, in Katar 97 Prozent. Die Milchstraße sehen von zu Hause aus gar nicht mehr: alle Einwohner*innen von Singapur, San Marino, Kuwait, Katar und Malta. Am anderen Ende stehen der Tschad, die Zentralafrikanische Republik und Madagaskar, wo mehr als drei Viertel der Bevölkerung unter unberührtem Himmel leben.[1]

Ob ein dunkler Himmel dort ein Schutzerfolg ist oder fehlende Infrastruktur widerspiegelt, sagen diese Zahlen nicht. Die Wachstumsraten der Beleuchtung unterscheiden sich zwischen den Ländern stark.[3]

Was rechtlich gilt und was wirkt

Technisch ist vieles einfach. NABU-Fachleute empfehlen, Straßenlaternen ab einer bestimmten Uhrzeit zu dimmen oder auszuschalten. Viele LED-Leuchten sind zu hell eingestellt, der NABU Stuttgart hält ein Dimmen um zwei Drittel für unauffällig. Warmweiße oder gelbliche LEDs ziehen Insekten weniger an als neutralweiße.[2] Ein Freibrief ist das nicht: In der Raupen-Studie war die Wirkung unter weißem LED-Licht stärker als unter gelbem Natriumlicht, es kommt also auch auf Helligkeit und Dauer an.[4]

Auch solarbetriebene Kugelleuchten im Garten sind kein Gewinn: Sie strahlen in alle Richtungen, nach NABU-Angaben kommen bis zu 30 Lux am Boden an, bei Vollmond sind es 0,1 bis 0,3 Lux.[2]

Licht dient auch der Sicherheit, und das ist belegt: In einem Zufallsexperiment in 40 Wohnanlagen in New York senkte zusätzliche Straßenbeleuchtung nächtliche Straftaten im Freien deutlich. Die Autor*innen sprechen von Licht, das taktisch eingesetzt wird.[14] Daraus folgt nicht, dass überall dauerhaft mehr Licht nötig ist. Es geht um die Fragen, wie hell, wie lange und wohin geleuchtet wird.

Rechtlich gilt in Deutschland bisher vor allem Folgendes: In Naturschutzgebieten ist im Außenbereich die Neuerrichtung von Beleuchtung an Straßen und Wegen sowie von beleuchteten Werbeanlagen verboten, Ausnahmen sind möglich (§ 23 Absatz 4 Bundesnaturschutzgesetz). Ein weiterer Paragraf zum Schutz von Tieren und Pflanzen vor Beleuchtung (§ 41a) steht im Gesetz, wird dort aber noch als „zukünftig in Kraft“ geführt. Das Bundesumweltministerium soll dafür per Verordnung unter anderem Grenzwerte für Lichtemissionen festlegen.[15]

Frankreich regelt Gewerbebeleuchtung strenger. Nach dem Arrêté vom 27. Dezember 2018 müssen Schaufensterbeleuchtungen spätestens um 1 Uhr nachts aus sein, oder eine Stunde nach dem Ende der Geschäftstätigkeit, wenn diese später endet, und dürfen frühestens um 7 Uhr wieder an. Beleuchtung in gewerblich genutzten Räumen muss spätestens eine Stunde nach Ende der Nutzung ausgehen.[16]

Was du tun kannst

Die größten Hebel liegen bei Kommunen, Gewerbe und Politik. Trotzdem gibt es Schritte für den Alltag:

  1. Außenlicht prüfen: Strahlt es nach unten, brennt es nur dort, wo es gebraucht wird, und ist der Bewegungsmelder richtig eingestellt? Bei einer Mietwohnung kannst du die Vermietung ansprechen.
  2. Auf warmweiße oder gelbliche Leuchtmittel mit geringer Helligkeit setzen und auf solarbetriebene Kugelleuchten im Garten verzichten.
  3. Im Schlafzimmer Straßenlicht aussperren, zum Beispiel mit Vorhängen. Wie stark Licht wirkt, ist von Person zu Person verschieden, ausprobieren lohnt sich.
  4. Auf der Light Pollution Map nachsehen, wie hell deine Region ist, und dunkle Orte besuchen, etwa die Sternenparks Rhön, Nationalpark Eifel oder Westhavelland.
  5. In der Kommune nachfragen: Wann werden öffentliche Gebäude angestrahlt, gibt es Dimmpläne für Straßenlaternen, und wer legt Regeln für Gewerbebeleuchtung fest? Eine Anfrage an die Verwaltung oder den Gemeinderat ist ein konkreter Weg.
  6. Betreiber von Geschäften und Hausverwaltungen auf Zeitschaltuhren und gedimmte Fassadenbeleuchtung ansprechen.

Fazit

Künstliches Licht macht dem Mond und den Sternen erst seit ungefähr 150 Jahren zunehmend Konkurrenz.[2] Die Nacht ist ein eigener Lebensraum, und sie zu schützen gehört zum Erhalt der Biodiversität. Dazu müssen Straßen, Gebäude und Gewerbe nicht dunkel bleiben. Sie müssen nur gezielter, schwächer und kürzer leuchten.

Licht ist eine der wenigen Umweltbelastungen, die sich mit einem Schalter verringern lassen.

Kerngedanke

Quellen

[1] Falchi et al. (2016): The new world atlas of artificial night sky brightness. Science Advances 2(6), e1600377. pmc.ncbi.nlm.nih.gov

[2] NABU: Nächtliches Kunstlicht verwirrt Vögel und Insekten (abgerufen im Oktober 2026). nabu.de

[3] Kyba et al. (2017): Artificially lit surface of Earth at night increasing in radiance and extent. Science Advances 3(11), e1701528. doi.org

[4] Boyes et al. (2021): Street lighting has detrimental impacts on local insect populations. Science Advances 7(35), eabi8322. doi.org

[5] Owens et al. (2020): Light pollution is a driver of insect declines. Biological Conservation 241, 108259. doi.org

[6] Van Doren et al. (2017): High-intensity urban light installation dramatically alters nocturnal bird migration. PNAS 114(42). doi.org

[7] Disorientation patterns of loggerhead sea turtle (Caretta caretta) hatchlings in Pinellas County, Florida, USA. PLOS ONE (2026). doi.org

[8] Ffrench-Constant et al. (2016): Light pollution is associated with earlier tree budburst across the United Kingdom. Proceedings of the Royal Society B 283, 20160813. doi.org

[9] Increased artificial illumination delays urban autumnal foliar senescence. Nature Communications (2026). doi.org

[10] Gooley et al. (2011): Exposure to room light before bedtime suppresses melatonin onset and shortens melatonin duration in humans. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 96(3). doi.org

[11] Phillips et al. (2019): High sensitivity and interindividual variability in the response of the human circadian system to evening light. PNAS 116(24). doi.org

[12] Ohayon und Milesi (2016): Artificial Outdoor Nighttime Lights Associate with Altered Sleep Behavior in the American General Population. Sleep 39(6). doi.org

[13] IARC (05.07.2019): IARC Monographs Meeting 124, Night Shift Work, Questions and Answers. iarc.fr (PDF)

[14] Chalfin et al. (2022): Reducing Crime Through Environmental Design: Evidence from a Randomized Experiment of Street Lighting in New York City. Journal of Quantitative Criminology. link.springer.com

[15] Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG), § 23 Absatz 4, § 41a und § 54 Absatz 4d (abgerufen im Oktober 2026). gesetze-im-internet.de

[16] Arrêté du 27 décembre 2018 relatif à la prévention, à la réduction et à la limitation des nuisances lumineuses, Artikel 2 (Fassung der Datenbank AIDA, Stand: in Kraft, abgerufen im Oktober 2026). aida.ineris.fr

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

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