Nachhaltigkeit

Seltene Erden aus Elektroschrott: Was das ETH-Verfahren kann und was nicht

Ein ETH-Verfahren trennt Europium aus alten Energiesparlampen ab. Was die Studie belegt, was sie offenlässt und warum Recycling für Europa zählt.

9 Min. Lesezeit2. November 2026
aerial view of scrap yard with man observing

⏱ Lesezeit: ca. 9 Minuten

Das Wichtigste in Kürze
  • Ein Team der ETH Zürich hat 2024 ein Verfahren vorgestellt, das im Labor rund 99 Prozent des Europiums aus dem Leuchtpulver gebrauchter Energiesparlampen abtrennt.
  • Gezeigt wurde das für ein einziges Element, im Milligramm-Maßstab und nach einem Säureschritt. Die Studie enthält weder eine Ökobilanz noch einen Großversuch.
  • Recycling kann die Abhängigkeit von wenigen Förderländern verringern. Das setzt aber voraus, dass Altgeräte gesammelt und neue Verfahren in große Anlagen übertragen werden.

Seltene Erden stecken in Leuchtstofflampen, Bildschirmen, Elektromotoren und Windrädern. Sie werden aber kaum wiederverwertet: Die Studie der ETH Zürich nennt eine Recyclingquote von unter 1 Prozent.[1] Die Vereinten Nationen kommen in ihrer Auswertung zum Elektroschrott auf einen ähnlichen Wert: Nur etwa 1 Prozent des Bedarfs an Seltenen Erden wird durch das Recycling von Elektroschrott gedeckt.[2] Ein neues Trennverfahren soll helfen, dieses Potenzial zu heben. Dieser Artikel ordnet ein, was die Studie belegt, was sie offenlässt und was das für Europa bedeutet.

Warum Seltene Erden so schwer zu recyceln sind

Zu den Seltenen Erden gehören 17 Metalle, die für Digitalisierung und Energiewende gebraucht werden.[3] Selten sind sie nicht unbedingt. Das Problem liegt in der Trennung: In Erzen kommen sie immer gemischt vor, und weil sich die Elemente chemisch sehr ähnlich sind, ist es schwierig, sie voneinander zu lösen.[3] Übliche Verfahren, etwa die Lösungsmittelextraktion, brauchen viele Extraktionsschritte und sind chemikalien- und energieintensiv.[1] Marie Perrin, Erstautorin der Studie, spricht von Hunderten solcher Schritte.[3]

Europium ist dabei ein Sonderfall. In gängigen Erzen macht es nur 0,05 bis 0,10 Gewichtsprozent aus und steht deshalb auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe von 2023. Lange diente es vor allem als Leuchtstoff in Leuchtstofflampen, was den Preis hoch hielt. Da diese Lampen schrittweise ausgemustert werden, ist der Preis gesunken, und bisherige Recyclingmethoden rechnen sich im industriellen Maßstab nicht mehr.[1] Die EU verbietet zudem schrittweise weitere quecksilberhaltige Lampen: Für sechs Lampentypen gilt ein Herstellungs- und Ausfuhrverbot ab dem 31. Dezember 2025 oder 2026, je nach Typ.[4] Mit der Zeit dürfte der Abfallstrom aus alten Lampen also kleiner werden.

Wie das Verfahren der ETH funktioniert

Das Team um Victor Mougel setzt Tetrathiometallate ein: kleine anorganische Moleküle, bei denen vier Schwefelatome um ein Wolfram- oder Molybdänatom sitzen. Vorbild waren Enzyme, in denen solche Gruppen Metalle binden.[3] In der Studie kam das Wolfram-Molekül zum Einsatz. Es gibt unter Umgebungslicht oder leichter Wärme Elektronen an das Europium ab und wandelt es von der dreiwertigen in die zweiwertige Form um. In dieser Form bildet das Europium einen kaum löslichen Feststoff, der ausfällt. Das benachbarte Yttrium, das in Leuchtpulvern in großer Menge steckt, bleibt dagegen gelöst.[1]

Als Maß für die Trennschärfe dient der Trennfaktor: Je höher er ist, desto sauberer sind zwei Metalle voneinander getrennt. Im Modellgemisch aus Europium und Yttrium lag er im Mittel bei 3.583, allerdings mit großer Streuung, bei dem in handelsüblichen Leuchtpulvern typischen Verhältnis von 1 zu 14 bei 2.888. Für Europium und Yttrium nennt die Studie als übliche Werte bisheriger Methoden 2 bis 100.[1]

Entscheidend ist der Test an echtem Abfall. Das Leuchtpulver wurde aus zerkleinerten, gebrauchten Energiesparlampen mit Trifluormethansulfonsäure herausgelöst. Es machte 3,3 Gewichtsprozent des Lampenmaterials aus und enthielt 0,93 Prozent Europium und 12,6 Prozent Yttrium. Mit dem neuen Reagenz erreichte die Trennung einen Faktor von 1.043, und 98,9 Prozent des Europiums wurden abgeschieden.[1]

98,9 %des Europiums wurden im Laborversuch aus dem Pulver gebrauchter Lampen abgeschieden
1.043Trennfaktor von Europium und Yttrium im Lampenpulver, übliche Verfahren erreichen 2 bis 100
69 %der weltweiten Förderung Seltener Erden entfielen 2025 auf China

Die Forschenden schlossen den Kreis auch chemisch. Aus dem Niederschlag fällte Ammoniumoxalat das Europium aus, und beim Erhitzen entstand Europiumoxid. Das Wolfram-Molekül blieb in der Lösung nachweisbar. Im Versuch mit dem Modellgemisch hatte das Oxid eine Reinheit von 90 Prozent.[1] Die Pressemitteilung der ETH fasst die Leistung so zusammen: Europium lasse sich in wenigen einfachen Schritten gewinnen, in Mengen, die mindestens 50-mal höher lägen als bei bisherigen Trennmethoden. Das ist ein Zitat von Marie Perrin und steht nicht in der Studie, die stattdessen mit Trennfaktoren arbeitet.[3]

Was die Studie nicht zeigt

Die Aussage, das Verfahren funktioniere ohne Vorbehandlung, braucht eine Einordnung. Gemeint ist, dass vor der Trennung keine weiteren Aufbereitungsschritte nötig sind. Der Säureaufschluss des Lampenpulvers war aber nötig, und die Studie nennt ihn kritisch für die Effizienz des Prozesses.[1] Das Verfahren ist also einfacher als die Standardwege, aber kein Trennschritt aus der Tonne.

Offene Fragen

Die Versuche liefen im Milligramm-Maßstab. Aus dem Modellgemisch entstanden rund 10 Milligramm Europiumoxid, größere Mengen zeigt die Studie nicht.

Bewiesen wurde das Verfahren nur für Europium. Eine Ökobilanz enthält die Studie nicht. Dass der Ansatz deutlich umweltfreundlicher sei als herkömmliche Methoden, sagt Victor Mougel in der ETH-Mitteilung, belegt ist es dort nicht.

Auch zur Herkunft der Zahl vom Anfang gibt es eine Anmerkung. Die Studie schreibt, abgelegte Leuchtstofflampen enthielten etwa 230 Kilogramm Seltene Erden je Tonne, rund das 17-Fache der Gehalte in Erzen. Die Studie belegt sie mit zwei Literaturverweisen, nicht mit eigenen Messungen.[1] Im eigenen Versuch machte das Leuchtpulver nur 3,3 Prozent des zerkleinerten Lampenmaterials aus.[1] Der Wert dürfte sich daher auf das Pulver beziehen, nicht auf die ganze Lampe. Das ist eine Einordnung, die Studie sagt es nicht ausdrücklich.

Wie es mit dem Verfahren weitergeht, lässt sich nur teilweise belegen. Aus der Studie wurde das Start-up REEcover, das nach eigener Darstellung 2023 in einem Labor der ETH entstand.[5] Laut der Meldung vom September 2026 steht die formale Firmengründung noch an, und die erste Finanzierungsrunde ist für 2027 geplant. Ein Tischreaktor für die Trennung sei gebaut und getestet worden. Außerdem gebe es ein BRIDGE-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds und von Innosuisse über bis zu 130.000 Franken.[6] Das sind Angaben des Unternehmens selbst.

Für Neodym und Dysprosium, die in Magneten stecken, nannte die ETH 2024 die Anpassung als Ziel.[3] Eine Fachveröffentlichung der Gruppe dazu war bei einer Suche in der Literaturdatenbank Crossref im Oktober 2026 nicht auffindbar.

Warum das für Europa wichtig ist

Der Weltmarkt ist stark konzentriert. Nach den Zahlen des US-Geologischen Dienstes wurden 2025 weltweit rund 390.000 Tonnen Seltene Erden gefördert, davon 270.000 Tonnen in China. Das sind rechnerisch 69 Prozent.[7] Bei der Raffination wächst die Konzentration laut Internationaler Energieagentur weiter: Zwischen 2020 und 2024 kamen rund 90 Prozent des Angebotszuwachses jeweils vom größten Lieferanten, bei Seltenen Erden von China.[8]

China nutzt diese Stellung. Nach USGS verschärfte das Land im April 2025 die Ausfuhrkontrollen für sieben Seltenerdelemente, darunter Dysprosium und Yttrium. Im Oktober 2025 kamen unter anderem Europium, Holmium und Erbium dazu. Im November setzte China die Oktober-Kontrollen für ein Jahr aus, die Regeln vom April blieben in Kraft.[7] Die IEA weist darauf hin, dass Kontrollen inzwischen auch Verarbeitungstechnologien betreffen, etwa für die Raffination Seltener Erden.[8]

Die EU setzt dagegen auf Ziele. Die Verordnung über kritische Rohstoffe setzt Richtwerte für 2030: Die Kapazitäten der Union sollen für mindestens 10 Prozent des Jahresverbrauchs an strategischen Rohstoffen fördern, für 40 Prozent verarbeiten und für 25 Prozent recyceln. Kein Drittland soll mehr als 65 Prozent des Verbrauchs liefern.[9] Dauermagnete, die etwa Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium enthalten, werden in der Union bisher nur in kleinem Maßstab oder in Forschungsprojekten recycelt.[9] Europium gehört nicht zu den sieben Seltenerdelementen für Magnete, die als strategisch gelistet sind.[9] Die Studie betrifft also keines der Magnetmetalle. Eine Übertragung auf Neodym und Dysprosium wäre für die Versorgung Europas bedeutsamer.

Recycling Seltener Erden scheitert bisher weniger an fehlenden Rohstoffen im Abfall als an Verfahren, die sich rechnen.

Kerngedanke

Wer über Rohstoffe spricht, sollte auch über die Orte sprechen, an denen sie gefördert werden. Dass der Abbau für Energiewende und Digitalisierung oft in Ländern des Globalen Südens stattfindet und die Folgen dort anfallen, beschreibt das Lexikon unter Klimakolonialismus. Recycling kann diesen Druck verringern. Das gilt aber nur, wenn Kreislaufwirtschaft nicht bei der Entsorgung endet, sondern bei langlebigeren und reparierbaren Geräten beginnt. Wie wichtig das ist, zeigt der Elektroschrott selbst: 2022 fielen weltweit 62 Millionen Tonnen an, und nur 22,3 Prozent davon wurden nachweislich ordnungsgemäß gesammelt und recycelt.[2]

Was du tun kannst

  1. Alte Geräte und Lampen nie in den Hausmüll geben. Die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger richten Sammelstellen ein, die Abgabe aus privaten Haushalten darf nichts kosten. Lampen sind dabei eine eigene Gerätekategorie.[10][11]
  2. Kleine Geräte lassen sich auch im Handel abgeben: Läden mit mindestens 400 Quadratmetern Verkaufsfläche für Elektrogeräte und der Lebensmittelhandel ab 800 Quadratmetern Gesamtverkaufsfläche müssen Altgeräte bis 25 Zentimeter Kantenlänge unentgeltlich zurücknehmen, ohne dass etwas gekauft werden muss. Das gilt für bis zu drei Geräte pro Geräteart.[12]
  3. Geräte möglichst lange nutzen. Wo etwas defekt ist, hilft oft ein Repair-Café in der Nähe. Warum Geräte überhaupt früh ausfallen, erklärt das Lexikon unter geplante Obsoleszenz. Ein Gerät, das länger hält, muss später nicht recycelt werden.
  4. Beim Neukauf auf Reparierbarkeit achten und gebraucht kaufen, wenn es passt. Jede Anschaffung, die entfällt, spart auch die Rohstoffe, die sonst gefördert werden müssten.

Fazit: Ein Anfang, kein Durchbruch

Das ETH-Verfahren ist ein sauber belegter Laborerfolg: Aus echtem Abfall wurde ein seltenes Metall mit hoher Trennschärfe gewonnen. Bis daraus Anlagen werden, die Europiumoxid in nennenswerten Mengen liefern, sind viele Schritte offen, von der Skalierung über die Wirtschaftlichkeit bis zur Umweltbilanz. Für die Rohstoffversorgung Europas wird es zudem entscheidend sein, ob ähnliche Ansätze für die Magnetmetalle gelingen. Bis dahin bleibt Elektroschrott ein ungehobener Rohstoff, und jeder Schritt, ihn zu sammeln und länger zu nutzen, kommt solchen Verfahren zugute. Wie Recycling grundsätzlich funktioniert und wo es an Grenzen stößt, steht im Lexikon unter Recycling.

Quellen

[1] Perrin M. A., Dutheil P., Wörle M., Mougel V. (2024): Recovery of europium from E-waste using redox active tetrathiotungstate ligands. Nature Communications 15, 4577. doi.org

[2] ITU und UNITAR (2024): The Global E-waste Monitor 2024, Pressemitteilung. ewastemonitor.info

[3] ETH Zürich (10.07.2024): Seltene Erden schürfen aus Elektroschrott, Start-up will aus Abfall einen Schatz machen (Pressemitteilung, veröffentlicht auf chemie.de). chemie.de

[4] Europäische Kommission: Mercury (abgerufen im Oktober 2026). environment.ec.europa.eu

[5] REEcover (abgerufen im Oktober 2026): About REEcover (Selbstdarstellung des Start-ups). reecover.ch

[6] REEcover (abgerufen im Oktober 2026): News, Einträge Juni bis September 2026 (Selbstdarstellung des Start-ups). reecover.ch

[7] U.S. Geological Survey (2026): Mineral Commodity Summaries 2026, Rare Earths. pubs.usgs.gov (PDF)

[8] Internationale Energieagentur (2025): Global Critical Minerals Outlook 2025, Executive summary. iea.org

[9] Verordnung (EU) 2024/1252 vom 11. April 2024 zur Schaffung eines Rahmens für eine sichere und nachhaltige Versorgung mit kritischen Rohstoffen, Artikel 1, Erwägungsgrund 57 und Anhang I. eur-lex.europa.eu

[10] Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG), § 13 Sammlung durch die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger. gesetze-im-internet.de

[11] Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG), § 2 Anwendungsbereich und Kategorien. gesetze-im-internet.de

[12] Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG), § 17 Rücknahmepflicht der Vertreiber. gesetze-im-internet.de

Dieser Text wurde mit Unterstützung von KI erstellt. Ich habe ihn selbst geprüft und verantworte als Inhaber den Inhalt. Mehr zur KI-Nutzung

Teilen

Artikel zu ähnlichen Themen

Wissen & Haltung

Aktuelles aus dem Löwenwurzel-Universum

Aus dem Lexikon

Vor Ort

Aus dem Shop
"No Place For" Front Print White - Organic Basic Unisex Sweatshirt

"No Place For" Front Print White – Organic Basic Unisex Sweatshirt

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"No Place For" Back Print White - Organic Zipper

"No Place For" Back Print White – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Never Too Small" Back Print - Organic Shirt [Digital]

"Never Too Small" Back Print – Organic Shirt [Digital]

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"No Place For" Front Print White - Organic Zipper

"No Place For" Front Print White – Organic Zipper

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

"Never Too Small" Back Print - Organic Oversize Hoodie

"Never Too Small" Back Print – Organic Oversize Hoodie

Aktuell nicht bestellbar
Zum Produkt →

Vertrag widerrufen